Römerlager Kneblinghausen

Als Römerlager Kneblinghausen wird eine römische Befestigungsanlage südlich des Ortsteils Kneblinghausen der nordrhein-westfälischen Stadt Rüthen im Kreis Soest bezeichnet.

Lage und Forschungsgeschichte

Die Kneblingauser Anlage liegt in Bezug auf die nächsten römischen Militärlager rund 65 Kilometer Luftlinie östlich des Römerlagers Oberaden, 28 Kilometer südlich des Römerlagers Anreppen und 86 Kilometer westlich des Römerlagers Hedemünden, ohne dass jedoch zeitliche oder faktische Zusammenhänge zu diesen gegeben wären. Das ehemalige Militärlager befindet sich topographisch auf einem bis zu 410 m NHN hohen Bergsporn zwischen den Flüssen Alme und Möhne. Aus dieser Position konnte der Pass eines alten Weges gut überwacht und leicht gesperrt werden und es war eine weitreichende Sicht bis zum Teutoburger Wald und zum Eggegebirge gewährleistet. Zudem war die Lage im Norden, Westen und Osten durch Geländeeinschnitte natürlich geschützt. Im heutigen Landschafts- und Siedlungsbild liegt das Bodendenkmal in einem zum größten Teil bewaldeten Gelände knapp einen Kilometer südlich von Kneblinghausen und knapp vier Kilometer östlich von Rüthen entfernt.

Die noch heute im Gelände wahrnehmbaren Geländeverformungen waren schon im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts als mögliche alte Verteidigungsanlagen bemerkt worden. Es blieb Anton Hartmann, einem Lehrer aus Rüthen vorbehalten, zwischen 1901 und 1907 erste Ausgrabungen vorzunehmen und auch zeitnah zu publizieren.[1] Nach dem Ersten Weltkrieg setzten August Stieren (1926–1931)[2] und Eberhard Henneböle (1934 sowie 1936–1939)[3] die Untersuchungen fort. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Henneböle zwischen 1949 und 1951 noch Nachuntersuchungen vor, die jedoch nicht publiziert wurden. Erst 2007/2008 fanden in der Folge des Orkans Kyrill, der zahlreiche Bäume in dem Gelände entwurzelt hatte, wieder Forschungen vor Ort statt, um die durch den Orkan verursachten Bodenschäden zu ermitteln.[4] Die jüngsten Untersuchungen erfolgten 2020 mit nichtinvasiven, geophysikalischen Methoden.[5]

Archäologische Befunde

Vorrömische Besiedlung

Von den ersten Ausgrabungen an stießen die Archäologen immer wieder innerhalb und außerhalb der römischen Befunde auf Befunde und Funde offenbar germanischen Ursprungs, darunter auch Spuren, die als mögliche Reste von Gebäuden angesprochen wurden, sowie Siedlungsgruben, Backöfen und Brunnen. Da diese von dem Graben der römischen Anlage I (siehe unten) eindeutig überschnitten werden, müssen sie älter sein als die römischen Hinterlassenschaften. Das Fundmaterial setzt sich aus relativ hochwertiger Keramik, darunter Ware aus der Region und von wohl durchziehenden elbgermanischen Gruppen zusammen. Ebenfalls regional prozuziert waren 20 Schleifsteine aus dem dort anstehenden Fels. Aber auch offensichtliche Importe konnten geborgen werden, so Fragmente von Glasschmuck aus dem Gebiet der heutigen Niederlande und von Mahlsteinen aus Basalt, die in der Gegend von Mayen in der Eifel produziert worden waren. Schlackebröckchen weisen auf eine mögliche Metallproduktion. Alle Funde ließen sich durchgängig auf auf das 1. Jahrhundert v. u. Z. datieren.[6]

Römische Anlagen II und I

Die Anlage II ist das ältere der beiden Kastelle, bei denen es sich möglicherweise auch lediglich um zwei verschiedene Bauphasen ein und desselben Kastells handeln könnte. Seine Abmessungen von 450 m mal 245 m umfassen eine Fläche von außen rund 11 Hektar (innen rund 10 Hektar), wobei sich seine Längsachse von Osten nach Westen erstreckt. Als Annäherungshindernis diente ein Spitzgraben, von dem noch eine Restbreite zwischen 1,10 m und 1,65 m und eine Resttiefe zwischen 0,50 m und 0,65 m erhalten ist. Pfostengruben auf seiner Innenseite wurden als Spuren einer Holz-Erde-Mauer interpretiert. Tore werden für alle vier Seiten vermutet, aber nur an der Ostseite konnte eine Stelle nachgewiesen werden, wo der Graben auf einer Breite von 11 Metern unterbrochen ist. Je eine tiefere Pfostengrube an den beiden Grabenköpfen lässt zusätzliche Sicherungsmaßnahmen vermuten.[7]

