Die weiße Hindin
Die weiße Hindin (La Biche au bois, auch Die Hindin im Walde) ist ein Feenmärchen (AaTh 403) von Marie-Catherine d’Aulnoy und erschien 1698 in Contes Nouveaux ou Les Fées à la Mode.
Inhalt
Die Königin fleht an der Heilquelle, dass sie endlich ein Kind bekommt. Eine Fee zeigt sich erst als sprechender Krebs, führt sie dann zum Feenpalast, man prophezeit ihr das schönste Töchterchen. Sechs Feen geben ihr einen Strauß Blumen aus Edelsteinen. Damit ruft sie sie bei der Geburt, sie beschenken das Kind, begaben es mit edlen Eigenschaften. Die vergessene Fee von der Quelle kommt als Krebs dazu, will das Kind verderben und lässt sich nur etwas besänftigen. Sollte Prinzessin Désirée vor ihrem fünfzehnten Jahr das Tageslicht sehen, wird sie es bereuen. Sie wächst also in einem unterirdischen Palast nur mit Kerzenlicht auf. Vor dem fünfzehnten Jahr verschickt die Mutter ihr Porträt. Prinz Guerrier verliebt sich so, er schließt sich damit ein und spricht nur noch mit dem Bild. Das Gerede der Höflinge missfällt dem König, doch stimmt er mit seinem Sohn überein, als er das Bild sieht. Er nimmt sein der Prinzessin Noire gegebenes Wort zurück und schickt den Boten Becafigue zum Hof der Prinzessin Désirée. Er wird feierlich aufgenommen, man verspricht sie dem Prinzen, sie erhält sein Porträt, verliebt sich auch. Nur ihre Abreise muss wegen des Fluchs drei Monate warten. Prinzessin Noire klagt es ihrer Patin, der Fee von der Quelle, was deren Wut auf Désirée erneuert. Derweil wird Prinz Guerrier liebeskrank und droht zu sterben. Becafigue übermittelt, die Hochzeit sei unaufschiebbar. Désirée reist in einer fensterlosen Kutsche zum Prinzen. Hoffräulein Giroflée liebt ihre Prinzessin, die andere, Longue-Epine beneidet sie insgeheim. Als sie sich der Stadt nähern, schneidet Longue-Epines Mutter die Kutsche mit einem Messer auf. Das Tageslicht verwandelt Désirée in eine weiße Hindin, die in den Wald läuft. Die Fee der Quelle zerstreut mit einem Gewitter das Gefolge. Nur Giroflée läuft der Hindin nach. Longue-Epine tritt im Gewand der Prinzessin und mit ihrer Ehrendame dem Prinzen entgegen. Hässlich wie sie ist, sperrt der König sie ein. Prinz Guerrier reist mit Becafigue in den Wald. Die Fee Tulipe leitet Giroflée zu der schönen Hindin, kann ihr zumindest nachts ihre Menschengestalt zurückgeben und weist den beiden das Haus einer alten Frau. Auch Becafigue und der Prinz schlafen dort. Drei Tage jagt er die Hindin im Wald, verletzt sie zuletzt am Bein und schleppt sie zur Hütte. Giroflée nimmt sie ihm ab. Er sieht, dass es dasselbe Haus ist, Becafigue erkennt Giroflée als Désirées Dienerin. Die Freude ist groß. Désirée behält ihre menschliche Gestalt. Tulipe, die die alte Frau war, heilt die Wunde. Prinz Guerrier hält den Kriegszug des Königs auf, der sich mit der Prinzessin getäuscht sah. Sie wird begnadigt. Zur Hochzeit Prinz Guerriers mit Désirée heiraten auch Becafigue und Giroflée. Die Fee schenkt ihr vier Goldminen.
Bemerkungen
Eine Hindin ist eine Hirschkuh. „Désirée“ heißt „die Ersehnte“, „Guerrier“ etwa „tapferer Krieger“, weil er drei Schlachten gewonnen hat, „Becafigue“ etwa „Feigenschnabel“, was ihn als Diplomat wohl zu süßen Reden befähigt. Blumennamen wie „Tulipe“ („Tulpe“) und „Giroflée“ („Nelke“) bedeuten Schönheit, „Longue-Epine“ dagegen „Langdorn“. Noire („die Schwarze“) ist Äthiopierin. Quellen sind heilig, hier rationalisiert als Heilquelle. Der weissagende Krebs im Bad erschien noch in den ersten Auflagen von Grimms Dornröschen. Der Feenpalast hinter Dornen, der Fluch der vergessenen Fee ähneln sehr Perraults schon 1696 erschienenem La belle au bois dormant (Dornröschen) und Aulnoys Die grüne Schlange. Sie nutzt oft das Motiv der Fernliebe zum Brautportrait (Prinzessin Frühlingsschön, Der Prinz Kobold). Wie in Prinzessin Rosette ermöglicht es den Anschlag der falschen Braut, die nicht so weit kommt wie in Der blaue Vogel. Retardierendes Element der Erlösung ist die erotische, wilde Jagd. Sie inspirierte später vielleicht Grimms Brüderchen und Schwesterchen. Auch dort geht die Verwandlung von einer Quelle aus. Die Anmerkung der Brüder Grimm weist auf Aulnoys la biche au bois hin.[1] Marc Soriano ordnet das Märchen als AaTh 403 Die schwarze und die weiße Braut ein, wie Grimms Die weiße und die schwarze Braut.[2]
Der englischen Wikipedia zufolge bearbeitete James Planché das Märchen in Fairy Extravaganza für die Bühne als The Prince of Happy Land, or, The Fawn in the Forest.
Weblinks
- maerchen-welt.eu: Die Hindin im Walde auf Deutsch
- La Biche au bois gelesen von Christiane Jehanne: Teil 1 (32:08), Teil 2 (45:21) (LibriVox)
Einzelnachweise
- ↑ Wikisource: Grimms Anmerkung zu Brüderchen und Schwesterchen
- ↑ Marc Soriano: Aulnoy. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 1. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1977, S. 1020–1024.