Sommerzeit in Deutschland

Die Sommerzeit in Deutschland wurde erstmalig 1916 eingeführt. Aktuell gilt die Regelung der Mitteleuropäischen Sommerzeit (MESZ). Sie beginnt jeweils am letzten Sonntag im März um 2:00 Uhr MEZ, indem die Stundenzählung um eine Stunde von 2:00 Uhr auf 3:00 Uhr vorgestellt wird, und endet jeweils am letzten Sonntag im Oktober um 3:00 Uhr MESZ, indem die Stundenzählung um eine Stunde von 3:00 Uhr auf 2:00 Uhr zurückgestellt wird. Eine Abschaffung der Sommerzeit wurde innerhalb der Europäischen Union beschlossen, aber noch nicht konkretisiert.

Geschichte

1916 bis 1918

Aufgrund der praktischen Schwierigkeiten z. B. beim länderübergreifenden Eisenbahnverkehr ist es kein Zufall, dass die erstmalige landesweite Einführung der Sommerzeit in den Ersten Weltkrieg fällt. Die Sommerzeit sollte die energieintensiven „Materialschlachten“ des Ersten Weltkriegs unterstützen: Dadurch versprach man sich Energieeinsparungen bei der künstlichen Beleuchtung an langen Sommerabenden.

„Der Gedanke, die Lebensweise während der Sommermonate oder während der Gültigkeitsdauer des Sommerfahrplans an die Zeit des Tageslichts besser anzupassen, konnte sich wegen der großen Schwierigkeiten eines einheitlichen Vorgehens der am europäischen Eisenbahndurchgangsverkehr beteiligten Länder bisher keine Geltung verschaffen. Durch den Ausbruch des großen Krieges sind diese Schwierigkeiten für die mitteleuropäischen Staaten im wesentlichen beseitigt, während das Bedürfnis, Brenn- und Beleuchtungsstoffe durch möglichste Ausnutzung des Sonnenlichts zu sparen, sich mehr als sonst geltend machte. Der Eisenbahnverkehr nach den feindlichen Staaten wurde durch den Krieg gänzlich unterbrochen. Auch nach den neutralen Staaten mußte der Durchgang der Personenwagen in Rücksicht auf die aus militärischen Gründen notwendige Überwachung des Grenzverkehrs eingeschränkt oder ganz eingestellt werden.“

Karl Breusing[1]

Eine nationale Umstellung auf Sommerzeit wurde erstmals am 30. April 1916 im Deutschen Reich[2] (sowie in Österreich-Ungarn)[3] angeordnet. Die Bestimmung lautete: „Der 1. Mai 1916 beginnt am 30. April 1916 nachmittags 11 Uhr nach der gegenwärtigen Zeitrechnung. Der 30. September 1916 endet eine Stunde nach Mitternacht im Sinne dieser Verordnung.“[2]

Die Sommerzeit bestand in den Jahren 1916 bis 1918:[4]

Jahr Beginn der Sommerzeit Ende der Sommerzeit
1916[2] a Sonntag, 30. April 1916 23:00 MEZ Sonntag, 1. Oktober 1916 1:00 MESZ
1917[5] Montag, 16. April 1917 02:00 MEZ Montag, 17. September 1917 3:00 MESZ
1918[6] Montag, 15. April 1918 02:00 MEZ Montag, 16. September 1918 3:00 MESZ

In den Jahren 1919 bis 1939 gab es keine Zeitumstellung.

1940 bis 1945

Wieder eingeführt wurde die Sommerzeit im Kriegsjahr 1940. Auch die „eingegliederten Ostgebiete“ wurden einbezogen.[7]

Ursprünglich sollte sie am 6. Oktober 1940 enden,[8] was jedoch vier Tage vor ihrem Ablauf außer Kraft gesetzt wurde. In den Jahren 1940 und 1941 gab es nach Erlass der „Verordnung über die Verlängerung der Sommerzeit“[9] keine Umstellung zurück auf MEZ; die Sommerzeit galt daher durchgehend von April 1940 bis November 1942: „Die […] durch Verordnung […] bestimmte Zeitrechnung bleibt bis auf weiteres bestehen.“[9]

Jedoch wurde die Sommerzeit ab 1942 dreimal durch sogenannte „Verordnungen über die Wiedereinführung der Normalzeit“ unterbrochen.[10][11][12]

