Der goldne Topf (Petersen)
| Werkdaten | |
|---|---|
| Titel: | Der goldne Topf |
| Form: | Oper in drei Aufzügen |
| Originalsprache: | deutsch |
| Musik: | Wilhelm Petersen |
| Libretto: | Wilhelm Petersen (frei nach E. T. A. Hoffmann, unter Mitarbeit von Walther Schäfer) |
| Literarische Vorlage: | E. T. A. Hoffmann: Der goldne Topf |
| Uraufführung: | 29. März 1941 |
| Ort der Uraufführung: | Hessisches Landestheater Darmstadt |
| Spieldauer: | ca. 150 Minuten |
| Personen | |
| |
Der goldne Topf (o. Op. 2) ist eine Oper in drei Aufzügen von Wilhelm Petersen, frei nach dem gleichnamigen Märchen von E. T. A. Hoffmann. Das Werk wurde am 29. März 1941 im Hessischen Landestheater Darmstadt uraufgeführt und war nach der Großen Messe op. 27 Petersens größter Erfolg.[1.1] Die Oper deutet das romantische Märchensujet als „Einweihungsmärchen“ und ist in einer überwiegend sinfonisch geprägten Tonsprache komponiert. Die Spieldauer beträgt ca. 150 min.
Handlung
Der Stoff behandelt den uralten Gegensatz und Kampf zwischen einem lichten Geistesreich, in dem sich die Gott-Natur des Menschen vollendet, und einem dunklen, dem materiellen Stoffe verhafteten irdischen Reich, welches den Menschen an sich binden will, damit er sich nicht zu Höherem wandle.
Die Vertreter des Lichtreiches sind der Archivarius Lindhorst und dessen Tochter Serpentina. Sie sind die Hüter des goldnen Topfes, der als Symbol eines Lichtkults zu denken ist und in dem das verlorene Sonnenerbe bewahrt wird. Durch eine Art kultischer Schau kann der Mensch wieder am Licht teilhaben. Als Gegenspielerin tritt die Rauerin, eine Hexe, als Element des Bösen in die Handlung ein. Im Mittelpunkt des Streites zwischen den Mächten steht der Student Anselmus. Serpentina liebt Anselmus „als kennt ich ihn von eh und je“, die Verbindung beider scheint klar und vorherbestimmt. Anselmus ist die hohe Bedeutung dieser Verbindung und die Ewigkeit seines geistigen Selbstes bewusst, aber mit der dämonischen Seite seines Wesens, seinem „innren Schatten“, ist er irdischen Mächten und ihren Versuchungen ausgesetzt.
Die Rauerin will Anselmus dem Lichtreich entfremden. Veronika, die Tochter des Konrektors Paulmann, scheint ihr das geeignete Werkzeug zu sein. Vater und Tochter leben ihr Leben in einem bürgerlichen Dämmerzustand und ahnen nichts von diesem Kampf der Mächte. So gelingt es der Rauerin für einige Zeit, Anselmus an Veronika zu binden und ihn so Serpentina zu entziehen. Er muss durch diesen Weg des Irrtums und der Schwäche gehen, hat keinen Zugang mehr zur geistigen Welt. Er kann nicht mehr an seinen geistigen Ursprung und an seine Bestimmung glauben und nicht mehr seines ewigen Selbstes gewahr sein. Zur Strafe wird er in einen Kristall, das Symbol der Abgeschiedenheit und des Todes, gebannt. In Todespein erwächst Anselmus aber zugleich eine neue Kraft und ein neues Bewusstsein des Ewigen in ihm. Dadurch hat die obere Welt die Möglichkeit erhalten, wieder in den Kampf einzugreifen und Anselmus für sich zu retten. Im Kampf, der zwischen den oberen und unteren Mächten entsteht, bleibt das Lichtreich Sieger, und zum Zeichen der Wandlung zerbirst der Kristall des Anselmus. Auf einer neuen Stufe kann er sich, erhoben und geläutert, mit Serpentina wieder verbinden.[2]
Gestaltung
Orchester
Die Orchesterbesetzung der Oper umfasst die folgenden Instrumente:
- Holzbläser: drei Flöten (2. und 3. auch Piccolo), drei Oboen (3. auch Englischhorn), zwei Klarinetten in B, Bassklarinette in B, zwei Fagotte
- Blechbläser: vier Hörner in F, drei Trompeten in C, drei Posaunen, Basstuba
- Pauken, Schlagwerk: kleine Trommel, große Trommel, Tamtam, Triangel, Tamburin, Xylophon, Glockenspiel, Glocke in D
- Harfe
- Celesta
- Streicher
Struktur
Erster Aufzug
- Erstes Bild: Märchenhafte Lichtlandschaft, im Hintergrund Heiligtum mit goldnem Topf.