Die Anlage I entstand durch eine Verkürzung der älteren Anlage auf deren Ostseite um rund 125 m auf nunmehr 325 m mal 245 m, so dass die Kastellgröße nur noch knapp 8 Hektar außen und 7,45 Hektar innen betrug. Die Umwehrung bestand aus dem heute noch schwach wahrnehmbaren Spitzgraben und wohl einer Holz-Erde-Mauer, die sich noch als flacher Wall im Gelände abzeichnet. Mit durchschnittlich 2,40 m Breite und 1,20 m Tiefe ist der Graben besser erhalten als der von Anlage II. Für diese Bauphase ließen sich auch Tore an der Nord-, West- und Südseite nachweisen.[8]

Die Tore waren massiv, zwischen 8,50 m und 10,20 m breit und jeweils mit einem Titulum und einer Clavicula zusätzlich abgesichert. Unter einem Titulum versteht man ein dem Tordurchlass vorgesetztes, kürzeres Grabenstück. Bei Clavicula-Toren wurde ein halbkreisförmiger Schutzwall ins Lager hinein gezogen, so dass sich Angreifer nach dem Passieren des Tores um 90 Grad drehen und so den Verteidigern ihre nicht durch den Schild gedeckte rechte Seite zuwenden mussten. Dies ist ein Tortyp, den man bisher nur aus Militärlagern kannte, die Ende des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung errichtet wurden, obwohl seit 1995 bekannt ist, dass schon Gaius Iulius Caesar bei der Belagerung Alesias (52 v. u. Z.) derartige Tore einsetzte.[9] Seitdem aber auch im Römerlager Haltern ein derartiger Tortyp ausgegraben wurde, wirft das natürlich auf eine mögliche Datierung Kneblinghausens ein neues Licht.[10]

Anlagen III und IV

Funktion und Zeitstellung dieser beiden Befunde sind völlig ungeklärt.

Anlage III ist ein 74 m langes, halbkreisförmiges Grabenstück, das an die Nordostecke der Anlage II anschließt. An einer Stelle ist der Graben auf einer Länge 11,50 m Länge unterbrochen, was für eine Durchgangsmöglichkeit spricht. Die Zusammensetzung des Fundmaterials aus seiner Verfüllung wirft mehr Fragen auf als sie Antworten gibt. Neben regionalen, mittelalterlichen Kugeltöpfen fand sich dort Importware aus Pingsdorfer Keramik und Siegburger Steinzeug. Stieren ging daher davon aus, dass kein Zusammenhang zu den Anlagen II und I bestünde. Henneböle hingegen wollte kaiserzeitlich, einheimische Keramik gefunden haben und nahm eine Entstehung in der Römerzeit an.

Rund 80 m nördlich der Anlage I wurde Anlage IV entdeckt und von Henneböle mittels 25 Suchschnitten auf einer Länge von 250 m verfolgt. Seinen Erkenntnissen zufolge sperrte der Graben den Höhenrücken mit dem römischen Lager auf einer Länge von etwa 500 m zwischen den Seitentälern von Alme und Möhne vollständig ab. Auch bei Anlage IV muss offen bleiben, ob ein Zusammenhang mit den römischen Anlagen besteht, zumal keine aussagekräftigen Funde gemacht wurden.

In beiden Fällen können ohne neuerliche Untersuchungen keine wirklichen Aussagen getroffen werden.[11]

Fundmaterial

Das eindeutig römische Fundmaterial aus Kneblinghausen ist mehr als mager. Rezent vorhanden sind noch eine eiserne Dechsel, wie sie von römischen Soldaten zur Holzbearbeitung benutzt wurde und eine bronzene Fibel vom Typus Almgren 22A. Zwar hatte Carl Schuchhardt einige Keramikbruchstücke als augusteisch bestimmt, jedoch sind diese Funde verschollen und die Bestimmung ist daher nicht mehr nachvollziehbar und verifizierbar. Damit fehlen die Grundlagen für eine genaue Datierung nach signifikanten und validen wissenschaftlichen Maßstäben.[12]

Denkmalschutz

Im nicht überbauten, zum größten Teil bewaldeten, sonst landwirtschaftlich genutzten Gelände sind die Bodenverformungen noch nachvollziehbar. Das gesamte Areal wurde nach dem nordrhein-westfälische Denkmalschutzgesetz vom 13. April 2022[13] unter Schutz gestellt und als Bodendenkmal in die Liste der Bodendenkmäler in Rüthen eingetragen. Nachforschungen, gezieltes Sammeln von Funden und Bodeneingriffe jeder Art sind genehmigungspflichtig. Zufallsfunde sind an die Denkmalbehörden zu melden.