Somit ergaben sich in den Kriegsjahren Zeiträume, die keinem klaren Schema folgten:[4]

Jahr Beginn der Sommerzeit Ende der Sommerzeit
1940–1942 Montag, 1. April 1940 2:00 MEZ[8][9] Montag, 2. November 1942 3:00 MESZ[10]
1943 Montag, 29. März 1943 2:00 MEZ[10] Montag, 4. Oktober 1943 3:00 MESZ[11]
1944 Montag, 3. April 1944 2:00 MEZ[11] Montag, 2. Oktober 1944 3:00 MESZ[12]
1945 Montag, 2. April 1945 2:00 MEZ[12]

In der Verordnung von 1944[12] war ein Ende nicht bestimmt. Nach Kriegsende wurde die gesetzliche Zeit in Deutschland von den Besatzungsmächten festgelegt.

1945 bis 1949

Bei Kriegsende verständigte sich der Alliierte Kontrollrat in Deutschland auf eine einheitliche Uhrenumstellung während der warmen Jahreszeit.[13] 1947 wurde ab 11. Mai eine doppelte Sommerzeit, d. h. eine Abweichung von zwei Stunden, verordnet, um das Tageslicht maximal auszunutzen. So gab es in Westdeutschland die mitteleuropäische Hochsommerzeit, auch doppelte Sommerzeit genannt (MEHSZ = UT+3). Sieben Wochen später (am 29. Juni) kehrte man zur einfachen Sommerzeit zurück.

In der sowjetischen Besatzungszone und Berlin dauerte die Sommerzeit 1945 zwei Monate länger als im übrigen Deutschland. In der sowjetischen Besatzungszone und Berlin galt vom 24. Mai 1945 bis zum 24. September 1945 die mitteleuropäische Hochsommerzeit (MEHSZ; so genannte „Doppelte Sommerzeit“), die mit der damals gültigen Moskauer Zeit UTC+3 übereinstimmte, mit einer Zeitdifferenz von plus zwei Stunden zur MEZ; nach deren Ende galt noch bis zum 18. November 1945 die MESZ.[14]

Zwischen dem 11. Mai und dem 29. Juni 1947 galt in ganz Deutschland die MEHSZ.

Die Regelungen der Nachkriegszeit waren:[4]

Jahr Beginn der Sommerzeit Ende der Sommerzeit
1945 (Westzonen) Sonntag, 16. September 1945 2:00 MESZ
1945 (Sowjetische Zone, Berlin) Sonntag, 18. November 1945 3:00 MESZ
Donnerstag, 24. Mai 1945 2:00 MESZ Montag, 24. September 1945 3:00 MEHSZ
1946[15] Sonntag, 14. April 1946 2:00 MEZ Montag, 7. Oktober 1946 3:00 MESZ
1947[16] Sonntag, 6. April 1947 3:00 MEZ Sonntag, 5. Oktober 1947 3:00 MESZ[17]
Sonntag, 11. Mai 1947 3:00 MESZ Sonntag, 29. Juni 1947 3:00 MEHSZ
1948[18] Sonntag, 18. April 1948 2:00 MEZ Sonntag, 3. Oktober 1948 3:00 MESZ
1949[19] Sonntag, 10. April 1949 2:00 MEZ Sonntag, 2. Oktober 1949 3:00 MESZ

Bereits im Gründungsjahr beider deutscher Staaten 1949 einigte man sich zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR darauf, die alljährliche Uhrumstellung zu beenden. Die damaligen Sommerzeitregelungen endeten 1949.[20] Von 1950 bis 1979 gab es in Deutschland keine Sommerzeit.

1980 bis heute

Die erneute Einführung der Sommerzeit wurde in der Bundesrepublik Deutschland 1978 beschlossen, trat jedoch erst 1980 in Kraft. Zum einen wollte man sich bei der Zeitumstellung den westlichen Nachbarländern anpassen, die bereits 1977 als Nachwirkung der Ölkrise von 1973 aus energiepolitischen Gründen die Sommerzeit eingeführt hatten. Zum anderen musste man sich mit der DDR über die Einführung der Sommerzeit einigen, damit Deutschland und insbesondere Berlin nicht auch zeitlich geteilt waren. Die Bundesrepublik Deutschland, mit Ausnahme der Exklave Büsingen am Hochrhein, und die DDR führten deshalb die Sommerzeit gleichzeitig ein. Büsingen richtete sich nach der Schweiz und führte die Sommerzeit erst 1981 ein.[21]

