Evangelical Lutheran Church (1917)

Die Evangelical Lutheran Church (ELC), bis 1946 Norwegian Lutheran Church in America (NLCA), war eine lutherische Kirche in den Vereinigten Staaten und in Kanada. Ihr gehörten fast alle norwegischstämmigen Lutheraner Nordamerikas an. Über die aus ihr hervorgegangene Amerikanische Lutherische Kirche war die ELC eine der Vorläuferkirchen der heutigen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika.

Geschichte

Nachdem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erstmals norwegische Immigranten in größerer Zahl nach Nordamerika einwanderten, gründeten sie norwegischsprachige lutherische Kirchengemeinden. Diese Gemeinden organisierten sich jedoch nicht einheitlich, sondern in mehreren Synoden, die sich anhand einiger theologischer und liturgischer Streitfragen bildeten. So entstanden die haugianische Hauge-Synode, die an der deutschsprachigen Missouri-Synode orientierte Norwegische Synode und aus deren Ablehnung die Anti-Missourische Bruderschaft, sowie zwei Gruppen, die sich von der Schwedischen Augustana-Synode gelöst hatten: die Norwegische Augustana-Synode und die Norwegisch-Dänische Konferenz. Die letzteren drei Organisationen verbanden sich bereits 1890 zur Vereinigten Norwegischen Lutherischen Kirche in Amerika.[1] Diese Kirche, die einen Mittelweg zwischen der radikal-pietistischen Hauge-Synode und der orthodoxen Norwegischen Synode einnahm, erhielt viel Zulauf durch neue Immigranten und wuchs schnell zur größten Kirche norwegischer Herkunft an. Mit den beiden übrigen Synoden wurde ab 1890 ein reger theologischer Austausch etabliert.[2]

Im Jahre 1905 war es dann die Hauge-Synode, die eine Union aller norwegischen Kirchen in Nordamerika ins Gespräch brachte. In den Folgejahren wurden mehrere gemeinsame theologische Erklärungen abgegeben und Unionsverhandlungen aufgenommen, sodass schließlich am 9. Juni 1917 anlässlich des 400-jährigen Reformationsjubiläums in Saint Paul ein aus über 2.000 Delegierten bestehender Unionskongress zusammentrat und die Fusion beschloss. Die so entstandene Norwegian Lutheran Church in America umfasste damit fast alle Lutheraner norwegischer Herkunft auf dem amerikanischen Kontinent[1]

Die NLCA gehörte 1918 zu den Gründungsmitgliedern des Lutherischen Nationalrats. 1946 nahm sie, nachdem sich die englische Sprache auch im kirchlichen Alltag immer mehr durchgesetzt hatte, den Namen Evangelical Lutheran Church an. Die ELC nahm am Gründungskongress des Lutherischen Weltbunds 1947 in Lund teil, dem Weltkirchenrat trat man jedoch ein Jahr später nicht bei.[1]

Der Unionsgedanke blieb der ELC erhalten, sodass sie schließlich am 22. April 1960 mit der deutschamerikanischen Amerikanisch-Lutherischen Kirche und der dänischstämmigen United Evangelical Lutheran Church zur Amerikanischen Lutherischen Kirche fusionierte. Diese Union war die erste größere lutherische Kirchenunion in Nordamerika, die Kirchen verschiedener ethnischer Hintergründe umfasste.[2]

Positionen

Als grundlegende Bekenntnisschriften nahm die ELC neben dem Apostolicum, dem Nicaeno-Constantinopolitanum und dem Athanasium die unveränderte Confessio Augustana und den Kleinen Katechismus Luthers an.[2]

Aus ihrem haugianischen Erbe heraus legte die ELC großen Wert auf die Beteiligung von Laien am Gottesdienst und am geistlichen Leben in der Gemeinde.[2]

Organisation und Struktur

Die Kirchen, aus denen die ELC entstand, brachten unterschiedliche Strukturen mit, die bei der Union zusammengelegt wurden. Die ELC gliederte sich bei ihrer Gründung in neun Distrikte, die wiederum in 54 Kreise unterteilt waren. 1957 wurde mit dem Kalifornischen Distrikt ein zehnter aus einem Teil des Gebiets des Pazifik-Distrikts errichtet.[3]