Chor (51 Takte), Duett: Lindhorst, Serpentina (285 Takte) - Zweites Bild: Elbufer bei Dresden, rechts Holunderbaum.
Chor, Rauerin, Anselmus, Serpentina, Paulmann, Heerbrand, Veronika, Lindhorst (745 Takte)
Zweiter Aufzug
- Erstes Bild: Saal von hohen goldbronzenen Palmenstämmen begrenzt.
Lindhorst, Anselmus, Serpentina, Rauerin (795 Takte) - Zweites Bild: Familienzimmer bei Paulmann im Biedermeier.
Veronika, Anselmus, Paulmann, Heerbrand (740 Takte) - Drittes Bild: Palmensaal wie zu Beginn des Aufzuges.
Anselmus, Lindhorst, Chor (155 Takte)
Dritter Aufzug
- Erstes Bild: Unterirdischer Raum, hinten Flaschen, in jeder ein Mensch.
Chor, Anselmus, Rauerin, Serpentina, Lindhorst (574 Takte) - Zweites Bild: Lichtlandschaft wie zu Beginn des ersten Aufzuges.
Serpentina, Anselmus, Lindhorst, Chor (178 Takte)
Werkbeschreibung
Petersen betonte, dass während des Kompositionsprozesses Musik und Text parallel entstanden seien. Oft sogar sei eine Szene primär musikalisch gestaltet gewesen.[3] Die Oper beginnt mit einem Eingangschor in archaisch-pentatonischer Prägung. Visionäre Szenen wie die Begegnung Anselmus – Serpentina sind durch ausdrucksstarke Chromatik gekennzeichnet. Das bürgerliche Milieu (Paulmann, Veronika, Heerbrand) erhält eine ironische Färbung mit Anklängen an Rezitativ und Arie sowie chansonhaften Wendungen. Serpentina wird musikalisch durch lange Vokallinien charakterisiert, Veronika dagegen durch liedhafte, volkstümliche Elemente. Die Rauerin erscheint zerrissen zwischen volkstümlicher Stimmführung und abstrakter Motivik. Lindhorsts musikalische Umgebung ist chromatisch, das tonale Zentrum wird durch den Goldnen Topf markiert. Petersen verstand seine Musik als einen Versuch, „das Hineinwirken des Metaphysischen in die Wirklichkeit durch Musik erfahrbar zu machen und Innenentwicklungen des Menschen real-symbolisch zum Ausdruck zu bringen“.[4] Wilhelm Petersens Deutung der Geschichte als Einweihungsmärchen stellt einen veritablen Gegenentwurf zur damals herrschenden nationalsozialistischen Staatsdoktrin und deren Heldenkult dar.[5]
Werkgeschichte
Entstehung
Bereits 1915 beschäftigte sich Petersen zusammen mit seinem Freund Karl Thylmann mit einer möglichen Bearbeitung von Hoffmanns Märchen.[1.2] Während Petersen zunächst von einer Opernkomposition absah, schuf Thylmann seine berühmten 13 Lithographien für eine Buchausgabe des Hoffmannschen Märchens[6]. Erst in den 1930er-Jahren griff Petersen den Stoff erneut auf. Angeregt durch den Geiger Rudolf Greif begann er 1936 mit der Komposition und schloss diese 1938 ab.[1.2] Zunächst beauftragte er Walther Schäfer mit einem Libretto, welches jedoch nicht seinen Intentionen entsprach, sodass er schließlich den Text weitgehend selbst verfasste.[7] Ein Rechtsstreit 1939/40 führte dazu, dass Schäfer im Druck des Klavierauszugs (Süddeutscher Musikverlag 1940) als Mitarbeiter genannt werden musste.[1.3]
„Bei der Gestaltung des Stoffes musste manches geändert werden, was in einer Erzählung berechtigt, die Klarheit des Dramas beeinträchtigt hätte. Wohl war es meine Absicht, unter Verzicht auf manches phantastische Beiwerk den Gegensatz der Licht- und Dunkelwelt herauszuarbeiten, und durch Betonung der im Stoff vorhandenen uralten Motive das Ganze als Einweihungsmärchen für die Profanbühne zu gestalten.“
Aufführungsgeschichte
Die Uraufführung fand am 29. März 1941 am Hessischen Landestheater Darmstadt unter der Leitung von Fritz Mechlenburg statt. Das Bühnenbild schuf Elli Büttner.[8] Die Oper wurde zu einem der größten Erfolge Petersens. Zeitgenössische Stimmen lobten die feinsinnige Musiksprache, bemängelten jedoch teilweise die fehlende operntypische Dramatik.
