José Lino dos Reis
José Lino dos Reis (* 15. Oktober 1947 in Guiço, Liquiçá, Portugiesisch-Timor; † 15. August 2021), kurz José Lino, Kampfname Manus (auch Manu-Kiak) war ein ehemaliger Polizeibeamter aus Portugiesisch-Timor und Veteran des Unabhängigkeitskampfes von Osttimor.[1][2.1]
Werdegang
Im Bürgerkrieg
Lino ist der Enkelsohn von Buru Bara, einem Getreuen des Rebellenführers Maubute aus Maubara, der sich 1886 und 1893 gegen die Portugiesen erhob.[2.1]
Lino war 1975 Polizist in der Kolonialhauptstadt Dili, als die konservative União Democrática Timorense (UDT) am 11. August mit einem Putsch den Bürgerkrieg gegen die linksgerichtete FRETILIN auslöste. Lino wurde von den UDT-Anhängern am 12. August in seinem Haus in Maloa (Malua) festgenommen und zusammen mit etwa 200 anderen FRETILIN-Mitgliedern und -Sympathisanten in den Baracken der Militärpolizei in Palapaso inhaftiert.[2.1]
Als die FRETILIN zum Gegenschlag ausholte, kam es zu Straßenkämpfen in Dili. Dabei zündete die UDT zur Verteidigung in einigen Teilen der Stadt Häuser an, daunter auch das Haus von Lino. Seine Frau Paulina floh mit den drei Kindern in die Wälder, nahe dem Priesterseminar in Dare, oberhalb von Dili.[2.2]
Am 21. August bot die UDT mehreren Polizeioffizieren an, sie freizulassen, wenn sie sich der UDT anschließen würden. Lino lehnte erst ab, entschloss sich dann aber doch dazu, das Angebot anzunehmen. Er ging zunächst heim, wo er feststellte, dass sein Haus abgebrannt war. Nach einem Hinweis der Nachbarn fand er seine Familie wohlbehalten in Daré und kehrte dann nach Palapaso zurück, um bei der UDT-Führung Meldung zu machen. Am Tag darauf verlangte UDT-Präsident Francisco Lopes da Cruz von Lino, er solle zur FRETILIN-Hochburg Aileu gehen und dort die Situation auskundschaften. Lino verlangte, dass er zuerst seine Familie sicher nach Maubara heimbringen könne. Lopes da Cruz willigte ein und gab Lino einen Passierschein und ein Auto. In Maubara traf Lino auf die lokalen UDT-Führer Adelino Tinoco und Gaspar Correia da Silva Nunes, die fälschlicherweise gehört hatten, Lino habe die FRETILIN-Truppen in Daré aufgehalten. Die UDT hatte im Fort Maubara einige hundert mutmaßliche FRETILIN-Anhänger inteniert. Um weiteres Vertrauen der beiden Parteiführer zu gewinnen, kommentierte Lino die Gefangennahme, man solle alle FRETILIN-Leute hier umbringen. Er erklärte, er müsse seine Familie in Sicherheit nach Cai-Cassa bringen, würde aber am nächsten Tag zurückkehren, um bei der Verteidigung Maubaras gegen die vorrückende FRETILIN zu helfen. Lino durfte fahren, kehrte aber nicht mehr zurück. Zunächst versteckte er seine Familie nahe Cai-Cassa, später brachte er sie in sein Heimatdorf Guiço.[2.3]
Paulina hatte Guiço etwa 500 Blanko-Mitgliedsausweise der FRETILIN mitgebracht, die ihr Mann bei einem Treffen im Haus von FRETILIN-Präsidenten Francisco Xavier do Amaral in Dili erhalten hatte, kurz vor dem Putsch der UDT. Paulina hatte die Karten während der gesamten Flucht versteckt. Da die UDT bei Razzien in Maubara alle Mitgliedsausweise konfisziert hatte, stellte Lino nun neue Mitgliedsausweise für Verwandte und Freunde aus, die die FRETILIN unterstützten. Sein Treiben wurde bald weithin bekannt und Menschen bis aus Atabae kamen zu ihm, um einen Ausweis zu erhalten. Manche boten Lino sogar Geld dafür an, doch er gab sie an Sympathisanten der FRETILIN kostenlos aus. Man erhoffte sich von den Ausweisen Schutz, sobald die FRETILIN-Kämpfer Maubara erreichen würden.[2.4] Lino war ab dem 15. September 1975 Mitglied der FALINTIL, zunächst ab einfacher Soldat, ab dem 1. Mai 1976.[1]
