The Alchemist (Händel)
The Alchemist oder The Alchymist (deutsch Der Alchemist, HWV 43) ist die Schauspielmusik, die für die Aufführung von Ben Jonsons Komödie The Alchemist am Londoner Queen’s Theatre am 14. Januar 1710 zusammengestellt wurde. Dies ist das Werk eines anonymen Bearbeiters mit Musik von Georg Friedrich Händel.
Entstehung
Fast ein halbes Jahrhundert lang hat Händel seine dramatischen Werke in Form von Opern und Oratorien auf die Londoner Bühnen gebracht. Deshalb verwundert es, wie wenig Schauspielmusik er für das eigentliche Sprechtheater, bei der Bedeutung, welche die Schauspiele für England und London, besonders nach der Stuart-Restauration hatten, komponierte. Sein einziges Projekt größeren Formats für das englische Theater war die Musik zu Tobias Smolletts Alceste (siehe Händels Alceste, HWV 45). Doch das Projekt scheiterte und die für 1750 im Covent Garden Theatre geplante Aufführung fand niemals statt. Zuvor hatte er dreimal ein Lied für eine Schauspielproduktion beigesteuert: The What D'ye Call It (John Gay, 1715), The Universal Passion (James Miller, 1737) und The Way of the World (William Congreve, 1740). Schließlich komponierte er 1745 die Musik für den Epilog von John Miltons Masque Comus (siehe Händels Comus, HWV 44), welche im Juni des Jahres im privaten Rahmen aufgeführt wurde.[1]
An einer frühen Verwendung seiner Musik in einer Aufführung eines Schauspiels hatte Händel selbst aber offenbar keinen Anteil: Im Januar 1710 hatte ein unbekannter Bearbeiter die Ouvertüren-Suite zu seiner italienischen Oper Vincer se stesso e la maggior vittoria, welche im Herbst des Jahres 1707 in Florenz aufgeführt worden war und heute unter dem Titel Rodrigo (HWV 5) bekannt ist, als Bühnenmusik für eine Wiederaufführung von Jonsons 1610 geschriebener Komödie The Alchemist in London verarbeitet. Dabei stammen vermutlich nur acht der neun Nummern von Händel. Das Prelude (Nr. 2, HWV Anh. B 363) gehörte wohl nicht dazu und ist möglicherweise vom Bearbeiter beigesteuert worden.[2][1] Wie diese Musik schon Monate vor Händels erster Ankunft in London die englische Hauptstadt erreicht haben könnte, bleibt unklar. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist sie aber (neben der Arie Ho un non so che nel cor aus Agrippina) seine erste, die in England erklang.[3]
Der Londoner Verleger John Walsh kündigte seine erste Ausgabe von Händels Musik zur Inszenierung von Jonsons Stück im Juli 1710 als
“A New Set of Tunes Compos’d by an Italian Master in the Play call'd the Alchimist.”
„Eine neue Zusammenstellung von Melodien eines italienischen Meisters im Schauspiel namens Der Alchimist.“
an. Er ließ das Werk in vier Stimmheften drucken (zwei Violinen, Viola und Bass).
Zu einer späteren Aufführung von Jonsons Schauspiel mit Händels Musik kam es dann 1732/33, welche eine Londoner Tageszeitung mit
“[…] select Pieces of Musick, compos’d by Sig. Corelli, Sig. Vivaldi, Sig. Geminiani, and Mr. Handel, and Entertainments of Dancing”
„[…] ausgewählten Musikstücken, von Herrn Corelli, Herrn Vivaldi, Herrn Geminiani und Herrn Händel, sowie Tänzen zur Unterhaltung“
ankündigte. Auch hier erstellte der Verlag von John Walsh (diesmal aber der Sohn John Walsh jun.) wieder Notenausgaben (The Tunes for the Alchimist und Six songs in seven parts), in welcher die neun Instrumentalsätze allerdings nur dreistimmig wiedergegeben waren. Von Händel stammten in dieser Produktion neben den Nummern aus Rodrigo noch sechs Opernarien, welche aus Giulio Cesare, Poro, Partenope, Admeto, Rinaldo und Riccardo Primo entnommen waren.[3]
Die Komödie
Die zuerst im Jahre 1610 in Oxford aufgeführte Komödie The Alchemist gilt allgemein als Jonsons bestes und charakteristischstes Werk. Samuel Taylor Coleridge behauptete, dass es eines der drei vollkommensten Handlungen in der Literaturgeschichte bis zu seiner Zeit hatte. Das Schauspiel erfüllt vorbildlich die klassischen Erfordernisse des Theaters der Renaissance und die lebendige Darstellung der menschlichen Dummheit haben es zu einem der wenigen Stücke der Zeit gemacht, die sich (abgesehen von den Werken Shakespeares) einen festen Platz auf der Bühne bis in die Gegenwart gesichert haben.
