Kindertransporte im Spanischen Bürgerkrieg nach Frankreich
Kindertransporte im Spanischen Bürgerkrieg nach Frankreich fanden vor allem in den Jahren 1937 und 1938 statt. Durch diese Evakuierungsmaßnahmen sollten Kinder und Jugendliche vor den Angriffen der Franco-Truppen geschützt werden. Die spanisch-republikanische Regierung unterstützte diese Vorsichtsmaßnahmen und fand dabei Unterstützung bei nationalen und internationalen Hilfsorganisationen – in Frankreich vor allem beim Gewerkschaftsbund Confédération générale du travail (CGT; Allgemeiner Gewerkschaftsbund) und dem von ihm gegründeten Comité d'accueil aux enfants d'Espagne (CAEE; Aufnahmekomitee für spanische Kinder). Im Zuge dieser Kindertransporte konnten um die 20.000 Kinder nach Frankreich gebracht werden.[1]
Die organisierten Kindertransporte nach Frankreich, die unabhängig von den aus Spanien nach Frankreich drängenden Flüchtlingswellen erfolgten, sind aus „französischer Sicht eine wenig bekannte Geschichte, die durch den Exodus einer halben Million spanischer Flüchtlinge zwischen Ende Januar und Anfang Februar 1939 und durch die Rettung jüdischer Kinder während des Zweiten Weltkriegs in den Hintergrund gedrängt wurde“.[2]
Zur Geschichte der Kindertransporte
Wann die Kindertransporte aus Spanien nach Frankreich ihren Anfang nahmen, ist nicht eindeutig geklärt. In dem zuvor schon zitierten Begleittext zu dem Podcast Enfants espagnols en France mit Célia Keren ist von einem Fehlstart des Projekts « exode des enfants » (Exodus der Kinder) die Rede, das im August 1936 von Hilfsorganisationen aus dem Umfeld der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF) ins Leben gerufen worden sei. Passend dazu zeigt Le Monde in einem Artikel über Kerens Buch La Cause des enfants ein Foto spanischer Kinder, die 1936 in Ivry-sur-Seine aufgenommen wurden.[3] In La Dépêche du Midi und anderen Zeitungen wird jedoch über Aufführungen des Films Los Niños d'Ivry berichtet, in dem die Anwesenheit der spanischen Kinder in Ivry-sur-Seine auf die Jahre 1937–1939 datiert wird.[4]
Bei einem weiteren Fall aus dem Jahr 1936 handelte es sich vermutlich noch nicht um einen organisierten Kindertransport. Nach dem 10. September 1936 wurden etwa 300 Kinder und ihre Lehrer, die in der Region um Santander gestrandet waren, mit dem Schiff Kilissi nach Saint-Nazaire gebracht. Nach ihrer Ankunft dort am 13. September wurden sie in Kasernen in Ancenis untergebracht, wo bereits mehr als 200 Kinder lebten[5]. Laut dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK/ICRC) wurden sie allerdings einige Tage später wieder nach Spanien zurückgebracht und ihren Familien in Madrid und Toledo übergeben.[6] Das deutet auf einen nur vorübergehenden Aufenthalt in Frankreich hin, um auf diesem Umweg einen vom Bürgerkriegsgeschehen nicht gefährdeten Rückweg in die Heimatregionen der Kinder zu ermöglichen. Das deckt sich auch mit einem Artikel von Pierre Marqués, der ebenfalls von einer nur vorübergehenden Unterbringung in Ancenis spricht.[7.1]
Marqués erwähnt in dem Zusammenhang auch eine weitere innerspanische Rettungsaktion, die aber unter internationalem Schutz ablief.
