Römerlager Anreppen

Römerlager Anreppen
Limes vor der Zeit des Limes
(östlich jenseits des Limes)
Abschnitt Germania magna,
sogenannte Lippelager
Datierung (Belegung) 4/5 bis 6/7 u. Z.
Typ Legionslager
Größe 23 ha
Bauweise Holz-Erde-Lager
Erhaltungszustand teilrekonstruiertes Bodendenkmal
Ort Anreppen/Delbrück
Geographische Lage 51° 44′ 15″ N, 8° 35′ 31″ O
Höhe 90 m ü. NHN
Vorhergehend Römerlager Oberaden

Das Römerlager Anreppen war ein römisches Militärlager, das auf die Augusteischen Germanenkriege zurückgeht. Es befindet sich im Ortsteil Anreppen der Stadt Delbrück im nordrhein-westfälischen Kreis Paderborn. Das direkt an der Lippe liegende Kastell wurde im Jahr 4 u. Z. im Rahmen des immensum bellum als auch im Winter besetztes Lager der Römer im Inneren Germaniens gebaut und diente wahrscheinlich als Winterlager des designierten römischen Thronfolgers Tiberius. Es wurde nur wenige Jahre genutzt, wahrscheinlich bis 5 oder 6 u. Z., und war ein wichtiger Teil des letztlich gescheiterten Versuches des Römischen Reiches, die Germania magna zu einer römischen Provinz zu machen.

Lage

Das Gebiet des Römerlagers befindet sich heute direkt am Südufer der Lippe (lateinisch: lupia) außerhalb des Kernbereichs des Dorfes Anreppen an der Straße nach Bentfeld. Es ist weitgehend nicht überbaut, sondern wird landwirtschaftlich genutzt und liegt zwischen der Lippe und dem kleinen Stemmeckebach, der hier in die Lippe mündet. Wie genau sich das lokale Gelände zu Zeiten der Römer darstellte, ist nicht ganz sicher, da die Lippe im Laufe der Zeit stark mäandrierte und mehrfach ihr Flussbett änderte. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass die Römer das Lager unmittelbar am Lippeufer erbauten, um direkten Zugang zum Fluss zu haben, den sie während ihrer Expansionsbestrebungen in Germanien als wichtigen Verkehrsweg für den Nachschub der römischen Armee nutzten. Die Höhendifferenz zwischen Lager und heutigem Pegel der Lippe beträgt gerade einmal fünf Meter. Bei Hochwasser der Lippe ragt das nur geringfügig höher gelegene Lagerareal also aus dem Wasser heraus.[1] Weiter flussabwärts (d. h. aus Richtung Westen, aus der die Römer kamen) finden sich weitere wichtige Römerlager wie das von Oberaden und vor allem der regionale Stützpunkt in Haltern. In der anderen, östlichen Richtung wurden bisher keine weiteren Lager am Flusslauf der Lippe gefunden, jedoch entfernt von der Lippe das feste Lager in Hedemünden sowie die Marschlager in Wilkenburg und Hachelbich, außerdem im Norden die Marschlager in Sennestadt und Porta Westfalica sowie im Süden das feste Lager in Kneblinghausen.

Entdeckung und Erforschung

Das Lager wurde 1968 von Anton Doms vom Westfälischen Museum für Archäologie – Amt für Bodendenkmalpflege, Außenstelle Bielefeld entdeckt.[2] 1967 hatte dort der Bauer Ferdinand Begger Scherben gefunden, darunter auch die einer großen gelben Amphore. Durch lokale Kontakte erfuhren 1968 Doms und Hans Beck, Leiter des Westfälischen Landesmuseums für Vor- und Frühgeschichte in Münster, von dem Fund. Sie waren sich sofort im Klaren, dass es sich um augusteische Scherben handelte, die nur von einem Römerlager kommen konnten. Am 16. September 1968 konnte mit den Grabungen begonnen werden.[3]

Mit den Ausgrabungen, die Doms von 1968 bis 1982 durchführte, konnte der Verlauf der Umwehrung und damit auch die Größe des Lagers bestimmt werden. Anton Doms erforschte das Innere des Lagers dabei zunächst nicht, weil es erst einmal darum ging, die Ausmaße des Lagers zu identifizieren, um einen umfassenden Schutz als Bodendenkmal zu erreichen.

