Kindertransport im spanischen Bürgerkrieg nach Großbritannien

Der Kindertransport im Spanischen Bürgerkrieg nach Großbritannien war Teil der Evakuierungsmaßnahmen durch die Kinder und Jugendliche vor den Angriffen der Franco-Truppen geschützt werden sollten. Die spanisch-republikanische Regierung und die Regierung des seit 1936 teilautonomen Baskenlandes (Euzkadi)[1] unterstützten diese Vorsichtsmaßnahmen und fand dabei Unterstützung bei nationalen und internationalen Hilfsorganisationen. Neben Ländern wie Frankreich, Belgien und der Sowjetunion gehörte auch Großbritannien zu einem der Länder mit der größten Aufnahmequote – allerdings erst nachdem der zivilgesellschaftliche Druck auf die britische Regierung diese zu einer einmaligen Aufnahme von Kindern aus Spanien bewegen konnte.

Geschichte

Laut einer Broschüre des baskische Gewerkschaftsbundes UGT (Unión General de Trabajadores Euskadi) verließ der einzige Kindertransport nach Großbritannien am 21. Mai 1937 den baskischen Hafen Santurtzi und erreichte am 23. Mai 1937 Southampton.[2.1] Das war keine selbstverständliche Hilfsaktion der britischen Regierung, denn Großbritannien gehörte 1936 zu den Gründungsmitgliedern des Komitees für Nichteinmischung in die Angelegenheiten Spaniens und verweigerte deshalb nach dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs die Aufnahme von Flüchtlingen. Sie bekam dabei Unterstützung von der rechtskonservativen Presse, die eine Propagandakampagne gegen die Aufnahme baskischer Kinder auf britischem Boden durchführte.[2.2] Um dem entgegen zu wirken, konstituierte sich Ende 1936 das überparteiliche National Joint Committee for Spanish Relief[3] und startete Kampagnen, um die Regierung zur Aufnahme bedrohter baskischen Kinder zu drängen. Nach der Bombardierung von Guernica musste sich die britische Regierung schließlich dem öffentlichen Druck beugen und genehmigte einen Kindertransport per Schiff ins Vereinigte Königreich.[4]

Mit dem laut der UGT von der Regierung von Euzkadi organisierten Transport nach Großbritannien[2.3] brachte die Habana um die 4.000 Kinder und die sie begleitenden Erwachsenen auf dem Seeweg nach Southampton. Die BCA '37 UK (The Association for the UK Basque) geht davon aus, dass sich an Bord des für etwa 800 Passagiere ausgelegten Schiffes mehr als 3.860 Kinder, 95 Lehrer, 120 Helfer, 15 katholische Priester und 2 britische Ärzte befanden.[4] An ihre Ankunft in Southampton erinnert dort seit 2022 ein Denkmal.[5]

Da die britische Regierung nicht für die Kosten des Aufenthalts der Kinder in Großbritannien aufkommen wollte und gar auf Garantieleistungen für deren Unterhalt bestand[2.4], hatte sich im Frühjahr 1937 das Basque Children’s Committee (BCC) gegründet, dessen Vorsitz die Duchess of Atholl übernahm.[2.5] In einem Statement of Policy (Grundsatzerklärung) definierte das Komitee seine Aufgaben.

“In view of the heavy responsibilitiy involved in the care of the Basque refugee children now in this country, a special Basque Children's Committee has been formed, consisting of representatives of the National Joint Committee for Spanish Relief, the Archbishop of Westminster, the Trades Union Congress, the Society of Friends, the Save the Children Fund, the Spanish Medical Aid Committee and the Salvation Army. The Committee has established a fund of its own and is entirely dependent on voluntary contributions.
The Basque Children's Committee is the temporary guardian of the Basque refugee children while in this country, on behalf of their parents or guardians. The Committee's duty ist to educate them and to arrange for their religious instruction in such a way as their parents, or those entitled to speak for them, at as early a date as may prove possible.”

„Angesichts der großen Verantwortung, die mit der Betreuung der baskischen Flüchtlingskinder in diesem Land verbunden ist, wurde ein spezielles Baskisches Kinderkomitee gegründet, das sich aus Vertretern des National Joint Committee for Spanish Relief, des Erzbischofs von Westminster, des Trades Union Congress, der Society of Friends, des Save the Children Fund, des Spanish Medical Aid Committee und der Heilsarmee zusammensetzt. Das Komitee hat einen eigenen Fonds eingerichtet und ist vollständig auf freiwillige Beiträge angewiesen.
Das Baskische Kinderkomitee ist der vorübergehende Vormund der baskischen Flüchtlingskinder während ihres Aufenthalts in diesem Land und handelt im Namen ihrer Eltern oder Erziehungsberechtigten. Die Aufgabe des Komitees besteht darin, sie zu erziehen und für ihren religiöse Unterrichtung zu sorgen, und zwar so, dass ihre Eltern oder die zu ihrer Vertretung Berechtigten so früh wie möglich darüber informiert werden.“

