Hochzeitshaus Fritzlar
Das Hochzeitshaus in Fritzlar ist Teil der historischen Altstadt von Fritzlar im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis und mit seinem Grundriss von 33 × 12 Metern eines der größten Fachwerkhäuser in Hessen. Der Rohbau wurde in den Jahren 1580–1581 auf dem steinernen Unterbau der Zehntscheune des ehemaligen Hainaer Stadthofs errichtet, und das Gebäude wurde 1590 fertiggestellt. Das Haus, heute als Baudenkmal registriert, diente im Laufe der Jahrhunderte verschiedenen Funktionen und beherbergt seit 1956 das städtische Museum.
Baugeschichte
Nach der Aufhebung des Zisterzienserklosters Haina im Zuge der 1526 in der Landgrafschaft Hessen eingeführten Reformation gab es langen Streit um den großen Stadthof des Klosters Haina im damals kurmainzischen Fritzlar. Landgraf Philipp I. hatte den Hof zunächst für sich beansprucht und mit dessen gesamten Besitz und allen Einkünften der jungen Universität Marburg zugewiesen. Nach langem Rechtsstreit überließ er 1540 dem Erzbistum Mainz den Hof,[1] allerdings ohne die der Universität verbleibenden Grundstücke und Einkünfte. Der seiner ursprünglichen Aufgaben beraubte Hof wurde vernachlässigt, und im August 1578 verkaufte Erzbischof Daniel ihn für 400 Gulden an die Stadt Fritzlar, mit der Bedingung, die baufällig gewordene große Zehntscheune durch ein neues Gebäude zu ersetzen, das der Bürgerschaft zum Feiern von Festen wie Hochzeiten, Kindstaufen und anderen Veranstaltungen dienen sollte.
Die Stadt ließ die Zehntscheune bis auf ihren steinernen Unterbau abreißen und auf diesem drei Fachwerkgeschosse und das Dach errichten. Schon der bereits 1581 vollendete Rohbau erforderte einen Kostenaufwand von 3300 Talern; das gesamte Haus war 1590 vollendet, aber die Gesamtbaukosten sind nicht überliefert. Das Haus war reich ausgestattet mit Mobiliar, Geschirr, Leinen, Hausrat und Küchengerät. Davon ist jedoch heute nichts geblieben; das meiste ging wohl im Siebenjährigen Krieg abhanden, als das Haus als Lazarett genutzt wurde. Der Unterhalt des Hauses war durch eine Hochzeitsordnung gesichert. Die Hochzeiter mussten u. a. für die meist tagelang dauernden Festlichkeiten eine Entschädigung in Geld und/oder Naturalien entrichten, erhielten aber die Genehmigung, den Rest des für die Feier gebrauten Bieres öffentlich gegen Bezahlung auszuschenken.
Spätere Nutzung
18. bis 20. Jahrhundert
Das Haus hat eine wechselvolle Nutzungsgeschichte. Im Jahre 1662 musste es repariert werden, und 1681 folgte eine Erneuerung des Daches. Im Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) diente es als Lazarett. Danach wurde das Gebäude so baufällig, dass man es nur noch als Holz- und Fruchtmagazin benutzen konnte. 1827 ließ die Stadt das Haus mit einem Kostenaufwand von 2000 Talern wieder herrichten und als „Menage“ (Verpflegungszentrum) für das von 1815 bis 1834 in Fritzlar und Umgebung in Privatquartieren untergebrachte 1. Husaren-Regiment der kurhessischen Armee einrichten.[2] Von 1839 bis 1852, vom teilweisen Abbruch bis zum Wiederaufbau des Rathauses,[3] war das Hochzeitshaus Sitz der Stadtverwaltung und zugleich Gerichtsgebäude und Gefängnis. Trotz dieser zeitweiligen Umnutzungen fanden zumindest in Teilen des Hauses doch immer wieder größere und kleinere Veranstaltungen statt. Wann die letzte Hochzeit dort gefeiert wurde, ist allerdings nicht bekannt.