In der DDR regelte die Zeitordnung[22] in Verbindung mit der für das jeweilige Jahr gültigen Verordnung über die Einführung der Sommerzeit (erstmals derjenigen vom 31. Januar 1980) die Umstellung. Wie politisch aufgeladen das Thema in der damaligen Situation war, wurde auch im Herbst 1980 deutlich, als die DDR unvermittelt ankündigte, die Sommerzeit bereits nach dem ersten Jahr wieder abschaffen zu wollen.[23] Dieser Plan sorgte für gewisse Turbulenzen (er wurde in der Bundesrepublik Deutschland als Abgrenzung zum Westen verstanden), obwohl man schließlich doch bei der abgesprochenen Vorgehensweise blieb.[24] 1981 wurde der Beginn vorverlegt.

1996 schließlich wurden die unterschiedlichen Sommerzeitregelungen in der Europäischen Union vereinheitlicht. Die Gemeinsame europäische Sommerzeit wurde eingeführt. Damit gilt die Sommerzeit in Deutschland einen Monat länger; sie dauert seither jeweils 30 oder 31 Wochen.

In der Zone der Mitteleuropäischen Zeit (MEZ), in der sich Deutschland befindet, ist die Sommerzeit die Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ), auf Englisch Central European Summer Time (CEST, britisch) oder Central European Daylight Saving Time (CEDT, CET DST, US-amerikanisch) oder auch Middle European Summer Time (MEST). Die Zeitdifferenz der Mitteleuropäischen Sommerzeit (MESZ) zur Koordinierten Weltzeit (UTC) (früher Greenwich Mean Time, GMT / Universal Time, UT) beträgt zwei Stunden (UTC+2), während die Mitteleuropäische Zeit (Normalzeit) um eine Stunde von der UTC abweicht (UTC+1).

Jahr Beginn der Sommerzeit Ende der Sommerzeit
1980 Sonntag, 6. April 1980 2:00 MEZ Sonntag, 28. September 1980 3:00 MESZ
1981–1995 letzter Sonntag im März 2:00 MEZ letzter Sonntag im September 3:00 MESZ
seit 1996 letzter Sonntag im März 2:00 MEZ letzter Sonntag im Oktober 3:00 MESZ

Aktuelle Rechtsgrundlagen

Auf europäischer Ebene besteht die Richtlinie 2000/84/EG zur Regelung der Sommerzeit mit weiteren ergänzenden Mitteilungen.

In Deutschland wird die Zeitumstellung per Rechtsverordnung bestimmt. § 5 Einheiten- und Zeitgesetz (EinhZeitG) ermächtigt das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie zum Erlass entsprechender Verordnungen. Bis einschließlich 2001 galt die Zeitverordnung von 1997,[25] bis dann im Jahr 2002 mit § 1 Sommerzeitverordnung die Sommerzeit auf unbestimmte Zeit eingeführt wurde. Gemäß § 3 der Sommerzeitverordnung gibt das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie Beginn und Ende der Sommerzeit bekannt, zuletzt für die Jahre 2016 bis 2020.[26]

Nach § 2 der Sommerzeitverordnung gilt:

  • Die Umstellung von der Normal- auf die Sommerzeit findet am letzten Sonntag im März um 1:00 Uhr UTC, also in der mitteleuropäischen Zeitzone von 2:00 Uhr MEZ auf 3:00 Uhr MESZ, statt.
  • Die Umstellung von der Sommer- auf die Normalzeit findet am letzten Sonntag im Oktober um 1:00 Uhr UTC, also in der mitteleuropäischen Zeitzone von 3:00 Uhr MESZ auf 2:00 Uhr MEZ, statt.

In Deutschland wird die Stunde vor der Zeitumstellung mit 2:00A Uhr, die Stunde nach der Umstellung mit 2:00B Uhr bezeichnet. In Deutschland wurde eine solche Unterscheidung mit A und B bereits 1917 gemäß § 3 der Bekanntmachung über die Sommerzeit[5] praktiziert.

Zumindest im IT-Bereich ist es allerdings üblicher, zur Unterscheidung das jeweilige Zeitsystem mit anzugeben (02:00 MEZ bzw. 02:00 MESZ oder, sofern es im ISO-8601-Format ist, 02:00:00+01 bzw. 02:00:00+02).

