Marschlager Holsterhausen

Marschlager Holsterhausen
Limes vor der Zeit des Limes
(östlich jenseits des Limes)
Abschnitt Germania magna,
sogenannte Lippelager
Datierung (Belegung) 11 v. u. Z. bis 9 u. Z.
Typ Marschlager
Einheit unbekannt
Größe bis zu rund 54/56 ha
Bauweise Erdlager
Erhaltungszustand weitgehend überbautes oder erodiertes Bodendenkmal
Ort Holsterhausen
Geographische Lage 51° 40′ 33″ N, 6° 57′ 1″ O
Höhe 30 m ü. NHN
Vorhergehend Vetera (westlich)
Anschließend Römerlager Haltern (ostnordöstlich)

Als Marschlager Holsterhausen (trivial auch als „Römerlager“ bezeichnet) wird eine Anhäufung von römischen Marschlagern aus der Zeit zwischen 11 v. u. Z und 9 u. Z. bezeichnet, also aus der Zeit der augusteischen Offensiven gegen die unbesetzte Germania magna. Die archäologischen Befunde liegen im Dorstener Stadtteil Holsterhausen, im nördrhein-westfälischen Kreis Recklinghausen. Ihre Ausgrabungen in den Jahren 1999 bis 2006 waren die größten Flächengrabungen, die jemals in Westfalen stattgefunden haben.

Lage und Forschungsgeschichte

Die ehemaligen Militärlager und heutigen Bodendenkmale liegen auf der Terrasse des Flusses Lippe, die als logistische Route für den Nachschub vom Legionslager Vetera (bei Xanten) aus nach Osten diente. Die Lippe bildet auch die südliche Begrenzung des Fundgebietes. Dessen östlichster Punkt liegt im Bereich der Erich-Klausener Realschule, während die westliche Grenze von einem inzwischen trocken gefallenen Bachlauf unmittelbar westlich der Straße Am Kreskenhof gebildet wird. Die nördliche Grenze des archäologischen „Ballungsraums“ liegt im Bereich der Freiheitsstraße, wenn man einmal von einer kleineren „Befundexklave“ östlich des Buerboomwegs/Bruchwegs absieht.

Aufmerksamkeit erregte die Gegend durch den Fund einer römischen Amphore vom Typus Haltern 71 im Jahr 1952, was zu den Ausgrabungen der Jahre 1952/1953 durch August Stieren und Wilhelm Winkelmann führte, in deren Rahmen das rund 54/56 Hektar große Doppellegionslager entdeckt wurde.[1][2] In den darauf folgenden Jahren kam es noch zu kleineren Untersuchungen, so 1970 durch Hans Aschemeyer und 1997 durch Johann-Sebastian Kühlborn, bevor zwischen 1999 und 2006, bedingt durch anstehende Großbauprojekte eine 160.000 m² große Flächengrabung unter Wolfgang Ebel-Zepezauer stattfand, die zu den größten provinzialrömischen Untersuchungen ihrer Art in Deutschland zählt.[3][4]

Vorrömische Geschichte und Archäologie

Singuläre Funde aus der Region reichen bis in die Zeit des späten Paläolithikums zurück. Mit ersten, saisonal genutzte Siedlungen kann ab dem späten Mesolithikum/frühen Neolithikum gerechnet werden, und ab dem frühen 4. Jahrtausend v. u. Z. muss schon von einer landwirtschftlich genutzten Kulturlandschaft gesprochen werden, was bis zu den latènezeitzeitlichen Sugambrern kurz vor der Ankuft der Römer so blieb.[5]

Historischer Hintergrund

Von der Zeitstellung und ihrer Funktion her gehören die Marschlager von Holsterhausen in den Kontext der großen augusteischen Offensiven gegen das Germanien jenseits des Rheins, namentlich der Drusus-Feldzüge (12 bis 8 v. u. Z.) und des Immensum bellum (1 bis 5 u. Z.), die erst von der Clades Variana im Jahre 9 u. z. vorläufig unterbrochen wurden. Hierbei war die Lippe (lateinisch: Lupia) eine natürliche Aufmarschlinie in die Mitte und den Osten des zu erobernden Landes, wo man schon im Spätsommer 11 v. u. Z. die Weser erreicht hatte. So entstand längs des Flusses die Kette der sogenannten Lippelager mit den (von West nach Ost) Marschlagern von Holsterhausen, den verschiedenen militärischen Anlagen in Haltern, dem Versorgungslager Olfen, dem Uferkastell Beckinghausen, dem Mehrlegionenlager Oberaden und dem Legionslager Anreppen.[6][7][8][9]

