Kindertransporte im Spanischen Bürgerkrieg

Die Kindertransporte im Spanischen Bürgerkrieg fanden vor allem in den Jahren 1937/38 statt und sollten mit Unterstützung der Spanischen Regierung sowie in- und ausländischer Hilfsorganisationen Kindern außerhalb von Spanien Schutz vor den Angriffen der Franco-Truppen und deren ausländischer Unterstützer bieten. Durch diese Hilfsaktionen wurden in der Folge des Spanischen Bürgerkriegs zehntausende Niños de la Guerra (Kriegskinder) vorrangig aus dem Baskenland, aus Asturien, Kantabrien, Barcelona und anderen noch republikanisch kontrollierten Landesteilen ins sichere Ausland gebracht. Hauptaufnahmeland war Frankreich, wo Quimper ein früher Ankunftsort war.[1] Weitere große Aufnahmeländer waren Großbritannien, Belgien und die Sowjetunion (UdSSR). „Als eine der ersten humanitären Hilfsaktionen im 20. Jahrhundert sollten die Kindertransporte während des Spanischen Bürgerkriegs zahlreiche spätere Nachfolger finden.“[2]

Die spanischen Kindertransporte sind in Deutschland wenig bekannt. Hier wie fast überall in Europa und in den USA steht der Begriff Kindertransport vorrangig für die Rettungsaktionen zu Gunsten jüdischer Kinder in den Jahren 1938/39, durch die diese aus Deutschland heraus und vor allem nach Großbritannien in Sicherheit gebracht werden konnten.

Die Kindertransporte aus Spanien

Wann genau damit begonnen wurde, Kinder während des Bürgerkriegs aus den republikanischen Teilen Spaniens zu evakuieren, ist nicht bekannt. Karine Lapeyre berichtet, dass die Pläne zur Evakuierung der Kinder ins Ausland heftige Kontroverse ausgelöst hätten, sich aber letztlich die Befürworter durchsetzen konnten. Die Entscheidung zur Evakuierung sei durch den Fall von Málaga (8. Februar 1937) und den Fall von Bilbao (19. Juni 1937) beschleunigt worden. Von den Aufnahmeländern habe Frankreich die meisten Kinder aufgenommen, die UdSSR habe als Aufnahmeland für bis heute andauernde Kontroversen gesorgt.[3.1]

Die spanische Historikerin Alicia Alted Vigil[4] berichtete laut einem Zeitungsbericht auf einem Seminar, das 2021 von der spanischen Botschaft in Belgien abgehalten wurde, dass nach der Schlacht von Irun im August 1936 und der Belagerung von Madrid im Oktober desselben Jahres zunächst Binnenevakuierungen stattgefunden hätten.[5] Dafür habe die republikanische Regierung Kinderkolonien zum Schutz der Kinder geschaffen. Von ihnen gab es Im September 1937 564, die jedoch im Kriegsverlauf in Flüchtlingslager umgewandelt wurden.[6] Den Binnenevakuierungen folgten dann unter dem Druck der vorrückenden Franco-Truppen und deren Verbündeten (zum Beispiel der deutschen Legion Condor) die Auslandsevakuationen. Eine der ersten – offenbar aber nur eine vorübergehende – fand nach dem 10. September 1936 statt. Etwa 300 Kinder und ihre Lehrer, die in der Region um Santander gestrandet waren, wurden auf der Kilissi nach Saint-Nazaire gebracht. Nach ihrer Ankunft dort am 13. September wurden sie in Kasernen in Ancenis, wo bereits mehr als 200 Kinder lebten, untergebracht. Laut dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK/ICRC) wurden sie allerdings einige Tage später wieder nach Spanien zurückgebracht und ihren Familien in Madrid und Toledo übergeben.[7]

