Uferkastell Beckinghausen

Uferkastell Beckinghausen
Limes vor der Zeit des Limes
(östlich jenseits des Limes)
Abschnitt Germania magna,
sogenannte Lippelager
Datierung (Belegung) 11 v. u. Z. bis 8/7 v. u. Z.
Typ Uferkastell
Größe außen 2,5 ha, innen 1,6 ha
Bauweise Holz-Erde-Lager
Erhaltungszustand nicht sichtbares Bodendenkmal
Ort Beckinghausen
Geographische Lage 51° 36′ 50″ N, 7° 32′ 52,5″ O
Höhe 80 m ü. NHN
Vorhergehend Römerlager Olfen (nordwestlich)
Anschließend Römerlager Oberaden (östlich)

Das Uferkastell Beckinghausen (trivial auch als „Römerlager“ bezeichnet) ist ein ehemaliges römisches Militärlager am Fluss Lippe (lateinisch: Lupia) bei Beckinghausen, einem heutigen Ortsteil von Lünen im nordrhein-westfälichen Kreis Unna. In römischer Zeit zählte das Gebiet zur Germania magna, dem nie längerfristig römisch besetzten rechtsrheinischen Gebiet Germaniens.

Lage und Forschungsgeschichte

Das ehemalige römische Militärlager und heutige Bodendenkmal liegt an einem steil zur Lippe hin abfallenden Hochufer, etwa dort, wo der Rotherbach in den Fluss einmündet. Im heutigen Landschaftsbild befindet es sich außerhalb der bebauten städtischen und industriellen Gebiete Lünens, um den Beckinghauser Friedhof herum (durch den ein Teil der Befunde zerstört wurde) in einem größtenteils bewaldeten Naherholungsgebiet längs der Lippe. In antiker Zeit lag es in nur 2,5 km Entfernung Luftlinie westlich des Mehrlegionenlagers Oberaden.

Die Entdeckung des Militärlagers geht auf Überlegungen des Pfarrers und Amateurarchäologen Otto Prein (1867–1945) zurück. Dieser hatte herausgefunden, dass wohl im Bereich des Beckinghauser Friedhofes noch im 19. Jahrhundert römische Funde in der Lippe gemacht worden waren. Auch eine Furt durch die Lippe soll es damals noch an jener Stelle gegeben haben. Prein stellte daraufhin die Hypothese auf, dass die Römer in diesem Bereich einen befestigten Lippeübergang gebaut haben könnten. Im Jahr 1906 fanden sich dort tatsächlich Keramikscherben, die von Constantin Koenen, dem Ausgräber von Novaesium (Neuss), in die erste Hälfte des 1. Jahrhunderts v. u. Z. datiert wurden. Im Jahr 1911 konnten die Archäologen des nahe gelegenen Militärlagers in Oberaden, Albert Baum und Gerhard Kropatschek, bei einer Suchgrabung Preins Vermutung bestätigen.[1] Weitere Ausgrabungen fanden in den Jahren 1912 bis 1914 statt.[2] Dabei konnten mittels einzelner Suchschnitte Größe und Gestalt der Lagerumwehrung ermittelt werden, größere Flächen wurden jedoch nicht erkundet. Auch 1937 und 1938 fanden Untersuchungen (durch den Dortmunder Museumsleiter Christoph Albrecht) statt. Diese wurden jedoch nicht publiziert und die Originaldokumentation ging im Krieg verloren.[3] Zu bislang letzten Ausgrabungen kam es in den Jahren 1995 bis 1998 durch die Bodendenkmalpflege des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe. Dabei konnten die Spuren eines Horreums (Getreidespeicher) identifiziert werden.[4]