In den Jahren 1988 bis 2004 grub das Westfälische Museum für Archäologie – Amt für Bodendenkmalpflege, 2007 umbenannt in LWL-Archäologie für Westfalen, unter der Leitung von Johann-Sebastian Kühlborn im Inneren des Lagers große Flächen aus. Am Ende war etwa ein Drittel der Innenfläche untersucht.[4]

Archäologische Befunde

Germanische Besiedlung im Umfeld

In unmittelbarer Nähe des Lagers wurden Überreste germanischer Siedlungen gefunden. Eine südlich gelegene Siedlung verweist auf die vorrömische Eisenzeit; ob sie zur Zeit des Römerlagers noch bewohnt war, ist ungeklärt. Eine weitere, westlich gelegene Siedlung enthielt dagegen auch einige Terra-Sigillata-Scherben, die auf einen Austausch mit den Römern hindeuten.[5] 3,5 Kilometer südlich des Römerlagers wurde 1975 der Wohnplatz von Thüle entdeckt, der im späteren 1. Jahrhundert u. Z. von Germanen besiedelt war.[6]

Römische Bebauung

Nachgewiesen sind inzwischen außer der Umwehrung das praetorium (Wohn- und Dienstsitz des Kommandeurs), weitere, teils repräsentative Wohngebäude, die Thermen, Vorratsspeicher (horrea), Mannschaftsbaracken und Häuser der Centurionen, sowie Teile des Staßennetzes. Für mindestens zwei Bauphasen spricht ein älterer römischer Spitzgraben im Ostteil des Lagers.[7] Als Baumaterialien dienten Holz und Lehm, wegen der besseren Verfügbarkeit und der durch sie bedingten schnelleren Bauweise, als sie mit Stein möglich gewesen wäre. Alle Gebäude waren daher in Holz- oder Fachwerkbauweise ausgeführt.[8]

Umwehrung

Das Lager hat die Form eines unregelmäßigen, 23 Hektar großen Längsovals mit maximalen Seitenlängen von 750 m in Ostwest- und 330 m in Nordsüdrichtung und liegt direkt am heutigen Südufer der Lippe. Erbaut ist es als Holz-Erde-Lager, ebenso wie die meisten der anderen an der Lippe gelegenen Römerlager (Haltern, Olfen, Beckinghausen und Oberaden). Die Befestigung bestand aus einer drei Meter breiten Holz-Erde-Mauer, deren Außenseiten aus miteinander verstrebten Holzwänden bestanden und deren Inneres mit Erde gefüllt war. In unterschiedlichen Abständen war die Mauer mit Zwischentürmen verstärkt. Geschützt wurde sie mit einem als Annäherungshindernis dienenden, vorgelagerten, sieben Meter breiten und bis zu 2,40 m tiefen Spitzgraben. An der Südseite war dem Spitzgraben ein zweiter, drei Meter breiter und 1,60 m tiefer Graben des gleichen Typus vorgelagert. Von den vermutlich auf allen vier Seiten vorhandenen Toren konnten nur die auf der Ost- und auf der Südseite nachgewiesen werden. Bei dem Osttor handelte es sich um die aufgrund von Überbauung nur wenig erforschte Porta praetoria (Haupttor),[9] bei dem gut erhaltenen und gut bekannten Südtor um die Porta principalis dextra (rechtes Seitentor).[10] Das Lager war also mit seiner Prätorialfront (Vorderfront) nach Osten, zum Feind hin ausgerichtet.[11]