Archäologische Befunde

Bei allen Militärlagern von Holsterhausen handelt es sich um temporäre Anlagen, die nur tage- bis maximal wochenlang genutzt wurden. Ein dauerhaftes Lager entwickelte sich dort nie. Sie besaßen auch nur ein einfaches Befestigungssystem aus Wall und Graben ohne Ummauerung. Auch im Inneren gab es keine feste Bebauung, die Soldaten schliefen in Lederzelten. An Befunden gab es dort nur Abfallgruben, wenige niedergebrannte Hütten und rund 270 Feldbacköfen. Dennoch scheint Holsterhausen ein strategisch nicht unbedeutender Punkt, mit Furt durch die Lippe und an einer von Westen nach Osten verlaufenden Militärstraße gewesen zu sein.

Ausgrabungen 1952/1953: Zwei Doppellegionslager

Aufgrund geringer finanzieller Mittel, mangelnden Personals und bereits vorhandener, relativ dichter Überbauung konnte das große Lager nicht großflächig ausgegraben, sondern musste mit 144 schmalen Sondierungsschnitten untersucht werden. Dennoch gelang es, den Grundriss des Militärlagers bis auf seine Südseite zu dokumentieren. Die Südseite war nicht zugänglich, da sie sich auf dem Betriebsgelände der Steinkohlenzeche Baldur befand (heute ein Gewerbegebiet). In der Südostecke zeigten sich insofern Anomalitäten, als dort der Lagergrundriss von der üblichen Geradlinigkeit und der Rechteckform abwich. Die Lagergrenze verlief dort sehr unregelmäßig, was vermutlich auf topographische Bedingungen zurückgeführt werden kann. Das erste Marschlager war annähernd 890 m mal 650 m groß und nahm eine Fläche von über 54 Hektar in Anspruch. Gesichert wurde es von einem Wall-/Grabensystem, dessen Spitzgraben eine Breite von vier Metern und eine Tiefe von 2,50 m aufwies. Seine Nordgrenze verlief etwas nördlich der Martin-Luther-Straße, sein östliches Ende befand sich auf dem Gelände der Erich-Klausener Realschule und seine westliche Begrenzung lag im Bereich der Einmündung der Mühlenstraße in die Pliesterbecker Straße.

Parallel östlich zur Eschenstraße gerade nach Norden verlaufend und dann südwestlich des Einmündungsbereichs Eschenstraße/An den Birken viertelkreisförmig nach Westen abbiegend, sowie noch einmal weiter westlich im Bereich zwischen Freiheitsstraße und Straute, wurde 1996 bei Baustellenbeobachtungen ein zweiter Spitzgraben identifiziert, auf den Siegmar von Schnurbein schon 1981 hingewiesen hatte. Dort scheint sich ein zweites Marschlager mit ähnlichen Dimensionen befunden zu haben.[10][3][11][12]

Ausgrabungen 1999 bis 2006: Fünf bis sieben weitere Marschlager

Lager A (?)

Lager A ist ein bislang nur vermutetes Lager, für das bestenfalls ein indirekter Nachweis existiert. Der indirekte Nachweis besteht in zwei Feldbacköfen, die vom Graben des Marschlagers B geschnitten wurden, also älter sein müssen als dieses. Ein Graben des Lagers A selbst konnte bisher archäologisch nicht belegt werden. Das Lager wurde auch nur einmal in einer Publikation des Jahres 2003 genannt, fehlt aber in späteren Veröffentlichungen.[13]

