Norwegische Synode
Die Synode für die Norwegische Evangelisch-Lutherische Kirche in Amerika (norwegisch Synoden for den Norsk Evangelisk Lutherske Kirke i Amerika, englisch Synod for the Norwegian Evangelical Lutheran Church in America), meist nur kurz Norwegische Synode (norwegisch Den Norske Synode, englisch Norwegian Synod) genannt, war eine lutherische Kirche norwegischer Herkunft in den Vereinigten Staaten und in Kanada. Sie vertrat eine Lutherische Orthodoxie und blieb hinsichtlich ihrer Liturgie und ihres Ritus nah an dem der Norwegischen Staatskirche. Theologisch lehnte sie sich in der Synodal-Konferenz eng an die deutschamerikanische Missouri-Synode an, die zeitweilig auch die meisten Geistlichen der Norwegischen Synode ausbildete. Die Norwegische Synode vereinigte sich 1917 mit den meisten anderen lutherischen Kirchen norwegischer Herkunft in Nordamerika zur Norwegian Lutheran Church of America. Damit ist sie eine der Vorgängerkirchen der heutigen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika.
Geschichte
Die ersten Norweger, die ab 1825 in größerer Zahl nach Amerika emigrierten, waren Anhänger des Haugianismus, einer vor allem von Laien getragenen Erweckungsbewegung. Geistlicher Anführer der ersten Einwanderer war Elling Eielsen, der am Fox River das erste norwegische lutherische Andachtshaus errichtete. Eine zweite, ebenfalls haugianisch geprägte Immigrantengruppe in der Gegend von Muskego in Wisconsin berief den Dänen Claus Lauritz Clausen als ihren Pastoren, der von einem Geistlichen der deutschsprachigen Buffalo-Synode ordiniert wurde. In derselben Siedlung wurde 1843 auch die erste norwegische Kirche auf amerikanischem Boden errichtet. Eine dritte Siedlung befand sich in Koshkonong, deren Prediger der noch in Oslo von der Staatskirche ordinierte Pastor J. W. C. Dietrichson war. Die Haugianer unter Eielsen organisierten sich 1846 als erste in einer Synode und 1851 wurde ein solcher Versuch auch unter der Ägide Clausens in Koshkonong unternommen, der jedoch kurz darauf wieder zusammenfiel.[1]
Erst auf einer Konferenz vom 3. bis zum 7. Oktober 1853 konnte die Norwegische Synode zusammentreten. Maßgeblicher Organisator dieser Gründung war Herman Amberg Preus, neben ihm waren auch Clausen und sein Bruder Adolph Carl Preus, der zum ersten Kirchenpräsidenten gewählt wurde, unter den sieben Gründungspastoren, die insgesamt 38 Kirchengemeinden vertraten.[2] Die Norwegische Synode galt als die konservativste der norwegischen Kirchen in Amerika und suchte schnell die Nähe zur ebenso lutherisch-orthodoxen deutschen Missouri-Synode. An deren Concordia-Seminar in St. Louis wurden ab 1859 die Geistlichen der Norwegischen Synode ausgebildet, Lauritz Larsen wurde dort Theologieprofessor mit Zuständigkeit für die Norweger.
Prägend für die Norwegische Synode waren ihre theologischen Auseinandersetzungen mit den anderen amerikanischen Kirchen norwegischer Herkunft. Die Geringschätzung der Laienbeteiligung brachte sie in Opposition zur Hauge-Synode, besonders entscheidend war jedoch die Frage um die Prädestinationslehre. Der größere Teil der Norwegischen Synode hielt es mit der Missouri-Synode und ihrem Präses Carl Ferdinand Wilhelm Walther, während sich eine Minderheit als Anti-Missourische Bruderschaft organisierte und im Verlauf der 1880er-Jahre die Synode über dieses Zerwürfnis verließ. Von Anfang an gab es jedoch auch Bestrebungen, Einheit in die zerstrittenen Gruppen zu bringen. 1881 kamen Vertreter aller norwegischen Synoden in St. Ansgar zusammen und im Anschluss wurden jährliche Konferenzen zu Lehrfragen abgehalten. An den Unionsverhandlungen, aus denen 1890 die Vereinigte Norwegische Lutherische Kirche in Amerika hervorging, beteiligte sich die Norwegische Synode jedoch nicht.[3]
Ab 1905 gab es jedoch auf Bestreben der ebenfalls unabhängig gebliebenen Hauge-Synode neue Bemühungen um eine Vereinigung von Hauge-Synode, Norwegischer Synode und Vereinigter Kirche. In den Folgejahren wurden mehrere gemeinsame theologische Erklärungen abgegeben und Unionsverhandlungen aufgenommen, sodass schließlich am 9. Juni 1917 anlässlich des 400-jährigen Reformationsjubiläums in Saint Paul ein aus über 2.000 Delegierten bestehender Unionskongress zusammentrat und die Fusion beschloss. Die so entstandene Norwegian Lutheran Church of America umfasste damit fast alle Lutheraner norwegischer Herkunft auf dem amerikanischen Kontinent.[1]
Positionen
Die Norwegische Synode vertrat eine strikte lutherische Orthodoxie und nahm die lutherischen Bekenntnischriften an. Sie sprach sich vehement gegen die Lehre Grundtvigs aus und legte schon 1861 ihr Schriftverständnis und ihre Rechtfertigungslehre dar. Kontrovers diskutiert wurden die Sklaverei und die Sonntagsfrage, in beiden Fällen rief man die Theologische Fakultät der Universität Oslo an. Die Annahme der Prädestinationslehre Walthers führte gar zum Bruch einer Reihe von Geistlichen mit der Synode.[1]