Wie Alicia Alted Vigil spricht auch der baskische Gewerkschaftsbund UGT (Unión General de Trabajadores Euskadi) in einer von ihm publizierten Broschüre davon, dass bereits 1936 der erste Exodus der baskischen Bevölkerung stattgefunden habe. Auslöser sei – analog zu Alted Vigil – die Schlacht von Irun gewesen, die zwischen dem 30. August und dem 1. September 1936 2.272 Menschen zu Fuß zur Flucht über die französische Grenze gezwungen habe. Es habe sich dabei vor allem um Frauen und Kinder gehandelt.[8.1] Dass es sich bei diesen Fluchtbewegungen vom September 1936 noch nicht um organisierte Kindertransporte gehandelt hat, ist vermutlich der Grund dafür, dass deren Beginn überwiegend auf das Jahr 1937 datiert wird. Zudem hatten diese frühen Kindertransporte offenbar noch nicht die dauerhafte Evakuierung der Kinder zum Ziel, sondern der Weg über Frankreich, verbunden mit einem Kurzaufenthalt dort, sollte eine sichere Rückreise der Kinder aus dem nordwestlichen Spanien in ihre Heimatregionen gewährleisten, ohne dabei umkämpfte spanische Regionen durchqueren zu müssen. Das zeigt sich beispielhaft bei dem von Damian González beschriebenen Transport von Anfang Oktober 1936 auf dem norwegischen Frachtschiffs Ala. Mit ihm seien 474 Kinder aus Santander im französischen Le Verdon-sur-Mer angekommen[9], die sich zuvor in einem Ferienlager in der von den Aufständischen besetzten Zone aufgehalten hätten. Die Evakuierung der Kinder hätte die Union Internationale de Secours aux Enfants (UISE)[10] ermöglicht, und nach der Ankunft in Verdon seien sie medizinisch untersucht und am 13. Oktober 1936 nach Barcelona zurückgebracht worden.[7]

Nach Sánchez Artero erfolgte die Mehrzahl der Transporte zwischen März 1937 und Oktober 1938, wobei, bedingt durch den Kriegsverlauf, vor allem Kinder aus Asturien und dem Baskenland evakuiert worden seien, aber auch Minderjährige aus Orten wie Madrid und Aragón sowie der gesamten Mittelmeerküste.[5] In diesen Zeitrahmen passt dann der Transport vom 21. März 1937, mit dem 450 Kinder von Bermeo aus auf zwei britischen Kriegsschiffen nach Saint-Jean-de-Luz und von dort dann auf die Île d'Oléron gebracht wurden. Dort fanden sie Unterkunft in der Kinderkolonie La Maison Heureuse (Glückliches Haus).[11][12] Der 21. März 1937 wird in vielen Quellen als der Beginn der Kindertransporte genannt.

Auch das Centro Documental de la Memoria Histórica benennt für die Evakuierungen den Zeitraum zwischen 1937 und 1938 und spricht von Kindern zwischen 5 und 15 Jahren.[1] Die damals durchgeführten Transporte, die in der nachfolgenden Tabelle aufgeführt sind, basieren auf zwei Quellen:

