Gesetzliche Zeit in Deutschland
Die gesetzliche Zeit in Deutschland ist heute aufgrund der Festlegung des § 4 Abs. 1 des Einheiten- und Zeitgesetzes (EinhZeitG) die Mitteleuropäische Zeit (MEZ), die als die Koordinierte Weltzeit (UTC) plus 1 Stunde definiert ist. Sie ist die Zonenzeit der mitteleuropäischen Zeitzone und ist an einem Ort der geographischen Länge 15° östlich von Greenwich nahezu gleich der mittleren Ortszeit.
Abweichend von dieser grundsätzlichen Regelung als Gesetzliche Zeit ist nach § 4 Abs. 2 EinhZeitG aufgrund einer Verordnung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie in einem Zeitraum zwischen Ende März und Ende Oktober die gesetzliche Zeit die Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ), definiert als Koordinierte Weltzeit (UTC) plus 2 Stunden. Entsprechend der EU-Richtlinie 2000/84/EG zur Regelung der Sommerzeit beginnt der Gebrauch der Sommerzeit jeweils am letzten Sonntag im März um 2:00 Uhr MEZ = 3:00 Uhr MESZ und endet am letzten Sonntag im Oktober um 3:00 Uhr MESZ = 2:00 Uhr MEZ.[1] Von den zwei Stunden zwischen 2:00 Uhr MESZ und 3:00 Uhr MEZ in der Umstellungsnacht im Oktober wird, sofern nicht das jeweilige Zeitsystem explizit genannt wird, die erste mit 2A und die zweite mit 2B bezeichnet.
Die Ortszeit findet seit Ende des 19. Jahrhunderts keine Verwendung mehr.
Geographie
Der westlichste Punkt Deutschlands liegt im Selfkant bei 5° 52′ 12″ Ost, der östlichste in Neißeaue bei 15° 02′ 37″ Ost.[2] Auf dem 15. Längengrad Ost entspricht die Ortszeit der MEZ. Das gilt zum Beispiel für Görlitz nahe der deutsch-polnischen Grenze.[3] Die Ortszeit im Selfkant liegt etwa 36,5 Minuten hinter der MEZ bzw. etwa 1 Stunde und 36,5 Minuten hinter der MESZ zurück (ohne Berücksichtigung der Schwankungen aufgrund der Zeitgleichung).
Die deutsche Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis verwendet die Zeit nach UTC.[4]
Geschichte
Kirchen besaßen im Mittelalter und der frühen Neuzeit Sonnenuhren, die zumeist an der Südwand von Kirchturm oder Kirchenschiff angebracht waren. Sie zeigten die Ortszeit anhand des Stands der Sonne an und halfen so, die Glockenzeiten für Gebete oder Messen festzulegen (z. B. Angelus, Vesper). Ab 1300 sind zunehmend Turmuhren belegt, die als Räderuhr gebaut waren. Rathausuhren markierten auch den Beginn von Rats- und Gerichtssitzungen.[5]
Der Eisenbahnverkehr machte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Umstellung auf Zeitzonen mit einheitlicher Zeit erforderlich. Zunächst entstanden in den Kleinstaaten einheitliche Zeiten. Die Telegraphie (z. B. der Wheatstonesche Telegraph) ermöglichte erstmals eine genaue Zeitübertragung über Distanzen.[6]
Über die ab 1832/33 betriebene 588 km lange optische Telegrafenlinie von der alten Berliner Sternwarte in der Dorotheenstraße als Station 1 bis nach Koblenz konnte die Berliner Zeit für diese Strecke mit einer Genauigkeit von einer Minute festgelegt werden. 61, später 62 Stationen, alle mit einer Schwarzwälder Uhr ausgestattet, wurden spätestens alle drei Tage neu synchronisiert.[7]
Als die Privatbahnen 1871 verstaatlicht wurden, gab es noch fünf Eisenbahn-Zeitzonen.[8] Die Bahnen im Königreich Preußen (Preußische Staatseisenbahnen), Herzogtum Mecklenburg (Großherzoglich Mecklenburgische Friedrich-Franz-Eisenbahn), Großherzogtum Oldenburg (Großherzoglich Oldenburgische Staatseisenbahnen), Königreich Sachsen (Königlich Sächsische Staatseisenbahnen) und im Reichsland Elsaß-Lothringen (Reichseisenbahnen in Elsaß-Lothringen) verwendeten im dienstlichen Betrieb die Berliner Zeit.[9] Diese Zeit wurde im ganzen Norden des deutschen Reichs Standard für das Eisenbahnwesen.