Literatur

  • Stephan Berke: Kneblinghausen. In: Bendix Trier (Hrsg.): 2000 Jahre Römer in Westfalen. Mainz 1989, ISBN 3-8053-1100-1, S. 64–66.
  • Eva Cichy: „Römerlager“ von Kneblinghausen. Römische Befestigungsanlage mit germanischer Vorgängersiedlung? In: Heinz Günter Horn (Hrsg.): Theiss Archäologieführer Westfalen-Lippe. Theiss in Herder, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2218-0, S. 174–176 (Digitalisat).
  • Eva Cichy: Neues aus dem „Römerlager“ Kneblinghausen. Nach 70 Jahren Pause wurde in der Befestigungsanlage erstmals wieder gegraben. In: Jahrbuch Westfalen 2009. Aschendorff, Münster 2008, ISBN 978-3-402-15815-9, S. 139–141.
  • Joris Coolen, Volkmar Schmidt: Von abgefahren zu abgehoben. Geomagnetik am »Römerlager« Rüthen-Kneblinghausen. In: Archäologie in Westfalen-Lippe 2020. Beier & Beran, Langenweißbach 2021, S. 255–258 (Digitalisat).
  • Georg Eggenstein: Das Siedlungswesen der jüngeren vorrömischen Eisenzeit und der frühen römischen Kaiserzeit im Lippebereich (= Bodenaltertümer Westfalens 40). Zabern, Mainz 2002, ISBN 3-8053-3101-0, insbes. S. 71–101.
  • Ulrich Grun: Die Römer und das Lager bei Kneblinghausen. In: 800 Jahre Kneblinghausen 1183–1983. Sauerländer Heimatbund, Lippstadt 1983, S. 12–15.
  • Anton Hartmann: Forschungen und Grabungen im „Römerlager“ bei Kneblinghausen. In: Mitteilungen der Altertums-Kommission für Westfalen 3, 1903, S. 99–126.
  • Anton Hartmann: Ausgrabungen im „Römerlager“ bei Kneblinghausen in den Jahren 1903 und 1904. In: Mitteilungen der Altertums-Kommission für Westfalen 4, 1905, S. 129–157.
  • Anton Hartmann: Das zweite Römerlager bei Kneblinghausen. Hinterlassener Bericht von A. Hartmann – Rüthen †. Mit Erläuterungen von Friedrich Köhler, Hamm (Westf.). In: Mannus 23, 1931, S. 184–201.
  • Eberhard Henneböle, Ernst Samesreuther: Neue Untersuchungen in Kneblinghausen. In: Germania 23, 2, 1939, S. 94–103 (Digitalisat).
  • Eberhard Henneböle: Die Vor- und Frühgeschichte des Warsteiner Raumes. (= Beiträge zur Warsteiner Urgeschichte, 2). Hennecke, Warstein 1963, insb. S. 42–43.
  • Johann-Sebastian Kühlborn: Rüthen-Kneblinghausen. In: Heinz Günter Horn: Die Römer in Nordrhein-Westfalen. Lizenzausgabe Nikol, Hamburg 2002 für Theiss, Stuttgart 1987, S. 598–599.
  • Johann-Sebastian Kühlborn: Das Römerlager von Kneblinghausen. In: Vera Brieske (Bearb. u. Red.): Der Kreis Soest. (= Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland, 39). Theiss-Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 3-8062-1516-2, S. 226–228.
  • Johann-Sebastian Kühlborn: Rüthen. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 25. de Gruyter, Berlin, New York 2003², S. 449–452.
  • Martin Müller: Die Befestigungsanlage von Kneblinghausen, Kreis Soest. In: Johann Sebastian Kühlborn (Hrsg.): Germaniam pacavi – Germanien habe ich befriedet. Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Münster 1995, S. 175–180.
  • Bernhard Rudnick: Das Römerlager Kneblinghausen, Stadt Rüthen, Kreis Soest. (= Römerlager in Westfalen. 1). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2008 (Digitalisat).
  • August Stieren: Das Lager bei Kneblinghausen. In: Germania 11, 1927, S. 70–71 (Digitalisat).
  • August Stieren (Hrsg.): Bodenaltertümer Westfalens. Ein Bericht über Grabungen und Funde für die Jahre 1925 bis 1928. (= Bodenaltertümer Westfalens, Band 1). Westfälische Vereinsdruckerei, Münster 1929, insbes. S. 50–53 (Digitalisat)
  • August Stieren: Neues vom Lager bei Kneblinghausen. In: Germania 15, 1931, S. 157–163 (Digitalisat).
  • August Stieren: Neues vom Lager bei Kneblinghausen. In: Mannus 23, 1931, S. 347–348.