Die Handlung schildert anschaulich die menschliche Niedrigkeit, sich auf Kosten anderer zu bereichern, wenn die drei Kleinkriminellen und Trickbetrüger Subtle, Face und Doll behaupten, der Alchemie mächtig zu sein und damit die Leichtgläubigkeit und Habgier ihrer Opfer schamlos ausnutzen,[4] dann aber letztlich an der gleichen Falle, die sie anderen stellen, nämlich ihrer Habsucht, scheitern.
Orchester
Zwei Oboen, Streicher, Basso continuo.
Musik
Bei der Aufführung von 1710 leitete die eigentliche Ouvertüre im französischen Stil, bestehend aus einem Largo im Vierertakt und einem Allegro-Fugato im Sechsachteltakt, das Stück ein. Vier Tanzsätze, jeweils zwei, erfüllten die Anforderungen der traditionellen „First Musick“ und „Second Musick“, die gespielt wurden, während das Publikum sich setzte. Die anderen Sätze wurden als „Act Tune“ verwendet, um die Pausen zwischen dem Prolog und den fünf Akten zu füllen.[1]
Die Aufführungsdauer der Händelschen Schauspielmusik beträgt 15 bis 16 Minuten.
| 1. Ouverture. | |
| 2. (Prelude.) bzw. (Air.) | (nicht von Händel?) |
| 3. Minuet. | |
| 4. Saraband. | |
| 5. Boree. | |
| 6. Aire. | |
| 7. Minuet. | |
| 8. Aire (Gavotte). | |
| 9. Jigg. |
Diskografie
- L’oiseau-Lyre (Decca) DSLO 598 (1982): Academy of Ancient Music; Dir. Christopher Hogwood (16 min)
- SM5000 SMCD 5091 (2000): CBC Vancouver Orchestra; Dir. Monica Huggett (16 min)
- Naxos 8555712 (2001): European Union Baroque Orchestra; Dir. Roy Goodman (15 min)
- Brilliant Classics 94600 (2006): Musica ad Rhenum; Dir. Jed Wentz (19 min)
Literatur
- Anthony Hicks: Theatre Music Vol. II. Aus dem Englischen von Henning Weber, L’oiseau-Lyre (Decca) DSLO 598, London 1982.
- Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8. Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4.
- Otto Erich Deutsch: Handel. A documentary biography, Adam and Charles Black, London 1955. (englisch)
- Curtis A. Price: Handel and The Alchemist. His first contribution to the London theatre. In: The Musical Times, Vol. 116, London 1975. (englisch)
- William Charles Smith: Handel. A Descriptive Catalogue of the Early Editions, Cassell, London 1960. (englisch)
- Albert Scheibler: Sämtliche 53 Bühnenwerke des Georg Friedrich Händel, Opern-Führer. Edition Köln, Lohmar/Rheinland 1995, ISBN 3-928010-05-0.
- Peter Zehfuß: Betrug und Selbstbetrug. Ben Jonsons Komödien „Volpone“ und „The Alchemist“ vor dem Hintergrund der elisabethanisch-jakobäischen Gesellschaft und in ihrer Bedeutung für die Gegenwart. Susanne Roderer Verlag, Regensburg 2001. (= Theorie und Forschung; 698; Literaturwissenschaften; 30), ISBN 3-89783-217-8.
Weblinks
- Ouverture zu Rodrigo, darin acht der neun Sätze des The Alchemist (Händel-Werkausgabe, hrsg. v. Friedrich Chrysander, Leipzig 1873)
- The Alchemist, HWV 43: Noten und Audiodateien im International Music Score Library Project
- weitere Angaben zu The Alchemist bei gfhandel.org, abgerufen am 23. September 2018
- The Alchemist bei Klassika
Einzelnachweise und Anmerkungen
- ↑ a b c Anthony Hicks: Theatre Music Vol. II. Aus dem Englischen von Henning Weber, L’oiseau-Lyre (Decca) DSLO 598, London 1982, S. 3.
- ↑ Anthony Hicks und ihm folgend Donald Burrows waren der Meinung, dieser in B-Dur stehende Satz stammt nicht von Händel. John H. Roberts plädierte jedoch in jüngster Zeit für deren Echtheit mit dem Hinweis, Händel habe das Prelude als Ausgangspunkt für den Marsch in B-Dur in Rinaldo (HWV 7) genommen. Siehe: John H. Roberts: Souvenirs de Florence: Additions to Handel Canon. In Händel-Jahrbuch 57, Bärenreiter-Verlag, Kassel 2011, ISBN 978-3-7618-1451-2, S. 211 ff.
- ↑ a b c d Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8. Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4, S. 504.
- ↑ Mareike Kruse: Analyse der Raum- und Zeitstruktur von 'The Alchemist' von Ben Jonson. Studienarbeit, GRIN Verlag, München 2004, ISBN 3-640-46330-7, S. 3