Verkehrswege / Wasserversorgung und -entsorgung

Mittels der Tore ließ sich auch das Wegenetz im Lagerinneren erschließen. An der Porta praetoria begann die Via praetoria (Hauptlängsstraße), die in Anreppen nur bis zur Via principalis (Hauptquerstraße) führte und sich im Osten nicht als Via decumana (sonst übliche, rückwärtige Verlängerung der Via praetoria) fortsetzte. An der Porta principalis dextra begann die Via principalis (Hauptquerstraße), die vermutlich bis zum nördlichen Abschnitt der Via sagularis (Lagerringstraße) führte. Im östlichen, rückwärtigen Lagerteil verlief parallel zu ihr die Via quintana (rückwärtige Querstraße).[14] Etwa 500 m östlich des Lagers konnten zwei Teilstücke einer unbefestigten Straße nachgewiesen werden, in der römische Schuhnägel gefunden wurden.[15]

Auf eine Wasserversorgung in Form von Aquädukten gibt es innerhalb des Lagers und um das Lagerareal herum keinerlei Hinweise. Die Wassergewinnung erfolgte ausschließlich über Brunnen. Regen- und Abwässer wurden durch im Boden verlegte, holzverschalte Kanäle entsorgt und unter Zwischentürmen der Mauer in die Lippe entsorgt.[16]

Praetorium und weitere Paläste

Das praetorium, der Wohn- und Verwaltungssitz des Kommandeurs, hatte mit einer überbauten Fläche von insgesamt 3375 m² außergewöhnliche Ausmaße; es zählt laut Kühlborn „zweifellos zu den großartigsten Monumentalbauten der römischen Lager an der Lippe“.[17] Wie in der zeitgenössischen römischen Luxusarchitektur Italiens war es von Gärten umgeben und enthielt sowohl große repräsentative als auch private Räumlichkeiten, die offenbar für einen Okkupanten von hoher Stellung ausgelegt waren. Man betrat das vermutlich zweistöckige Gebäude von der Ostseite her und gelangte durch ein 6,70 m breites, mit zwei Säulen versehenes Portal zunächst in ein 198 m² großes Atrium, das von zahlreichen Räumen umgeben war. Auffällig ist, dass, während die nördlich des Atriums liegenden Räume vom Atrium aus über Korridore erschlossen waren, solche zu den südlichen Räumen hin fehlen. J.-H. Kühlborn ging deshalb davon aus, dass der südliche Bereich bewusst separiert worden sei um als rein privater Wohnbereich dienen. Für eine solche Trennung würden auch die Umstände sprechen, dass zum einen im Süden ein 84 m² großer Raum hypokaustiert war, während sich zum anderen im Norden eine Gemeinschaftslatrine befand, die für einen eher dienstlichen Charakter der dortigen Räumlichkeiten sprechen würde. Westlich des Atriums schloss ein Tablinum an, das von zwei Fluren flankiert war, die in ein 1170 m² großes Peristyl führten, das von unterschiedlich großen Räumen gesäumt war und zwei Bauphasen aufwies. Nach Süden hin wurde der Komplex von einem 2130 m² großen Hof abgeschlossen, der vermutlich als Garten gestaltet war. Es ist in Anbetracht einer derart alles Maß sprengenden Architektur sehr gut vorstellbar, das dieses Bauwerk für den Thronfolger des Imperiums geschaffen wurde.[18]

Der Grundriss aus diversen zusammengeschlossenen rechteckigen Gebäudetrakten und Innenhöfen entspricht nicht den zeitgleichen römischen Stadthäusern, wie sie beispielsweise aus Pompeji bekannt sind, sondern eher den hellenistischen Adels- und Königspalästen in Pella. Die stadtrömischen Luxusvillen dieser Epoche, die auch diese Bauform gehabt haben könnten und damit (eher als Pella) als direkte Vorbilder für Anreppen in Frage kommen, sind nicht erhalten. Auch der große längliche Hof im Süden des Anreppener Praetoriums mit seiner einzelnen langen Säulenreihe ist hellenistischen Bauformen nachempfunden, nämlich den Gymnasia des griechischen Kulturraums. Gleichzeitig wurden in das Praetorium aber auch Bauformen integriert, die für die traditionelle römische Architektur als typisch galten, vor allem ein säulengestützter zentraler Innenhof (Atrium).[19]

In derselben Insula, südlich und nördlich des Praetoriums, fanden sich zwei Gebäude, die zwar deutlich kleiner, aber ebenfalls sehr aufwändig gestaltet waren und über Innenhöfe und Säulengänge verfügten. Diese werden für die höheren Offizierschargen wie den Legatus legionis, den Praefectus castrorum oder den Tribunus laticlavius bestimmt gewesen sein.

