Briefe Hildegards von Bingen

Die Briefe Hildegards von Bingen sind etwa 390 lateinische Schreiben, die Hildegard von Bingen verfasst oder erhalten hat. In den Briefen wendet sie sich an Päpste, Bischöfe, Äbte, Klöster und Laien, gibt Rat, mahnt zur Reform, tröstet und nimmt Stellung zu kirchlichen und politischen Konflikten. Überliefert sind die Texte in mehreren mittelalterlichen Handschriften und Briefbüchern. Eine besondere Rolle spielt der sogenannte Rupertsberger Riesenkodex, der ein „Buch der Briefe“ (lateinisch Liber epistolarum) enthält.

Entstehung und Charakter

Die Briefe entstanden zwischen etwa 1146 und 1179. Adressaten sind unter anderem die Päpste Eugen III., Anastasius IV., Hadrian IV. und Alexander III., König Konrad III., Kaiser Friedrich I. Barbarossa, Heinrich II. von England und Eleonore von Aquitanien, die Erzbischöfe von Mainz, Trier, Köln und Salzburg sowie Bernhard von Clairvaux. Die Themen reichen von Visionsdeutungen, Lehr- und Trostschreiben und Reformappellen über Stellungnahmen zu kirchenpolitischen Konflikten bis hin zu sehr persönlichen Briefen, etwa an befreundete Äbtissinnen und Mönche.

In der älteren Forschung wurden die Briefe vor allem als Quellen für Personen- und Ereignisgeschichte genutzt. Neuere Arbeiten fragen stärker danach, wie die Briefe in Sammlungen geordnet, überarbeitet und zusammengestellt wurden, und sehen die Briefbücher als eigenständige literarisch-theologische Werke, nicht nur als „Ablage“ eines historischen Briefwechsels.[1]

Überlieferung

Die Überlieferung ist vielschichtig und konzentriert sich neben Streuüberlieferung auf mehrere größere Briefsammlungen:

Teile des Materials erscheinen außerdem im Pentachronon des Gebeno von Eberbach sowie in der Vita sanctae Hildegardis.

Liber epistolarum im Riesenkodex

Der im Rupertsberger Riesenkodex zusammenhängend überlieferte Liber epistolarum („Buch der Briefe“) ist dort in das theologische Gesamtwerk Hildegards eingebunden und steht neben den Visionsschriften Scivias, Liber vitae meritorum und Liber divinorum operum.[2] In der Forschung wird diese Fassung als späte, am Rupertsberg entstandene Komposition verstanden, in der Auswahl, Anordnung und sprachliche Überarbeitung der Briefe gezielt miteinander verbunden werden.[1]

Das von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz koordinierte DFG-Projekt „Das Buch der Briefe der Hildegard von Bingen. Genese – Struktur – Komposition“ ediert den Liber epistolarum auf der Grundlage der wichtigsten Handschriften und stellt die Texte in der digitalen Publikationsumgebung bereit.[2] Die Edition betont den Charakter des Liber epistolarum als theologisch-literarische Komposition und behandelt die verschiedenen Briefsammlungen als eigene Überlieferungsstufen. In früheren kritischen Editionen wurde hingegen versucht, die historischen Briefwechsel zu rekonstruieren.

Ausgaben (Auswahl)

Textkritische Editionen
  • Lieven van Acker, Monika Klaes-Hachmöller (Hrsg.): Hildegardis Bingensis Epistolarium, 3 Bde. (= Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis, 91/91A/91B), Turnhout 1991–2001.
  • Mechthild Dreyer, Thomas Stäcker, Andreas Kuczera: Hildegardis Bingensis: Liber epistolarum. Digitale Edition. (online)
Übersetzungen
  • Walburga Storch (Übers. u. Einl.): Hildegard von Bingen: Briefe – Epistolae (= Hildegard von Bingen. Werke, Bd. 8), Beuron 2012.
  • Walburga Storch: Im Feuer der Taube. Die Briefe. Erste vollständige Ausgabe, Augsburg 1997.
  • Adelgundis Führkötter: Hildegard von Bingen: Briefwechsel. Nach den ältesten Handschriften übersetzt und nach den Quellen erläutert, Salzburg 1965 (²1990).
  • Ludwig Clarus: Briefe der heiligen Hildegard. Zum ersten Mal verdeutscht, 2 Bde., Regensburg 1854 (Auswahlübersetzung).

Literatur

  • Lieven van Acker, Monika Klaes-Hachmöller (Hrsg.): Hildegardis Bingensis Epistolarium, 3 Bde. (= Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis, 91/91A/91B). Brepols, Turnhout 1991–2001.
  • Maura Zátonyi, Mechthild Dreyer: Die Briefe Hildegards von Bingen. Werkstattbericht zum Projekt einer Neuedition und Neubewertung, in: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens 129 (2018), S. 27–58.
  • Maura Zátonyi, Mechthild Dreyer: Epistolae Hildegardis diversae. Briefsammlungen als Kompositionen, in: Revue bénédictine 134 (2024), S. 154–171.

Einzelnachweise

  1. a b Maura Zátonyi, Mechthild Dreyer: Die Briefe Hildegards von Bingen. Werkstattbericht zum Projekt einer Neuedition und Neubewertung. In: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens 129 (2018), S. 27–58.
  2. a b Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz: Das Buch der Briefe der Hildegard von Bingen. Genese – Struktur – Komposition. (Projektbeschreibung)