Die Weihnachtsglocken

Die Weihnachtsglocken: Eine Koboldgeschichte von einigen Glocken, die ein altes Jahr ausläuteten und ein neues einläuteten (englisch: The Chimes: A Goblin Story of Some Bells that Rang an Old Year Out and a New Year In), meist kurz The Chimes genannt, ist eine Novelle von Charles Dickens, die erstmals 1844 veröffentlicht wurde.

Einordnung

Die Novelle erschien ein Jahr nach A Christmas Carol. Sie ist die zweite in seiner Reihe von „Weihnachtsbüchern“, fünf Novellen mit starkem sozialen und moralischen Anliegen, die Dickens in den 1840er Jahren veröffentlichte. Neben A Christmas Carol und The Chimes gehören zu dieser Reihe The Cricket on the Hearth (1845, Das Heimchen am Herde), The Battle of Life (1846, Der Kampf des Lebens) und The Haunted Man and the Ghost’s Bargain (1848, Der Heimgesuchte und der Handel des Geistes).

Handlung

Toby („Trotty“) Veck ist ein betagter Dienstmann, der auf Zuruf Briefe und andere Lieferungen befördert. Er hält sich bevorzugt in der Nähe einer alten Londoner Kirche auf, deren Glockenspiel ihn viele Jahre lang aufgemuntert und ermutigt hat, während er umhereilt und Briefe austrägt. Heute jedoch, am Silvesterabend, erfüllen Trotty düstere Zeitungsberichte über Verbrechen und Sittenlosigkeit der Arbeiterklasse mit Schwermut, und er kommt zu dem Schluss, dass die Armen von Natur aus unverbesserlich schlecht sein müssen.

Trottys Tochter Meg und ihr langjähriger Verlobter Richard kommen vorbei, um ihre Entscheidung mitzuteilen, gleich am nächsten Tag zu heiraten. Obwohl sie bitterarm sind und wenig Aussichten haben, sehen sie keinen Sinn darin, länger zu warten. Das Glück des Paares wird durch eine Begegnung mit Ratsherr Cute zerstört, der ihnen scheinheilig vorhält, wie sie ihr eigenes Unglück selbst verschuldet hätten, und verspricht, solche Leute „zu Fall zu bringen“. Das Paar hat das Gefühl, kaum ein Recht auf Existenz zu haben, geschweige denn zu heiraten.

Trotty überbringt eine Nachricht von Ratsherr Cute an den Parlamentsabgeordneten Sir Joseph Bowley, der den Armen Almosen nach Art eines patriarchalischen Diktators austeilt. Bowley begleicht ostentativ seine Schulden und tadelt Trotty, weil dieser eine kleine Schuld bei einer örtlichen Ladenbesitzerin nicht bezahlen kann. Als Trotty nach Hause zurückkehrt, überzeugt davon, dass er und seinesgleichen von Natur aus undankbar sind und keinen Platz in der Gesellschaft haben, begegnet er Will Fern, einem armen Landmann, und dessen neunjährigen verwaisten Nichte Lilian. Fern wird der Landstreicherei beschuldigt, und Trotty warnt ihn, dass der Ratsherr Cute plant, ihn verhaften zu lassen. Trotty nimmt Fern und Lilian mit nach Hause, wo er und seine Tochter Meg ihre kärgliche Nahrung und ärmliche Unterkunft mit ihnen teilen. Meg ist verzweifelt, und es scheint, als hätte die Begegnung mit Ratsherr Cute sie davon abgebracht, Richard zu heiraten.

Trotty bleibt mit seiner Zeitung bis spät in der Nacht wach und wird in seinem Glauben bestärkt, dass die Arbeiterklasse von Natur aus böse sei, als er von einer armen Frau liest, die aus Verzweiflung sich selbst und ihr Baby getötet hat. Plötzlich dringt der Klang der Glocken mit voller Wucht in seine Gedanken ein und scheinen ihn zur Kirche zu rufen. Als er zur Glockenkammer hinaufgeht, entdeckt er eine wogende, springende Wolke von Zwergphantomen, die verschwinden, als das Glockenspiel verstummt. Dann sieht er die dunklen, Unheil verkündenden Koboldgestalten der Glocken. Der Kobold der Großen Glocke schilt ihn für das Unrecht, das er dem Glockenspiel angetan hat, indem er den Glauben an die Bestimmung des Menschen zur Besserung verloren hat.

Trotty sieht sich selbst tot am Fuß des Glockenturms liegen, und man sagt ihm, dass er dort vor neun Jahren gestürzt und gestorben sei. Es folgt eine Reihe von Visionen, in denen er hilflos mit ansehen muss, wie sich das schwierige Leben seiner Tochter Meg, ihres Freundes Richard, des armen Landmanns Will und seiner Nichte Lilian in den folgenden Jahren entwickelt. Richard verfällt dem Alkohol; Meg heiratet ihn schließlich in dem Bemühen, ihn zu retten, aber er stirbt ruiniert und hinterlässt ihr ein Baby; Will gerät immer wieder ins Gefängnis; Lilian wendet sich der Prostitution zu und stirbt vor Gram. Als Meg schließlich mittellos und obdachlos ist, erwägt sie, sich und ihr Kind zu ertränken. Trotty bricht zusammen, als er Meg am Fluss stehen sieht, bereit zu springen. Er stellt fest, dass er ihr Kleid greifen und sie am Sprung hindern kann.