« Enfin, c'est au tour de Junod de se rendre, début octobre, à Saint-Sébastien (depuis le 13 septembre au pouvoir des insurgés), pour récupérer quarante-et-une fillettes et leurs cinq professeurs de la colonie de Guecho dans les environs de Logro~no. Ce petit monde arrive à Las Arenas – zone internationale de sécurité – sur un contretorpilleur britannique. »
„Anfang Oktober ist schließlich Junod an der Reihe, sich nach San Sebastián zu begeben (das seit dem 13. September von den Aufständischen kontrolliert wird), um 41 Mädchen und ihre fünf Lehrerinnen aus der Kolonie Guecho in der Nähe von Logroño abzuholen. Diese kleine Gruppe kommt mit einem britischen Zerstörer in Las Arenas an – einer internationalen Sicherheitszone.[8]“
Unabhängig von diesen vereinzelten Rettungsaktionen im Jahre 1936 werden in den meisten Quellen die Jahre 1937/38 als Zeitrahmen genannt, in dem die organisierten Kindertransporte ins Ausland stattfanden. Dass Frankreich aufgrund seiner geografischen Nähe zu Spanien dabei zum wichtigsten Aufnahmeland wurde, ist wenig verwunderlich. Hinzu kam aber, dass zumindest anfangs noch die französische Volksfrontregierung an der Seite ihres spanischen Pendants, der Frente Popular, stand – obwohl es dem internationalen Komitee für Nichteinmischung in die Angelegenheiten Spaniens angehörte. Neben der anfänglichen behördlichen Unterstützung für die geflüchteten Kinder wurden aber vor allem die vielen durch private Spenden finanzierten Komitees zu den Trägern der Hilfsmaßnahmen.[9.1]
Frankreich war jedoch nicht nur Aufnahmeland, sondern zugleich auch wichtiges Transitland für die Kindertransporte in andere Länder. Das zeigte sich beim Transport nach Mexiko ebenso, wie bei den vielen Transporten in die Sowjetunion. Die Vortransporte erfolgten meist auf dem Landweg ab Barcelona und gingen dann quer durch Frankreich zu Häfen an der französischen Atlantikküste.
In Frankreich existierten zwischen 1936 und 1939 viele Kinderkolonien, die auf unterschiedlichste Weise finanziert wurden: von spanischen öffentlichen Einrichtungen, insbesondere auch von der baskischen autonomen Regierung[10], von überwiegend kommunalen französischen Stellen und vor allem von Solidaritätskomitees oder humanitären Organisationen. Zu letzteren zählten der Service Civil International (SCI), das im Dezember 1937 gegründete Comité international d’aide aux enfants réfugiés[11], die Internationale Rote Hilfe und die Quäker.[9.2]
Eine wichtige Unterstützung auf französischer Seite erfolgte durch das im November 1936 vom Gewerkschaftsbund Confédération générale du travail (CGT; Allgemeiner Gewerkschaftsbund) gegründete Comité d'accueil aux enfants d'Espagne (CAEE; Aufnahmekomitee für spanische Kinder). Keren macht aber deutlich, dass das unbestreitbare Engagement von CGT/CAEE für die spanischen Kinder auch eine starke innenpolitische Komponente hatte. Es sollte eine Gegenposition zu der etablierten Spanienhilfe aufgebaut werden, und es sollten Gruppen mobilisiert werden, die zwar linke Affinitäten hatten, aber offiziell unpolitisch waren; es ging um die Mobilisierung der pazifistischen und nichtkommunistischen Linken in Frankreich.[12] Das CAEE baut ein Betreuungsangebot auf, das auf die Ressourcen, Aktions- und Organisationsformen der Arbeiterbewegung zurückgriff: Gastfamilien, Ferienkolonien, Waisenhäuser und Erholungsheime, die für Gewerkschaftsmitglieder und ihre Familien eingerichtet worden waren.[13]
Im Mai 1938 betreuten CGT/CAEE siebenundvierzig über ganz Frankreich verteilte Kinderkolonien, in denen 2.669 Kinder untergebracht waren. Bis 1939 erhöhte sich die Zahl der Kolonien auf 53, in denen nun 2.950 Kinder lebten. Hinzu kamen 1.884 Kinder, die von Familien aufgenommenen worden waren, mehr als die Hälfte davon im Großraum Paris.[14]