The Basque Children's Committee: Statement of Policy[6]

Nach ihrer Ankunft in Southampton wurden die Kinder in Bussen in ein zuvor für sie errichtetes großes Zeltlager[7] in North Stoneham gebracht. (Lage) Das North Stoneham Camp war nur eine Übergangslösung. Von Ende Mai bis Mitte September 1937 wurden die Kinder und ihre Begleitung in ungefähr 80 über ganz Großbritannien verstreute kleinere Kolonien verteilt[8], wo lokale Gruppen sich zusätzlich um die Betreuung kümmerten.[9] Rumeana Jahangir macht in ihrem Beitrag für die BBC deutlich, dass das gesamte Projekt auch mit vielen Problemen behaftet war. Die schon erwähnte fehlende Unterstützung seitens der Regierung war ein Teil davon. Hinzu kamen wechselseitige Verständigungsschwierigkeiten, weil auf es auf beiden Seiten an Kenntnissen der je anderen Sprache mangelte, und neben vielen Einheimischen, die den Neuankömmlingen freundlich gesonnen waren, gab es auch solche, die den Kindern ablehnend bis feindlich gegenüberstanden. Auch unter den spanischen Kindern und Jugendlichen gab es einige, die durch ihr Verhalten innerhalb und außerhalb der Schule auffielen, was wiederum zu negativen Berichterstattungen darüber führte.[10][11]

Die Eroberung Bilbaos durch Francos Truppen am 19. Juni 1937 gilt vielfach als Auslöser für die Rückführung der Kinder nach Spanien. Die UGT verweist auf den danach einsetzenden Druck des Franco-Regimes, aber auch auf die von der britischen Regierung gestartete Operation Rückkehr, durch die vor allem Druck auf das BCC ausgeübt werden sollte.[2.6] Es gab aber auch Briefe spanischer Eltern, in denen diese nun die Rückführung ihrer Kinder verlangten, wobei zumindest in einigen Fällen nachweisbar ist, dass diese Briefe auf Druck der franquistischen Behörden verfasst worden waren.[11] Bei Rumeana Jahangir heißt es, dass die Mehrheit der im Mai 1937 nach Großbritannien gekommenen Kinder bereits bis 1938 nach Spanien zurückgekehrt seien.[10] Die Rückführungen selber endeten mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

“By the start of World War II in 1939 most of the children had left for Spain. For some this was a terrible ordeal: they had forgotten their Spanish, or worse - their parents. The 400 or so young people who remained in Britain either chose to stay (if they were over 16, they were given the choice), or had to stay because their parents were either dead, imprisoned or their whereabouts was unknown. By 1945, there were still over 250 Basque refugees in Britain and many of these settled permanently, remaining in Britain for the rest of their lives.”

„Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 waren die meisten Kinder nach Spanien zurückgekehrt. Für einige war dies eine schreckliche Tortur: Sie hatten ihr Spanisch vergessen oder, schlimmer noch, ihre Eltern. Die etwa 400 jungen Menschen, die in Großbritannien geblieben waren, hatten sich entweder dafür entschieden zu bleiben (wenn sie über 16 Jahre alt waren, hatten sie die Wahl), oder mussten bleiben, weil ihre Eltern entweder tot oder inhaftiert waren oder ihr Aufenthaltsort unbekannt war. Bis 1945 lebten noch über 250 baskische Flüchtlinge in Großbritannien, von denen sich viele dauerhaft niederließen und für den Rest ihres Lebens in Großbritannien blieben.“

BCA '37 UK: The 4,000 Basque refugee children evacuated to Britain in May 1937

Erinnerungen an den Kindertransport nach Großbritannien

Die Erinnerung an die geflüchteten baskischen Kinder wird in Großbritannien durch den Verein BCA’37 UK aufrecht erhalten. Aber auch im Baskenland sind sie nicht vergessen. Im April 2022 eröffnete im Museum des Bilbaoer Sportklubs Athletic Bilbao eine Ausstellung über Die Kinder von [19]37 in Großbritannien, die zugleich an die 85 Jahre zurückliegende Bombardierung von Gernika (Guernica) erinnern sollte. Die Ausstellung widmete sich insbesondere dem Leben der jungen baskischen Flüchtlinge, die später erfolgreiche Fußballer geworden waren und fand in Zusammenarbeit mit dem britischen Verein BCA’37 UK und der einheimischen BCA’37 Euskadi statt. Sie sollte zeigen, dass viele baskische Flüchtlinge in Großbritannien Trost im Sport gefunden hatten und darüber Anschluss an britische Fußballklubs. In Wales hätten sie gar einen eigenen Klub gegründet, die Basque Boys AFC, und einige hätten nach Kriegsende auf Eliteniveau in Großbritannien und zu Hause gespielt, zwei auch bei Athletic Bilbao selber.[12]