  • der Zusammenstellung der Transporte, die die UGT Euskadi unter Berufung auf den an der Universität Bordeaux Montaigne lehrenden Historiker Jesús Alonso Carballès[13] veröffentlichte[8.2];
  • dem Atlas de las Evacuaciones, der sehr detaillierte Informationen für die Transporte in die Sowjetunion zur Verfügung stellt.[14]
Evakuierungstransporte in den Jahren 1937 bis 1939
Schiffsname Abfahrtstag Abfahrtsort Zielhafen/Be-stimmungsort Zielland Anzahl der Passagiere Quelle
Erwachsene
 (Anmerkung 1)
Kinder
Isla de Cran Canaria 17.03.1937 (Anmerkung 2) Cartagena Moskau Sowjetunion 0 21 Atlas de las Evacuaciones[14]
Campbell und Blanche (zwei britische Zerstörer) 21.03.1937 Bermeo Île d’Oléron Frankreich 0 450 Sabino Arana Fundazioa[11]
Cabo de Palos 21.03.1937 Valencia Moskau (Anmerkung 3) Sowjetunion 0 72 Atlas de las Evacuaciones
Habana 06.05.1937 Santurtzi La Pallice Frankreich 210 2.273 UGT Euskadi
Goizeko Izarrra 06.05.1937 Santurtzi Pauillac Frankreich 0 163 UGT Euskadi
Carimare, Margaux und Château-Palmer 06.05.1937 Santurtzi Pauillac Frankreich 1.500 500 UGT Euskadi
Habana 16.05.1937 Santurtzi Pauillac Frankreich 1.684 2.185 UGT Euskadi
Mexique 17.05.1937 Barcelona/Bordeaux
 (Anmerkung 4)
Morelia Mexiko 0 456 Daniela Lechuga Herrero[15.1]
Habana 21.05.1937 Santurtzi Southampton Großbritannien 0 3.861 UGT Euskadi
Cabo Corona 22.05.1937 Santurtzi La Pallice Frankreich 437 737 UGT Euskadi
Habana 01.06.1937 Santurtzi La Pallice Frankreich 1.410 2.318 UGT Euskadi
Habana 06.06.1937 Santurtzi La Pallice Frankreich 1.914 2.337 UGT Euskadi[16]
Goizeko Izarrra 10.06.1937 Santurtzi Bayonne Frankreich 0 139 UGT Euskadi
Goizeko Izarrra 13.06.1937 Santurtzi Bayonne Frankreich 0 131 UGT Euskadi
Habana 13.06.1937 Santurtzi Pauillac Frankreich 0 2.900 UGT Euskadi
Leningrad Sowjetunion 0 1.600 UGT Euskadi[17]
Dairiguerme 23./24. September 1937 Gijon-El Musel Leningrad Sowjetunion etwa 200
 (Anmerkung 5)
1.100/
1.200
Atlas de las Evacuaciones
María UIiánova 03.07.1938 Barcelona/Le Havre Moskau Sowjetunion 0 74
 (Anmerkung 6)
Atlas de las Evacuaciones
unbekannt Anfang September 1938 Barcelona/Le Havre Moskau Sowjetunion 0 70 Atlas de las Evacuaciones
María UIiánova & Felix Dzerzhinsky 24. oder 25. November 1938 Barcelona/Le Havre Leningrad Sowjetunion 0 100 oder 300 Atlas de las Evacuaciones
Stanbrook[18] 29.03.1939 Alicante Oran/Leningrad Sowjetunion 15 bis 20
 (Anmerkung 7)
Atlas de las Evacuaciones

Anmerkungen: (Anmerkung 1)Dass die UGT Euskadi getrennte Zahlen für Kinder und Erwachsene ausweist, heißt nicht, dass es sich um Kinder in Begleitung ihrer leiblichen Eltern handelte. (Anmerkung 2)Laut dem Atlas de las Evacuaciones handelte es sich bei dieser Fahrt um die erste dokumentierte Evakuierung, an der vor allem Kinder prominenter Politiker teilnahmen. (Anmerkung 3)Bevor die Kinder nach Moskau gebracht wurden, verbrachten sie den Sommer im Allunions-Pionierlager Artek auf der Krim. (Anmerkung 4)Wie bei den späteren Reisen auch, war Barcelona nur der Sammelpunkt. Von dort aus erfolgte dann zunächst der Transport der Kinder auf dem Landweg zu französischen Atlantikhäfen. (Anmerkung 5)Bei den Erwachsenen handelte es sich um 100 Lehrerinnen, Erzieherinnen und (weibliche) Fanilienangehörige sowie 25 Lehrer. Hinzu kam eine zahlenmäßig nicht bekannte Anzahl von ehemaligen Soldaten und Flüchtlingen. (Anmerkung 6)Laut dem Atlas de las Evacuaciones könnten es auch nur 50 bis 60 Kinder gewesen sein. Ihre Väter waren hauptsächlich republikanische Piloten, und einige wurden von Familienangehörigen begleitet. (Anmerkung 7)Bei diesem Flüchtlingstransport gegen Ende des Spanischen Bürgerkriegs wurden viele Kinder zusammen mit einer deutlich höheren Zahl an Erwachsenen (je nach Quelle zwischen 2.600 und 3.000 Personen) mit dem Schiff Stanbrook von Alicante aus nach Oran gebracht. Monate später kann eine Gruppe von etwa 150 Personen, darunter 15 bis 20 Kinder, von Oran aus über Marseille und Le Havre nach Leningrad reisen, wo sie im Sommer 1939 eintreffen.

