Römisches Marschlager bei Hachelbich
Das Römische Marschlager bei Hachelbich war ein temporäres Römisches Militärlager auf dem Gebiet des heutigen Ortsteils Hachelbich der Gemeinde Kyffhäuserland im thüringischen Kyffhäuserkreis. Es stammt aus der Zeit zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. In Mitteldeutschland ist es das erste römische Militärlager, das dort entdeckt wurde. Die Entdeckung erfolgte 2009.
Lage, Entdeckung und erste Erforschung
Das Lagereareal befindet sich in leichter Hanglage südöstlich des Dorfes, nordwestlich der Erhebungen des Naturschutzgebiets Kahler Berg – Kuhberg. Topographisch ist dies das Tal der Wipper nördlich des Höhenzuges Hainleite und südlich der Windleite. Das Flusstal bildet einen in Ost-West-Richtung verlaufenden Korridor (in dem sich auch alte Wegstrecken befinden), der das Thüringer Becken und das Gebiet der Saale nach Westen und Süden hin mit dem Obereichsfeld sowie dem Werra- und Wesertal verbindet.
Die Entdeckung des Marschlagers erfolgte im Jahr 2009 bei bodendenkmalpflegerischen Routinemaßnahmen vor dem Bau einer neuen Trasse für die Landesstraße 2290 von Hachelbich nach Göllingen. Dabei fiel ein für römische Militärlager typischer Spitzgraben auf. Seit der Entdeckung wurden in dem weitläufigen und landwirtschaftlich genutzten Gelände eine Reihe von Prospektionsmaßnahmen mittels Luftbildarchäologie, Geländebegehungen mit Metalldetektoren, sowie geophysikalischen Methoden durchgeführt. Die reine Oberflächenprospektion erwies sich insbesondere zur Klärung des Verlaufs des Spitzgrabens als nicht ausreichend, da das Gelände teilweise durch Kolluvium überlagert worden war. Ausgrabungen erfolgten bisher in den Jahren 2010, 2014 und 2016. Der Öffentlichkeit wurde der Fund im Frühjahr 2014 durch das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie bekanntgegeben.[1][2][3]
Archäologische Befunde
Die Anlage verfügte als äußere Absicherung über einen langen, noch bis zu einem Meter tief erhaltenen Spitzgraben. Der Graben konnte bisher in zwei, im rechten Winkel zueinander angeordneten Teilstücken verfolgt werden. Dabei handelt es sich um bislang rund 460 ermittelte Meter der Südseite und eine ähnlich lange Strecke (deren Gesamtlänge sich vermutlich auf ungefähr 680 m bis zum Ufer der Wipper beläuft) auf der Ostseite des Lagers, für das jedoch trotz des rechten Winkels ein insgesamt polygonaler Grundriss nicht ausgeschlossen werden kann. Ein Durchlass zum Lagerinneren befand sich auf der Ostseite und wurde durch ein Titulum (dem Durchlass vorgelagertes Grabenstück) gesichert. Die Befunde zeigten, dass der Graben mit seinem Aushub, der vermutlich als Umwallung gedient hatte, teilweise wieder verfüllt worden war. Anhand der Befundsituation bei anderen Marschlagern lässt dies den Schluss zu, dass die römischen Truppen nach der (möglicherweise erstmaligen) Aufgabe des Lagers die Verfüllung selbst vorgenommen hatten. Mittels der Radiokarbonmethode konnten Holzreste aus der unteren Füllschicht auf den Zeitraum von 50 v. u. Z. bis 125 u. Z. datiert werden, ein Kalbsschädel aus der oberen Füllschicht auf die Zeit zwischen 420 und 550.[2][4]
Die Gesamtgröße des Lagers zu bestimmen ist schwierig, da nur Teilabschnitte von lediglich zwei Seiten ermittelt worden sind. Die Gesamtfläche beträgt vielleicht nur 18 Hektar, vermutlich 23 Hektar, könnte aber auch über 40 Hektar groß gewesen sein, wenn das vollständige, in einer Spornlage befindliche Gelände von den Erbauern für das Lager genutzt worden ist. Innerhalb des Lagers wurden acht Feldbacköfen mit ihren Arbeitsgruben freigelegt. Diese sprechen dafür, dass das Lager für einen längeren Zeitraum als nur einen Tag angelegt worden war. Viele derzeit noch offene Fragen werden wohl erst durch künftige wissenschaftliche Untersuchungen beantwortet werden können.[2][4][5][6]
Fundmaterial, Interpretation und Datierung
Zu den Funden zählen Gegenstände aus Buntmetall wie der Beschlag einer Reiterausrüstung, Kastenbeschläge für Transportkisten, fünf eiserne Nägel für die Sohlenprofile von Caligae in der Form ohne Noppen und Stege, der untere Teil einer Dolchscheide (das sogenannte Ortband) und ein Riemenbeschlag (vom Typ Oldenstein 718). Diese und eine Anzahl weiterer Kleinfunde lassen kaum Zweifel an der Zugehörigkeit zum römischen Militär aufkommen, wobei dreiflügelige Pfeilspitzen auf die Anwesenheit von Hilfstruppen weisen, da es Bogenschützen nicht bei den Legionären, sondern nur bei den Auxiliaren gab. Funde germanischer Fibeln datieren in die Mitte des 1. und in das 3. oder beginnende 4. Jahrhundert.
