I. Ladyschnikow Verlag

Der I. Ladyschnikow Verlag war ein Buchverlag in Berlin von 1906 bis 1933. Er war der wichtigste Verlag für russische Literatur im deutschsprachigen Raum in dieser Zeit.

Geschichte

1905 gründete Iwan Ladyschnikow (1874–1945) den Demos Verlag in Genf im Auftrag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR), zog aber Ende des Jahres nach Deutschland und löste diesen wieder auf.[1] Am 15. Januar 1906 wurde stattdessen der Bühnen- und Buchverlag russischer Autoren Iwan Ladyschnikow mit Sitz in Wilmersdorf bei Berlin in der Uhlandstraße 145 in das Handelsregister eingetragen.[2][3] Dieser verlegte zunächst vor allem Werke von Maxim Gorki und von weiteren russischen Autoren, von denen einige russischsprachige Ausgaben auch illegal nach Russland gebracht wurden.[4] Ein Teil der Einnahmen des Verlages wurde der SDAPR gegeben.

1911 wurde er in die I. Ladyschnikow Verlag G.m.b.H. unter der Leitung von Bernhard Rubinstein (1880–1944) umgewandelt, mit Sitz in der Rankestraße 33 in Charlottenburg.[5] In dieser Zeit erhielt er die Exklusivrechte über das gesamte nachgelassene Werk von Lew Tolstoi außerhalb Russlands.[6] Ab 1919 wandte er sich vermehrt an die zahlreichen russischen Emigranten in Deutschland, auch mit Übersetzungen deutschsprachiger zeitgenössischer Werke in das Russische. In dieser Zeit war er der wichtigste russische Verlag in Deutschland.[7]

Ab 1930 erschienen dort nur noch wenige Bücher in der Zeit der Weltwirtschaftskrise, um 1933 wurde der I. Ladyschnikow Verlag aufgelöst.[8] Einige Rechte gingen an den Malik-Verlag.

Publikationen (Auswahl)

Autoren

Im I. Ladyschnikow Verlag erschienen überwiegend Werke von russischen Autoren in deutscher oder russischer Sprache, besonders von Maxim Gorki (über 20 Titel) und Leo Tolstoi (Exklusivrechte über das nachgelassene Werk außerhalb Russlands), außerdem von Scholem Asch, Jewgeni Tschirikow, Anton Tschechow, Fjodor Dostojewski, Leonid Andrejew, Nikolai Arsenjew und Nikolai Krascheninnikow. Zu den deutschsprachigen Autoren gehörte Richard Muther, außerdem wurden Werke von Arthur Schnitzler, Arnold Zweig und anderen in das Russische übersetzt. Ungarische Autoren waren Franz Molnar, Ignaz Balla, Sándor (Alexander) Brody und Jenő Heltai.

Einzelne Publikationen

Im I. Ladyschnikow Verlag erschienen mehrere hundert deutschsprachige und russischsprachige Publikationen, meist Belletristik

Deutschsprachige Publikationen
  • Ossip Dymow, Nju. Eine Alltagstragödie, 1908
  • Maxim Gorki, Die Letzten, 1910
  • Nikolai Krascheninnikow, Rahels Klage. Ein tausendjähriges Märchen in drei Bildern, 1910
  • Leo Tolstoi, Briefe 1848–1910, 1911
  • Leo Tolstoi, Nachgelassene Werke, 3 Bände, 1911, 1912
  • Arthur Conan Doyle, Ein Duett, [1912]
  • Franz Molnar, Buben und Mädel, [1914]
  • Maxim Gorki, Der Spitzel, 1924
  • Leo Tolstoi, Das dichterische Werk (Gesamtausgabe), 14 Bände, 1924/1925, herausgegeben von Erich Böhme
  • Ossip Dymow, Die letzte Geliebte, 1925
  • Scholem Asch, Mottke der Dieb, 1925
  • Scholem Asch, Joseph, 1925
  • Scholem Asch, Die Zauberin von Kastilien, 1926
  • Scholem Asch, Ein Glaubensmartyrium, 1926
  • Scholem Asch, Der elektrische Stuhl, 1926
  • Scholem Asch, Onkel Moses, 1926
  • Sergej Tretjakow, Brülle, China! 1929
Russischsprachige Publikationen

