Amerikanische Lutherische Kirche (1960)
Die Amerikanische Lutherische Kirche (englisch American Lutheran Church, kurz ALC) war eine lutherische Kirche in den Vereinigten Staaten und in Kanada. Sie war vor allem im oberen Mittleren Westen vertreten, hatte aber Gemeinden in fast allen Bundesstaaten. Der Sitz der Kirchenleitung war in Minneapolis, Minnesota. Sie ging 1988 in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika auf.
Geschichte
Im 19. Jahrhundert organisierten die lutherischen Immigranten nach Nordamerika ihre Gemeinden hauptsächlich in – meist anhand sprachlicher Grenzen getrennten – kleinräumigen Synoden. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts kam es zu einer Reihe von Zusammenschlüssen dieser vorher oft nur lose verbundenen Gemeindeverbände zu hierarchisch organisierten Kirchen. Diese orientierten sich häufig immer noch an der nationalen Herkunft ihrer Gemeinden, kooperierten aber in stärkerem Maße miteinander, sodass große Unionsbestrebungen entstanden.[1]
Die ALC organisierte sich am 22. April 1960 aus einer Fusion der gleichnamigen, hauptsächlich deutsch geprägten Vorgängerkirche mit der norwegischen Evangelisch-Lutherischen Kirche und der dänischen Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche hervor und war damit eine der ersten großen lutherischen Kirchen in den USA, die nationale Grenzen verschiedener Immigrantengruppen überwand.[2] Im folgenden Jahr trat sie dem National Lutheran Council, dem Lutherischen Weltbund und dem Ökumenischen Rat der Kirchen bei, denen jeweils schon ihre Vorgängerkirchen angehört hatten.[3]
1963 schloss sich die kleinere Lutheran Free Church mit ihren fast 90.000 Gemeindegliedern fast vollständig der ALC an. 1967 wurde der Kanada-Distrikt der ALC autonom, er ging später in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Kanada auf. Die ALC war damit eine ausschließlich US-amerikanische Kirche geworden.[3]
Die ALC fusionierte wiederum zum 1. Januar 1988 mit der Lutherischen Kirche in Amerika (LCA) und der kleineren Vereinigung Evangelisch-Lutherischer Kirchen zur heutigen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika, die die mitgliederstärkste lutherische Denomination in den Vereinigten Staaten darstellt.[3]
Positionen
Die ALC bekannte sich zu den grundlegenden Bekenntnissen des Apostolicums, Nicäno-Konstantinopolitanums und Athanasianums. Weiterhin zählte sie als lutherische Kirche die Confessio Augustana und den Kleinen Katechismus zu ihren Bekenntnisschriften. Hinsichtlich des Bibelverständnisses hielt die ALC an der Unfehlbarkeit der Bibel fest. Dem ökumenischen Dialog, der Mitarbeit von Laien und der Vielfalt liturgischer Formen stand sie aufgeschlossen gegenüber. Die ALC galt als pietistischer und damit etwas konservativer und weniger liturgisch geprägt als ihr Pendant in der LCA.[1]
Der Rassentrennung stand die ALC ablehnend gegenüber, sie unterstützte die Bürgerrechtsbewegung und sprach sich in mehreren Resolutionen gegen Rassismus aus. Ebenso positionierte sie sich umfassend zu Fragen der sozialen Gerechtigkeit und des Umweltschutzes. Scheidung und Wiederheirat erlaubte die ALC, Homosexualität sah sie als krankhaft an, stellte jedoch Seelsorgebedarfe fest. Abtreibungen hielt die ALC nur bei Gefahr für Leben, Leib oder Seele der Mutter für gerechtfertigt.[4]
Die ALC befürwortete – ebenso wie die LCA – ab 1970 die Frauenordination und ordinierte im Dezember desselben Jahres mit Barbara Andrews die zweite lutherische Pastorin in Amerika.