Die relative Fundarmut erklären sich die Archäologen damit, dass derartige Marschlager oft nur wenige Tage bestanden, die Bodenbedingungen für die Metallerhaltung teils ungünstig sind und dass die ansässige Bevölkerung aufgegebene Marschlager intensiv nach Metallteilen abgesucht haben dürfte. Die Truppenkapazität des Lagers schätzen die Archäologen auf eine römische Legion mit rund 5000 Legionären zuzüglich ihrer Hilfstruppen, insgesamt vielleicht 8000 bis 9000 Mann. Im weiteren Umkreis von Hachelbich werden noch andere Marschlager vermutet, da römische Truppen mit ihrem Tross durchschnittlich nur 20 Kilometer, auf Eilmärschen bis zu 30 Kilometer am Tag zurücklegten.
Die chronologische Einordnung der Funde ist derzeit noch unklar. Es wird vermutet, dass das Lager entweder der Zeit der Chattenkriege des Domitian (83 und 85 u. Z.) oder der Zeit späterer römischer Unternehmungen in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts unter Maximinus Thrax (um 235/236, siehe auch Harzhornereignis) zuzuordnen ist. Der genaue Zeitpunkt der Errichtung des Lagers ist unbekannt und es kann daher keinem der aus antiken Überlieferungen bekannten Feldzüge zugeordnet werden. Gut denkbar ist auch eine mehrmalige Nutzung des Lagers.[6][7]
Über den Grund des Aufenthalts römischer Truppen innerhalb der Germania magna mutmaßte der Archäologe Michael Meyer, dass es sich um eine Strafaktion gegen Germanen gehandelt haben könnte, die möglicherweise im Kontext mit dem sogenannten Harzhornereignis stünde.[8]
Siehe auch
Literatur
- Michael Geschwinde, Michael Meyer, Petra Lönne, Torben Schatte: Harzhorn. Die Archäologie eines germanisch-römischen Kampfplatzes des 3. Jahrhunderts n. Chr. 3 Bände, Reichert Verlag, Wiesbaden 2025, ISBN 978-3-7520-0796-1, S. 510 f., 644, 722, 726.
- Mario Küßner, Tim Schüler: Truppen in Thüringen. Nordöstlichste römische Militäranlage entdeckt. In: Archäologie in Deutschland 3/2014,S. 6 (Digitalisat).
- Mario Küßner, Diethard Walter: Ur- und frühgeschichtliche Besiedlung und Archäologische Denkmalpflege im Kyffhäuserkreis. In: Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (Hrsg.): Kulturdenkmale in Thüringen. 5: Kyffhäuserkreis. Teilband 1. Reinhold, Altenburg 2014, ISBN 978-3-937940-92-2, S. 44 f. (Digitalisat).
- Lothar Schulte: Rom vs. Unbekannt? Auf der Suche nach den germanischen Gegnern Roms 235 n. Chr. In: Acta Praehistorica et Archaeologica, Nummer 51, 2019, S. 178, Nr. 812 (Digitalisat).
Weblinks
- André Kirchner, Mario Küßner: Poster: Geoarchäologische Untersuchungen des römischen Marschlager Hachelbich (Kyffhäuserkreis/Thüringen). Universität Hildesheim, Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege am 11. Mai 2018
- Berthold Seewald: Mit diesen Legionen strafte der Kaiser die Germanen; auf Welt Online am 28. Mai 2018
- Römische Truppen in Thüringen auf Archaeologie Online am 9. Mai 2024
Einzelnachweise
- ↑ Überreste von Römischem Heerlager entdeckt ( vom 12. Mai 2014 im Internet Archive); MDR am 9. Mai 2014, abgerufen am 17. Dezember 2025.
- ↑ a b c André Kirchner, Mario Küßner: Poster: Geoarchäologische Untersuchungen des römischen Marschlager Hachelbich (Kyffhäuserkreis/Thüringen). Universität Hildesheim, Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege am 11. Mai 2018, abgerufen am 17. Dezember 2025.
- ↑ Florian Stark: Roms Legionen führten auch in Thueringen Krieg, auf welt.de am 10. Mai 2014, abgerufen am 17. Dezember 2025.
- ↑ a b Mario Küßner, Diethard Walter: Ur- und frühgeschichtliche Besiedlung und Archäologische Denkmalpflege im Kyffhäuserkreis. In: Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (Hrsg.): Kulturdenkmale in Thüringen. 5: Kyffhäuserkreis. Teilband 1. Reinhold, Altenburg 2014, ISBN 978-3-937940-92-2, S. 44 f. (Digitalisat).
- ↑ Erstmals Römer-Spuren in Mitteldeutschland entdeckt; auf Spiegel online am 9. Mai 2014, abgerufen am 17. Dezember 2017.
- ↑ a b Berthold Seewald: Mit diesen Legionen strafte der Kaiser die Germanen; auf welt.de am 28. Mai 2018, abgerufen am 17. Dezember 2025.
- ↑ Mario Küßner, Tim Schüler: Truppen in Thüringen. Nordöstlichste römische Militäranlage entdeckt. In: Archäologie in Deutschland. Nummer 3, 2014, S. 6 (academia.edu).
- ↑ Michael Geschwinde, Michael Meyer, Petra Lönne, Torben Schatte: Harzhorn. Die Archäologie eines germanisch-römischen Kampfplatzes des 3. Jahrhunderts n. Chr. 3 Bände, Reichert Verlag, Wiesbaden 2025, ISBN 978-3-7520-0796-1, S. 510 f., 644, 722, 726.
Koordinaten: 51° 20′ 20,5″ N, 10° 58′ 36″ O