Gottlieb Schumacher
Gottlieb Samuel Schumacher (geboren 21. November 1857 in Zanesville (Ohio)[1]; gestorben 26. November 1925 in Haifa[2]) war ein deutsch-amerikanischer Bauingenieur, Architekt und Amateurarchäologe in Haifa.
Leben
Gottlieb Schumachers Eltern waren 1848 aus Tübingen in die USA ausgewandert. Sein Vater Jacob Schumacher (1825–1891) bekannte sich zu den Templern, die Ende der 1860er Jahre in Haifa (Osmanisches Reich) Land kauften, wo sie die seinerzeit so genannte Templerkolonie (hebräisch הַמּוֹשָׁבָה הַגֶּרְמָנִית haMōschavah haGermanīt, deutsch ‚die Deutsche Siedlung/Niederlassung‘) gründeten. Jacob Schumacher übersiedelte 1869 in dieses Neubaugebiet Haifas und erbaute sich bis 1870 eines der ersten Häuser im Viertel, wo ihn als Baumeister die Kolonisten, die Gemeinschaft der Hauseigentümer, zum Vorsitzenden wählten.[3.1] und von 1872 bis zu seinem Tod im Jahr 1891 auch US-amerikanischer Vizekonsul war, der aus der Ferne von Carl Schurz unterstützt wurde. Der Sohn folgte ihm als US-Vizekonsul, bis er 1904 diese Aufgabe abgab.
Gottlieb Schumacher ging zum Studium des Bauwesens an der Technischen Hochschule Stuttgart nach Deutschland.[4] Er beherrschte Latein, Altgriechisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Arabisch und Türkisch. Er kehrte 1881 als Bauingenieur ins osmanische Vilâyet Syrien zurück, das im Bereich Haifas in christlichen Kreisen als Teil Palästinas ansahen. Dort erhielt er Bauaufträge für verschiedene Häuser, Hostels, die von Edmond de Rothschild gestiftete Weinkellerei in Rischon LeZion und eine Brücke über den Qischon bei Schaʿar haʿAmaqim.
Die Hohe Pforte erteilte 1882 einem Konsortium der Beiruter Kaufmannsfamilie Sursuq (arabisch سرسق, Sursock in westlich angepasster Schreibweise) erstmals die Konzession für eine Bahnstrecke von Haifa via den Hauran, eine Kornkammer des osmanischen Syriens, nach Damaskus. Gottlieb Schumacher gründete mit seinen Nachbarn Georg Agger und Laurence Oliphant eine Baufirma und die Sursuqs erteilten den Auftrag, die Strecke zu vermessen, was Schumacher bis 13. Juni 1883 abschloss.[5.1] Die drei Geschäftspartner warben in Deutschland, den USA und Großbritannien um Investoren jedoch genauso vergeblich, wie die Sursuqs im Osmanischen Reich,[6] weshalb die Beiruter Kaufleute noch 1884 aufgaben.
Für die Prospektion der Jesreeltalbahn zwischen Darʿa und Haifa nahm er die ersten genauen Landkarten der Region auf. Dabei beschrieb er nicht nur die Besiedlung, sondern auch die archäologischen Vorkommen und veröffentlichte die Ergebnisse in der Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins und beim Palestine Exploration Fund. Schumacher war Mitglied beider Organisationen. Von Schumacher stammte die erste Mitteilung über den Tall Ziraʿa, seine Lage und die Reste einer Befestigung auf dem Plateau. Auf einer Tabgha-Karte von 1889 empfahl er, dort Ausgrabungen vorzunehmen.