Im Süden schloss man sich dem nicht an. Bei den Bahnen im Königreich Bayern (Königlich Bayerische Staatseisenbahnen), Königreich Württemberg (Königlich Württembergische Staats-Eisenbahnen) und in der Pfalz (Pfälzische Eisenbahnen) galten die Ortszeiten ihrer Hauptorte München, Stuttgart und Ludwigshafen.[9]
Im Großherzogtum Baden erließ die Direction der Großherzoglichen Posten und Eisenbahnen (die 1840 entstandene Staatsbahn wurde ab 1872 als Großherzoglich Badische Staatseisenbahnen geführt) am 24. Juni 1845 eine Verordnung, die die Mannheimer Ortszeit (bei ca. 8° 28′ O) als einheitliche Zeit für alle öffentlichen Uhren, Postrouten und Eisenbahnen im Großherzogtum Baden einführte. Die Zeit wurde von der Turmuhr des Mannheimer Kaufhauses am Paradeplatz übertragen und an den Bahnhöfen weitergegeben. 1851 wurde die Mannheimer Zeit durch die Karlsruher Zeit abgelöst (ca. 8° 24′ östlicher Länge von Greenwich), da Karlsruhe als Hauptstadt und Residenzstadt des Großherzogtums eine zentralere Rolle einnahm. Die Karlsruher Zeit entsprach exakt der Ludwigshafener Zeit in der Pfalz (aufgrund gleicher geographischer Länge), was grenzüberschreitende Verbindungen erleichterte. Sie galt für den Äußeren Dienst der Bahn (öffentliche Fahrpläne) und wurde schrittweise auf Behörden und öffentliche Uhren ausgeweitet. Symbole wie der Uhrturm des Alten Karlsruher Bahnhofs (1841–43, Entwurf von Friedrich Eisenlohr) unterstrichen die Bedeutung öffentlicher Zeitanzeigen.[6]
In Bayern wurde die Eisenbahnstrecke München–Augsburg 1839 eröffnet. Mit der „Bekanntmachung der königlichen Eisenbahnbaukomission München vom 9. Oktober 1844, ‚Die richtige Einhaltung der Fahrzeiten betr.‘“ beschwerte sich die Bahnleitung über die Unpünktlichkeit der Fahrgäste: „Da man in neuerer Zeit wahrgenommen hat, dass Ominbus und Fiaker öfters erst nach der vorgeschriebenen Zeit ankommen, und dadurch die rechtzeitige Abfahrt verhindern, so wird auf die obige bestehende Vorschrift mit dem Bemerken aufmerksam gemacht, dass zu spät Kommende es sich selbst zuzuschreiben haben, wenn sie von der betreffenden Fahrt ausgeschlossen werden.“
Die Pfälzische Eisenbahnzeit, die ab 1847 mit dem Betrieb der Pfälzischen Ludwigsbahn in der bayerischen Pfalz (Rheinpfalz) erforderlich wurde, basierte auf der Ortszeit von Ludwigshafen. Sie entsprach der Karlsruher Zeit in Baden.
Auf der Internationalen Meridiankonferenz in Washington 1884 beschlossen die Vertreter von 25 Ländern mit großer Mehrheit, die Ortszeit von Greenwich bei London als Basis für die weltweite Zeitangabe zu verwenden.[3] Insbesondere fand der Gedanke von 24 Zeitzonen von je 15° geographischer Länge Anklang. Den Anstoß hatte der irische Eisenbahn-Ingenieur Sandford Fleming gegeben.
Am 1. Juni 1891[8] einigten sich die im Verein Deutscher Eisenbahnverwaltungen organisierten Staatsbahnen auf die Mitteleuropäische Zeit (MEZ) als gemeinsame Betriebszeit.[10] Ab dem 1. April 1892 wurde die MEZ etwa für die deutschen Bodenseeanrainer Großherzogtum Baden, Königreich Bayern und Königreich Württemberg als allgemeine Zeit im Alltag verbindlich, so dass zum Beispiel das Problem der Fünf Standardzeiten am Bodensee schrittweise behoben wurde.