In der Buchreihe Русская библиотека (Russische Bibliothek) wurden über fünfzig Bände vor allem russischer Klassiker herausgegeben, darunter das Gesamtwerk von Puschkin, Lermontow, Turgenjew und Tschechow und die Hauptwerke von Tolstoi, Dostojewski und Gogol.[10] Einige weitere Titel waren

  • Спутники по немецким курортам / Beiträge zu sämtlichen deutschen Kurorten, 1908
  • Karl Kautsky, Терроризм и коммунизм [Terrorismus und Kommunismus], 1920
  • Maxim Gorki, Воспоминания о Льве Николаевиче Толстом [Erinnerungen an Lew Nikolajewitsch Tolstoi], 1921
  • Arthur Schnitzler, Доктор Греслер (Doktor Gräsler, Badearzt), 1922
  • Arnold Zweig, Новеллы о Клавдии [Novellen über Claudia], 1923
  • Scholem Asch, Дядя Мозес (Onkel Moses), 1923
  • Scholem Asch, Мотька-Вор (Mottke der Dieb), 1924

Übersetzer

Zu den Übersetzern aus dem Russischen gehörten August Scholz, Arthur Luther, Korfiz Holm, Alexander Stein, Erich Müller-Kamp, Adolf Heß, Fred Meyer-Balte, Erich Boehme, Klara Brauner , Ilse Frapan und Gregor Jarcho.

Literatur

  • Karl Schloegel et al. (Hrsg.): Chronik russischen Lebens in Deutschland 1918–1941. Akademie, Berlin 1999, S. 529, mit detaillierten Informationen, auch zu den meisten anderen russischen Verlagen
  • Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums 1700–1910. München 1980–1987
  • Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums 1911–1965. München 1980ff.
Commons: J. Ladyschnikow Verlag – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Иван Ладышников Fantlab (russisch), zur Entstehung dieser Verlage
  2. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel vom 3. Februar 1906, S. 1283 (linke Spalte unten)
  3. Buhl. In: Berliner Adreßbuch, 1907, 1I., S. 292. „Bühnen- und Buchverlag russischer Autoren Iwan Ladyschnikow, W 15, Uhlandstr 145, Gh. II, Inh. I. Ladyschnykow“ (Gh. = Gartenhaus)., erster Eintrag im Berliner Adressbuch, siehe auch S. 1327, mit Privatadresse von Iwan Ladyschnikow in der Ludwigkirchstr. 1
  4. Michael Wegner, Deutsche Arbeiterbewegung und russische Literatur 1900–1918, Akademie, Berlin 1971, S. 147f., mit einigen Angaben über die Anfänge des Verlages
  5. DNB 1314962264; auch Hilfsbuch für den Berliner Buchhandel, 1913, S. 42
  6. Literarisches Zentralblatt für Deutschland. Beilage Die schöne Literatur vom 17. Juni 1911, Sp. 247, (nachgelassene Werke waren die noch nicht gedruckten Werke aus dem Nachlass)
  7. vgl. dazu Karl Schlögel (Hrsg.), Chronik russischen Lebens in Deutschland 1918–1941, Berlin 1999, S. 502–548, mit einem umfassenden Verzeichnis russischer Verlage in Deutschland
  8. Adreßbuch für den Berliner Buchhandel, 1933, S. 82 letzter Eintrag, 1935 nicht mehr; Adreßbuch für Berlin, 1933, letzter Eintrag, 1934 nicht mehr
  9. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel vom 6. Februar 1906, S. 1369 (rechts unten), mit der ersten feststellbaren Anzeige des Verlages, danach über 500 weitere Einträge (suche in Börsenblatt digital [Volltextsuche] und bei Google Books)
  10. Arthur Luther, Russischer Brief, in Das literarische Echo vom 15. Mai 1921, Sp. 1001–1004, hier Sp. 1004