Schumacher erlangte 1885 die Stellung des Bezirksingenieur des Sandschak Akkon, zuständige für öffentliche Bauten, Tief- wie Hochbau.[5.2] Im dieser Ausgaben besichtigte er Ende 1884 das Gefängnis Akkon, um ein Gutachten zum Bauzustand und seine Verbesserungsvorschläge zu entwickeln, wobei er die Zustände unerträglich fand.[7] Mit der Verlängerung der Mole von Haifa um eine Landungsbrücke war er erstmals 1886 befasst.[5.3] Im Rahmen seiner Bautätigkeit als Bezirksingenieur renovierte Schumacher 1889 das Serail zu Safed und stockte es um eine Etage auf, deren Hofseite er mit einer schönen offenen Galerie zum Hof zierte.[8]
Die 1890 erneut erteilte Konzession erwarb schließlich die Syria Ottoman Railway Company (S.O.R.), die an der Börse London durch Anteilsverkauf das Kapital einwarb.[9] Nach Ende von Beiruter Intrigen und dadurch ausgelöste bürokratische osmanische Hürden begannen in Haifa schließlich die Bauarbeiten am 13. Dezember 1893 für die Jesreeltalbahn Haifa–Darʿa.[10] Schumacher wies seine früheren Pläne bei der S.O.R. vor und wurde angenommen, so dass die Qischonbrücke der Jesreeltalbahn bei Kilometer 13,05 (Zählung ab Haifa[11]) nach seinen Plänen 1894/1895 erbaut wurde.[5.1][12] Nach zwei weiteren Wechseln der Bahngesellschaft war es die Hedschasbahn, die die Brücke dann 1904 für regelmäßigen Zugverkehr von Haifa zunächst bis Beisan in Nutzung nahm. Gottlieb Schumacher erbaute in Haifa im Auftrag der Jerusalem und East Mission die anglikanische Lukaskirche,[13] die 1899 geweiht wurde.[14]
Wie vordem sein Vater war auch Gottlieb Schumacher US-amerikanischer Konsul Haifas geworden und zudem zum Königlich Württembergischen Baurat ernannt worden.[15] 1899 begleitete Schumacher den Sohn Christoph Hoffmanns und Hugo Wieland zu Audienzen beim Deutschen Kaiser und beim König von Württemberg nach Stuttgart, um Fragen der Staatsangehörigkeit, die Einrichtung einer deutschen höheren Schule und die juristische Anerkennung der Templer-Gemeinde im Deutschen Reich voranzubringen.[3.2] Für die Palästinareise Kaiser Wilhelms II. im Jahr 1898 wurde der Landungssteg in Haifa unter Schumachers Leitung ausgebaut. Wilhelm II. erhielt im Jahr 1903 einen Teil der Mschatta-Fassade vom osmanischen Sultan Abdülhamid II. als Geschenk, Schumacher sorgte für die Bergung und den Abtransport. Nachdem er 1902 Ernst Sellin bei den Ausgrabungen von „Tell Taʿannek“ (Tiʿinik) unterstützt hatte, leitete er von 1903 bis 1905 seine eigenen Ausgrabungen am Tell Megiddo.
In einem Memorandum machte sich Schumacher 1913 zum Sprecher der deutschen Kolonisten, als Palästina unter französische Gebietsansprüche geriet.[3.3] Wehrpflichtige Palästinadeutsche aller Religionen (Juden, Katholiken, Protestanten und Templer) wurden wegen ihrer Sprach- und Landeskenntnisse vorwiegend zum deutschen Asien-Korps eingezogen, das im Ersten Weltkrieg als Teil der Mittelmächte an der Seite des Osmanischen Reiches kämpfte. Mit Ende des Krieges kamen die rekrutierten Palästinadeutschen im Zuge des Rückzugs des deutschen Militärs nach Deutschland. Auch manche Zivilisten, wie Schumacher, verließen Haifa. Am 23. September 1918 nahmen Streitkräfte der Triple Entente Haifa ein. Anders als im südlich benachbarten osmanischen Mutesarriflik Jerusalem wurden palästinadeutsche Zivilisten im Sandschak Akkon nicht interniert und auch nicht ins Ausland verbracht,[16] aber politisch exponierte Personen, oft Amtsträger wie Konsuln und ähnliches, wurden als Personae non gratae ausgewiesen. Schumacher blieb bis 1924 in Deutschland, weil er erst da die Genehmigung erhielt, in das nun britische Mandatsgebiet Palästina einzureisen und in sein Haus in der Präsidenten-Avenue 136 (Sderot haNassi) im Viertel Carmelheim auf dem Kamm des Karmels zurückzukehren.