Die Zahl der aus Spanien evakuierten Kinder liegt nach der obigen Tabelle bei etwa 22.000. Die nachfolgende Tabelle über die Aufnahmeländer zeigt aber, dass wohl eher 33.000 Kinder aus Spanien heraus in Sicherheit gebracht werden konnten, und das Centro Documental spricht gar von mehr als 50.000 Kindern die zwischen 1937 und 1938 das Land verlassen konnten.[1] Das liegt daran, dass die organisierten Schiffstransporte nur einen Teil der Evakuierungen abbilden. So ergeben die Zahlen für Zielhäfen in Frankreich nach der obigen Tabelle etwa 14.000 Kinder, während unten dem Aufnahmeland Frankreich um die 20.000 zugeschrieben werden. Die gemeinsame Grenze zwischen den beiden Ländern war während des Bürgerkriegs keine unüberwindbare Grenze für individuelle oder organisierte Rettungsaktionen, und spätestens mit der Retirada flüchteten Zehntausende Spanierinnen und Spanier nach Frankreich, darunter auch sehr viele Kinder.

Aufnahmeländer

Je nach Quelle gibt es unterschiedlich Angaben über die Aufnahmeländer, die Ziel von Kindertransporten waren, und auch über die Zahlen der dorthin evakuierten Kinder. Alicia Alted Vigil hat in mehreren Aufsätzen dazu publiziert und macht in ihren beiden Publikationen von 1996 und 2005 die umfassendsten Angaben. Nach ihr fanden die ersten offiziellen Kindertransporte („expediciones“) im März 1937 während der Kämpfe an der Nordfront (Baskenland, Asturien und Santander) statt. In der Folge gründeten sich in vielen Ländern Hilfskomitees zur Finanzierung der Reisekosten und des Unterhalts der Kinder in den Aufnahmeländern. Zur Aufnahme der Kinder waren jedoch weniger Länder bereit.[19.1]

«Los países que se mostraron dispuestos a aceptar la presencia de los pequeños españoles fueron Francia, Inglaterra, Bélgica, Unión Soviética, Suiza, Dinamarca y México. Suecia, Noruega y Holanda no acogieron a niños, pero financiaron el sostenimiento de colonias en la costa mediterránea y en suelo francés.»

„Die Länder, die sich bereit erklärten, die kleinen Spanier aufzunehmen, waren Frankreich, England, Belgien, die Sowjetunion, die Schweiz, Dänemark und Mexiko. Schweden. Norwegen und die Niederlande nahmen keine Kinder auf, finanzierten jedoch den Unterhalt von Kolonien an der Mittelmeerküste und auf französischem Boden.“

Alicia Alted Vigil: El «instante congelado» del exilio de los niños de la guerra civil española, S. 267

Die nachfolgende Tabelle zeigt, wie je nach Quelle die Aufnahmeländer und die Zahlen der von ihnen aufgenommenen Kinder eingeschätzt werden. Die Schwankungsbreite ist allerdings nicht sehr groß.

Anzahl der aufgenommen Kinder
Nach Irene

Sánchez Artero (2021)[5]

Nach Alicia Alted Vigil (1996)[20.1] Nach Centro

Documental[21]

Siehe dazu:
Geflüchtete Geflüchtete Rückkehrer Geflüchtete
Frankreich 20.000 17.489 12.831 20.000 Kindertransporte
nach Frankreich
Belgien 5.000 5.130 3.798 5.000 Kindertransporte
nach Belgien
Großbritannien 4.000 4.435 2.822 4.000 Kindertransport
nach Großbritannien
Sowjetunion[22] 2.900 3.291 34 3.000
Mexiko 456 430 56 455 Kindertransport
nach Mexiko
Schweiz 430 807 643 800
Dänemark 100 120 58
Französisches Territorium

in Nordafrika

335 24
Total 32.886 32.037 20.266 33.255

Die nur von Alicia Alted Vigil erwähnten Kinder, die in die französische Kolonie Algerien flüchteten, passen nicht wirklich in das Schema der übrigen organisierten Kindertransporte. Anfang 1939 wurde durch das Vordringen der Franco-Truppen die Situation für Republikaner immer bedrohlicher. Hunderttausende flohen nach Frankreich, andere in Richtung Süden, um von dort aus nach Nordafrika zu gelangen. Nachdem viele Häfen an der Mittelmeerküste schon in die Hände der Frankisten gefallen waren, verblieb Alicante als eines der letzten Schlupflöcher für Schiffstransporte nach Nordafrika.[23]

