Amerikanische Lutherische Kirche (1930)

Die Amerikanische Lutherische Kirche (englisch American Lutheran Church, kurz ALC) war eine lutherische Kirche in den Vereinigten Staaten und in Kanada. In ihr schlossen sich drei unabhängige Synoden deutschamerikanischer Herkunft zusammen. Sie selbst fusionierte 1960 mit der dänischstämmigen United Evangelical Lutheran Church und der norwegischstämmigen Evangelical Lutheran Church. Die entstandene Kirche trug ebenfalls den Namen Amerikanische Lutherische Kirche.

Geschichte

Die Gemeinden der deutschsprachigen lutherischen Immigranten in Nordamerika organisierten sich im 18. Jahrhundert hauptsächlich in kleinräumigen Synoden. Diese schlossen sich zum größten Teil im 19. Jahrhundert drei Dachverbänden an: der liberalen General-Synode, dem konservativen General-Konzil und der altlutherischen Synodal-Konferenz. Aus verschiedenen theologischen Gründen traten jedoch die Iowa-Synode, die Ohio-Synode und die Buffalo-Synode nicht langfristig einer dieser Organisationen bei und verblieben unabhängig.

Besonders die Iowa- und die Ohio-Synode standen aber in regem Austausch miteinander. Nachdem die Thesen eines Colloquiums 1893 noch keine Zustimmung bei den Synoden fanden, kam man 1909 auf die Thesen von Toledo überein, die Übereinstimmung in wesentlichen Streitpunkten markierten. In der Folge kam es zu verstärkter Zusammenarbeit beider Synoden, die schließlich 1918 in Kirchengemeinschaft eintraten. Schon kurz darauf gab es Unionsbestrebungen zwischen beiden Synoden, die allerdings zuerst zäh verliefen. 1925 trat auch die kleinere Buffalo-Synode in die Unionsverhandlungen ein und 1928 fällten alle drei Synoden Beschlüsse über die Fusion, die 1930 erfolgen sollte.[1]

Am 11. August 1930 trafen die Delegierten der drei Synoden in St. Paul in Toledo zusammen und organisierten den Zusammenschluss zur Amerikanischen Lutherischen Kirche. Am selben Tag wurde auch eine Kirchenleitung gewählt. Zum 1. Januar 1931 nahm die gemeinsame Kirchenverwaltung ihre Arbeit auf.[1] Zwei Wochen später wurde die ALC in den National Lutheran Council aufgenommen, dem zuvor nur die Ohio-Synode angehört hatte.[2]

Die ALC brachte sich im innerlutherischen und ökumenischen Dialog umfassend ein und nahm dabei vermittelnde Positionen zwischen der Synodal-Konferenz und der Vereinigten Lutherischen Kirche ein. 1947 gehörte die ALC zu den Gründungsmitgliedern des Lutherischen Weltbunds in Lund, im Folgejahr auch zu jenen des Ökumenischen Rats der Kirchen in Amsterdam.[2]

Die ALC fusionierte 1960 mit der United Evangelical Lutheran Church und der Evangelical Lutheran Church zur zweiten Amerikanischen Lutherischen Kirche, der ersten großen lutherischen Kirche, die Gemeindeglieder verschiedener nationaler Herkunftsgruppen vereinte.[3]

Positionen

Als grundlegende Bekenntnisschriften nahm die ALC neben dem Apostolicum, dem Nicaeno-Constantinopolitanum und dem Athanasium die unveränderte Confessio Augustana nebst ihrer Apologie, die Schmalkaldischen Artikel, den Kleinen und Großen Katechismus Luthers und die Konkordienformel an.[1]

Hinsichtlich ihres Schriftverständnisses hielt die ALC an der Unfehlbarkeit der Bibel fest. Sie sprach sich vehement gegen Abendmahls- und Kanzelgemeinschaft mit nicht-lutherischen Kirchen sowie gegen Geheimgesellschaften aus.[1]

Struktur und Organisation

Die ALC hatte eine stark zentralisierte synodale Kirchenverfassung. Höchstes Entscheidungsgremium war die alle zwei Jahre tagende Synode, die etwa zur Hälfte aus Laien bestand. Zwischen den Zusammenkünften der Synode führte ein gewähltes Exekutiv-Komitee aus dem Präsidenten und seinen drei Vize-Präsidenten die Geschäfte der Kirche. Weiterhin wurde ein Sekretär der Kirche gewählt. Die finanziellen Angelegenheiten wurden durch ein Kuratorium (board of trustees) geregelt, das aufgrund finanzieller Schwierigkeiten in den 30er-Jahren zu großer Vorsicht tendierte und gleichzeitig umfassende Vollmachten besaß. Es ernannte auch den Schatzmeister (treasurer) der Kirche. Der Gesamtkirche oblag auch der Unterhalt der Werke und Bildungseinrichtungen.[1][4]