Gottlieb-Schumacher-Institut
Der Sitz des „Gottlieb-Schumacher-Instituts zur Erforschung des christlichen Beitrags zum Wiederaufbau Palästinas im 19. Jahrhundert“ der Universität Haifa befindet sich im „Keller-Haus“, benannt nach dem Templer Friedrich Keller, in der Kellerstraße 2 in Haifa. Das Institut wurde 1987 von Alex Carmel gegründet. Schrapnelle von Hizbollah-Geschossen trafen das Gebäude am 1. November 2024.
Schriften
- Palestine Exploration Fund. Abiba (, Pella and northern Ajlun) of the Decapolis. London 1889.
- Tell el-mutesellim. 1. Fundbericht erstattet von Gottlieb Schumacher. Hrsg. vom geschäftsführenden Ausschuss unter der verantwortl. Red. von Carl Steuernagel. Leipzig 1908. (Der zweite Band wurde von Carl Watzinger rekonstruiert und 1929 herausgegeben.)
- Namenliste des nördlichen Ostjordanlandes. Nach Angaben von G. Schumacher. In: Carl Steuernagel: Der ’Adschlun. Leipzig 1927.
- Karte des Ostjordanlandes. Hrsg. vom Deutschen Verein zur Erforschung Palästinas. Geographische Anstalt von Wagner & Debes, Leipzig, o. J.
Literatur
- Alex Carmel (אַלֶכְּס כַּרְמֶל), Die Siedlungen der württembergischen Templer in Palästina (1868–1918), [התיישבות הגרמנים בארץ ישראל בשלהי השלטון הטורקי: בעיותיה המדיניות, המקומיות והבינלאומיות, Jerusalem: o. V., 5730[17]/ 1970; dt.], Stuttgart: Kohlhammer, 32000 (11973), (=Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg: Reihe B, Forschungen; Band 77), ISBN 3-17-016788-X.
- Alex Carmel, Geschichte Haifas in der türkischen Zeit 1516–1918, Wiesbaden: Harrassowitz, 1975, ISBN 3-447-01636-1.
- Alex Carmel: Christen als Pioniere im Heiligen Land. Ein Beitrag zur Geschichte der Pilgermission und des Wiederaufbaus Palästinas im 19. Jahrhundert. Reinhardt, Basel 1981, ISBN 3-7245-0476-4. (= Theologische Zeitschrift, Sonderband 10.)
- Ejal Jakob Eisler (אֱיָל יַעֲקֹב אַיְזְלֶר): Gottlieb Samuel Schumacher. In: Maria Magdalena Rückert (Hrsg.): Württembergische Biographien unter Einbeziehung hohenzollerischer Persönlichkeiten. Band II. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Kohlhammer, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-17-021530-6, S. 263–266.
- Siegfried Kreuzer: Ernst Sellin und Gottlieb Schumacher in Palästina. In: Charlotte Trümpler (Hrsg.): Das Große Spiel. Archäologie und Politik zur Zeit des Kolonialismus (1860–1940). Begleitbuch zur Ausstellung im Ruhr Museum Essen, DuMont Buchverlag, Köln 2008, ISBN 978-3-8321-9063-7, S. 136–145.
- Frank Daubner: Gottlieb Schumacher, ein Pionier der historisch-geographischen Erforschung Syriens. In: Orbis Terrarum 11, 2012–2013, ISSN 1385-285X, S. 73–89.
Weblinks
- Jakob Eisler: Gottlieb Schumacher. auf Württembergische Kirchengeschichte Online (WKGO), Stand: 31. März 2022.