Technische Umsetzung

Für die technische Umsetzung der Zeitumstellungen ist die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig zuständig. Die PTB kontrolliert die impulsgebenden Atomuhren in Braunschweig. Deren Zeit wird mit der Uhr am Langwellensender DCF77 in Mainflingen bei Frankfurt am Main abgeglichen, der von dort Zeitsignale ausstrahlt. Diese gehen unter anderem an alle öffentlichen und privaten Funkuhren, an die Steuertechnik von Kraft- und Umspannwerken, die Uhren der Deutschen Bahn AG, die Fahrsteuerung der U-Bahnen und rund 50.000 Verkehrsampeln.

Auswirkungen auf den Energieverbrauch

Dass auch in Deutschland durch die saisonale Zeitumstellung kaum Energie eingespart wurde, bestätigte die Bundesregierung 2005 auf eine Anfrage der FDP-Fraktion. Man wolle aber an der Umstellung festhalten, solange die Mitgliedstaaten der EU nicht gemeinsam die Absicht hätten, die Sommerzeit abzuschaffen.[27]

Auch das Umweltbundesamt stellte keine positiven Energiespareffekte fest, da die Einsparung an Strom für Beleuchtung durch den Mehrverbrauch an Heizenergie infolge der Vorverlegung der Hauptheizzeit „überkompensiert“ werde. Der zunehmende Einsatz von Energiesparlampen würde diesen Effekt in Zukunft zudem weiter verstärken.[28] Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft.[29] 2009 wurde ein Alleingang erneut abgelehnt, weil eine einheitliche Zeitregelung „für ein reibungsloses Funktionieren des Binnenmarktes unerlässlich“ sei.[30]

Abweichung vom Sonnenstand

Der Mittag der heute nicht mehr gebräuchlichen wahren Ortszeit (WOZ) teilt den Zeitabschnitt zwischen Sonnenauf- und -untergang nahezu symmetrisch: Um 12 Uhr WOZ hat die Sonne ihren höchsten Stand. Der Auf- und Untergang der Sonne liegen in nahezu gleichem Zeitabstand vor bzw. nach diesem Zeitpunkt. Die gleichmäßiger ablaufende mittlere Ortszeit (gemittelte Sonnenzeit), die durch den Gebrauch mechanischer Uhren notwendig wurde, unterscheidet sich von der wahren Ortszeit um die Zeitgleichung, die übers Jahr zwischen −14 und +16 Minuten schwankt. Die Mitteleuropäische Zeit (MEZ), die in Deutschland normalerweise die gesetzliche Zeit ist, entspricht als landeseinheitliche Zonenzeit der mittleren Ortszeit an ihrem Bezugsmeridian mit der geographischen Länge 15° östlich von Greenwich. Sie weicht von der mittleren Ortszeit an einem anderen Ort entsprechend dessen geographischer Länge ab. Da Deutschland nahezu vollständig westlich des Bezugsmeridians liegt, ist die Abweichung der Mitteleuropäischen Sommerzeit von der mittleren Ortszeit praktisch im ganzen Land positiv. Sie beträgt im äußersten Osten Deutschlands, bei Görlitz mit der geographischen Länge 15°, 0 Minuten und im äußersten Westen, bei Aachen mit der geographischen Länge 6°, 36 Minuten.

Während des Gebrauchs der Sommerzeit vergrößert sich diese teilweise schon beträchtliche Abweichung der gesetzlichen Zeit von der mittleren bzw. wahren Ortszeit um eine weitere Stunde. So ist etwa am Westrand Deutschlands der Mittag der mittleren Ortszeit um 13:36 Uhr Sommerzeit, und um 12 Uhr Sommerzeit ist die Sonne noch entsprechend weit von ihrer oberen Kulmination im Süden entfernt.