Die Principia (Hauptquartier) wurden bislang nicht entdeckt. Sie befinden sich vermutlich in der Insula östlich des Praetoriums, zwischen diesem und der Via principalis, in einem Bereich, der noch nicht ausgegraben wurde.[20]

Thermen

Die Thermen lagen in der Insula nördlich des Praetoriums und südlich des Nordabschnitts der Via sagularis.[21] Sie waren 23,50 m mal 42,00 m groß und bedeckten damit eine Grundfläche von 987 m². Sie besaßen zwei Eingänge. Den Haupteingang bildete eine aus dem Gebäude nach Süden hinausragende Eingangshalle zur Praetoriumsinsula hin, der Nebeneingang befand sich im Westen an der Via quintana. Über beide Eingänge gelangte man zunächst in einen von bis zu 3,50 breiten Laubengängen gesäumten Säulenhof, der vermutlich der Verrichtung sportlicher Übungen diente. Von dort aus betrat man den eigentlichen Badebereich, der aus drei rechteckigen Räumen ohne Apsiden in einem insgesamt 462 m² großen Gebäudetrakt bestand. Bei diesen Räumen handelte es sich um ein Frigidarium, ein Tepidarium (beide nebeneinander im Süden) und ein größeres (135 m²) Caldarium im Norden. Das Caldarium konnte über zwei in einem westlich seitwärts liegenden, separierten Bewirtschaftungsflügel befindliche Praefurnia, welche die einzigen steinernen Baukörper des gesamten Militärlagers waren, direkt beheizt werden. Sie erzeugten die heiße Luft für die Fußbodenerwärmung und zugleich mittels Wasserkesseln auch heißes bzw. warmes Wasser. Vom Caldarium aus strömte die Heißluft dann weiter unter das Tepidarium. Auch wenn ein Sudatorium fehlte, dürften die Thermen den Bedürfnissen einer Garnison genügt haben. Infolge der intensiven Nutzung musste eine der Feuerungsstellen in den wenigen Jahren ihrer Nutzung mindestens einmal renoviert werden.[22]

Mannschaftsbaracken und Centurionenhäuser

Mannschaftsunterkünfte mit ihren Contubernia wurden an der südlichen Via sagularis und an der Via praetoria nachgewiesen. Eine Besonderheit bei diesen ist, dass die Centurionen nicht in integrierten Kopfbauten, sondern in freistehenden Häusern untergebracht waren. Zwischen diesen und den Baracken befand sich eine Freifläche mit Brunnen und Latrinen. Diese Bauweise wurde außer in Anreppen auch in Oberaden beobachtet. Von den im Schnitt 30 m langen Baracken waren nur noch Pfostenspuren erhalten, bei ihnen scheint es sich also um einfache Holzbauten gehandelt zu haben. Zwischen den Kasernen verliefen Gassen, in denen Abfälle in Gruben entsorgt worden waren. Demgegenüber zeichneten sich die Centurionenhäuser bei den Ausgrabungen durch Fundamentgräben für Schwellbalken aus, sie müssen also einst aus Lehmfachwerk bestanden haben. Auffällig war eine unterschiedliche Größe und Raumaufteilung zwischen den verschiedenen Bauten für die Centurionen.[23]

