Feenmärchen der Madame d’Aulnoy
Feenmärchen der Madame d’Aulnoy ist eine Sammlung von 24 Feenmärchen der französischen Roman-, Märchen- und Novellenschriftstellerin Marie-Catherine d’Aulnoy. Den ersten Teil der Sammlung ließ die Autorin im Jahr 1697 in vier Bänden beim Pariser Drucker und Buchhändler Claude Barbin unter dem Titel Les Contes des fées veröffentlichen.[1] 1698 setzte Madame d’Aulnoy ihre Feenmärchensammlung mit dem vierbändigen Werk Contes nouveaux ou Les Fées à la mode fort, das sie bei Catherine Le Gras, der Witwe des Pariser Buchhändlers Théodore Girard, veröffentlichen ließ.[2] Eine deutsche Übersetzung eines Großteils dieser Märchen unter dem Titel Feen-Mährchen der Frau Gräfin von Aulnoy ist in dem ab 1790 vom Weimarer Handelsunternehmer und Verleger Friedrich Justin Bertuch herausgegebenen mehrbändigen Werk Die Blaue Bibliothek aller Nationen enthalten.[3]
Marie-Catherine d’Aulnoy war eine Zeitgenossin des französischen Schriftstellers Charles Perrault, der für seine Märchensammlung Histoires ou Contes du temps passé („Geschichten oder Erzählungen aus alter Zeit“) berühmt war. Madame d’Aulnoys Feenmärchen waren im Vergleich zu Perrault viel höfischer und gewandter. Aus ihren Schilderungen großer Feste, prächtiger Kleider und Schlösser sowie deren Einrichtung lässt sich ein sehr gutes Bild vom höfischen Leben zur Zeit Ludwigs XIV. erahnen.[4]
Das Stilmittel und die Zauberkraft der Feen wurden von der Autorin bewusst eingesetzt, um außergewöhnliche Handlungen zu ermöglichen und um – zumindest in der Fantasie – auch unerfüllbare Wünsche zu verwirklichen.[4]
Madame d’Aulnoys Prinzessinnen verkörpern nicht eine klischeehaft passive Rolle, sondern sind aktiv und selbstbestimmt handelnde Protagonistinnen, während die Prinzen eher passiv dargestellt werden. Die weiblichen Hauptfiguren stehen auch generell im Mittelpunkt der Handlung. Die Autorin tritt in ihren Märchen für bessere gesellschaftliche Bedingungen für Frauen ein, die leichter höhere Bildung erreichen können, nicht mehr zwangsweise in Klöster eingesperrt werden und keine Konvenienzehe mehr eingehen müssen.[5]
Liste der Märchen in Les Contes des fées
- Gracieuse und Percinet (französischer Originaltitel Gracieuse et Percinet)
- Schönchen Goldhaar (La Belle aux cheveux d'or)
- Der blaue Vogel (L’Oiseau Bleu)
- Prinz Kobold (Le Prince Lutin)
- Prinzessin Frühlingsschön (La Princesse Printanière)
- Prinzessin Röschen (La Princesse Rosette)
- Der goldene Zweig (Le Rameau d’or)
- Der Orangenbaum und die Biene (L’Oranger et l’Abeille)
- Das gute Mäuschen (La bonne petite souris)
- Don Gabriel Ponce de Leon (Don Gabriel Ponce de Léon)
- Der Widder (Le Mouton)
- Finette (Finette Cendron)
- Felicia und der Topf mit den Nelken (Fortunée)
- Babiole (Babiole)
- Don Fernando von Toledo (Don Fernand de Tolède)
- Der gelbe Zwerg (Le Nain jaune)
- Die grüne Schlange (Serpentin vert)
Liste der Märchen in Contes nouveaux ou Les Fées à la mode
- Prinzessin Kärpchen (La Princesse Carpillon)
- Der wohltätige Frosch (La Grenouille bienfaisante)
- Die weiße Hindin (La Biche au bois)
- Die weiße Katze (La Chatte blanche)
- Bellebelle oder Der Ritter Fortunat (Belle-Belle ou le Chevalier Fortuné)
- Täuberich und Taube (Le Pigeon et la Colombe)
- Prinzessin Schöngestirn und Prinz Vielgeliebt (La Princesse Belle-Etoile et le prince Chéri)
- Prinz Frischling (Le Prince Marcassin)
- Der Delphin (Le Dauphin)
Die Bände zwei bis vier der Contes nouveaux ou Les Fées à la mode bestehen aus der Novelle Der bürgerliche Edelmann (Le Nouveau Gentilhomme bourgeois), die die letzten sechs Märchen (Die weiße Katze bis Der Delphin) einrahmt.