Lager B

Lager B manifestierte sich durch einen einzigen Spitzgraben, der über eine Länge von 249 m von der früheren Bahntrasse, dem heutigen Radweg, annähernd parallel zur Straße Zum Kleinen Aap bis fast zum Geländes des Vereins BVH-Tennis 1970 Dorsten verläuft. Bei einer erhaltenen Breite von 1,05 m, einer Tiefe von 0,65 m und einem Böschungswinkel von 50° konnte seine ursprüngliche Breite auf 2,10 m und seine ursprüngliche Tiefe auf 1,50 m hochgerechnet werden. Von dem Wall war nichts mehr erhalten. Es scheint sich also um eine eher schwächere Verteidigungsanlage gehandelt zu haben. Etwa in der Mitte des freigelegten Abschnitts befand sich eine 8,40 m breite Unterbrechung des Grabens, dort könnte sich ein Durchlass befunden haben.[14] Mit nur diesem einen Graben und einer insgesamt nicht sehr üppigen Befundsituation ließ sich nicht klären, ob es sich um die Ost- oder die Westseite des Lagers handelt. Die Füllung des Grabens bestand aus Schwemmsanden, in denen sich einige augusteiische Funde bergen ließen, darunter ein Terra-Sigillata-Boden mit dem Töpferstempel ATTI, Fragmente eines Topfes des Typus „Haltern 57“ und ein Dupondius aus Nemausus (erste Prägeserie). Geschnitten wurde der Graben an jeweils zwei Stellen von den Gräben des Lagers E und von den Drainagegräben der römischen Straße.[15][16]

Lager C

Lager C stellte sich durch einen Spitzgraben mit einer Restbreite von 1,50 m und einer Resttiefe von 0,70 m, sowie einem Böschungswinkel von 35° bis 40° dar. Er zieht zunächst aus einem Wäldchen westlich des Tennisvereins von Südsüdosten kommend nach Nordnordwesten. An der sich so ergebende Westseite des Lagers, von der noch ein Abschnitt von 252 m Länge ermittelt werden konnte, wurde eine Erdbrücke mit einer Breite von 10,10 m beobachtet, wobei es sich um einen Durchlass handeln könnte.[17] Im Bereich der Straße Kassacker knickt der Graben mit einer Viertelkreisbiegung nach Ostnordosten ab, bis er im Bereich des Perlsteinrings erneut eine 45°-Biegung, diesmal nach Südsüdosten vollzieht. So konnte die gesamte Nordfront des Lagers C mit einer Länge von 475 m dokumentiert werden. Durch etliche Unterbrechungen des Grabens konnte jedoch keine davon als tatsächlicher nördlicher Durchlass ermittelt werden. An der östlichen Grabenseite konnten noch 110 m verfolgt werden, bis sich im Gebiet zwischen heutiger Harold-Allen-Straße und Hauptstraße seine Spur verlor. Von der Westseite wurden 252 m bekannt. Von der Südseite fehlte jede Spur, möglicherweise fiel sie den Lippehochwassern zum Opfer. Mit dem einen vollständigen Maß und den beiden Rumpfmaßen kann jedoch davon ausgegangen werden, dass auch dieses Lager für die Aufnahme eines größeren militärischen Verbandes bestimmt war, es muss eine größere Fläche als zwölf Hektar in Anspruch genommen haben. Der Spitzgraben des Lagers C wird von den Gräben der Lager E und F geschnitten, schneidet jedoch seinerseits den südlichen der beiden Straßengräben. Der theoretische Schnittpunkt mit dem nördlichen Straßengraben konnte nicht ergraben werden.[18][19]

Lager D

Der Spitzgraben von Lager D verläuft ein wenig nach außen versetzt parallel zum Graben des Lagers C. Im Westen beträgt der Abstand zwischen den beiden Gräben 17 Meter, im Norden und Osten gerade noch drei bis vier Meter. Die vollständige Länge der Lagernordseite beträgt 510 m, im Westen konnten 340 m und im Osten 167 m nachvollzogen werden. Dabei wurde im Gegensatz zu Lager C keine Durchlassöffnung ermittelt. Das Lager muss auf jeden Fall mehr als 17 Hektar umfasst haben. Aus der Grabenfüllung stammen ein paar augusteische Funde, darunter ein Quadrans keltischer Provenienz. Lager D wird von den Lagern E und F überschnitten und überlagert seinerseits die beiden Straßengräben.[20][21]