Horrea

Erstaunlich groß war die Lagerkapazität der Anreppener Garnison. Ein 56 m mal 68 m (= 3808 m²) großer Vorratsspeicher (horreum) lag nahe der Porta principalis dextra.[24] Sein östlicher Bereich wird heute von dem Friedhof Anreppen überschnitten. Innerhalb eines gesondert abgegrenzten Bereichs relativ nahe der Porta praetoria fanden sich weitere, allerdings kleinere Speicher (zwischen 237 m² und 764 m²).[25] Wegen der ungewöhnlich vielen Vorratsspeicher und ihrer hohen Kapazität, sowie der Möglichkeit, dass die Lippe flussaufwärts auch für die römischen Flachbodenschiffe nicht mehr schiffbar war, geht die Forschung davon aus, dass Anreppen nicht nur als Stützpunkt für dort aktive Truppenteile, sondern auch als Umschlags- und Versorgungsbasis für die weiter östlich operierenden Einheiten gedient haben könnte.[26]

Geschichte, Funde und Datierung

Der Gründungszeitpunkt des Römerlagers Anreppen lässt sich relativ gut bestimmen. Der römische Historiker Velleius Paterculus, der selbst als Offizier an den römischen Feldzügen in Germanien teilnahm, berichtet über einen Feldzug des Tiberius im Jahr 4 u. Z. im Rahmen des Immensum bellum vom Bau eines Winterlagers an den Quellen der Lippe. Velleius schreibt zwar, dass es sich dabei um das erste Winterlager einer römischen Legion im Herzen Germaniens handelte, allerdings hatte bereits Drusus während seiner Feldzüge im Jahr 11 v. u. Z. das Römerlager Oberaden als Winterquartier angelegt. Tiberius selbst hielt sich bis zum Winter 4 u. Z. und dann wieder ab dem Frühjahr 5 u. Z. in Anreppen auf.[27] Dazu passt in das Jahr 5 u. Z. datierbares Bauholz von einer Mannschaftslatrine und aus einer Brunnenverschalung. (Das Holz aus der laut Velleius bereits 4 u. Z. errichteten Holz-Erde-Mauer des Lagers war völlig verrottet und konnte für eine dendrochronologische Untersuchung nicht mehr genutzt werden.)[28] Für eine Identifizierung des Anreppener Lagers mit dem von Velleius erwähnten spricht vor allem das außergewöhnlich luxuriöse praetorium (Kommandeursgebäude), das für einen sehr hochstehenden römischen Feldherr gebaut worden sein muss. Kurz vor seinem Aufbruch nach Germanien war Tiberius von Augustus adoptiert worden; er hatte außerdem die Amtsgewalten des imperium proconsulare maius und der tribunicia potestas erhalten. Somit war er der designierte Thronfolger des Römischen Reiches.[29]

Weniger präzise ist das Enddatum der Nutzung Anreppens festzulegen. Das Fundmaterial gehört zwar in das erste Jahrzehnt u. Z., unter den etwa 400 Fundmünzen findet sich allerdings keine einzige, die einen Gegenstempel aus derZeit der Statthalterschaft des Publius Quinctilius Varus (7–9 u. Z.) trägt. Deshalb ist eine Nutzung des Lagers nach 7 u. Z. sehr unwahrscheinlich und sein Ende lässt sich auch nur schwerlich mit den Folgen der Clades Variana (der Niederlage in der Varusschlacht im Jahr 9 u. Z.) verbinden.[30]

Trotz dieser offenkundig sehr kurzen Nutzungszeit (wohl etwa zwei Jahre, von 4 bis 5 oder 6 u. Z.) kam es im Lager verschiedentlich zu Umbauten sowie zu Reparaturmaßnahmen. Das Lager war ein wichtiger Stützpunkt für die Feldzüge des Tiberius und des Statthalters Gaius Sentius Saturninus im Jahr 5 u. Z., während denen die Römer tief ins Innere Germaniens bis zur Elbe vordrangen. In Anreppen wurden außergewöhnlich große Speicherkapazitäten festgestellt. Das Lager befand sich vielleicht an einer Stelle, an der die Lippe aufhörte, schiffbar zu sein, an der also das Material und die Verpflegung für die weiter östlich stattfindenden Feldzüge vom Wasser aufs Land verladen werden mussten.[31] Im Jahr 6 u. Z. brachen die Römer unter Tiberius dann zu einem großen Feldzug gegen die Markomannen unter Marbod auf. Dieser musste abgebrochen werden, als Tiberius die Nachricht vom pannonischen Aufstand erhielt. Vielleicht ist das Ende des Lagers in diesem Zusammenhang zu sehen. Brandspuren an einigen Bauten des Lagers sowie in einen Brunnen geworfene Nägelklumpen deuten darauf hin, dass die Römer das Lager am Ende selbst zerstört haben könnten. Nach dieser Theorie warfen die Römer die Nägel in den Brunnen, damit die Germanen das Eisen nicht zum Schmieden von Waffen nutzen konnten.[32]