Höchstes Entscheidungsgremium war die Generalversammlung (general convention) der Kirche, die nach einer Revision der Kirchenverfassung 1926 auch ausschließliche gesetzgebende Gewalt hatte. Diese tagte alle zwei Jahre, in den übrigen Jahren traten die Versammlungen der Distrikte zusammen. Die Einzelgemeinden blieben weitgehend autonom, was ihre lokalen Belange, ihre Liturgie und auch die Berufungen der Geistlichen betraf. Der Kirchenpräsident bildete gemeinsam mit den Distriktspräsidenten und einem Laienverteter aus jedem Distrikt einen Exekutivrat (executive council), der sich um die administrativen Belange der Kirche kümmerte. Auch wenn in die Kirchen- und Distriktspräsidenten in der zeitgenössischen Presse und Literatur gelegentlich als Bischöfe bezeichnet wurden, führten sie diese Bezeichnung nicht selbst. Die Finanzen wurden durch ein Kuratorium (board of trustees) betreut. Sitz der Kirchenleitung war Minneapolis.[2]

Im Jahr ihrer Gründung hatte die Kirche etwa 475.000 Gläubige in gut 3.000 Gemeinden. Die Kirche wuchs in den Jahren ihres Bestehens rapide, sodass sie kurz vor der Union 1960 etwa 1.175.000 Gläubige aufweisen konnte. Die Zahl der Gemeinden nahm jedoch durch Zusammenlegungen in den ersten Jahren ihres Bestehens insgesamt sogar ab und sodass 1960 nur mehr 2.672 Gemeinden bestanden. Ihren regionalen Schwerpunkt hatte die ELC im mittleren Westen. Mehr als 70 % ihrer Mitglieder lebten in Minnesota oder den angrenzenden Staaten, in den Südstaaten und einigen Bundesstaaten an der Ostküste gab es keine Gemeinden.[3]

Kirchenpräsidenten

  • Hans Gerhard Stub (1917–1925)
  • Johann Arnd Aasgaard (1925–1954)
  • Frederik Schiotz (1954–1960)

Bildungseinrichtungen

Die ELC übernahm eine Reihe von Bildungseinrichtungen ihrer Vorgängerkirchen, darunter acht Hochschulen.[4]

Die vormaligen Seminare, an denen die norwegischen Kirchen ihre Geistlichen ausgebildet hatten, wurden zum Luther Seminary in Saint Paul zusammengelegt.[2] Für den kanadischen Distrikt gab es ein kleines Seminar in Saskatoon.[1]

Publikationen

Die ELC unterhielt mit dem Augsburg Publishing House in Minneapolis einen eigenen Verlag. Sie gab zwei Kirchenzeitungen heraus: Die norwegischsprachige Lutheraneren und den englischen Lutheran Church Herald, der 1931 in Lutheran Herald umbenannt wurde.[2]

Missionsarbeit

Im Bereich der Inneren Mission unterhielt die ELC neben zehn Kinderheimen, 20 Seniorenheimen, zwei Krankenhäusern und zahlreichen diakonischen Einrichtungen fünf Seemannsmissionen.[1] Missioniert wurde auch unter den Winnebago in Wisconsin, den Fischern von Ketchikan und den Indigenen Alaskas. Bedeutende Missionsfelder im Ausland waren China (nach der Revolution in Hongkong und Taiwan), Madagaskar, Zululand und Japan.[2]

Literatur

  • E. Clifford Nelson: The Lutheran Church among Norwegian-Americans. A history of the Evangelical Lutheran Church. Augsburg Publishing House, Minneapolis 1960 (englisch, archive.org).

Einzelnachweise

  1. a b c d e Abdel Ross Wentz: A basic History of Lutheranism in America. Fortress Press, Philadelphia 1964, S. 249–261 (englisch, archive.org).
  2. a b c d e f g h Jürgen Ludwig Neve: History of the Lutheran Church in America. 3. Auflage. The Lutheran Literary Board, Burlington (Iowa) 1934, S. 337–341 (englisch, archive.org).
  3. a b Robert C. Wiederaenders: Historical Guide to Lutheran Church bodies of North America. 2. Auflage. Lutheran Historical Conference, St. Louis (Missouri) 1998, S. 31–34 (englisch, archive.org).
  4. John Martin Jensen (Hrsg.): A biographical directory of pastors of The American Lutheran Church. Augsburg Publishing House, Minneapolis 1962 (archive.org).