Im Reichsgesetzblatt Nr. 7 des Jahres 1893 wurde das Gesetz betreffend die Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung für das gesamte Deutsche Reich verkündet: „Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen etc. verordnen im Namen des Reichs, nach erfolgter Zustimmung des Bundesraths und des Reichstags, was folgt: Die gesetzliche Zeit in Deutschland ist die mittlere Sonnenzeit des fünfzehnten Längengrades östlich von Greenwich.“[3] Sie trat am 1. April 1893 in Kraft. Die gesetzliche Zeit nahm damit endgültig Einzug in den Alltag.
Bei der Deutschen Reichsbahn wurde im Jahr 1927 die 12-Stunden-Zählung durch die 24-Stunden-Zählung abgelöst.
Von 1. August 1978 bis 12. Juli 2008 galt das Gesetz über die Zeitbestimmung. Seit 5. Juli 1970 gilt das Gesetz über die Einheiten im Messwesen und die Zeitbestimmung, in dem 2008 die Bestimmungen aus dem Gesetz über die Zeitbestimmung übernommen wurden.
Sommerzeit
Die Sommerzeit wurde erstmals während des Ersten Weltkriegs vom Deutschen Reich in den Jahren 1916 bis 1918 eingeführt. Nach Kriegsende und der Ausrufung der Weimarer Republik im November 1918 wurde die Sommerzeit wieder abgeschafft. Sie wurde erneut 1940–1949 (ab 1945 unterschiedlich in West- und Ostdeutschland) verwendet. Dann wurde die Sommerzeit 1980 wieder eingeführt. West- und Ostdeutschland hatten von 1950 bis zur Wiedervereinigung dieselbe (Normal-)Zeit und Sommerzeit. 1996 wurde die Sommerzeit in der gesamten Europäische Union durch die Richtlinie 2000/84/EG harmonisiert, die das Ende der Sommerzeit auf den letzten Sonntag im Oktober festlegte.
1980 nutzte die deutsche Exklave Büsingen am Hochrhein keine Sommerzeit, um mit der Schweizer Zeit synchron zu bleiben.[11]
Zeitsignal
In Deutschland sendete ab dem 1. Juli 1932 der Reichssender Hamburg jeweils um 7.00 Uhr, 11.00 Uhr, 15.00 Uhr, 19.00 Uhr und 23.00 Uhr MEZ ein sog. Kurzsignal als Zeitsignal, das jeweils 30 Sekunden vor der vollen Stunde begann und zunächst zehn Sekunden-Takte umfasste, dann je drei Zeittöne nach jeweils fünf Sekunden und schließlich nochmals je ein Zeitzeichen während der letzten drei Sekunden vor der vollen Stunde. Dieses Zeitsignal wurde außerdem von den Nebensendern des Reichssenders Hamburg und auch vom Deutschlandsender jeweils vor 7.00 Uhr, 12.00 Uhr, 18.00 Uhr und 23.00 Uhr MEZ gesendet.[12]
In der Nachkriegszeit sendete das Deutsche Hydrographische Institut (DHI), das 1990 im Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie aufging, Zeitsignale. Am 15. Juni 1950 nahm die Küstenfunkstelle Norddeich Radio die Aussendung von Zeitsignalen des DHI Hamburg wieder auf.[13]
Über den Langwellensender DCF77 in Mainflingen bei Frankfurt am Main sendet die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB), die Atomuhren in Braunschweig betreibt, seit 1959 eine Normalfrequenz und seit 1973 zusätzlich ein Datensignal für Datum und Uhrzeit. Diese gehen unter anderem an alle öffentlichen und privaten Funkuhren, an die Steuertechnik von Kraft- und Umspannwerken, die Uhren der Deutschen Bahn AG, die Fahrsteuerung der U-Bahnen und rund 50.000 Verkehrsampeln.
Etwa seit 2000 ist die Zeitsynchronisation von Computern über das Internet per Network Time Protocol gebräuchlich.