Einzelnachweise
- ↑ Ruth Kark: American consuls in the Holy Land, 1832–1914. Wayne State University Press, 1994, S. 121.
- ↑ Deutscher Verein zur Erforschung Palästinas, Deutsches Evangelisches Institut für Altertumswissenschaft: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins, Band 107–109, S. 180; O. Harrassowitz, 1992.
- ↑ Alex Carmel (אַלֶכְּס כַּרְמֶל), Die Siedlungen der württembergischen Templer in Palästina (1868–1918), [התיישבות הגרמנים בארץ ישראל בשלהי השלטון הטורקי: בעיותיה המדיניות, המקומיות והבינלאומיות, Jerusalem: o. V., 5730 / 1970; dt.], Stuttgart: Kohlhammer, 32000 (11973), (=Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg: Reihe B, Forschungen; Band 77), Seite wie gesondert angegeben. ISBN 3-17-016788-X.
- ↑ Laut Ruff hat er in Stuttgart auch das Gymnasium besucht, wahrscheinlich für den Erwerb der Hochschulreife.
- ↑ Alex Carmel (אַלֶכְּס כַּרְמֶל), Geschichte Haifas in der türkischen Zeit 1516–1918, Wiesbaden: Harrassowitz, 1975, Seite wie hinter der Fußnotenzahl angezeigt. ISBN 3-447-01636-1.
- ↑ Gottlieb Schumacher, “Das Eisenbahnprojekt ʿAcca (Haifa) – Djisr almedjâmiʿa”, in: Warte des Tempels, 11. Oktober 1883, S. 1–4.
- ↑ Palästina-Chronik 1883 bis 1914: deutsche Zeitungsberichte von der 1. jüdischen Einwanderungswelle bis zum Ersten Weltkrieg, Alex Carmel (Kompil. und Hrsg.), Ulm: Vaas, 1983, S. 53–56. ISBN 3-88360-041-5.
- ↑ Ejal Jakob Eisler (אֱיָל יַעֲקֹב אַיְזְלֶר), “Schumacher, Gottlieb Samuel” (Eintrag; 23. Juni 2025), auf: Württembergische Kirchengeschichte online: Personen; abgerufen am 3. Oktober 2025.
- ↑ Hugh Hughes, "The Haifa–Damascus Railway", in: HaRakevet, Nr. 5 (September 1989), S. 11seq.
- ↑ Vgl. חֲבַצֶּלֶת (translit. Chavazzelet), 30. Dezember 1892, S. 90.
- ↑ Vgl. Survey Department of Palestine, Palestine – 1:20 000 Series Topocadastral: 180 Blatt, Jaffa und ab 1930 Tel Aviv: Survey Office, 1929–1930, Blatt 15/23 ‹Dāliyat El Karmil / Nésher› (1932).
- ↑ David Tirosch (דָּוִד תִּירוֹשׁ), רכבת העמק, Jerusalem: Ministerium für Bildung und Kultur / אגף הנוער / האגף לטיפוח רווחה ושיקום / היחידה לידיעת הארץ ולימודי שדה, 1988, S. 70.
- ↑ ʿAmmiram Oren (עַמִּירָם אוֹרֶן), “חיפה, קהילות משיחיות יהודיות” (13. November 2019), auf: עמירם במשעולי ישראל; abgerufen am 2. Oktober 2025.
- ↑ NN, “Jerusalem and the East Mission”, in: Waiapu Church Gazette, Jg. III, Ausgabe 9 (1. März 1913), S. 130.
- ↑ Hinweise bei Gottlieb Samuel Ruff, Erinnerungen
- ↑ Palästinadeutsche Zivilisten aus dem Mutesarriflik Jerusalem wurden noch im Krieg nach Ägypten verbracht.
- ↑ Das Jahr 5730 (תשנ״ל) des jüdischen Kalenders dauerte vom 13. September 1969 bis 30. September 1970 des gregorianischen Kalenders, jeweils zum Sonnenuntergang.