Am 28. März 1939 verließ die unter englischer Flagge fahrende Stanbrook abends um 23 Uhr Alicante. Die Schätzungen über die Zahl der Passagiere an Bord pendeln zwischen 2.638 und 3.028, die auf engstem Raum zusammengepfercht die Überfahrt überstehen mussten.[24] Unter ihnen viele unbegleitete Kinder und Jugendliche.[14]

«Sie kamen am Nachmittag des 29. März nach einer mehr als 20-stündigen Überfahrt in Oran an. In den folgenden zwei Tagen durften nur Frauen, Kinder und Verwundete oder Schwerkranke von Bord gehen. Der Rest blieb fast einen Monat lang auf dem Schiff, das von Land aus bewacht wurde und zu einem schmutzigen schwimmenden Gefängnis vor den Docks des Hafens geworden war, wo sie einer qualvollen und erbärmlichen Quarantäne unterworfen waren.»

„Sie kamen am Nachmittag des 29. März nach einer mehr als 20-stündigen Überfahrt in Oran an. In den folgenden zwei Tagen durften nur Frauen, Kinder und Verwundete oder Schwerkranke von Bord gehen. Der Rest blieb fast einen Monat lang auf dem Schiff, das von Land aus bewacht wurde und zu einem schmutzigen schwimmenden Gefängnis vor den Docks des Hafens geworden war, wo sie einer qualvollen und erbärmlichen Quarantäne unterworfen waren.“

Juan Martínez Leal: Atlas de las Evacuaciones: Las partidas – Puertos y salidas[25]

Während sehr viele der in Nordafrika gestrandeten spanischen Republikaner in französischen Internierungslagern auf afrikanischem Boden landeten[23], konnte nach einiger Zeit eine Gruppe von etwa 150 ehemaligen Stanbrook-Passagieren, darunter 15 bis 20 Kinder, über Marseille und Le Havre nach Leningrad reisen und von dort nach Moskau.[14]

Viele der aus Spanien evakuierten Kinder kehrten zu ihren Familien zurück, andere kehrten nie nach Spanien zurück. Ein besonderes Schicksal ereilte die in die UdSSR evakuierten Kinder, da der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und das völlige Fehlen diplomatischer Beziehungen zwischen Francos Spanien und dem sowjetischen Regime sie in einer rechtlichen Grauzone ohne Ausweg zurückließen. Die meisten blieben dort leben.[1] Auch aus Mexiko war die Rückkehrerquote gering, da Mexiko ein enger Verbündeter der Spanischen Republik war und nach deren Niederlage gegen das Franco-Regime zu einem wichtigen Exilland für republikanische Spanier wurde.[26] Für die, die zurückkehrten, war das oft keine Rückkehr in eine ihnen vertraute Heimat.

«Los niños y niñas que retornaron a España recien terminada la guerra civil se encontraron con un mundo muy diferente al que habían dejado al marcharse Siempre arrastraron el estigma de ser hijos de «rojos» y su-frieron discriminaciones y rechazos por ello.»

„Die Kinder, die nach Ende des Bürgerkriegs nach Spanien zurückkehrten, fanden eine Welt vor, die sich stark von der unterschied, die sie bei ihrem Weggang hinterlassen hatten. Sie trugen immer das Stigma, Kinder von „Roten“ zu sein, und litten darunter Diskriminierungen und Ablehnung.“

Alicia Alted Vigil: Las consecuencias de la Guerra Civil española en los niños, S. 218

Dokumentationen und Erinnerungen

2004 erschien unter dem Titel Die Kinder von Guernica die von Wilfried F. Schoeller herausgegebene „umfassende Anthologie zum Spanischen Bürgerkrieg“ (Klappentext).[27] Was der Titel verspricht, hält das Buch nicht. Das Schicksal der Kinder spielt in ihm nur in zwei Beiträgen von Hermann Kesten und Erika Mann eine größere Rolle, und der Buchtitel ist – wie auch der Titel von dessen Beitrag im Buch selber – eine Anlehnung an einen Roman von Kesten.[28] Erika Manns Beitrag beschäftigt sich noch am intensivsten mit dem Schicksal der Kriegskinder; sie beschreibt die Bemühungen der republikanischen Regierung zur Betreuung der Kinder in den für sie eingerichteten Kinderheimen, Schulen und Kinderrestaurants.[29]