Lager E

Lager E liegt unmittelbar südlich der ehemaligen Eisenbahntrasse. Seine Nordseite konnte annähernd vollständig freigelegt werden und hatte eine Länge von 388 Metern, bei im Osten leicht südwärts geneigter Ausrichtung. Der Spitzgraben hatte dort eine erhaltene Restbreite von 1,20 m und eine Resttiefe von 0,70 m bei einem Böschungswinkel von 50°. Ungefähr in seiner Mitte befand sich ein gut neun Meter breiter Durchlass.[22] Am westlichen Ende der Nordfront knickt der Spitzgraben im 45°-Bogen nach Südsüdwesten ab und konnte auf der sich dadurch ergebenden Westseite noch auf 207 m nachverfolgt werden, während auf der Ostseite 187 m freigelegt und weitere 113 m durch Sondierungen gesichert wurden. Dadurch ergibt sich eine Mindestlagergröße von rund zwölf Hektar. Aus der Grabenverfüllung konnten der Boden einer Terra-Sigillata-Tasse mit dem Töpferstempel ATEI und 13 Münzen geborgen werden. Die Münzen setzten sich aus einem im Jahr 41 v. u. Z. geprägten Denar, sowie fünf Lugdunum-I-Asse und sieben Dupondii der ersten Prägeserie aus Nemausus zusammen. Ferner konnte aus einer den Graben schneidenden Grube ein kleiner Depotfund mit 36 Denaren geborgen werden. Das Lager E überlagert die Lager B, C und D sowie beide Straßengräben, seinerseits wird es nur von Lager F geschnitten.[23][24]

Lager F

Vom Lager F konnten Teile der West- und der Nordfront ergraben werden. Sein Spitzgraben beginnt nördlich des Tennisvereins und zieht von dort aus zunächst in rund 60 Metern Abstand nahezu parallel zum Graben B auf 275 m Länge in nordnordwestliche Richtung bis zum ehemaligen Bahndamm. Dort biegt er in einem Viertelkreis nach Ostnordost ab und ließ sich noch weitere 318 m bis etwa zum Bereich des Spielplatzes Harold-Allen-Straße weiter verfolgen. Seine durchschnittlich erhaltenen Maße betrugen zwei Meter Breite und 1,40 m Tiefe bei einem Böschungswinkel von rund 50°. Aus der Grabenfüllung konnten für Holsterhauser Verhältnisse relativ viele Funde geborgen werden, hauptsächlich Nägel von Caligae und Keramikfragmente, aber auch neun Münzen, darunter fünf Dupondii der ersten Prägeserie aus Nemausus, ein keltischer Quadrans keltischen Ursprungs und ein im Jahr 12 v. u. Z. in Lugdunum geprägter Denar. Der Graben des Lagers F überlagert die beiden Straßengräben sowie die Lager C, D und E und wird seinerseits nur vom Brunnen 105 geschnitten, der somit einer jüngeren Nutzungsphase des Fundplatzes angehört.[25][26]

Lager G (?)

Lager G ist wie Lager A eine bislang nur vermutete Anlage, für die es nur einen indirekte Hinweis gibt. 1964 waren Scherben einer augusteischen Amphore geborgen und irrtümlich einer Grabenfüllung zugeordnet worden. Nachuntersuchungen im Jahr 2000, die den gesamten Befund freilegten, führten jedoch zu der Erkenntnis, dass diese Scherben der Füllung von Brunnen 105 entstammten. Obschon dadurch der postulierte Graben nicht mehr nachweisbar war, könnte der Befund als indirekter Hinweis auf ein spätes Lager aufgefasst werden.[27]

Sonstige Befunde

Römische Straße

Zwischen den Straßen Am Kreskenhof und Zum Kleinen Aap wurde auf rund 440 m Länge eine von schmalen Drainagegräben gesäumte, in West-Ost-Ausrichtung verlaufende römische Straße ermittelt. Sie besaß eine Breite von rund 38 Metern, womit sie ähnlichen Straßenabschnitten in Haltern und Anreppen ähnelt. Die recht sandige und vermutlich unbefestigte Straße dürfte wahrscheinlich primär der Truppenbewegung gedient haben, während die materielle Logistik wahrscheinlich über den Wasserweg erfolgte. Da sie von den Lagern C bis F überlagert wurde, war sie vermutlich nur wenige Jahre während der Drususoffensive in Betrieb.[28][29]