Rezeption
Die Märchen waren ursprünglich für Erwachsene – vornehmlich für die adelige Gesellschaft – gedacht und waren sofort nach ihrer Veröffentlichung eine überaus populäre Lektüre, gerieten mit Beginn des 19. Jahrhunderts allerdings in Vergessenheit. Erst mit der Neuinterpretation der Märchen durch den schottischen Schriftsteller Andrew Lang in seinen Fairy-Books erhielten sie wieder vermehrte Aufmerksamkeit. Teilweise wurde das französische Original ‚kindgerecht‘ bereinigt, was jedoch als Verfälschungen kritisiert wurde; vornehmlich die Studien von Jack Zipes rehabilitierten das Original.[6]
Die Brüder Grimm urteilten 1822 über Madame d’Aulnoy: „Ihre Sammlung ist beides, schlechter und besser. Schlechter insofern, als darin die Überlieferung weniger treu beibehalten und Zusätze, Erweiterungen, Verse, moralische Betrachtungen eingemischt sind; überhaupt der Stoff willkürlicher behandelt ist. Überlieferungen aber liegen einem großen Teil dieser Märchen so gut zu Grunde als bei Perrault, und die anderen, rein erfundenen unterscheiden sich durch Mangel an Gehalt leicht davon […] es zeigt sich eine gewandte, schon geübte Hand; manches ist liebenswürdig erzählt und manches naiv und kindlich ausgedrückt, dennoch konnten diese Märchen nicht allgemein Eingang finden, weil sie nur für Kinder des höheren Standes, zu welchem die Verfasserin gehörte, passten. Es ist zu viel Zier und Kostbarkeit, auch wohl französische Sentimentalität darin, man fühlt das überfeine und vornehme Element aus dem Zeitalter Ludwig XIV., dagegen fehlt etwas Natürliches und Frisches, oder das einfache und, wenn man den Ausdruck nicht missdeuten will, das bürgerliche, das neben allen Wundern in den echten Märchen immer durchscheint.“[4]
Wendy Osgerby schreibt in ihrer Buchrezension: „In ihren Märchen verwendet die Autorin zwar Motive aus mündlich überliefertem Volksgut, erzählt sie aber in einer komplexen literarischen Form für gebildete Leser. Madame d’Aulnoys außergewöhnliche Biografie erklärt die Verarbeitung von Motiven wie Kinderbraut und Monster, so z.B. in Le Serpetin (‚Die grüne Schlange‘) und Variationen von Die Schöne und das Biest. Sie zeigt aber auch starke, unabhängige Heldinnen, wie Finette-Cendron, die ihre undankbaren Schwestern rettet und den Eltern verzeiht, dass sie sie verlassen hatten.“[6]
Referenzen
Les Contes des fées ist unter dem Titel Klassische französische Märchen in dem literarischen Nachschlagewerk 1001 Kinder- und Jugendbücher – Lies uns, bevor Du erwachsen bist! für die Altersstufe 8+ Jahre enthalten.[6]
Weblinks
- Die Blaue Bibliothek aller Nationen beim Göttinger Digitalisierungszentrum
- Contes, Tome I by Madame d’Aulnoy (französisch), Project Gutenberg
- Contes, Tome II by Madame d’Aulnoy (französisch), Project Gutenberg
Einzelnachweise
- ↑ Les Contes des fées | Anecdota. Abgerufen am 6. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ More Madame d’Aulnoy | Anecdota. Abgerufen am 7. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ GDZ - Göttinger Digitalisierungszentrum. Abgerufen am 6. Oktober 2025.
- ↑ a b c Marie-Catherine, Baronne d’Aulnoy: Französische Feenmärchen der Madame d’Aulnoy. Dausien, Hanau/Main 1982, ISBN 3-7684-5226-3.
- ↑ Susanne Hahn, Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur, Ergänzungsband, S. 20f.; Marc Soriano, Enzyklopädie des Märchens, Bd. 1, Sp. 1020ff.; Roswitha Böhm: Marie-Catherine d’Aulnoy, in Margarete Zimmermann, Roswitha Böhm (Hrsg.): Französische Frauen der Frühen Neuzeit, Primus-Verlag, Darmstadt 1999, ISBN 3-89678-139-1, S. 230f.
- ↑ a b c Julia Eccleshare (Hrsg.): 1001 Kinder- und Jugendbücher – Lies uns, bevor Du erwachsen bist! 1. Auflage. Edition Olms, Zürich 2010, ISBN 978-3-283-01119-2 (960 S., librarything.com).