Im deutschsprachigen Raum finden sich zu den Kindertransporten im Spanischen Bürgerkrieg nur sehr wenige Hinweise. Eine der seltenen Ausnahmen findet sich auf einer Webseite des Deutschen Historischen Museums (DHM). Unter dem Titel Solidarität im Exil fand dort 2021 eine Ausstellung mit Fotografien von Fred Stein (1909–1967) statt, der in vielen Fotos das Leben der spanischen Flüchtlingskinder in Frankreich dokumentiert hat.[2] Auf der Webseite sind einige Fotos von Fred Stein zu sehen, verbunden mit deren historischer Einordnung. Noch mehr Fotos von Fred Stein sind auf der Webseite We refugees zu finden.[30]

1938 erschien in den USA das Buch They Still Draw Pictures. Es enthielt Zeichnungen von spanischen Kindern, mit denen diese ihre Eindrücke vom Spanischen Bürgerkrieg, aber auch von ihrer Flucht nach Frankreich und ihr Leben dort darstellten. Die Einleitung stammte von Aldous Huxley. In dem in insgesamt drei Auflagen erschienen Buch finden sich 60 Zeichnungen, die in Spanien und in den Flüchtlingskolonien im Süden Frankreichs angefertigt worden waren. Die Gesamtzahl der angefertigten Zeichnungen ist nicht bekannt, aber heute sind 609 von ihnen – darunter auch die 60 aus dem Buch – Teil der Southworth Spanish Civil War Collection[31] in der Library der University of California, San Diego. Die Zeichnungen und das Vorwort von Huxley zu der Buchausgabe sind dort online einsehbar.[32] Eine Sammlung, die der University of California vergleichbar ist, aber deutlich kleiner, befindet sich im Bestand der Avery Architectural and Fine Arts Library der Columbia University.[33] Dort sind die 153 Bilder der Sammlung, die im Herbst 1966 im Rahmen einer Ausstellung im Spanish Institute in New York gezeigt wurden, frei zugänglich. Damals erschien auch ein illustrierter Ausstellungskatalog mit dem Titel Children's Drawings of the Spanish Civil War: a Collection of 153 Drawings by Children Living in Refugee Colonies during the War (Spanish Institute, New York 1986).

Die University of Southampton unterhält eine Spezialsammlungen zu den baskischen Flüchtlingskindern, die 1937 mit der Habana nach Southampton kamen. Die Sammlung umfasst auch eine Reihe von Interviews mit Teilnehmern des Transports, die im Rahmen eines Oral-History-Projekts der Universität Southampton geführt wurden[34] und das Archiv der Association for the UK Basque Children. Auf deren Webseite ist sehr viel Material zum Schicksal der nach England evakuierten baskischen Kinder zu finden, darunter auch eine 2025 aktualisierte und modifizierte Passagierlisten der Habana. Auf der Webseite der Marx Memorial Library & Workers' School sind ebenfalls viele Fotos und Zeitungsartikel zu finden, die das Schicksal spanischer Flüchtlingskinder in England dokumentieren.[35] Und mit dem Kindertransport nach Großbritannien befasst sich auch der auf youtube zur Verfügung stehende Film The Children of the Spanish Civil War.[36]

Das 5. Internationale Filmfestival von Morelia zeigte 2007 aus Anlass des 70. Jahrestages Ankunft der Kinder von Morelia mehrere historische Dokumentarfilme über deren Schicksal:

  • Los niños de Morelia (Die Kinder von Morelia)
  • Llegada a la ciudad de México 1937 (Ankunft in Mexiko-Stadt 1937)
  • Niños españoles en México II (Spanische Kinder in Mexiko II) von 1939,

Darüber hinaus wurde auch bislang noch unveröffentlichtes Material gezeigt, unter anderem aus dem Familienbesitz eines der Kinder, das 1937 zu den Kindern von Morelia gehörte. Hinzu kam dann noch ein gerade fertig gestellter Dokumentarfilm aus dem Jahr 2007 der italienischen Journalistin Carmen Té. Ihr Film Los niños de Morelia – Horizontes reencontrados (Die Kinder von Morelia – Wiederentdeckte Horizonte) portraitierte vier inzwischen erwachsenen Kinder von Morelia.[37]