Feldbacköfen

In den verschiedenen Marschlagern wurden insgesamt rund 300 Feldbacköfen freigelegt, deren 0,80 m bis 1,00 m durchmessende Lehmtennen von Lehmkuppeln überwölbt waren. Dabei kamen zwei Formen zur Anwendung. Relativ selten waren Öfen mit rechteckiger Arbeitsgrube und in den anstehenden Boden eingetieftem Backraum. Deutlich überwiegend war eine Form mit längssovaler Arbeitsgrube und ebenerdigem, bestenfalls leicht eingetieftem Backraum. Zum Backen nutzte man die in den Öfen gespeicherte Hitze, die für bis zu drei Backdurchgänge ausreichend war. Die Mehrzahl der Backöfen befanden sich an den Viae sagularis (Lagerringstraßen).[30][31]

Brunnen

Insgesamt fanden sich in Holsterhausen rund 30 Brunnen, die jedoch nicht alle römerzeitlich waren, sondern vereinzelt auch der germanischen Nachsiedlung ab der Mitte des ersten Jahrhunderts zuzurechnen sind. Die römischen Brunnen besaßen entweder eine Kastenform oder waren aus sekundär verwendeten Fässern konstruiert. Ein vollständiger Krug des Typus Haltern 47 und ein Nemausus-Dupondius aus einem der Brunnen verweisen allgemein auf die augusteische Zeit. Der Boden eines Terra-Sigillata-Tellers des Typus Conspectus 11/12 mit dem Töpferstempel C MEMM C L MAH verweist konkret auf die Zeit der Drususfeldzüge.[30][32]

Fundmaterial

Quantitativ wird das Fundmaterial aus Holsterhausen von Nägeln für Caligae dominiert, von denen tausende geborgen wurden. Demgegenüber deutlich geringer fallen Teile von Waffen und Ausrüstungsgegenständen aus, wozu namentlich Schleuderbleie, Pfeil- und Lanzenspitzen, Pilumzwingen und ein Geschossbolzen, sowie Riemenbeschläge, Schildnieten und Fibeln zum Verschließen des Sagum (Umhang, Mantel) gehören. Während Pilum und Geschossbolzen auf Legionäre weisen, sind Schleuderbleie und Pfeilspitzen eher bei Auxiliaren zu vermuten. Unter den Werkzeugen des hoch spezialisierten Heeres befanden sich Hämmer, Feilen, ein bleiernes Lot für Vermessungszwecke und – paradoxerweise – auch eine Maurerkelle. Bei den insgesamt rund 250 Münzen handelt es sich zum größten Teil um Kleingeld aus Messing oder Bronze, wie zahlreiche Asse zeigen, die in 99 Fällen auch noch halbiert worden waren. Die meisten Münzen waren Einzelfunde, eine Ausnahme (sowohl vom Wert als auch von der Menge her) bildet ein Hortfund mit 36 silbernen Denaren, die um die Zeitenwende herum geprägt worden waren. Die ältesten Münzen stammen aus dem ausgehenden zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, die Masse sind Prägungen für Gaius Caesar und Lucius Caesar, die Adoptivsöhne des Augustus, aus den Jahren 2 bis 1 v. u. Z.[33] Beim Fundmaterial insgesamt dominiert der Oberadenhorizont über den Halternhorizont.[34][35]

Besatzungen und Datierung

Die Besatzungen der Marschlager sind namentlich völlig unbekannt, entsprechende epigraphische Zeugnisse liegen nicht vor. Die Datierungen sind aufgrund des relativ geringen datierbaren Fundmaterials (Münzen und Sigillaten) nur unter gewissem Vorbehalt zu betrachten. Der überwiegende Teil stammt aus der Zeit der Drususfeldzüge (Oberadenhorizont). Aber es liegt auch ein Denar mit dem Gegenstempel des Publius Quinctilius Varus vor. Mit der gebotenen Vorsicht kann daher davon ausgegangen werden, dass die Lager B bis D sowie die Straße der Zeit des Drusus angehören, während das Lager E vielleicht, das Lager F gesichert erst im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung angelegt wurde.[36]