Nach der Annexion Kurhessens durch Preußen 1866 wurde Fritzlar 1867 preußische Garnison, mit der Einquartierung von zunächst Kavallerie und dann der Reitenden Abteilung des 1. Kurhessischen Feldartillerie-Regiments Nr. 11 im einstigen Hochzeitshaus und in Privatquartieren. Nach dem Ende des Deutsch-Französischen Kriegs lag die Reitende Abteilung des Regiments von 1872 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 wieder in Fritzlar, ab 1890 im neu erbauten Kasernenblock, der ab 1935 Watter-Kaserne genannt wurde. Von 1903 bis 1949 diente das Haus als Schule, ab 1949 dann als Notunterkunft für im Zweiten Weltkrieg Ausgebombte und Vertriebene; die letzten dieser Bewohner zogen 1969 aus. Im Sommer 1945 waren kurzzeitig einige von den US-amerikanischen Besatzungsbehörden als NS-belastet Verdächtigte im Haus inhaftiert, bis man sie anderweitig unterbrachte. In einem Erdgeschosszimmer richtete in der Folgezeit eine US-amerikanische Hilfsorganisation der Quäker eine zeitweilige Garküche für ärmere Fritzlarer und hinzugekommene Flüchtlinge/Vertriebene ein.[4]
Heute „Museum Hochzeitshaus“
Als 1951 in Fritzlar die Arbeitsgemeinschaft für Ur- und Frühgeschichte gegründet wurde, wies man ihr zur Einrichtung eines Heimatmuseums den großen Saal im Erdgeschoss des Hochzeitshauses zu. Dort wurden 1956 die „Ur- und frühgeschichtlichen Sammlungen“ eingerichtet, und ab 1972 wurde das gesamte Haus ausschließlich als Museum genutzt. 1980 überließ die Stadt das Haus vertraglich der „Stiftung Museum Fritzlar“ zur musealen Nutzung, blieb jedoch Eigentümer der Immobilie. 2015 wurde ein neues Ausstellungskonzept mit stadtgeschichtlichem Schwerpunkt entwickelt. Im Zuge der daraufhin erfolgenden dringenden Sanierung wurden die Fassaden des Hauses denkmalgerecht überarbeitet und von 2017 bis 2022 erfolgte der Innenausbau zum heutigen „Museum Hochzeitshaus“. Im Hof wurde ein moderner Treppenturm mit Aufzug errichtet. Im Erdgeschoss und ersten Obergeschoss entstanden zwei große Hallen, wie beim ursprüngliche Bau. Im zweiten Obergeschoss wurden ein Veranstaltungssaal und ein Raum für Sonderausstellungen geschaffen, außerdem ein neues Hochzeitszimmer, in dem sich Paare trauen lassen können.[5]
Baubeschreibung
Der dreigeschossiger Fachwerkbau auf steinernem und teilweise unterkellertem Erdgeschoss ist 33 Meter lang und reicht von der „Schildererstraße“ im Norden bis zur Straße „Am Hochzeitshaus“ im Süden. Die klar gegliederten Fachwerkgeschosse tragen kräftige Gesimse. Die Füllhölzer und Eckständer sind mit gedrehten Säulchen und vorgelegten Stäben verziert. Schmuckmotive und Schnitzereien befinden sich besonders am zweigeschossigen Erker an der südlichen Giebelseite. Das Dach hat einen liegenden Stuhl von zwölf Meter Spannweite, auf dem mittig eine Reihe von Säulen steht, die ihrerseits einen Längsunterzug tragen. Die alte Firstsäulenkonstruktion des inneren Aufbaues wurde trotz Rähmbauweise beibehalten.