Befunde

Das Uferkastell ist ein Holz-Erde-Lager mit einem unregelmäßigen, annähernd längsovalen Grundriss, der sich von Osten nach Westen erstreckte. Bei mittleren Seitenverältnissen von 200 m zu 100 m betrug seine Gesamtfläche rund 2,5 ha, wovon 1,6 ha auf den Innenraum entfielen. Drei parallel verlaufende Spitzgräben dienten im Westen, Süden und Osten als Annäherungshindernisse, im Norden scheint man in Anbetracht des steilen Lippeufers mit einem Höhenunterschied von mehr als elf Metern auf Gräben verzichtet zu haben. Die Gräben waren bis zu 3,70 m breit und über zwei Meter tief, zwischen ihnen lagen 3,40 m bis 4,00 m breite Stege, zur Ummauerung hin folgte eine drei Meter breite Berme. Die Mauer selbst war in Holz-Erde-Bauweise konstruiert und besaß eine Mächtigkeit von drei Metern, möglicherweise war sie alle 30 m mit hölzernen Türmen verstärkt. Es konnte nur eine einzige Toranlage mit einem rechteckigen Grundriss von neun mal zehn Metern und eingezogenen Torwangen auf der Westseite des Kastell festgestellt werden. Vor dem Tor waren zumindest die beiden inneren Gräben durch eine Erdbrücke unterbrochen, bei dem äußeren Graben ist die Befundlage unklar und aufgrund der noch nicht ausgereiften Grabungstechnik zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch unsicher.[3][4]

Über den Aufbau des Lagerinneren ist relativ wenig bekannt. Gefunden wurden insgesamt vier Drainagegräben, die wahrscheinlich den Verlauf von Straßen markieren. Ein (bis auf den Bereich des Tores) im Abstand von durchschnittlich sieben Meter zur Mauer das gesamte Lager umrundendes Gräbchen markiert den Verlauf der Via sagularis, der Lagerringstraße, welche die Mauer resp. deren Agger von der nutzbaren Innenfläche des Kastells abgrenzte. Zwei weitere Gräben verliefen nahezu parallel zur Längsachse des Lagers, wobei sich ihr Abstand voneinander von 20 m im Westen auf 27 m im Osten verbreiterte. Dazwischen verlief vermutlich die Via praetoria (Lagerhauptstraße). Ein viertes, die Hauptstraße im Osten des Kastells quer schneidendes Drainagegräbchen markiert möglicherweise den Verlauf der Via principalis (Lagerquerstraße). Das einzige, wirklich gesicherte Gebäude Inneren ist ein 12,30 m breites und 13,20 mm langes (Horreum). Zwei weitere Gebäudegrundrisse, welche die Ausgräber zwischen 1911 und 1914 in Tornähe gesehen haben wollen, erscheinen hingegen höchst fragwürdig, zumal eines dieser mutmaßlichen Gebäude den Tordurchgang versperrt hätte. Gesichert wiederum ist die Existenz mehrerer Abfallgruben sowie zweier Töpferöfen, in denen Tonwaren gebrannt wurden, die für die Datierung des Kastells nicht ganz unbedeutend sein sollten.[3][4]

Datierung und Besatzung

In einem der Töpferöfen waren zweihenkelige Krüge produziert worden, wie sie Siegfried Loeschcke auch im Mehrlegionenlager von Oberaden nachgewiesen hatte. Er hatte daraus die Schlussfolgerung gezogen, dass diese Gefäße in Beckinghausen hergestellt worden sind. Auch die Fundmünzen der Jahre 11 bis 8/7 v. u. Z. verweisen auf eine Gleichzeitigkeit mit dem großen Nachbarkastell, nach dem entsprechende Befund-/Fundkomplexe in der Fachwelt auch als Oberadenhorizont bezeichnet werden. Beide Militärlager stehen im Kontext mit den Drusus-Feldzügen der Jahre 12 bis 8 v. u. Z. Daraus folgen auch Schlüsse zu der namentlich nicht bekannten Besatzung des kleineren Kastells. Es müsste sich dabei folgerichtig um eine Vexillation der Oberadener Legionen oder eine von dort stammende Auxiliareinheit gehandelt haben, die für den Schutz der Flusslogistik für das größere Lager zuständig war.[3][4]

Fundverbleib, Befundpräsentation und Denkmalschutz

Das Fundmaterial aus Beckinghausen befindet sich heute zum größten Teil im LWL-Römermuseum Haltern am See. Aber auch im Stadtmuseum Bergkamen[5] und im Römerpark Bergkamen[6] wird Beckinghausen mitpräsentiert.[7] Von den Befunden ist am Fundort nichts mehr zu sehen, das Gelände wurde aber nach dem nordrhein-westfälische Denkmalschutzgesetz vom 13. April 2022[8] unter Schutz gestellt und ist als Bodendenkmal Nr. 2 in die Liste der Bodendenkmäler in Lünen eingetragen, auch im Hinblick auf dort befindliche latènezeitliche Siedlungspuren. Nachforschungen, gezieltes Sammeln von Funden und Bodeneingriffe jeder Art sind genehmigungspflichtig. Zufallsfunde sind an die Denkmalbehörden zu melden.