Fundverbleib, Befundpräsentation und Denkmalschutz

Das Fundmaterial aus Beckinghausen befindet sich heute zum größten Teil im LWL-Römermuseum Haltern am See. Von den Befunden ist am Fundort nichts mehr zu sehen, das Gelände und seine Befunde wurden aber nach dem nordrhein-westfälische Denkmalschutzgesetz vom 13. April 2022[37] unter Schutz gestellt und sind als Bodendenkmäler mit den Nummern 12.1 bis 12.20 in die Liste der Bodendenkmäler in Dorsten eingetragen, auch im Hinblick auf dort befindliche germanische Siedlungspuren. Nachforschungen, gezieltes Sammeln von Funden und Bodeneingriffe jeder Art sind genehmigungspflichtig. Zufallsfunde sind an die Denkmalbehörden zu melden.

Literatur

  • Stefan Berke: Holsterhausen. In: Bendix Trier (Hrsg.): 2000 Jahre Römer in Westfalen. Zabern, Mainz 1989, ISBN 3-8053-1100-1, S. 18–20.
  • Eckhard Bremer, Wilm Brepohl: Die Nutzung des Wasserweges zur Versorgung der römischen Militärlager an der Lippe. Geographische Kommission für Westfalen Bd. 31, 2001.
  • Wolfgang Ebel-Zepezauer: Die augusteischen Marschlager in Dorsten-Holsterhausen. In: Germania. Band 81, 2003, S. 539–555 (doi:10.11588/ger.2003.92922).
  • Wolfgang Ebel-Zepezauer: Römer und Germanen in Dorsten-Holsterhausen. In: Heinz-Günter Horn u. a. (Hrsg.): Von Anfang an. Archäologie in Nordrhein-Westfalen (= Schriften zur Bodendenkmalpflege in Nordrhein-Westfalen. Band 8). Zabern, Mainz 2005, ISBN 3-8053-3467-2, S. 367–368.
  • Wolfgang Ebel-Zepezauer: Dorsten-Holsterhausen als Waffenplatz in augusteischer Zeit. In: Gustav A. Lehmann (Hrsg.): Römische Präsenz und Herrschaft im Germanien der augusteischen Zeit. 2007, ISBN 978-3-525-82551-8, S. 213–225.
  • Wolfgang Ebel-Zepezauer: Holsterhausen, Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen. Band 2). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2014² (Digitalisat).
  • Wolfgang Ebel-Zepezauer et al.: Augusteische Marschlager und Siedlungen des 1. bis 9. Jahrhunderts in Dorsten-Holsterhausen (= Bodenaltertümer Westfalens, Band 47). Zabern, Mainz 2009, ISBN 978-3-8053-3952-0, (Digitalisat).
  • Wolfgang Ebel-Zepezauer: Grenzerfahrungen. Kulturelle Entwicklungen zwischen Maas und Weser im Angesicht des Limes. In: Erich Claßen, Michael M. Rind, Thomas Schürmann, Marcus Trier: Roms fließende Grenzen. WGB Theiss, Darmstadt 2021, ISBN 978-3-8062-4428-1, S. 433–443.
  • Christoph Grünewald: Ungeschriebene Geschichtsquellen (Teil 2). In: Heimatkalender Herrlichkeit Lembeck und Stadt Dorsten. 2003, S. 75–86.
  • Peter Ilisch: Der Münzschatz von Dorsten-Holsterhausen. In: Heinz Günter Horn u. a. (Hrsg.): Von Anfang an. Archäologie in Nordrhein-Westfalen (= Schriften zur Bodendenkmalpflege in Nordrhein-Westfalen. Band 8). Zabern, Mainz 2005, ISBN 3-8053-3467-2, S. 369–372.
  • Peter Ilisch, Jan Markus: 300 Sandalennägel und eine merowingische Goldmünze aus Dorsten-Holsterhausen. In: Archäologie in Westfalen-Lippe, 2011, S. 90–93.
  • Johann-Sebastian Kühlborn: Auf dem Marsch in die Germania Magna. Roms Krieg gegen die Germanen. In: Martin Müller, Hans-Joachim Schalles, Norbert Zieling (Hrsg.): Colonia Ulpia Traiana. Xanten und sein Umland in römischer Zeit. Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3953-7, S. 67–91.
  • Martin Müller: Das Marschlager von Holsterhausen. In: Johann-Sebastian Kühlborn (Hrsg.): Germaniam pacavi – Germanien habe ich befriedet. Landschaftsverban Westfalen-Lippe, Münster 1995, S. 78–81.
  • Franz Schuknecht: Die Entdeckung des römischen Lagers in Dorsten-Holsterhausen. In: Vestische Zeitschrift. Band 54, 1952, S. 17–20.
  • Franz Schuknecht: Vor 2000 Jahren – Die Römer an der Lippe. In: Heimatkalender der Herrlichkeit Lembeck und Dorsten. Band 48, 1989, S. 35–37.
  • Franz Schuknecht: Die strategische Nutzung der Römerlager in Dorsten-Holsterhausen. In: Vestische Zeitschrift (Recklinghausen). Band 103, 2010/11, S. 5–23.
  • Franz Schuknecht: In pago Gesterean. In: Vestische Zeitschrift (Recklinghausen). Band 106, 2016/17, S. 5–15.
  • August Stieren: Das neue römische Lager in Westfalen. In: Germania. Band 32.3, 1954, S. 165–170.
  • Bettina Tremmel: Die Lager an der Lippe. Historische und archäologische Hintergründe zu den Lippelagern sowie Neuentdeckungen. In: Erich Claßen, Michael M. Rind, Thomas Schürmann, Marcus Trier: Roms fließende Grenzen. WGB Theiss, Darmstadt 2021, ISBN 978-3-8062-4428-1, S. 447–451.
  • Wilhelm Winkelmann: Beiträge zur Frühgeschichte Westfalens (= Altertumskommission Westfalen. Band 8). Münster 1984.
  • Wilhelm Winkelmann: Auf den Spuren der Römer in Westfalen (1953). In: Beiträge zur Frühgeschichte Westfalens. Münster 1990, S. 24–29.