Die University of Southampton unterhält eine Spezialsammlungen zu den baskischen Flüchtlingskindern, die 1937 mit der Habana nach Southampton kamen. Die Sammlung umfasst auch eine Reihe von Interviews mit Teilnehmern des Transports, die im Rahmen eines Oral-History-Projekts der Universität Southampton geführt wurden[15] und das Archiv der Association for the UK Basque Children. Auf deren Webseite ist sehr viel Material zum Schicksal der nach England evakuierten baskischen Kinder zu finden, darunter auch eine 2025 aktualisierte und modifizierte Passagierlisten der Habana. Auf der Webseite der Marx Memorial Library & Workers' School sind ebenfalls viele Fotos und Zeitungsartikel zu finden, die das Schicksal spanischer Flüchtlingskinder in England dokumentieren.[16] Und mit dem Kindertransport nach Großbritannien befasst sich auch der auf youtube zur Verfügung stehende Film The Children of the Spanish Civil War.[17]

Einzelnachweise

  1. Ingo Niebel: Baskenland, auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung, 7. Oktober 2025
  2. UGT Euskadi: Entre el Compromisco Político y el Humanitario
    1. S. 26
    2. S. 39 f
    3. S. 39
    4. S. 40
    5. S. 32
    6. S. 46
  3. Siehe hierzu den Artikel in der englischsprachigen Wikipedia: en:National Joint Committee for Spanish Relief
  4. a b BCA '37 UK: The 4,000 Basque refugee children evacuated to Britain
  5. Memorial to Basque refugee children unveiled in Southampton. bbc.com, 22. Oktober 2022. Die Seite enthält neben dem Foto der Gedenkplakette auch ein Foto der überfüllten Habana und ein Foto des Zeltlagers, das als Erstaufnahmeeinrichtung aufgebaut worden war.
  6. University of Warwick: A statement of policy, 1937
  7. Für eine umfangreiche Fotodokumentation über das Camp und das Leben der Kinder dort siehe: University of Warwick: North Stoneham Camp for Basque Children.
  8. Basque Children Committee: 4,000 children saved, [c.1937]. Illustrierte Broschüre des Baskischen Kinderkomitees, in der um Hilfe bei der „Adoption“ der Kinder gebeten wurde. (auf der Webseite der University of Warwick)
  9. Auf der Webseite Basque children in Britain der University of Warwick findet sich auch der Unterpunkt „Evacuation of North Stoneham camp: statistical data about the numbers of children sent to different locations on particular dates“. Von dort aus lassen sich mehrere digitalisierte Dokumente aufrufen, die einen Einblick darüber vermitteln, wann und wohin die Kinder verteilt wurden. Einen guten Einblick in die Situation vor Ort nach der Umsiedelung der Kinder gibt die Webseite des Cumbria County History Trust: Basque Children at Brampton: Background. Beispiele über die lokalen Verhältnisse an einzelnen Unterbringungsorten gibt es auch bei Charlie Nurse in dem Artikel “Expedición a Inglaterra”.
  10. a b Rumeana Jahangir: Spanish Civil War: The child refugees Britain didn't want]
  11. a b Charlie Nurse: “Expedición a Inglaterra”
  12. Athletic Club Bilbao: The AC Museum to open exhibition about “The Children of 37 in the UK”. Siehe hierzu auch die Zusammenfassung einer Studie des Historikers Daniel Gray auf der Webseite des International Brigade Memorial Trust (IBMT): Refugee Boys to Professional Players, 14. Juni 2024. Dort werden ebenfalls mehrere Fallbeispiele skizziert.
  13. Eine ähnliche Plakette hängt auch in Southampton. (Santurtzi Historian Zehar: LA EVACUACIÓN DE LOS NIÑOS DE LA GUERRA (2.ª parte)
  14. Foto aus dem Bestand Tyne & Wear Archives & Museums
  15. University of Southampton: Introduction to Basque child refugee archives
  16. Marx Memorial Library & Workers' School: Child refugees from the Spanish Civil War: a scrapbook tells a story
  17. The Children of the Spanish Civil War (in englischer Sprache), youtube