Im Jahr 2019 präsentierte RTVE das Schicksal der spanischen Niños de la Guerra in einem erweiterten Rahmen. Der Dokumentarfilm Infancias quebradas (Zerbrochene Kindheiten) zeigt wie sich das Leben von Kindern während eines Krieges verändert und geht dabei insbesondere auf das das Schicksal derjenigen Kinder ein, die gezwungen waren, ihr Land zu verlassen. Neben jüngeren Menschen, die in ihrer Kindheit unter den Folgen eines Krieges gelitten haben, wird in der Dokumentation an die Kinder und Jugendlichen erinnert, die während des Spanischen Bürgerkriegs ihre Heimat verlassen mussten.[38]

Commons: Niños de Morelia – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. a b c d Centro Documental de la Memoria Histórica: Muestra sobre los niños evacuados durante la Guerra Civil
  2. a b Lily Reyels: Solidarität im Exil. Fred Steins Fotografien von Flüchtlingskindern des Spanischen Bürgerkriegs, DHM, 2021. Lili Reyels war bis Ende 2024 Sammlungsleiterin für Finanz- und Wirtschaftsgeschichte des DHM.
  3. Karine Lapeyre: Los niños de la guerra
    1. Abschnitt 5
  4. Zu Alicia Alted Vigil siehe den Artikel in der spanischsprachigen Wikipedia: es:Alicia Alted Vigil.
  5. a b c Irene Sánchez Artero: Niños de la guerra
  6. César Alcalá: Los niños del exilio. Durante la Guerra Civil fueron evacuados de España 34.037 niños, de los cuales solo algunos volvieron, La Razón, Madrid 2021
  7. a b Damian Gonzalez: The ICRC and the evacuation of children during the Spanish Civil War
  8. UGT Euskadi: Entre el Compromisco Político y el Humanitario
    1. S. 20
    2. S. 26
  9. Nach Pierre Marqués waren an diesem Transport zwei norwegische Frachtschiffe beteiligt, neben der Ala auch die Irisen. (Pierre Marqués: Le CICR et la guerre civile d'Espagne (1936-1939), in: Exils et migrations ibériques au XXe siècle, 2/1995, S. 47.)
  10. Zur UISE existieren Artikel unter anderem in der englisch- und französischsprachigen Wikipedia.
  11. a b Sabino Arana Fundazioa: Los niños y niñas de la guerra. El 21 de marzo de 1937 se produjo la primera evacuación de niños y niñas durante de la Guerra Civil.
  12. Das Maison Heureuse wurde nach der Retirada ab Februar 1939 erneut zur Unterbringung spanischer Kinder genutzt. Es entstand die nach Francisco Ascaso und Buenaventura Durruti benannte Colonie Ascaso-Durruti, die zeitweilig etwa 500 Kindern eine Zuflucht bot. Gegen Sommer musste die Colonie aufgelöst und die Kinder an anderen Orten und Einrichtungen untergebracht werden, da das Maison Heureuse wieder als Ferienkolonie für französische Kinder genutzt werden sollte. (Luis Garrido Orozco: La colonie Ascaso-Durruti d’enfants espagnols réfugiés à l’île d’Oléron, Januar 2023, auf der Webseite Les Giménologues & les enfants espagnols de l’ile d’Oléron auf der Webseite Prisonniers de Guerre. Auf den beiden Seiten gibt es viele weiterführende Links und auch reichlich Bildmaterial.)
  13. Zu Jesús Alonso Carballès siehe dessen Lebenslauf auf der Webseite der Universität Bordeaux Montaigne.
  14. a b c d Atlas de las Evacuaciones: Las partidas – Puertos y salidas
  15. Daniela Lechuga Herrero: Memorias de un cuerpo roto
    1. S. 55
  16. Nach einer Broschüre der Stadt Quimper zur Erinnerung an den Beginn der Flüchtlingstransporte ins Département Finistère ist zu lesen, dass der Transport vom 6. Mai am 7. oder 8. Mai 1937 in Audierne ankam und 2.483 Flüchtlinge an Bord hatte: 210 Frauen und ältere Menschen sowie 2.273 Kinder. 446 dieser Kinder im Alter von 3 bis 13 Jahren sowie etwa zwanzig Erwachsene, die für ihre Begleitung zuständig waren, wurden am 8. Mai nach Quimper und dort in ein Ferienlager gebracht. Die übrigen Passagiere der Habana sollten auf andere französische Städte verteilt werden. (Bibliothèque municipale (Quimper): Il y a 60 ans..., S. 2.)