Wegen der Lage und dem Namen Aliso, der dem nahegelegenen Ortsnamen Elsen ähnelt, wurde verschiedentlich erwogen, das Römerlager Anreppen mit dem von Tacitus und anderen römischen Historikern erwähnten Aliso zu identifizieren.[33] Bei Aliso handelte es sich jedoch um einen wichtigen regionalen Knotenpunkt der römischen Unternehmungen, während Anreppen ein nur einige Jahre genutzter Außenposten war. Aliso wird deshalb von Archäologen meist mit dem Römerlager Haltern identifiziert.[34] Das Hauptargument gegen eine Identifizierung mit Aliso, das noch nach der Niederlage des Varus von Römern besetzt war, ist jedoch das Fehlen von Münzen aus der Zeit des Varus.[30]

Fundverbleib, Präsentation und Denkmalschutz

Die meisten Funde aus Anreppen sind im LWL-Römermuseum Haltern ausgestellt, daneben finden sich auch Artefakte im LWL-Museum für Archäologie und Kultur in Herne sowie im Stadtmuseum Bergkamen. Vor Ort wird seit 2008 von örtlichen Initiativen an einer Teilrekonstruktion des Lagers an den Originalfundplätzen gearbeitet. Inzwischen wurden Teilstücke der südlichen Umwehrung mit der Porta principalis dextra, die Anlage eines Straßengevierts und das Teilstück eines Entwässerungsgrabens rekonstruiert und zusätzlich ein archäologischer Lehrpfad realisiert, der zu den mit Infotafeln versehenen Originalfundplätzen der einzelnen Befunde führt.[35]

Das Römerlager ist seit dem 14. März 1990 mit der Nummer 10 in der Liste der Bodendenkmäler der Stadt Delbrück eingetragen und nach dem nordrhein-westfälischen Denkmalschutzgesetz in der Fassung vom 13. April 2022[36] unter Schutz gestellt. Nachforschungen, gezieltes Sammeln von Funden und Bodeneingriffe jeder Art sind genehmigungspflichtig. Zufallsfunde sind an die Denkmalbehörden zu melden.