Die ALC übernahm die bestehenden geographischen Strukturen ihrer Vorgängerkirchen nicht, sondern ordnete ihr Gebiet bei Gründung völlig neu. Bei der Konstituierung 1930 wurden neun Distrikte gegründet, im nächsten Jahr folgten weitere vier.[3] Die Grenzen dieser Distrikte blieben über die gesamte Dauer des Bestehens der ALC fast identisch, lediglich der Staat Arkansas war ursprünglich dem Illinois-Distrikt angeschlossen, ging aber 1937 zum Texas-Distrikt über.[2] Die Distrikte verfügten im Vergleich zur Gesamtkirche über eher weniger Befugnisse. Ihnen oblag die Durchführung der Ordinationen.[1]

Im Jahr ihrer Gründung 1930 hatte die ALC 510.193 getaufte Gemeindeglieder in 2.019 Gemeinden. Sie wuchs in den nur 30 Jahren ihres Bestehens beträchtlich an, sodass sie kurz vor der Fusion zur zweiten ALC 1960 mit 1.056.195 Gemeindegliedern mehr als doppelt so viele Mitglieder vorweisen konnte.[2] In der gleichen Zeit stagnierte die Zahl der Gemeinden bei knapp über 2.000, die durchschnittliche Gemeindegröße nahm aber stark zu.[3]

Bildungseinrichtungen

Die ALC unterhielt zwei Colleges und eine Universität. Zusätzlich trug sie auch zur Finanzierung der Pacific Lutheran University und der California Lutheran University bei.[4]

Zur Ausbildung der Geistlichen der ALC dienten drei Theologische Seminare.

Publikationen

Als wöchentliche Kirchenzeitung gab die ALC über ihr gesamtes Bestehen hinweg den Lutheran Standard mit einer Auflage von 86.500 gedruckten Exemplaren heraus, der von der Ohio-Synode übernommen und später von der zweiten ALC fortgeführt wurde. Aus den Publikationen der Ohio-Synode wurde außerdem Pastor‘s Monthly bis 1935 fortgeführt. Weiterhin gab die ALC das Kirchenblatt und die Kirchliche Zeitschrift aus der Tradition der Iowa-Synode heraus.[2]

Missionsarbeit

Die ALC hatte eine umfassende Missionsarbeit, sowohl im In- als auch im Ausland. Ihre Innere Mission unterhielt über 200 Missionsstationen in 26 US-Bundesstaaten und vier kanadischen Provinzen, ein besonderer Schwerpunkt lag dabei jedoch auf Texas und dem angrenzenden Mexiko.[3] Die Mexikanische Lutherische Kirche ging 1957 aus den mexikanischen Teilen des Texas-Distrikts der ALC hervor.[4]

Auch an der internationalen Mission war die ALC beteiligt. Von der Hermannsburger Mission übernahm noch die Ohio-Synode ein Missionsfeld in Indien, wo bis 1960 elf Missionsstationen, vier höhere Schulen, eine Mädchenschule, ein Hospital und ein Leprosarium entstanden. In Papua-Neuguinea wurde Missionsarbeit der Iowa-Synode fortgeführt, die auf Johann Flierl und die Rheinische Missionsgesellschaft zurückging. 1957 waren dort zusätzlich zu umfassenden lokalen Strukturen 77 Geistliche und 88 Laien im Einsatz. Die Mission unterhielt elf weiterführende Schulen, ein Seminar, sechs Krankenhäuser und vier Ausbildungsstätten für Krankenschwestern. Aus den Missionsbemühungen der ALC und der Neuendettelsauer Mission entstand 1956 die Evangelisch-Lutherische Kirche von Papua-Neuguinea. 1957 begann die ALC mit Missionsbestrebungen in Äthiopien, die bald auch durch verschiedene europäische Kirchen unterstützt wurden.[4]

Einzelnachweise

  1. a b c d e f Jürgen Ludwig Neve: History of the Lutheran Church in America. 3. Auflage. Lutheran Literary Board, Burlington (Iowa) 1934, S. 357–360. (englisch, archive.org).
  2. a b c d e Robert C. Wiederaenders: Historical Guide to Lutheran Church Bodies of North America. Lutheran Historical Conference, St. Louis (Missouri) 1998, S. 10–12 (englisch, archive.org).
  3. a b c d Abdel Ross Wentz: A basic history of Lutheranism in America. Fortress Press, Philadelphia 1964, S. 287–291 (englisch, archive.org).
  4. a b c d American Lutheran Church. In: Christian Cyclopedia. Erwin L. Lueker / Luther Poellot / Paul Jackson, abgerufen am 3. November 2025 (englisch).