Permanente Sommerzeit

In der Europäischen Union wird angesichts der aktuellen Diskussion über die Abschaffung der Zeitumstellung in einigen Staaten eine ganzjährige Sommerzeit diskutiert. Befürworter einer ganzjährigen Sommerzeit argumentieren, dass diese die gleichen Vorteile wie eine halbjährliche Sommerzeit biete (z. B. bessere Tageslichtnutzung), ohne dabei mit Uhrenumstellungen in Verbindung gebrachte Komplikationen in der Bevölkerung zu verursachen. Viele Schlafforscher und Chronobiologen raten von einer ganzjährigen Sommerzeit ab und sprechen sich stattdessen für eine permanente Beibehaltung der Normalzeit aus.[31][32]

Sonnenauf- und -untergangszeiten in Kleve (Westdeutschland) im Winterhalbjahr[33]
Aktuelle Regelung (MEZ) Permanente Sommerzeit (MESZ)
Sonnenaufgang Sonnenuntergang Sonnenaufgang Sonnenuntergang
15. November 07:54 16:44 08:54 17:44
15. Dezember 08:36 16:25 09:36 17:25
15. Januar 08:35 16:54 09:35 17:54
15. Februar 07:49 17:50 08:49 18:50
15. März 06:49 18:40 07:49 19:40
Sonnenauf- und -untergangszeiten in Görlitz (Ostdeutschland) im Sommerhalbjahr[34]
Aktuelle Regelung (MESZ) Permanente Normalzeit (MEZ)
Sonnenaufgang Sonnenuntergang Sonnenaufgang Sonnenuntergang
15. April 06:04 19:56 05:04 18:56
15. Mai 05:09 20:44 04:09 19:44
15. Juni 04:44 21:17 03:44 20:17
15. Juli 05:02 21:09 04:02 20:09
15. August 05:46 20:21 04:46 19:21
15. September 06:35 19:14 05:35 18:14
15. Oktober 07:23 18:07 06:23 17:07

Politische Entwicklung

Im April 2014 fasste die deutsche Regierungspartei CDU den Parteitagsbeschluss, sich innerhalb der EU für die Abschaffung der Zeitumstellung und eine einheitliche Neuregelung einzusetzen. Im Januar 2017 griff die CDU/CSU-Bundestagsfraktion diesen Beschluss auf.[35] Dennoch stimmten die Unionsparteien als Teil der Großen Koalition im März 2018 gegen den Antrag der FDP im Deutschen Bundestag, ein Ende der Zeitumstellung auf EU-Ebene zu unterstützen.[36]

Im Rahmen einer repräsentativen Umfrage von YouGov im März 2016 lehnten 60 % der Befragten die Zeitumstellung ab.[37] Bei einer weiteren repräsentativen Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK im Frühjahr 2018 sprachen sich 73 % der Teilnehmer gegen die Zeitumstellung aus.[38]

Seitdem in der Europäischen Union eine Abschaffung der bisherigen Regelung angestrebt wird, kamen Befragungen zu der fortan bevorzugten Zeit in Deutschland zu unterschiedlichen Ergebnissen. Während bei zwei Umfragen der Kantar Group im Oktober 2018[39] und März 2019[40] jeweils mehrheitlich die Sommerzeit befürwortet wurde, votierte in einer von der Initiative Markt- und Sozialforschung beauftragten YouGov-Umfrage im September 2018 eine Mehrheit für die Normalzeit, wobei die Begriffe Winter- und Sommerzeit bewusst nicht verwendet wurden.[41]

Abgesehen von Wortmeldungen einzelner Politiker hat die Bundesregierung bislang keine geschlossene Haltung in dieser Frage eingenommen. Federführend agiert hier das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), dessen damaliger Ressortleiter Peter Altmaier sich im Oktober 2018 für eine dauerhafte Sommerzeit aussprach.[42] Das Ministerium befindet sich jedoch nach wie vor in einem Abstimmungsprozess mit deutschen Verbänden, anderen Ministerien und den EU-Staaten, um eine harmonisierte Lösung zu erreichen.[43]

Auch Äußerungen aus der Wirtschaft und von diversen Verbänden ergaben bislang kein einheitliches Meinungsbild. Bei einer vom ifo Institut für Wirtschaftsforschung vorgenommenen Befragung von mehr als 1300 Unternehmen erhielten zwischen April und Juni 2019 sowohl die Normalzeit als auch die Sommerzeit jeweils 38 % Zuspruch. Die restlichen 24 % zeigten sich bis dahin unentschieden. Dabei befürworteten viele Firmen aus dem Energiesektor eher die Normalzeit, während insbesondere der Handel und das Gastgewerbe die Sommerzeit präferierten.[44] So plädierte der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) bereits im September 2018 für eine dauerhafte Sommerzeit.[45] Scharfer Widerspruch kam von Seiten des Deutschen Lehrerverbands (DL), der im März 2019 eine ständige Normalzeit forderte und eine permanente Sommerzeit für unverantwortlich hielt.[46] Ende März 2019 mahnte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) eine einheitliche EU-Regelung an, um die Logistik des Europäischen Binnenmarkts nicht zu beschädigen.[47] Der Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) befürchtete derweil ein absehbares Chaos und setzte sich für eine Beibehaltung der Zeitumstellung ein.[48]