Einzelnachweise

  1. August Stieren: Das neue römische Lager in Westfalen. In: Germania. Band 32.3, 1954, S. 165–170.
  2. Wilhelm Winkelmann: Auf den Spuren der Römer in Westfalen (1953). In: Beiträge zur Frühgeschichte Westfalens. Münster 1990, S. 24–29.
  3. a b Wolfgang Ebel-Zepezauer: Die augusteischen Marschlager in Dorsten-Holsterhausen. In: Germania. Band 81, 2003, S. 539–543 (doi:10.11588/ger.2003.92922).
  4. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Holsterhausen, Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen. Band 2). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2014², S. 2–6 (Digitalisat).
  5. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Holsterhausen, Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen. Band 2). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2014², S. 12–25 (Digitalisat).
  6. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Grenzerfahrungen. Kulturelle Entwicklungen zwischen Maas und Weser im Angesicht des Limes. In: Erich Claßen, Michael M. Rind, Thomas Schürmann, Marcus Trier: Roms fließende Grenzen. WGB Theiss, Darmstadt 2021, ISBN 978-3-8062-4428-1, S. 433–443.
  7. Johann-Sebastian Kühlborn: Auf dem Marsch in die Germania Magna. Roms Krieg gegen die Germanen. In: Martin Müller, Hans-Joachim Schalles, Norbert Zieling (Hrsg.): Colonia Ulpia Traiana. Xanten und sein Umland in römischer Zeit. Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3953-7, S. 67–91.
  8. Michel Reddé: Germany. In: Yann Le Bohec: The Encyclopedia of the Roman Army. Volume II: Eas - Pol. Wiley, Chichester 2015, ISBN 978-1-4051-7619-4, S. 431–443, insbesondere S. 432–434.
  9. Bettina Tremmel: Die Lager an der Lippe. Historische und archäologische Hintergründe zu den Lippelagern sowie Neuentdeckungen. In: Erich Claßen, Michael M. Rind, Thomas Schürmann, Marcus Trier: Roms fließende Grenzen. WGB Theiss, Darmstadt 2021, ISBN 978-3-8062-4428-1, S. 447–451.
  10. Stefan Berke: Holsterhausen. In: Bendix Trier (Hrsg.): 2000 Jahre Römer in Westfalen. Zabern, Mainz 1989, ISBN 3-8053-1100-1, S. 18–20.
  11. Martin Müller: Das Marschlager von Holsterhausen. In: Johann-Sebastian Kühlborn (Hrsg.): Germaniam pacavi – Germanien habe ich befriedet. Landschaftsverban Westfalen-Lippe, Münster 1995, S. 78–81
  12. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Holsterhausen, Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen. Band 2). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2014², S. 6–7 (Digitalisat).
  13. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Die augusteischen Marschlager in Dorsten-Holsterhausen. In: Germania. Band 81, 2003, S. 543, doi:10.11588/ger.2003.92922.
  14. Durchlass des Lagers B ungefähr bei 51° 40′ 24″ N, 6° 56′ 13″ O
  15. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Die augusteischen Marschlager in Dorsten-Holsterhausen. In: Germania. Band 81, 2003, S. 543–544, doi:10.11588/ger.2003.92922.
  16. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Holsterhausen, Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen. Band 2). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2014², S. 7–9 (Digitalisat).
  17. Westlicher Durchlass des Lagers C ungefähr bei 51° 40′ 19″ N, 6° 56′ 6″ O
  18. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Die augusteischen Marschlager in Dorsten-Holsterhausen. In: Germania. Band 81, 2003, S. 544, doi:10.11588/ger.2003.92922.