Trotty erwacht zu Hause, während die Glocken freudig das neue Jahr einläuten, am Tag von Megs und Richards Hochzeit. Ihre Freunde kommen, um ein überraschendes Fest und eine Feier zu veranstalten. Will und Lilian werden herzlich von der örtlichen Ladenbesitzerin begrüßt, die sich als alte Freundin herausstellt. Der Autor lädt den Leser ausdrücklich dazu ein, zu entscheiden, ob dieses Erwachen ein Traum im Traum ist. Der Leser wird gebeten, „die harten Realitäten, aus denen diese Schatten kommen“ im Auge zu behalten und sich zu bemühen, sie zu korrigieren, zu verbessern und zu mildern.[1][2]

Geschichte

Das Buch wurde Ende 1844 während Dickens’ einjährigen Aufenthalts in Italien geschrieben.[3] Sein Biograf John Forster berichtete, dass Dickens – auf der Suche nach einem Titel und einer Struktur für seine nächste vertraglich vereinbarte Weihnachtsgeschichte – eines Tages von dem Klang der Glocken von Genua ergriffen wurde, die von der Villa aus zu hören waren, in der er wohnte.

„Ganz Genua lag unter ihm, und aus der Stadt, vom Wind plötzlich heraufgetragen, drang in einem einzigen Schwall der Klang und das Getöse all ihrer Kirchtürme in seine Ohren – immer wieder, in einem unmelodischen, kratzenden, dissonanten, ruckartigen, abscheulichen Vibrieren, das seine Gedanken ‚sich im Kreise drehen ließ, bis sie sich in einem Wirbel aus Verdruss und Schwindel verloren und tot zu Boden fielen‘.“[4]

Zwei Tage später erhielt Forster einen Brief von Dickens, in dem nur stand:

„Wir haben THE CHIMES um Mitternacht gehört, Meister Shallow!“[5]

Daraufhin begann er mit dem Schreiben des Buches. Dickens kehrte im Dezember 1844 für eine Woche nach London zurück und las das fertiggestellte Buch Freunden vor der Veröffentlichung vor, um dessen Wirkung zu erproben. Der Künstler Daniel Maclise, der zwei Illustrationen zu The Chimes beigesteuert hatte und zwei dieser Lesungen besuchte, hielt die Lesung vom 3. Dezember 1844 in einer bekannten Skizze fest.

Ausgaben

Das Buch wurde in neuerer Zeit auch unter dem Titel Die Silvesterglocken herausgebracht, so 1988 in der Buchreihe Insel-Bücherei und 2014 durch Suhrkamp.[6]

Rezeption

Nachdem Dickens 1843 erschienene Erzählung A Christmas Carol überaus erfolgreich war, weckten Die Weihnachtsglocken 1844 großes öffentliches Interesse und hohe Erwartungen. Bereits wenige Wochen nach dem Erscheinen wurden fünf Bühneninszenierungen des Buches aufgeführt. In den ersten drei Monaten wurden fast 20.000 Exemplare verkauft. Das Buch erregte damals großes Medieninteresse und wurde vielfach rezensiert und diskutiert. Die damaligen Kritiken waren geteilt. Diejenigen, die die soziale und politische Botschaft des Buches begrüßten, mochten es, andere hielten es für gefährlich radikal. Der Rezensent des Northern Star nannte Dickens den „Vorkämpfer der Armen“.[7]

Heutigen Rezensionen zufolge ist die Novelle eine Weihnachts- und Neujahrsgeschichte zugleich. Durch sie sollten die wohlhabenden viktorianischen Bürger beim Festtagsessen an die weniger Bemittelten denken. Stärker als in anderen Weihnachtsgeschichten kritisiere Dickens in Die Weihnachtsglocken die sozialen Missstände, bringe aber keinen Lösungsvorschlag.[8]

Commons: Die Weihnachtsglocken – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ZSR Library2100 Eure DriveWinston-Salem, Nc 27106336-758-4931: Rare Book of the Month: The Chimes: A Goblin Story, by Charles Dickens. 8. Dezember 2010, abgerufen am 10. November 2025 (englisch).
  2. The Chimes, by Charles Dickens. Abgerufen am 10. November 2025.
  3. Charles Dickens: The letters of Charles Dickens. Vol.2, 1840-1841. Oxford : Clarendon Press, 1969, ISBN 978-0-19-811478-9 (archive.org [abgerufen am 9. November 2025]).
  4. John Forster, "The Life of Charles Dickens" (4). Archiviert vom Original am 16. April 2014; abgerufen am 9. November 2025.
  5. Wayback Machine. Archiviert vom Original am 27. Juli 2011; abgerufen am 9. November 2025.
  6. Die Silvesterglocken bei Suhrkamp
  7. Michael Slater: Introduction to The Chimes in Charles Dickens: The Christmas Books, Volume 1, London, Penguin Classics, 1985, S. 139–140
  8. Christiane Wilms: „Die Glocken“ – Charles Dickens (1844), Buchvorstellung bei meineleselampe.de vom 27. Dezember 2019