Am 8. Februar 2018 beauftragte das EU-Parlament die EU-Kommission mit 384:153 Stimmen damit, eine „gründliche Bewertung der Richtlinie über die Regelung der Sommerzeit vorzunehmen und gegebenenfalls einen Vorschlag zu ihrer Überarbeitung vorzulegen“.[49][50] Vom 5. Juli bis 16. August 2018 konnten sich mehr als 500 Millionen EU-Bürger online zu ihren Erfahrungen mit der Sommerzeit und zur Frage der Beibehaltung oder Abschaffung der Zeitumstellung äußern.[51] Nach Kommissionsangaben gingen mehr als 4,6 Mio. Antworten ein, was im Vergleich zu anderen öffentlichen Befragungen einen Rekord darstellt.[52] In der Umfrage sprachen sich 84 % der Teilnehmer für eine Abschaffung der Zeitumstellung aus.[53] Die Umfrage gilt nicht als repräsentativ.[54]

Siehe auch

Literatur

  • Dietrich Henckel, Björn Gernig, Ulrich Mückenberger: Die Zukunft der Sommerzeit. Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik, Berlin 2020, ISBN 978-3-9823112-0-3 (PDF; 1,04 MB).
  • Michael Downing: Spring Forward. The Annual Madness of Daylight Saving Time. Shoemaker & Hoard, Washington, D.C. 2005, ISBN 1-59376-053-1.
  • Johannes Graf, Claire Hölig: Wer hat an der Uhr gedreht? Die Geschichte der Sommerzeit. Deutsches Uhrenmuseum, Furtwangen 2016.
  • David Prereau: Why We Put the Clocks Forward. Granta Books, London 2005, ISBN 1-86207-796-7.
  • Peter Spork: Wake up! Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft. Carl Hanser Verlag, München 2014, ISBN 978-3-446-44051-7.
Commons: Sommerzeit in Deutschland – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Victor von Röll: Sommerzeit (Lexikoneintrag). In: Enzyklopädie des Eisenbahnwesens. 2. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin/Wien 1912–1923. 1923, abgerufen am 8. April 2019.
  2. a b c Bekanntmachung über die Vorverlegung der Stunden während der Zeit vom 1. Mai bis 30. September 1916 vom 6. April 1916 (Text auf Wikisource).
  3. RGBl. Nr. 111/1916: Verordnung des Gesamtministeriums vom 21. April 1916, betreffend die Einführung der Sommerzeit für das Jahr 1916. In: RGBl. für die im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder. LVI. Stück, ausgegeben am 22. April 1916, S. 247 (online bei alex.onb.ac.at).
  4. a b c Yvonne Zimber: Sommerzeiten und Hochsommerzeiten in Deutschland bis 1979. Physikalisch-Technische Bundesanstalt, Arbeitsgruppe Zeitnormale 2003 – Das Kabinett Scheidemann > Band 1 > Dokumente > Nr. 14 b Kabinettssitzung vom 15. März 1919 > VII. Sommerzeit, auf bundesarchiv.de.
  5. a b Bekanntmachung über die Vorverlegung der Stunden während der Zeit vom 16. April bis 17. September 1917 vom 16. Februar 1917, RGBl., S. 151.
  6. Bekanntmachung über die Vorverlegung der Stunden während der Zeit vom 15. April bis 16. September 1918 vom 7. März 1918, RGBl., S. 109.
  7. RGBl. I, 9. Februar 1940, S. 298, „Druckfehlerberichtigung“
  8. a b Verordnung über die Einführung der Sommerzeit vom 23. Januar 1940, RGBl., S. 232–233.
  9. a b c Verordnung über die Verlängerung der Sommerzeit vom 2. Oktober 1940, RGBl., S. 1322.
  10. a b c Verordnung über die Wiedereinführung der Normalzeit im Winter 1942/1943 vom 16. Oktober 1942, RGBl., S. 593–594.
  11. a b c Verordnung über die Wiedereinführung der Normalzeit im Winter 1943/44 vom 20. September 1943, RGBl., S. 542.