Einzelnachweise

  1. Anton Hartmann: Forschungen und Grabungen im „Römerlager“ bei Kneblinghausen. In: Mitteilungen der Altertums-Kommission für Westfalen 3, 1903, S. 99–126; Ders.: Ausgrabungen im „Römerlager“ bei Kneblinghausen in den Jahren 1903 und 1904. In: Mitteilungen der Altertums-Kommission für Westfalen 4, 1905, S. 129–157.
  2. August Stieren: Das Lager bei Kneblinghausen. In: Germania 11, 1927, S. 70–71 (Digitalisat); Ders. (Hrsg.): Bodenaltertümer Westfalens. Ein Bericht über Grabungen und Funde für die Jahre 1925 bis 1928. (= Bodenaltertümer Westfalens, Band 1). Westfälische Vereinsdruckerei, Münster 1929, insbes. S. 50–53 (Digitalisat); Ders.: Neues vom Lager bei Kneblinghausen. In: Germania 15, 1931, S. 157–163 (Digitalisat); Ders.: Neues vom Lager bei Kneblinghausen. In: Mannus 23, 1931, S. 347–348.
  3. Eberhard Henneböle, Ernst Samesreuther: Neue Untersuchungen in Kneblinghausen. In: Germania 23, 2, 1939, S. 94–103 (Digitalisat).
  4. Bernhard Rudnick: Das Römerlager Kneblinghausen, Stadt Rüthen, Kreis Soest. (= Römerlager in Westfalen. 1). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2008, S. 1–7 (Digitalisat).
  5. Joris Coolen, Volkmar Schmidt: Von abgefahren zu abgehoben. Geomagnetik am »Römerlager« Rüthen-Kneblinghausen. In: Archäologie in Westfalen-Lippe 2020. Beier & Beran, Langenweißbach 2021, S. 255–258 (Digitalisat).
  6. Bernhard Rudnick: Das Römerlager Kneblinghausen, Stadt Rüthen, Kreis Soest. (= Römerlager in Westfalen. 1). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2008, S. 20–21 (Digitalisat).
  7. Bernhard Rudnick: Das Römerlager Kneblinghausen, Stadt Rüthen, Kreis Soest. (= Römerlager in Westfalen. 1). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2008, S. 7–9 (Digitalisat).
  8. Bernhard Rudnick: Das Römerlager Kneblinghausen, Stadt Rüthen, Kreis Soest. (= Römerlager in Westfalen. 1). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2008, S. 9–10 (Digitalisat).
  9. Michel Reddé: Titulum et clavicula. A propos des fouilles récentes d'Alésia. In: Revue Archéologique de l'Est du Paléolithique au Moyen Âge, 46,2, Paris 1995, S. 349–356.
  10. Bernhard Rudnick: Das Römerlager Kneblinghausen, Stadt Rüthen, Kreis Soest. (= Römerlager in Westfalen. 1). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2008, S. 10–15 (Digitalisat).
  11. Bernhard Rudnick: Das Römerlager Kneblinghausen, Stadt Rüthen, Kreis Soest. (= Römerlager in Westfalen. 1). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2008, S. 15–18 (Digitalisat).
  12. Bernhard Rudnick: Das Römerlager Kneblinghausen, Stadt Rüthen, Kreis Soest. (= Römerlager in Westfalen. 1). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2008, S. 19–23 (Digitalisat).
  13. DSchG NRW, abgerufen am 8. Dezember 2025.


Koordinaten: 51° 29′ 27″ N, 8° 30′ 17,5″ O