Kampf gegen die Indonesier
Während die Indonesier 1975 entlang der Küste in Richtung Atabae vorrückten, sammelte die FRETILIN-Kämpfer, um die Invasoren am Fluss Lóis zu stoppen. Lino wurde mit 30 Mann nach Atabae geschickt, geriet aber bei der Überquerung des Lóis unter Beschuss durch indonesische Kriegsschiffe und wich zu den Fatubuikaren (Felsen von Buicari) aus. In Megir (Subdistrikt Balibo) wurden sie am 23. November 1975 von gepanzerten Fahrzeugen beschossen, weswegen sie sich nach Aidabaleten zurückzogen. Tags darauf verlor die Truppe zwei Männer im Gefecht und am 25. November traf auf eine indonesische Kompanie, bei der auch timoresische Milizen dabei waren. Lino erkannte dort seinen Verwandten Manuel Maia. Manuel rief Lino zu, dass die Indonesier bis zum 24. Dezember das Lóis-Tal einnehmen würden. Lino erwiderte, dass sie es schwer haben würden, einzudringen. Nachdem sie zwei Tage im Regen, ohne Nahrung, ertragen hatten, führte Lino seine Männer wieder über den Lóis nach Maubara und kehrte zu seiner Familie in Guiço zurück.[2.5] Aidabaleten fiel am 28. November 1975.[3]
Ab dem 1. Mai 1976 war Lino offiziell Kompaniekommandant.[1] Beim Einmarsch der Indonesier in Maubara am 2. Juni 1976 feuerten Lino und seine Männer nur ein paar Warnschüsse auf die Invasoren ab und zogen sich dann zurück.[2.6] Lino beteiligte sich zusammen mit seinem jüngeren Bruder Malitara weiter am Kampf gegen die Indonesier. Er gehörte zu den FALINTIL-Kämpfern, die den Indonesiern bis 1979 den Übergang über den Lóis und so den Weg von Atabae nach Liquiçá und Dili blockierten. Anfang 1977 wurde Lino bei einer Offensive in Maubara schwer verwundet.[1][4] Später diente er als persönlicher Leibwächter von Hélio Sanches Pina.[2.7] Am 14. Februar 1979 wurden die Brüder schließlich von den Indonesiern gefangengenommen.[1][4]
Vom 16. Februar bis 30. November verbrachte er in indonesischen Gefangenschaft in Balide und Colmera. Vom 11. Juni bis 1. Juli befand er sich in Untersuchungshaft, danach bis zum 17. Juli 1984 im Gefängnis auf Atauro. Immer wieder wurde Lino von den Indonesiern festgenommen und gefoltert, zuletzt 1995. Vom 23. Dezember 1993 bis zum 21. Februar 1994 war Lino Vizesekretär der Comissão Executivo da Zona (CEZO) von Maubara des Conselho Nacional de Resistência Timorense (CNRT).[1][4]
1995 wurde Lino trotz seiner Vergangenheit zum Chefe de Suco von Guiço ernannt.[2.8]
Am 27. Januar 1999 umstellte die pro-indonesische Miliz Besi Merah Putih das Haus von Lino. Die Familie floh nach Liquiçá, aber das Haus wurde zerstört. Ihre Unterkunft dort fiel dem Angriff der Miliz am 5. April 1999 zum Opfer. Lino und seine Familie waren tags zuvor weiter nach Dili geflohen.[4]
Auszeichnungen
2008 wurde Lino der Ordem Nicolau Lobato (2. Grad) verliehen.[1][5]
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g MACLN: José Lino dos Reis, abgerufen am 7. Dezember 2025.
- ↑ Douglas Kammen: Three Centuries of Conflict in East Timor. Rutgers University Press, 2019, ISBN 978-0-8135-7412-7 (degruyter.com [abgerufen am 8. November 2025]).
- ↑ Jill Jolliffe. East Timor: Nationalism and Colonialism. Queensland: University of Queensland Press, 1978. OCLC 4833990
- ↑ a b c d José Violante da Silva Reis: Kisah Pertempuran di Loes-Maubara Sebelum 7 Desember 1975, 21. Juni 2022, abgerufen am 7. Dezember 2025.
- ↑ Jornal da República: Decreto do Presidente da República Número 54/ 2008 de 13 de Maio de 2008, abgerufen am 7. Dezember 2025.