Guibert von Gembloux (Abt)

Guibert von Gembloux (auch Wibert von Gembloux, lateinisch Guibertus Gemblacensis; * um 1124/1125 in Gembloux; † 1213 in Florennes) war Benediktiner im Kloster Gembloux, später Abt von Florennes und Gembloux, lateinischer Briefautor und Hagiograph. In den späten 1170er Jahren wirkte er als Sekretär und Vertrauter Hildegard von Bingens und zählt neben Volmar und Gottfried von Disibodenberg zu den wichtigsten schriftkundigen Gewährsleuten aus ihrem unmittelbaren Umfeld.

Leben

Guibert wurde um 1124/1125 im heute belgischen Gembloux geboren und trat in das dortige Benediktinerkloster ein. 1188 wurde er Abt der Abtei Florennes im Bistum Lüttich, 1194 wechselte er auf die Abtsstelle in Gembloux. 1204 legte er dieses Amt nieder und zog sich nach Florennes zurück, wo er 1213 starb.[1]

In den Jahren 1177 bis 1179 war Guibert als Sekretär Hildegards von Bingen und als geistlicher Vater der Gemeinschaft auf dem Rupertsberg tätig, bevor er in sein Heimatkloster zurückkehrte. Sein Briefcorpus bezeugt weitere Aufenthalte in der Abtei Marmoutier bei Tours (1180/1181 und 1185–1186/87) und eine Pilgerfahrt zum Grab Martins von Tours.[2] Frühneuere und neuere Darstellungen haben Guiberts Lebensdaten und Amtsfolge vor allem anhand der klassischen Studien von Hippolyte Delehaye und der Klostergeschichte von Gembloux rekonstruiert.[3][4]

Werk

Guibert verfasste mehrere historiographische und hagiographische Schriften. Zu seinen wichtigsten Werken zählen die in Gembloux entstandenen Berichtstexte De combustione monasterii Gemblacensis und De secunda destructione et combustione monasterii Gemblacensis über Brandkatastrophen im Kloster, zwei Martinsschriften (Vita sancti Martini, BHL 5635, und De laudibus sancti Martini Turonensis, BHL 5636) sowie die Vita seu Apologia S. Sulpicii archiepiscopi (BHL 7934).[1][5] Sein hagiographisches Werk ist eng mit der Reform- und Memorialkultur der Klöster Gembloux und Florennes verbunden.[6]

Zentral für seine heutige Rezeption ist das umfangreiche Epistularium Guiberti Gemblacensis, eine von ihm selbst kompilierte und überarbeitete Briefsammlung, die 59 Stücke umfasst. Sie vereinigt Schreiben, die Guibert verfasste oder empfing, mit weiteren Texten, etwa einem Versleben des heiligen Martin, und überliefert Korrespondenz mit hochrangigen Adressaten wie dem Kölner Erzbischof Philipp I. von Heinsberg, Mainzer Erzbischöfen, dem Scholaster Joseph von Exeter sowie mit monastischen Gemeinschaften in Gembloux, Florennes, Marmoutier und auf dem Rupertsberg.[2][7] Die Briefe thematisieren persönliche Lebensstationen, die Gestalt und den Kult Martins von Tours, geistliche Ermahnungen und Rechtfertigungen, darunter Guiberts Verteidigung seines Aufenthalts unter den Nonnen des Rupertsbergs.[8][9]

Einen besonderen Block bildet der Austausch mit Hildegard von Bingen, der sowohl in der lateinischen Edition der Epistolae als auch in Übersetzungen gesondert zugänglich ist.[7][10] Guibert schildert darin seine Eindrücke von Hildegards Visionen, reflektiert ihre Autorität und reagiert auf Kritik an seinem Wirken auf dem Rupertsberg. Zugleich entsteht ein dichtes Bild seiner eigenen Spiritualität und seines Selbstverständnisses als Gelehrter zwischen Frauenkloster, Reichskirche und den Reformströmungen des 12. Jahrhunderts.[11][12] Neuere stilometrische Analysen haben die Mehrfachautorschaft im Hildegard-Dossier und Guiberts spezifischen Beitrag dazu quantitativ profiliert.[13]

Literatur

Primärquellen

  • Guibertus Gemblacensis: Epistolae. Hrsg. von Albert Derolez (CCCM 66, 66A). Brepols, Turnhout 1988–1989.
  • Vita sanctae Hildegardis. Hrsg. von Monika Klaes (Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis, 126). Brepols, Turnhout 1993.
  • Hl. Hildegard: Briefwechsel mit Wibert von Gembloux. Hrsg. und übers. von Walburga Storch. Mit einem kunstgeschichtlichen Beitrag von Werner Lauter. Augsburg 1993.