  12. a b c d Verordnung über die Wiedereinführung der Normalzeit im Winter 1944/45 vom 4. September 1944, RGBl., S. 198.
  13. Das Zeitwirrwarr nach Kriegsende und die Einführung einer einheitlichen Sommerzeit bzw. einer doppelten Sommerzeit 1947 beschreibt: Johannes Graf, Claire Hölig: Wer hat an der Uhr gedreht? Die Geschichte der Sommerzeit. Furtwangen 2016, S. 62–68.
  14. Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt Braunschweig (PTB) teilt in ihrer Zusammenstellung der Sommerzeiten und Hochsommerzeiten in Deutschland bis 1979 mit: „Die nachfolgende Liste wurde der PTB freundlicherweise vom Deutschen Hydrographischen Institut in Hamburg zur Verfügung gestellt. Die Angaben decken sich mit einer Ausnahme (für 1945) mit denen in Grimm, Hoffmann, Ebertin, Puettjer: Die Geographischen Positionen Europas, Ebertin-Verlag, Freiburg 1994 (GHEP). In GHEP sind die für die einzelnen Jahre maßgebenden Ausgaben des Reichsgesetzblatts bzw. die Sitzungen des Kontrollrats angegeben. Daher sind stets die Angaben aus GHEP in die Tabelle übernommen worden. Gemäß GHEP galten 1945 und teilweise danach für die westlichen bzw. die sowjetische Zone einschließlich Berlins verschiedene Regelungen, die unter c) angegeben werden.“ Unter c) wird angegeben:
    „c) abweichende Regelungen für die sowjetische Zone und Berlin gemäß GHEP
    24. Mai 1945, 2 Uhr MEZ (?) Umstellung auf MEHSZ bis 24. September 1945, 3 Uhr MEHSZ (?), danach MESZ bis 18. November 1945, 3 Uhr MESZ (?).
    (Nach Archiv für publizist. Arbeit (Munzinger-Archiv) 652 (Zeitsystem) vom 25. November 1961, 8670, gab es vom 31. Mai bis zum 23. September 1945 ebenfalls Hochsommerzeit, ohne Ortsangaben.)“
  15. Protokoll der 47. Sitzung des Alliierten Kontrollrates.
  16. Protokoll der 113. Sitzung des Alliierten Kontrollrates.
  17. Protokoll der 135. Sitzung des Alliierten Kontrollrates.
  18. Protokoll der 140. Sitzung des Alliierten Kontrollrates.
  19. Nach Grimm, Hoffmann, Ebertin, Puettjer: Die Geographischen Positionen Europas. Ebertin-Verlag, Freiburg 1994, begann die Sommerzeit 1949 erst um 3 Uhr MEZ (zitiert nach Braunschweiger Physikalisch-Technische Bundesanstalt).
  20. Vgl.: Eisenbahndirektion Mainz (Hrsg.): Amtsblatt der Eisenbahndirektion Mainz vom 30. März 1950, Nr. 14. Bekanntmachung Nr. 173, S. 88.
  21. Blödsinn des Volkes. In: Der Spiegel. Nr. 22, 1980, S. 157 u. 160 (online26. Mai 1980).
  22. Verordnung über die Festlegung der Normalzeit in der DDR (Zeitordnung) vom 30. September 1977, GBl. I, S. 346.
  23. Verlorene Zeit. In: Der Spiegel. Nr. 45, 1980, S. 40 u. 42 (online3. November 1980).
  24. Tobias Kaiser: Wie die DDR die Uhren in Bonn verstellte. In: Welt am Sonntag. 28. März 2010.
  25. Verordnung über die Einführung der mitteleuropäischen Sommerzeit für die Jahre 1998, 1999, 2000 und 2001 vom 7. Oktober 1997, BGBl. I, S. 2471.
  26. Bekanntmachung gemäß § 3 der Sommerzeitverordnung vom 7. Oktober 2015 (BAnz AT 20.10.2015 B1).
  27. Pressemeldung des Bundestages mit Antwort auf FDP-Anfrage.
  28. Die Sommerzeit bringt nichts. Stern.de, 27. März 2009.
  29. Sommerzeit ist keine Energiesparzeit. (Memento vom 11. Januar 2016 im Internet Archive) auf bdew.de.
  30. Zeitumstellung? Ähm … weil es andere so machen. In: Die Welt.