Organisation und Struktur
Die ALC hatte eine synodale Kirchenverfassung. Höchstes Entscheidungsgremium war die alle zwei Jahre tagende Generalversammlung (general convention), die etwa zur Hälfte aus Laien bestand. Sie wählte auch die Amtsträger der Kirche, darunter den Kirchenpräsidenten, der ab 1980 den Titel eines Bischofs trug. Die geistliche Leitung oblag einem church council aus Geistlichen und Laien, die Führung der finanziellen Geschäfte nahm ein Kuratorium (board of trustees) wahr.[1]
Unterhalb der nationalen Ebene war die ALC in 19 geographische Distrikten unterteilt, die sich meist an den Grenzen der Bundesstaaten orientierten. Der Kanada-Distrikt wurde 1966 autonom, der Südost-Distrikt 1981 neu geschaffen.[3] Den Distrikten stand jeweils ein Geistlicher als Präsident beziehungsweise Bischof vor.[5]
Bei ihrer Gründung 1960 hatte die ALC 2.306.708 getaufte Gemeindeglieder in 4.941 Gemeinden. Trotz der Aufnahme der Lutheran Free Church wuchs die ALC kaum, sodass sie kurz vor der Fusion zur ELCA 1987 mit 2.315.726 Gemeindegliedern in 4.974 Gemeinden sehr ähnliche Zahlen vorweisen konnte.[3]
Leitende Geistliche der ALC
- 1960–1970: Fredrik Schiotz
- 1970–1973: Kent Knutson
- 1973–1986: David Preus
Bildungseinrichtungen
Die ALC unterhielt eine Reihe von Universitäten und Hochschulen.[6]
- Augustana College, Sioux Falls, South Dakota
- Camrose College, Camrose, Alberta (bis 1966)
- Augsburg College, Minneapolis, Minnesota
- California Lutheran College, Thousand Oaks, Kalifornien
- Capital University, Columbus, Ohio
- Concordia College, Moorhead, Minnesota
- Dana College, Blair, Nebraska
- Luther College, Decorah, Iowa
- Luther College, Regina, Saskatchewan (bis 1966)
- Pacific Lutheran University, Tacoma, Washington
- St. Olaf College, Northfield, Minnesota
- Texas Lutheran College, Seguin, Texas
- Waldorf College, Forest City, Iowa
- Wartburg College, Waverly, Iowa
Zur Ausbildung der Geistlichen der ALC dienten drei Theologische Seminare.[6]
- Evangelical Lutheran Theological Seminary, Columbus, Ohio
- Luther Seminary, Saint Paul, Minnesota
- Wartburg Seminary, Dubuque, Iowa
Mit dem Augsburg Publishing House unterhielt die ALC einen eigenen Verlag mit Sitz in Minneapolis. Als Kirchenzeitung gab die ALC über ihr gesamtes Bestehen hinweg den Lutheran Standard heraus. Explizit an die Geistlichen der Kirche richtete sich dagegen der monatlich erscheinende Commentator.[3]
Literatur
- Alvin N. Rogness: The story of the American Lutheran Church. Augsburg Publishing House, Minneapolis 1980 (englisch).
- Carl F. Reuss (Hrsg.): Conscience and Action. Social Statements of the American Lutheran Church 1961–1970. Augsburg Publishing House, Minneapolis 1971 (englisch).
Einzelnachweise
- ↑ a b c American Lutheran Church, The. In: Christian Cyclopedia. Erwin L. Lueker / Luther Poellot / Paul Jackson, abgerufen am 25. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ Amerikanische Lutherische Kirche (1960). In: Encyclopædia Britannica. Abgerufen am 26. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ a b c d e f Robert C. Wiederaenders: Historical Guide to Lutheran Church bodies of North America. Lutheran Historical Conference, St. Louis, MO 1998, S. 7–9 (englisch).
- ↑ Carl F. Reuss (Hrsg.): Conscience and Action. Social Statements of the American Lutheran Church 1961–1970. Augsburg Publishing House, Minneapolis 1971 (englisch).
- ↑ Alvin N. Rogness: The story of the American Lutheran Church. Augsburg Publishing House, Minneapolis 1980 (englisch).
- ↑ a b John M. Jensen / Gerald Giving / Carl E. Linder: A biographical directory of pastors of The American Lutheran Church. Augsburg Publishing House, Minneapolis 1962 (englisch).