Sekundärliteratur

  • Urbain Berlière: Monasticon belge. 1: Provinces de Namur et de Hainaut. Maredsous 1890–1897, S. 20–21.
  • John W. Coakley: Women, Men, and Spiritual Power. Female Saints and their Male Collaborators. New York 2006, S. 45–67.
  • Hippolyte Delehaye: Guibert abbé de Florennes et de Gembloux, XIIe et XIIIe siècles. In: Revue des questions historiques 46 (1889), S. 5–90.
  • Ildefons Herwegen: Les collaborateurs de sainte Hildegarde. IV. Guibert de Gembloux. In: Revue bénédictine 21 (1904), S. 192–203, 302–315, 381–403.
  • Mike Kestemont, Sara Moens, Jeroen Deploige: Collaborative authorship in the twelfth century. A stylometric study of Hildegard of Bingen and Guibert of Gembloux. In: Digital Scholarship in the Humanities 30 (2015), S. 199–224.
  • Sara Moens: Twelfth-century epistolary language of friendship reconsidered. The case of Guibert of Gembloux. In: Revue belge de philologie et d'histoire 88 (2010), S. 983–1017.
  • Peter Orth: Die rhythmischen Martinsschriften Guiberts von Gembloux (BHL 5636/5637). Leiden/Boston 2017 (Mittellateinische Studien und Texte, 50).
  • Emore Paoli: Il dossier agiografico latino di Ildegarda di Bingen. In: „Speculum futurorum temporum“. Ildegarda di Bingen tra agiografia e memoria (Nuovi studi storici, 115). Rom 2019, S. 77–91.
  • Marianna Schrader: Wibert von Gembloux. Schicksal eines Mönches im 12. Jahrhundert. In: Erbe und Auftrag 37 (1961), S. 381–392.
  • Patrizia Stoppacci: Guibertus Gemblacensis. In: C.A.L.M.A. Compendium Auctorum Latinorum Medii Aevi, Bd. 4. Florenz 2014, S. 500–592.

Einzelnachweise

  1. a b Guibertus Gemblacensis im Repertorium „Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters“ (Bearbeitungsstand: 7. Juni 2024).
  2. a b Epistularium Guiberti Gemblacensis. In: Datenbank Narrative Sources, Royal Historical Commission of Belgium, Eintrag G155 (Bearbeitungsstand: 3. Juli 2014).
  3. Hippolyte Delehaye: Guibert abbé de Florennes et de Gembloux, XIIe et XIIIe siècles. In: Revue des questions historiques 46 (1889), S. 5–90.
  4. Urbain Berlière: Monasticon belge. 1: Provinces de Namur et de Hainaut. Maredsous 1890–1897, S. 20–21.
  5. Peter Orth: Die rhythmischen Martinsschriften Guiberts von Gembloux (BHL 5636/5637). Leiden/Boston 2017 (Mittellateinische Studien und Texte, 50).
  6. Patrizia Stoppacci: Guibertus Gemblacensis. In: C.A.L.M.A. Compendium Auctorum Latinorum Medii Aevi, Bd. 4. Florenz 2014, S. 500–592.
  7. a b Albert Derolez (Hrsg.): Guiberti Gemblacensis Epistolae. Pars 1: Epistolae I–XXIV (CCCM 66). Pars 2: Epistolae XXV–LVI (CCCM 66A). Brepols, Turnhout 1988–1989.
  8. Sara Moens: Twelfth-century epistolary language of friendship reconsidered. The case of Guibert of Gembloux. In: Revue belge de philologie et d'histoire 88 (2010), S. 983–1017.
  9. Ildefons Herwegen: Les collaborateurs de sainte Hildegarde. IV. Guibert de Gembloux. In: Revue bénédictine 21 (1904), S. 192–203, 302–315, 381–403.
  10. Hl. Hildegard: Briefwechsel mit Wibert von Gembloux. Hrsg. und übers. von Walburga Storch. Mit einem kunstgeschichtlichen Beitrag von Werner Lauter. Augsburg 1993.
  11. John W. Coakley: Women, Men, and Spiritual Power. Female Saints and their Male Collaborators. New York 2006, S. 45–67.
  12. Marianna Schrader: Wibert von Gembloux. Schicksal eines Mönches im 12. Jahrhundert. In: Erbe und Auftrag 37 (1961), S. 381–392.
  13. Mike Kestemont, Sara Moens, Jeroen Deploige: Collaborative authorship in the twelfth century. A stylometric study of Hildegard of Bingen and Guibert of Gembloux. In: Digital Scholarship in the Humanities 30 (2015), S. 199–224.