  17. Siehe hierzu den Artikel Baskische Kriegskinder 1937 auf baskultur.info, 2019. Der Artikel basiert auf einem Interview mit einem Mann, der 1930 in Bilbao zur Welt kam und am 13. Juni 1937 über Frankreich in die Sowjetunion evakuiert wurde. In der spanischsprachigen Wikipedia gibt es zu den in die Sowjetunion evakuierten Kindern den Artikel es:Niños de Rusia.
  18. Zur Geschichte des Schiffes Stanbrook und dessen Kapitän im Kontext der Rettungsaktion für die spanisch-republikanischen Flüchtlinge siehe den ausführlichen Artikel in der englischsprachigen Wikipedia: en:SS Stanbrook.
  19. Alicia Alted Vigil: El «instante congelado» del exilio de los niños de la guerra civil española
    1. S. 267
  20. Alicia Alted Vigil: Las consecuencias de la Guerra Civil española en los niños
    1. S. 218
  21. Centro Documental de la Memoria Histórica: El Exilio Infantil
  22. Im Atlas de las Evacuaciones wird die Zahl 2.895 für die in die Sowjetunion evakuierten Kinder genannt. (Atlas de las Evacuaciones: Niños de Rusia – Datos y cifras)
  23. a b Laurent Perpigna Iban: El infierno de los republicanos españoles exiliados en África del Norte, orientxxi.info, 14. April 2021
  24. Juan Martínez Leal: El exilio republicano en el norte de África
  25. Das Zitat stammt aus einem weiteren Aufsatz von Juan Martínez Leal: El Stanbrook: un barco mítico en la memoria de los exiliados republicanos, Pasado y Memoria – Revista de Historia Contemporánea, Januar 2005 (DOI:10.14198/PASADO2005.4.05)
  26. Virtual Museum of the Spanish Civil War: Mexican Support for Spanish Exiles
  27. Wilfried F. Schoeller (Hrsg.): Die Kinder von Guernica. Deutsche Schriftsteller zum Spanischen Bürgerkrieg – Reportagen, Erinnerungen, Kommentare, Aufbau-Taschenbuch-Verlag, Berlin 2004, ISBN 978-3-7466-8102-3
  28. Hermann Kesten: Die Kinder von Gernika; Ullstein, Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-548-37103-5.
  29. Erika Mann: Spaniens Kinder, in: Wilfried F. Schoeller (Hrsg.): Die Kinder von Guernica, S. 159–163. Der Artikel entstand 1938.
  30. We Refugees – digitales Archiv zu Flucht in Vergangenheit und Gegenwart: Minderjährige spanische Bürgerkriegsgeflüchtete in Frankreich, fotografiert von Fred Stein
  31. Einen guten Einblick in die Collektion vermittelt die Webseite How Child Refugees Drew The Spanish Civil War in 1936 auf flashback.com
  32. They Still Draw Pictures auf der Webseite der Library der University of California in San Diego. Siehe dort auch: Southworth Spanish Civil War Collection.
  33. Avery Drawings & Archives: Spanish Children's Drawings of the Civil War, bulk 1936-1939
  34. University of Southampton: Introduction to Basque child refugee archives
  35. Marx Memorial Library & Workers' School: Child refugees from the Spanish Civil War: a scrapbook tells a story
  36. The Children of the Spanish Civil War (in englischer Sprache), youtube
  37. Doris Morales: Emotiva conmemoración de los 70 años de los niños de Morelia, auf der Webseite des Festival Internacional del Cine en Morelia, 7. Oktober 2007
  38. Infancias quebradas (Zerbrochene Kindheiten) auf rtve.es, 22. Mai 2019 (Dokumentarfilm in spanischer Sprache)
  39. Keren ist Dozentin an der Universität Versailles-Saint-Quentin und Autorin des 2025 erschienenen Buches La Cause des enfants. Humanitaire et politique pendant la guerre d’Espagne (1936-1939), Anamosa, 2025