Die Liturgie der Norwegischen Synode war hochkirchlich und entsprach weitgehend dem Ritus der Norwegischen Staatskirche. Man legte Wert auf universitär ausgebildete Geistliche, die Laienpartizipation wurde weitgehend abgelehnt.[1]
Organisation und Struktur
Die Norwegische Synode wurde von einer Synodalversammlung geleitet, die einen Kirchenpräsidenten und Stellvertreter wählte. Sie gliederte sich bei ihrer Gründung in vier Distrikte: den Östlichen Distrikt (Wisconsin, Illinois, verstreute Gemeinden östlich des Mississippi), den Minnesota-Distrikt (Minnesota, Norddakota), den Iowa-Distrikt (v. a. Iowa, Süddakota, Nebraska, Texas) und den Pazifik-Distrikt (Kalifornien, Oregon, Washington). 1909 wurde ein fünfter, der Nordwestliche Distrikt, der sich auf die Staaten Montana und Norddakota, sowie einige kanadische Gemeinden erstreckte, errichtet. Diesen Distrikten standen Distriktspräsidenten vor, die von den Distriktssynoden gewählt wurden. Gelegentlich wurden die Kirchen- und Distriktspräsidenten auch in der zeitgenössischen Presse und Literatur als Bischöfe tituliert, nutzten diese Bezeichnung jedoch nicht selbst.[4]
Im Jahr ihrer Gründung hatte die Kirche wenige tausend Gläubige in nur 38 Gemeinden. Die Kirche wuchs in den Jahren ihres Bestehens rapide, sodass sie kurz vor der Union 1916 etwa 150.000 Gläubige in fast 1.000 Gemeinden aufweisen konnte. Diese wurden von 350 Klerikern bereut. Ihren regionalen Schwerpunkt hatte die Synode im oberen mittleren Westen, vor allem in Minnesota und Wisconsin. In den Südstaaten und einigen Bundesstaaten an der Ostküste gab es keine Gemeinden.[4]
Kirchenpräsidenten
- Adolph Carl Preus (1853–1862)
- Herman Amberg Preus (1862–1894)
- Ulrik Vilhelm Koren (1894–1910)
- Hans Gerhard Stub (1910–1917)
Bildungseinrichtungen
Nachdem die Norwegische Synode zuerst mit einem eigenen Lehrstuhl am Concordia-Seminar der Missouri-Synode vertreten war, errichtete man 1876 ein eigenes Seminar, das Luther Seminary, in Madison. Später wurde es nach St. Paul verlegt. Schon 1861 hatte man eine Hochschule in Trägerschaft der Synode, das Luther College, gegründet, die schon im nächsten Jahr nach Decorah verlegt wurde. 1875 wurde das St. Olaf College in Northfield gegründet, das sich zehn Jahre später der Antimissourischen Bruderschaft anschloss.[1]
Publikationswesen
Die Norwegische Synode unterhielt mit dem Lutheran Publishing House einen eigenen Verlag mit Sitz in Decorah. Claus Clausen gab von 1851 bis 1853 Maanedstidende als Kirchenzeitung heraus, darauf folgte ab 1855 Kirkelig Maanedstidende, die 1874 in Evangelisk-luthersk Kirkentidende umbenannt wurde. Ab 1905 wurde auch der englischsprachige Lutheran Herald herausgegeben, der von einigen Nachfolgerkirchen fortgeführt wurde.[4] Weitere Zeitschriften waren Opbyggelsesblad (1877–1878), Lutheran Watchman (1866–1868) und Teologisk Tidsskrift (1889–1907).[1]
Missionsarbeit
Die Norwegische Synode legte den Schwerpunkt ihrer Missionsarbeit auf die Innere Mission an den zahlreichen norwegischen Immigranten im Land, wobei ein Konkurrenzverhältnis zu den anderen norwegischstämmigen Kirchen bestand. Dazu gehörten auch einige Seemannsmissionen, etwa in Brooklyn. Weiterhin bestanden eine Reihe von diakonischen Einrichtungen.[5] Ab 1885 bestand eine Missionsstation bei den Winnebago in Wisconsin. Auf Geheiß der amerikanischen Bundesregierung entsandte die Norwegische Synode 1905 mit T. L. Brevig einen Religionslehrer zu den Norwegern und Lappen in Port Clarence, zugleich begann dort die Mission unter den Inuit, die die Grundlage für die lutherischen Kirchen in Alaska legte. An der Mission in Übersee beteiligte sich die Norwegische Synode über unabhängige Missionsgesellschaften und die Bemühungen der Norwegischen Staatskirche. So wurden etwa Missionsstationen in Madagaskar und Zululand unterstützt. Eigene Missionare sandte die Synode in die chinesische Provinz Henan.[1]
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g Jürgen Ludwig Neve: History of the Lutheran Church in America. The Lutheran Literary Board, Burlington (Iowa) 1934, S. 288–314 (englisch, archive.org).
- ↑ Olaf Morgan Norlie: History of the Norwegian People in America. Augsburg Publishing House, Minneapolis 1925, S. 205 f. (englisch, archive.org).
- ↑ Edmund Jakob Wolf: Die Lutheraner in Amerika. J. A. Hill & Co., New York 1891, S. 356–365 (archive.org).
- ↑ a b c Robert C. Wiederaenders: Historical Guide to Lutheran Church bodies of North America. 2. Auflage. Lutheran Historical Conference, St. Louis (Missouri) 1998, S. 35–36 (englisch, archive.org).
- ↑ Olaf Morgan Norlie / Knut Seehus: Norsk lutherske prester i Amerika, 1843–1913. Augsburg Publishing House, Minneapolis 1914, S. 64–69 (norwegisch, archive.org).