Etwa in der Mitte der westlichen Längsseite des Hauses ist in mächtiger Treppenhausvorbau mit prächtig ornamentiertem Renaissance-Portal angefügt, im Erdgeschoss in Steinmauerwerk, in den Obergeschossen in Fachwerk. Darin befindet sich, allerdings nur bis zum ersten Obergeschoss reichend, eine Spindeltreppe mit Steinmetzzeichen auf jeder Stufe. Das Portal wurde 1590 von dem Kasseler Bildhauer und Bildschnitzer Andreas Herber geschaffen und 1971 erneuert, da die Ornamente und Figuren durch Witterungseinflüsse sehr gelitten hatten. Die Türumrahmung enthält im Architrav die Zeile: „DAS-HAUS-STET-IN-GOTES-HAND-DAS-HOCHZ-HAUS-IST-ES-GENAT.“
Im Inneren befanden sich ursprünglich zwei große Hallen, je eine im Erd- und im ersten Obergeschoss. Die Balkendecken werden mittig von jeweils vier mächtigen Holzsäulen mit verzierten Sattelhölzern und Kopfbändern gestützt. Je nach Bedarf wurden später in allen Geschossen Zwischenwände eingezogen. Im steinernen Untergeschoss befanden sich früher Küche und Wirtschaftsräume. Bei Renovierungsarbeiten im Jahre 1960 entdeckte man in der Südostecke des Unterbaus einen mittelalterlichen Abtritt in der meterdicken Mauer, mit einer bis dahin zugemauerten Fallöffnung nach draußen. Unmittelbar daneben befindet sich ein Spülstein mit Ausguss nach draußen, vermutlich vom ehemaligen Küchenbereich.
Bei den Umbauarbeiten zum Schulhaus fand man 1904 gotische Türgewände in den Mauern sowie Eckblattbasen von zwei romanischen Säulen. In der nordöstlichen Ecke des Unterbaues entdeckte man übereinander zwei rippenlose Kreuzgewölbe mit quadratischem Grundriss, die ihrer Fensterarchitektur nach wohl zum ältesten Bereich des Hainaer Hofes gehörten. Bei Renovierungsarbeiten 1974 kam die mit Blumenmotiven verzierte Umrahmung der Tür zum oberen der beiden Kreuzgewölbe zum Vorschein. Dieser Raum war vermutlich über eine Holztreppe vom großen Saal im Erdgeschoß her zu betreten und könnte die damalige Kapelle gewesen sein. Ob diese Kapelle auch nach dem Bau des Hochzeitshauses weiterhin sakralen Zwecken diente, ist nicht überliefert. Die Umrahmung der Tür wurde restauriert, aber auf die Restaurierung von begleitenden Linien, die u. a. an den Deckbalkenenden über den Fenstern gefunden wurden, musste wegen des nicht mehr zu sichernden Befundes verzichtet werden. Das untere Gewölbe hatte seinen Eingang, wie auch heute, vom nordwestlichen Teil des Saales.
Fußnoten
- ↑ C. Alhard von Drach: Die Bau- und Kunstdenkmäler in Fritzlar (Faksimile des weltlichen Teils, 1909), Geschichtsverein Fritzlar: Beiträge zur Stadtgeschichte, Nr. 3, Juni 1987, S. 44, Fn. 3
- ↑ Am 1. Mai 1821 erhielt das bisherige kurhessische Leib-Dragoner-Regiment nach der Umorganisation der kurhessische Armee den Namen „2. Husaren-Regiment Herzog von Sachsen-Meiningen“. Das bisherige Husaren-Regiment wurde zum 1. Husaren-Regiment. (https://www.geschichtskreis-wabern.de/wusstensie.htm)
- ↑ Clemens Lohmann: Das Fritzlarer Rathaus (Geschichtsverein Fritzlar: Beiträge zur Stadtgeschichte, Nr. 18) Fritzlar, September 2009, S. 9–10.
- ↑ Regionalmuseum Fritzlar Virtuell: Hochzeitshaus und Patrizierhaus
- ↑ https://www.museum-hochzeitshaus.de/
Weblinks
- Museum Hochzeitshaus
- Vereinsgeschichte Museumsverein Fritzlar e.V.
- Regionalmuseum Fritzlar Virtuell: Hochzeitshaus und Patrizierhaus
Literatur
Koordinaten: 51° 7′ 54,6″ N, 9° 16′ 19,3″ O