Im Herbst 1937 kam es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen der CGT und der Regierung der Spanischen Republik. Die Spanier wollten die Zuständigkeit und Handlungsautonomie der CGT für die von ihr betreuten Kinder einschränken. In der Folge blieb die CGT zwar weiter für die bereits in Frankreich anwesenden Kinder verantwortlich, doch sie nahm keine neuen Kinder mehr in ihre Betreuung auf, was seitens der CGT/CAEE zu einer neunmonatigen Unterbrechung der Evakuierungen aus Spanien führte. Nach einer Einigung mit der spanischen Regierung im April 1938 war die CGT/CAEE nicht mehr in der Lage, zu ihrer alten Schlagkraft zurückzufinden, und die Situation verschlechterte sich noch deutlicher nach dem Scheitern eines Ende November 1938 von der CGT ausgerufenen Generalstreiks. Massenentlassungen waren die Folge, und der CGT ging schlicht das Geld aus, um neben ihren notleidenden Mitgliedern auch noch die spanischen Kinder zu unterstützten. Das CAEE war gezwungen, einige seiner Heime zu schließen. Die Hilfsmaßnahmen für die spanischen Kinder, auch die Transporte, wurden zunehmend von anderen Organisationen übernommen, so auch von einem Schweizerischen Sozialistischen Frauenkomitee. Das CAEE musste gar die ihm anvertrauten Kinder entweder nach Spanien zurückführen, oder diese ihren Familien überlassen, sofern diese sich inzwischen selber als Flüchtlinge in Frankreich aufhielten. „Bis Ende 1939 war das CAEE-System vollständig abgebaut und die Organisation selbst fast verschwunden.“ (By the end of 1939, the CAEE system was completely dismantled and the organization itself had almost disappeared.)[12][15]
Für die Betreuung der spanischen Kinder in Frankreich war das ein Einschnitt, denn Dank der Arbeit von CGT/CAEE und weiterer Solidaritätskomitees und Vereine sowie dem Engagement der Pflegefamilien war es zwischen 1937 und 1939 gelungen, den Kindern in Bezug auf Ernährung, Kleidung und Bildung ein halbwegs normales Alltagsleben zu bieten.[9.3] Das änderte sich mit dem Wegfall der Unterstützung durch die CGT/CAEE und den sich verschärfenden innerfranzösischen Restriktionen gegenüber Flüchtlingen, denn die Schwierigkeiten, in denen CGT/CAEE seit 1938 mit ihrer Unterstützung für die spanischen Flüchtlinge steckten, waren auch Teil eines Prozesses, in dessen Verlauf sich das innenpolitische Klima in Frankreich zunehmend verschlechterte und Fremdenfeindlichkeit an Boden gewann. Gesetzgeberische und regulatorische Maßnahme der Regierung von Édouard Daladier schufen seit dem April 1938 die Voraussetzungen dafür, Ausländer zu kontrollieren, zu überwachen, zu unterdrücken und sie in „Sonderzentren“ einzuweisen. Die Niederlage der republikanischen Kräfte im spanischen Bürgerkrieg und die damit einhergehende Massenflucht nach Frankreich im Zuge der Retirada führten in Frankreich schließlich zu zunehmend repressiveren Maßnahmen gegenüber den Geflüchteten.[9.4]
Die sich ab Januar/Februar 1939 stetig verschärfenden Repressalien machten auch vor den spanischen Kindern nicht halt und setzte diese den gleichen Schwierigkeiten aus wie die Erwachsenen. Dreyfus-Armand zur Folge befand sich zwar im Jahr 1939 nur eine relativ kleine Zahl von Kindern in Internierungslagern, aber dies änderte sich unter dem Vichy-Regime, das nicht davor zurückschreckte, viele spanische Kinder zusammen mit ihren Müttern zu internieren.[9.5]
Weblinks
- Geneviève Dreyfus-Armand: L’accueil des enfants espagnols en France pendant la guerre d’Espagne et après la victoire franquiste, documents – Documents pour l’histoire du français langue étrangère ou seconde, 46/2011 (auf der Webseite von OpenEdition Journals). Dreyfus-Armand ist auch Autorin des hier nicht berücksichtigten Buches L'exil des Républicains espagnols en France. De la Guerre Civil à la mort de Franco, Albin Michel, Paris 1999, ISBN 978-2-86260-544-9.