Literatur

  • Anton Doms: Die Entdeckung des Römerlagers in Anreppen im Jahre 1968. In: Westfalen. Band 48, 1970, S. 160–170.
  • Peter Glüsing: Ergänzende Anmerkungen zur Enddatierung der frührömischen Lippelager Anreppen und Haltern. Erweiterter Diskussionsbeitrag. In: Rainer Wiegels (Hrsg.): Die Fundmünzen von Kalkriese und die frühkaiserzeitliche Münzprägung (= Osnabrücker Forschungen zu Altertum und Antike-Rezeption. Band 3). Bibliopolis, Möhnesee 2000, ISBN 3-933925-12-6, S. 119–120.
  • Peter Ilisch: Die Münzen aus den römischen Militäranlagen in Westfalen. In: Wolfgang Schlüter, Rainer Wiegels (Hrsg.): Rom, Germanien und die Ausgrabungen von Kalkriese (= Osnabrücker Forschungen zu Altertum und Antike-Rezeption. Band 1). Rasch, Osnabrück 1999, ISBN 3-932147-25-1, S. 279–291.
  • Peter Ilisch: Die Münzen aus dem Römerlager Anreppen. In: Jahrbuch für Numismatik und Geldgeschichte. Band 66, 2016, S. 1–29.
  • Peter Kehne: Zur Strategie und Logistik römischer Vorstöße in die Germania. Die Tiberiusfeldzüge der Jahre 4 und 5 n. Chr. In: Johann-Sebastian Kühlborn u. a.: Rom auf dem Weg nach Germanien. Geostrategie, Vormarschtrassen und Logistik. Internationales Kolloquium in Delbrück-Anreppen vom 4. bis 6. November 2004. (= Bodenaltertümer Westfalens 45). Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3931-5, S. 253–301.
  • Johann-Sebastian Kühlborn: Die augusteischen Militärlager an der Lippe. In: Heinz Günter Horn (Hrsg.): Archäologie in Nordrhein-Westfalen. Geschichte im Herzen Europas. Zabern, Mainz 1990, ISBN 3-8053-1138-9, S. 169–186.
  • Johann-Sebastian Kühlborn: Die Lagerzentren der römischen Militärlager von Oberaden und Anreppen. In: Rudolf Asskamp, Stephan Berke (Redaktion): Die römische Okkupation nördlich der Alpen zur Zeit des Augustus. Aschendorff, Münster 1991, ISBN 3-402-05139-7, S. 129–140.
  • Johann-Sebastian Kühlborn: Germaniam pacavi – Germanien habe ich befriedet. Archäologische Stätten augusteischer Okkupation. Westfälisches Museum für Archäologie, Münster 1995, S. 130–144.
  • Johann-Sebastian Kühlborn: Die Grabungen in den westfälischen Römerlagern Oberaden und Anreppen. In: Heinz Günter Horn u. a. (Hrsg.): Ein Land macht Geschichte. Archäologie in Nordrhein-Westfalen. Zabern, Mainz 1995, ISBN 3-8053-1793-X, S. 203–209.
  • Johann-Sebastian Kühlborn: Antike Berichte durch Ausgrabungen bestätigt. In: Archäologie in Deutschland 3/1999, S. 6–12.
  • Johann-Sebastian Kühlborn: Die Grabungen in den westfälischen Römerlagern. In: Heinz Günter Horn u. a. (Hrsg.): Von Anfang an. Archäologie in Nordrhein-Westfalen (= Schriften zur Bodendenkmalpflege in Nordrhein-Westfalen. Band 8). Zabern, Mainz 2005, ISBN 3-8053-3467-2, S. 119–127.
  • Johann-Sebastian Kühlborn: Auf dem Marsch in die Germania Magna – Roms Krieg gegen die Germanen. In: Martin Müller, Hans-Joachim Schalles, Norbert Zieling (Hrsg.): Colonia Ulpia Traiana. Xanten und sein Umland in römischer Zeit. Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3953-7, S. 67–91.
  • Johann-Sebastian Kühlborn: Die Lippetrasse: Zum Stand der archäologischen Forschungen während der Jahre 1996 bis 2006 in den augusteischen Lippelagern. In: Ders. u. a.: Rom auf dem Weg nach Germanien. Geostrategie, Vormarschtrassen und Logistik. Internationales Kolloquium in Delbrück-Anreppen vom 4. bis 6. November 2004 (= Bodenaltertümer Westfalens. 45). Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3931-5, S. 7–35.
  • Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009, ISSN 1866-640X (altertumskommission.lwl.org PDF auf der Seite der Altertumskommission für Westfalen).
  • Johann-Sebastian Kühlborn: Römer im Paderborner Land. Anreppen, das Hauptquartier des Tiberius. In: Führer zur Vor- und Frühgeschichte der Hochstiftkreise Paderborn und Höxter. Band 3. Marsberg 2014, ISBN 978-3-932610-51-6, S. 1–42.
  • Siegmar von Schnurbein: Untersuchungen zur Geschichte der römischen Militärlager an der Lippe. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission. Band 62, 1981, ISSN 0341-9312, S. 5–101, hier S. 29–32.
  • Siegmar von Schnurbein: Neue Grabungen in Haltern, Oberaden und Anreppen. In: Philip Freeman u. a. (Hrsg.): Limes XVIII. Proceedings of the XVIIIth International Congress of Roman Frontier Studies. Archaeopress, Oxford 2002, S. 527–534.
  • Bettina Tremmel: Archäologische Indizien für römische Militärlogistik am Beispiel der Funde aus Anreppen. In: Johann-Sebastian Kühlborn u. a.: Rom auf dem Weg nach Germanien. Geostrategie, Vormarschtrassen und Logistik. Internationales Kolloquium in Delbrück-Anreppen vom 4. bis 6. November 2004 (= Bodenaltertümer Westfalens. 45). Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3931-5, S. 147–168.
Commons: Römerlager Anreppen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen

  1. Zur Lage Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 6.
  2. Friedrich Gerhard Hohmann: Anton Doms 1922-1995. Nachruf in der Westfälischen Zeitschrift 146 (1996), S. 394 f. Auf der Webpräsenz des LWL, abgerufen am 13. Dezember 2025.
  3. Vgl. den Bericht von Hans Beck, wiedergegeben in Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 2–5.
  4. Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 5.
  5. Zu diesen von Anton Doms entdeckten Überresten kurz Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 30f.
  6. Daniel Bérenger: Steinzeitjäger und Germanen in Thüle In: Archäologie in Ostwestfalen. Band 7, Bielefeld 2002, S. 9–13.
  7. Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 30.
  8. Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 7–30.
  9. Porta praetoria bei 51° 44′ 22,3″ N, 8° 35′ 42,4″ O
  10. Porta principalis dextra bei 51° 44′ 12,65″ N, 8° 35′ 36,15″ O
  11. Zur Umwehrung Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 8–11.
  12. Rekonstruierter Abwasserkanal bei 51° 44′ 14,4″ N, 8° 35′ 34,3″ O
  13. Ralph Meyer: Wie die Römer in Delbrück gegen den Regen kämpften, in der Neuen Westfälischen am 26. Oktober 2016, auf gefao.de, abgerufen am 13. Dezember 2016.
  14. Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 10 und Abb. 19.
  15. Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 31–32.
  16. Zur Wasserversorgung und -entsorgung siehe Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 25–26.
  17. Praetorium weitläufig um 51° 44′ 15″ N, 8° 35′ 26,5″ O
  18. Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 14–19.
  19. Reinhard Förtsch: Villa und Praetorium. Zur Luxusarchitektur in frühkaiserzeitlichen Legionslagern. In: Kölner Jahrbuch. Band 28, 1995, S. 617–634, hier S. 621–626.
  20. Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 14–14.
  21. Thermen um 51° 44′ 17,4″ N, 8° 35′ 22,4″ O
  22. Zu den Thermen ausführlich Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 19–26.
  23. Zu den Mannschaftsunterkünften und Centurionenhäusern Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 11–14.
  24. Horreum weitläufig um 51° 44′ 14,1″ N, 8° 35′ 36,5″ O
  25. Horrea weitläufig um 51° 44′ 21,5″ N, 8° 35′ 37,5″ O
  26. Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 27–30.
  27. Velleius Paterculus 2,105. Dazu Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 35f.
  28. Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 32.
  29. Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 33f.
  30. a b Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 32f.
  31. Vermutung bei Rudolf Aßkamp: Die Lippe entlang – Aufmarsch im rechtsrheinischen Germanien. In: Archäologie in Deutschland, Nr. 4, August/September 2014, S. 30–32, hier S. 31.
  32. Zum möglichen Ende des Lagers durch Zerstörung durch die Römer vgl. Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 32 (Bildunterschrift), 33.
  33. Z. B. bei Birgit Meineke: Die Ortsnamen des Kreises Paderborn (= Kirstin Casemir, Jürgen Udolph (Hrsg.): Westfälisches Ortsnamenbuch (WOB). Band 11). Verlag für Regionalgeschichte, Gütersloh 2017 (online), S. 169.
  34. Rudolf Aßkamp: Die Lippe entlang – Aufmarsch im rechtsrheinischen Germanien. In: Archäologie in Deutschland, Nr. 4, August/September 2014, S. 30–32.
  35. Stadt Delbrück (Hrsg.): Anreppen, Römerlager Lehrfpfad, abgerufen am 13. Dezember 2025.
  36. DSchG NRW, abgerufen am 8. Dezember 2025.