  31. Ingo Fietze, Thomas Kantermann, Jürgen Zulley: Zeitumstellung: Plädoyer für die Winterzeit. In: spektrum.de. Spektrum der Wissenschaft, abgerufen am 30. Oktober 2019.
  32. Chronobiologe zur Sommerzeit: Unsere innere Uhr ist auf Winterzeit eingestellt. Thomas Kantermann im Gespräch mit Julius Stucke. Deutschlandfunk Kultur, Interview/Beitrag vom 14. September 2018; abgerufen am 26. Oktober 2018.
  33. Tageslicht & Tageslänge in Kleve timeanddate.de
  34. Tageslicht & Tageslänge in Görlitz timeanddate.de
  35. Zeitumstellung abschaffen. Pressemitteilung CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, 26. Januar 2017; abgerufen am 1. November 2019.
  36. Bundestag lehnt Abschaffung der Sommerzeit ab. heise.de, 22. März 2018; abgerufen am 1. November 2019.
  37. Sommerzeit: Mehrheit gegen Zeitumstellung. yougov.de, 22. März 2016; abgerufen am 1. November 2019.
  38. „Nicht gut, wenn Belgien eine andere Zeit hätte als Deutschland“. welt.de, 29. August 2018; abgerufen am 1. November 2019.
  39. Bundesbürger mehrheitlich für Beibehaltung der Sommerzeit. focus.de, 20. Oktober 2018; abgerufen am 1. November 2019.
  40. Die Deutschen wollen ständige Sommerzeit. Presseinformation Kantar, 27. Mai 2019; abgerufen am 1. November 2019.
  41. Doch keine Mehrheit für Sommerzeit. marktforschung.de, 14. Januar 2019; abgerufen am 1. November 2019.
  42. Wirtschaftsminister Altmaier will dauerhafte Sommerzeit spiegel.de, 24. Oktober 2018; abgerufen am 3. November 2019.
  43. Sommer- oder Winterzeit in Deutschland? Wirtschaftsministerium sucht nach harmonisierter Lösung. heise.de, 27. März 2019; abgerufen am 1. November 2019.
  44. Dauerhaft Sommer- oder Normalzeit? Wirtschaft gespalten. heise.de, 24. Oktober 2019; abgerufen am 1. November 2019.
  45. DEHOGA plädiert für Einführung der ganzjährigen Sommerzeit (PDF; 142 kB). Pressemeldung Deutscher Hotel- und Gaststättenverband, September 2018; abgerufen am 1. November 2019.
  46. Dauerhafte Umstellung auf Sommerzeit wäre unverantwortlich! Pressemeldung Deutscher Lehrerverband, 5. März 2019; abgerufen am 1. November 2019.
  47. Flickenteppich der Zeitzonen vermeiden. Pressemeldung Bundesverband der Deutschen Industrie, 26. März 2019; abgerufen am 1. November 2019.
  48. Baugewerbe fordert Beibehaltung der Zeitumstellung (Memento vom 10. April 2020 im Internet Archive). Pressemeldung Zentralverband Deutsches Baugewerbe, 6. März 2019; abgerufen am 1. November 2019.
  49. Parlament fordert sorgfältige Beurteilung der halbjährlichen Zeitumstellung. Pressemitteilung des Europaparlaments vom 8. Februar 2018.
  50. TAB-Bericht »Bilanz der Sommerzeit« Grundlage für eine Studie des EU-Parlaments und Eingabe an die EU-Kommission. Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag, 8. Februar 2018.
  51. Sommerzeit: Kommission lanciert Onlinebefragung. orf.at, 5. Juli 2018; abgerufen am 5. Juli 2018.
  52. Etwa 4,6 Millionen Europäer beteiligen sich an Sommerzeit-Umfrage. In: Spiegel Online, 17. August 2018.
  53. Konsultation zur Sommerzeit: 84 % der Teilnehmer sind für die Abschaffung der Zeitumstellung in der EU. Pressemitteilung der Europäischen Kommission vom 31. August 2018.
  54. Zeitumstellung Statistiker kritisiert Umfrage als nicht repräsentativ. spiegel.de, 31. August 2018.