- Célia Keren[16]
- When the CGT did humanitarian work: Spanish children evacuated to France (1936–1939) auf cairn.info (Original: Le Mouvement Social, 2018/3, No 264, S. 15–39). Der Beitrag enthält sehr viele Einzelbeispiele über die von CGT/CAEE organisierten und betreuten Hilfseinrichtungen.
- Enfants espagnols en France entre 1936 et 1939, Deux-cent-trente-et-unième numéro de Chemins d’histoire, ein Podcast mit Célia Keren, ausgestrahlt am Dienstag, 30. September 2025. Die Sendung stand im Zusammenhang mit Kerens Buch La Cause des enfants.
- Pierre Marqués: Le CICR et la guerre civile d'Espagne (1936-1939), in: Exils et migrations ibériques au XXe siècle, 2/1995, pp. 41–59
Einzelnachweise
- ↑ Centro Documental de la Memoria Histórica auf den Webseiten von PARES – Portal de Archivos Españoles: El Exilio Infantil: Los Niños de la Guerra. In ihrer 2025 veröffentlichten Studie La Cause des enfants spricht Célia Keren davon, dass „fast 15.000 spanische Kinder ohne ihre Eltern nach Frankreich geschickt“ worden seien. (Begleittext zu dem Podcast Enfants espagnols en France mit Célia Keren.)
- ↑ „Une histoire peu connue vue depuis la France, histoire écrasée par l’exode d’un demi-million de réfugiés espagnols entre la fin janvier et le début de mois de février 1939, par le sauvetage d’enfants juifs pendant la Seconde Guerre mondiale.“ (Begleittext zu dem Podcast Enfants espagnols en France mit Célia Keren.)
- ↑ Jean Birnbaum: « La Cause des enfants », de Célia Keren : communistes ou catholiques, ces minoritaires qui sauvèrent les petits Espagnols, Le Monde, 3. Oktober 2025
- ↑ La Dépêche du Midi: «Los Niños d'Ivry», un film bouleversant sur les enfants dans la guerre d'Espagne, 24. Februar 2019
- ↑ Zu diesen 200 Kindern, die sich bereits in Ancenis aufgehalten haben sollen, gibt es keine weiterführenden Hinweise.
- ↑ Damian Gonzalez: The ICRC and the evacuation of children during the Spanish Civil War, blogs.icrc.org, 10. Mai 2021
- ↑ Pierre Marqués: Le CICR et la guerre civile d'Espagne
- ↑ S. 47
- ↑ Zum Status internationaler Sicherheitszonen siehe: Emanuela-Chiara Gillard: Le cadre juridique international des « zones de sécurité », Revue internationale de la Croix-Rouge, No. 906, décembre 2017
- ↑ Geneviève Dreyfus-Armand: L’accueil des enfants espagnols en France
- ↑ Ein Beispiel hierfür findet sich in Txomin Hiriart-Urruty's Studie La Citadelle : colonie d’enfants réfugiés de la Guerre civile espagnole (1937-1939), HAL open science, 2015. In ihr geht es um mehr als 500 überwiegend baskische Kinder und etwa 30 Erwachsene, die am 24. Juni 1937 von Bilbao kommend in Saint-Jean-Pied-de-Port ankamen und in der dortigen Zitadelle einquartiert wurden.
- ↑ International Commission for the Assistance of Child Refugee auf der Webseite icrc.org
- ↑ a b Célia Keren: When the CGT did humanitarian work
- ↑ Célia Keren: Enfants espagnols en France entre 1936 et 1939
- ↑ Morgan Poggioli: La CGT et la guerre d’Espagne (1936-1939), in: Les Cahiers d'Histoire Sociale. Poggioli erwähnt in seinem Artikel auch eine größere Anzahl der Orte, an denen sich die Kinderkolonien befanden.
- ↑ Zum Erfolg und Scheitern der Arbeit von CGT/CAEE siehe auch Geneviève Dreyfus-Armand: L’accueil des enfants espagnols en France, Abschnitte 16–18
- ↑ Keren ist Dozentin an der Universität Versailles-Saint-Quentin und Autorin des 2025 erschienenen Buches La Cause des enfants. Humanitaire et politique pendant la guerre d’Espagne (1936-1939), Anamosa, 2025