Nach Jahrzehnten der Vergessenheit wurden Teile der Oper im Rahmen des „Tages für die Musik“ von HR2-Kultur am 6. Mai 2018 von Studierenden der Akademie für Tonkunst Darmstadt in einer kammermusikalischen, szenischen Fassung wiederaufgeführt.[5][9]
Rezeption
Zeitgenössische Kritiker wie Karl Holl hoben die feinsinnige musikalische Sprache hervor,[10] Fritz Bommas betonte die besondere Atmosphäre des Werks.[11] Wolfgang Steinecke sah in der Oper ein idealistisch geprägtes Bekenntniswerk.[12] Der Erfolg ist u. a. auch in der ausführlichen Kritik Friedrich Noacks dokumentiert.[13] Der goldne Topf gilt heute als singuläres Werk zwischen Spätromantik und Moderne, dessen Eigenständigkeit in seiner Atmosphäre und symbolischen Deutungskraft liegt. Das in einer Märchenhandlung versteckte Bekenntnis zur Individualität kann durchaus als Gegenbild zur nationalsozialistischen Doktrin verstanden werden.[14]
Literatur
- Christoph Niessen: Deutsche Oper. Regensburg 1944.
- H.-W. Heister; H.-G. Klein (Hrsg.): Musik und Musikpolitik. Stuttgart 1984.
- Rezensionen in zeitgenössischen Zeitungen, u. a. Frankfurter Zeitung (2. April 1941).
- Wolfgang Mechsner: Wilhelm Petersen. Leben und Werk, Biographie mit thematischem Werkverzeichnis. Frankfurt am Main 1996.
- Ludwig Nöll: Wilhelm Petersen 1890–1957. In: Hubert Unverricht, Kurt Oehl (Hrsg.): Musik in Darmstadt zwischen den beiden Weltkriegen. Mainz 1980 (= Beiträge zur mittelrheinischen Musikgeschichte. Band 18), S. 95–153.
Weblinks
- Wilhelm-Petersen-Gesellschaft e. V. Darmstadt – offizielle Website
- Schott Music: Der Goldne Topf. Oper in drei Aufzügen (frei nach E. T. A. Hoffmann). Werkinformation und Besetzung. Wilhelm Petersen: Der Goldne Topf, Klavierauszug
Einzelnachweise
- ↑ Wolfgang Mechsner: Wilhelm Petersen. Leben und Werk, Biographie mit thematischem Werkverzeichnis. Frankfurt am Main 1996.
- ↑ Wilhelm-Petersen-Gesellschaft e. V.: Textbuch der Oper 1941. (PDF) Abgerufen am 20. September 2025.
- ↑ Wilhelm Petersen: Darstellung, wie der Text meiner Oper „Der Goldne Topf“ entstanden ist. Manuskript ULB Darmstadt, zitiert nach Mechsner 1996, S. 125.
- ↑ C. Niessen: Deutsche Oper der Gegenwart, Regensburg 1944, o. S.
- ↑ a b Wilhelm-Petersen-Gesellschaft e. V.: Wilhelm Petersen | Oper – Der Goldne Topf | Dokumentation. 29. März 2023, abgerufen am 16. September 2025.
- ↑ Der goldne Topf. Ein Märchen aus der neuen Zeit. E.T.A. Hoffmann. Mit 13 Lithographien von Karl Thylmann.Verlag: Leipzig, Wolff, 1917
- ↑ Wilhelm Petersen. Mein Leben, handschriftlich, ULB Darmstadt.
- ↑ Elli Büttner: Darmstädter Theaterjahre. Erinnerungen erzählt von Elli Büttner, aufgeschrieben von Margarete Dierks. Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1970, S. 47 ff.
- ↑ Nicole Kohse-Stumpf: Auf zu neuen Tönen! Erster hessenweiter „Tag für die Musik“ – initiiert von hr2-kultur. 3. Mai 2018, abgerufen am 27. September 2025.
- ↑ Frankfurter Zeitung, 2. April 1941.
- ↑ Darmstädter Echo, 1941.
- ↑ Steinecke 1941, zitiert nach Mechsner 1996, S. 134.
- ↑ Friedrich Noack: Wilhelm Petersen: Der goldne Topf. Oper in drei Aufzügen. Uraufführung im Hessischen Landestheater zu Darmstadt. In: Signale für die musikalische Welt, 99. Jg., Nr. 15/16, 16. April 1941, S. 144–145.
- ↑ Einführung zum Konzert vom 6. Mai 2018 in der Akademie für Tonkunst Darmstadt.