Literatur

  • Christoph Albrecht (Hrsg.): Das Römerlager in Oberaden und das Uferkastell in Beckinghausen an der Lippe. Bodenbefund, Münzen, Sigillaten und Inschriften nach Ergebnissen der Grabungen von A. Baum † (= Veröffentlichung aus dem Städtischen Museum für Vor- und Frühgeschichte, II,1). Ruhfus, Dortmund 1938.
  • Christoph Albrecht (Hrsg.): Das Römerlager in Oberaden und das Uferkastell in Beckinghausen an der Lippe. Die römische und die belgische Keramik. Die Gegenstände aus Metall nach den Funden der Ausgrabungen von Albert Baum † (= Veröffentlichung aus dem Städtischen Museum für Vor- und Frühgeschichte, II,2). Ruhfus, Dortmund 1942.
  • Stephan Berke: Beckinghausen. In: Bendix Trier (Hrsg.): 2000 Jahre Römer in Westfalen. 1989, ISBN 3-8053-1100-1, S. 52–54.
  • Johann-Sebastian Kühlborn: Lünen-Beckinghausen. In: Heinz Günter Horn: Die Römer in Nordrhein-Westfalen. Lizenzausgabe Nikol, Hamburg 2002 für Theiss, Stuttgart 1987, S. 540–541.
  • Johann-Sebastian Kühlborn: Das Uferkastell in Beckinghausen. In: Ders.: Germaniam pacavi – Germanien habe ich befriedet. Westfälisches Museum für Archäologie, Amt für Bodendenkmalpflege, Münster 1995, S. 125–129.
  • Johann-Sebastian Kühlborn: Das römische Uferkastell Beckinghausen. In: Informationen aus dem Museum der Stadt Lünen, 4. Museum der Stadt Lünen, Lünen 1996, S. 1–4.
  • Johann-Sebastian Kühlborn: Beckinghausen, Stadt Lünen, Kreis Unna. In: Ders.: Oberaden, Stadt Bergkamen, Kreis Unna und Beckinghausen, Stadt Lünen, Kreis Unna (= Römerlager in Westfalen 3). 2. Auflage. Altertumskommission für Westfalen, Münster 2011, S. 28–44 (Digitalisat).

Einzelnachweise

  1. Gerhard Kropatschek: Westfalen. In: Prähistorische Zeitschrift 3, 1911, S. 194 f.
  2. Albert Baum: Das Legionslager in Oberaden und das Uferkastell in Beckinghausen an der Lippe. In: Mannus 5, 1913, S. 39–43.
  3. a b c d Johann-Sebastian Kühlborn: Das Uferkastell in Beckinghausen. In: Ders.: Germaniam pacavi – Germanien habe ich befriedet. Westfälisches Museum für Archäologie, Amt für Bodendenkmalpflege, Münster 1995, S. 125–129.
  4. a b c d Johann-Sebastian Kühlborn: Beckinghausen, Stadt Lünen, Kreis Unna. In: Ders.: Oberaden, Stadt Bergkamen, Kreis Unna und Beckinghausen, Stadt Lünen, Kreis Unna (= Römerlager in Westfalen 3). 2. Auflage. Altertumskommission für Westfalen, Münster 2011, S. 28–44 (Digitalisat).
  5. Webpräsenz des Stadtmuseums Bergkamen, abgerufen am 4. Dezember 2025.
  6. Webpräsenz des Römerparks Bergkamen, abgerufen am 4. Dezember 2025.
  7. Römerfunde und Umbau: Das ist neu im Stadtmuseum Bergkamen. In: Westfälischer Anzeiger (wa.de), 27. März 2019, abgerufen am 4. Dezember 2025.
  8. DSchG NRW, abgerufen am 4. Dezember 2025.