  19. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Holsterhausen, Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen. Band 2). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2014², S. 7–8 und 9–10 (Digitalisat).
  20. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Die augusteischen Marschlager in Dorsten-Holsterhausen. In: Germania. Band 81, 2003, S. 544–545, doi:10.11588/ger.2003.92922.
  21. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Holsterhausen, Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen. Band 2). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2014², S. 7–8 und 10–11 (Digitalisat).
  22. Nördlicher Durchlass des Lagers E ungefähr bei 51° 40′ 27,5″ N, 6° 56′ 3″ O
  23. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Die augusteischen Marschlager in Dorsten-Holsterhausen. In: Germania. Band 81, 2003, S. 545–546, doi:10.11588/ger.2003.92922.
  24. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Holsterhausen, Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen. Band 2). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2014², S. 7–8 und 11 (Digitalisat).
  25. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Die augusteischen Marschlager in Dorsten-Holsterhausen. In: Germania. Band 81, 2003, S. 546, doi:10.11588/ger.2003.92922.
  26. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Holsterhausen, Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen. Band 2). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2014², S. 7–8 und 12–13 (Digitalisat).
  27. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Die augusteischen Marschlager in Dorsten-Holsterhausen. In: Germania. Band 81, 2003, S. 546, doi:10.11588/ger.2003.92922.
  28. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Die augusteischen Marschlager in Dorsten-Holsterhausen. In: Germania. Band 81, 2003, S. 547, doi:10.11588/ger.2003.92922.
  29. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Holsterhausen, Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen. Band 2). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2014², S. 14 (Digitalisat).
  30. a b Wolfgang Ebel-Zepezauer: Die augusteischen Marschlager in Dorsten-Holsterhausen. In: Germania. Band 81, 2003, S. 547, doi:10.11588/ger.2003.92922.
  31. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Holsterhausen, Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen. Band 2). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2014², S. 14 (Digitalisat).
  32. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Holsterhausen, Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen. Band 2). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2014², S. 15 (Digitalisat).
  33. Ulrich Werz: Die Prägungen des Augustus für seine Adoptivsöhne Caius und Lucius Caesar. In: Varusschlacht im Osnabrücker Land gGmbH (Hrsg.): Neues Gold aus Kalkriese. Kalkriese 2016; S. 16–29 (Digitalisat).
  34. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Die augusteischen Marschlager in Dorsten-Holsterhausen. In: Germania. Band 81, 2003, S. 548–554 doi:10.11588/ger.2003.92922.
  35. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Holsterhausen, Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen. Band 2). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2014², S. 15–22 (Digitalisat).
  36. Wolfgang Ebel-Zepezauer: Holsterhausen, Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen. Band 2). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2014², S. 22 (Digitalisat).
  37. DSchG NRW, abgerufen am 4. Dezember 2025.