IANA-Zeitzonendatenbank
Die Zeitzonendatenbank der IANA enthält für Deutschland zwei Zonen: „Europe/Berlin“ und „Europe/Busingen“, obwohl 1945 die Trizone nicht dem Wechsel von Berlin zur Sommerzeit folgte.
Zu Beginn der Unix-Epoche, dem Datum, ab dem die Datenbank korrekte Informationen erfassen möchte, war Deutschland politisch in die DDR und die BRD geteilt. Die Datenbank soll für jeden Alpha-2-Ländercode nach ISO 3166-1 mindestens eine Zone enthalten. Diese Liste wurde erstmals 1997 veröffentlicht, nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990. Daher ist nur das vereinte Deutschland gelistet.[14]
Die Zone Europe/Busingen wurde in der Version 2013a der Datenbank erstellt,[15] weil Büsingen seit der Unix-Zeit-Epoche 1970 die gleiche Uhrzeit wie Zürich verwendet.[16] In der Gemeinde Büsingen gab es 1980, anders als im Rest Westdeutschlands, keine Sommerzeit, sondern erst ab 1981, nachdem auch die Schweiz die Sommerzeit eingeführt hatte. Büsingen ist eine deutsche Exklave in der Schweiz, daher gelten dort teilweise die schweizerischen Regelungen.
Siehe auch
Weblinks
- Physikalisch-Technische Bundesanstalt – Gesetzliche Zeit
- Gesetz über die Einheiten im Messwesen und die Zeitbestimmung, § 4 (EinhZeitG, Units and Time Act)
- Sommerzeitverordnung (Summer Time Ordinance)
- Deutsches Zeitgesetz
Einzelnachweise
- ↑ Richtlinie 2000/84/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 19. Januar 2001 zur Regelung der Sommerzeit. EUR-Lex, abgerufen am 21. Dezember 2025.
- ↑ Statistisches Jahrbuch 2018 Seite 13
- ↑ a b c Deutschlands ungünstige Zeitzone: Nur in Görlitz ist es um 12 Uhr auch wirklich Mittag.
- ↑ Neumayer‑Station III. timeanddate.com
- ↑ Mittelalter-Lexikon: Turmuhren.
- ↑ a b Peter Gleber: Als Mannheim in Baden den (Zeit-)Takt angab.
- ↑ Manfred Menning, P. Fuchs, A. Schwarz, Andreas Hendrich, P. Sukkau: Preussens optisch-mechanische Telegraphenlinie Berlin – Köln – Koblenz 1832–1852. In: Manfred Menning, Andreas Hendrich (Hrsg.): Preussens Telegraphenlinie Berlin–Koblenz; Telegraphenbuch III. Potsdam 2012, ISBN 978-3-00-039730-1, S. 6.
- ↑ a b Joseph Scheppach: Zug um Zug zur Zeitzone.
- ↑ a b Carsten Schroeder: Zeitchaos im Kaiserreich: Interview Dr. Caroline Rothauge. (mp3) In: Deutschlandfunk. Deutschlandradio, 24. Oktober 2019, abgerufen am 18. November 2025.
- ↑ Caroline Rothauge: Zur Einführung der „Mitteleuropäischen Zeit“ im Deutschen Kaiserreich 1893. Temporale Transformationsprozesse in verflechtungsgeschichtlicher Perspektive.
- ↑ Schweizer Zeit in Büsingen. Schweizer Fernsehen: SF Videoportal, archiviert vom am 8. Januar 2015.
- ↑ Edgar Müller: Über die gebräuchlichsten Uhrvergleiche ohne Registrierung für astronomisch-geodätische Zwecke. Schriftenreihe der Gesellschaft für Zeitmeßkunde und Uhrentechnik, Band 11, Berlin 1941, S. 5ff.
- ↑ Norddeich Radio Historie.
- ↑ Jonathan Lennox: Re: FW: FW: Corrections to historic German timezone information. gmane.comp.time.tz, 11. Februar 2008.
- ↑ Paul Eggert: tzcode2013a and tzdata2013a available. mm.icann.org/pipermail/tz-announce/, 2. März 2013 (englisch).
- ↑ Arthur David Olson: New zone for DE, split from Europe/Berlin. gmane.comp.time.tz, 3. März 2012 (englisch).