Große Messe op. 27 (Petersen)

Werkdaten
Titel: Große Messe
Form: Messe für Soli, Chor und Orchester
Musik: Wilhelm Petersen
Uraufführung: 16. Juni 1930
Ort der Uraufführung: Darmstadt
Spieldauer: ca. 70 Minuten

Die Große Messe op. 27 ist ein großdimensioniertes geistliches Chorwerk für Soli, Chor und Orchester von Wilhelm Petersen (1890–1957). Sie entstand zwischen 1927 und 1929 in Darmstadt und wurde am 16. Juni 1930 unter Karl Böhm anlässlich der 600-Jahr-Feier der Stadt uraufgeführt.[1][2] Sie gilt als Höhepunkt in Petersens Schaffen und verbindet in der ihm eigenen Art spätromantische Harmonik, kontrapunktische Strenge und sinfonische Formprinzipien zu einer monumentalen Vertonung der katholischen Messe.[3]

Entstehung

Nach einer Phase intensiver Arbeit an A-cappella-Chören (op. 14–18) und an Vertonungen von Goethe-Texten wie den Chinesisch-Deutschen Jahres- und Tageszeiten (op. 23) und den Urworten.Orphisch (op. 21) begann Petersen 1927 mit der Komposition seiner großformatigen Messe op. 27. Zu dieser Zeit nahm er seine Tätigkeit als Dozent an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt auf und hatte sich als Komponist in Deutschland einen guten Ruf erarbeitet.

Besetzung

Die Messe ist besetzt für:

  • vier Solostimmen (Sopran, Alt, Tenor, Bass),
  • achtstimmigen gemischten Chor (teilweise doppelchörig),
  • großes Orchester mit Holz- und Blechbläsern, Pauken, Schlagwerk, Harfe, Orgel und Streichern.[4]

Aufbau

Das Werk folgt der klassischen Ordnung der katholischen Messe:

  1. Kyrie – ca. 10 Minuten (122 Takte)
  2. Gloria – ca. 15 Minuten (458 Takte)
  3. Credo – ca. 19 Minuten (552 Takte)
  4. Sanctus (mit Benedictus) – ca. 11 Minuten (161 Takte)
  5. Agnus Dei – ca. 15 Minuten (260 Takte)

Die Gesamtdauer beträgt ca. 70 Minuten. Die einzelnen Teile sind im Wesentlichen sinfonisch gedacht. Petersen verzichtet auf opernhafte Effekte und strebt eine „sachliche Monumentalität“ an.[5] Das Credo ist als gewaltige Steigerung konzipiert, während das Agnus Dei in einem versöhnlichen Ton ausklingt.

Werkbeschreibung

Petersen verstand die Messe nicht als liturgisches Werk im engeren Sinn, sondern als überkonfessionelles Bekenntnis, das religiöse Grundgedanken musikalisch verdichtet. Er wendet auch in dieser Komposition die Prinzipien der symphonischen Themendurchführung und Themenmetamorphose an.[6]

Zentrales musikalisches Material ist ein Intervallmotiv aus Quinte und Sekunde, das als Symbol für Menschwerdung und Erlösung gedeutet wird. Dieses Motiv erscheint bereits im Kyrie und wird im Credo („Et incarnatus est“) besonders hervorgehoben. Wie bei J. S. Bach lässt sich im Benedictus nach musikwissenschaftlicher Deutung das Kreuzsymbol (Tenorsolo) erkennen.[7]

Die Messe verbindet spätromantische Harmonik mit strenger kontrapunktischer Technik. Petersen arbeitet mit breiten Steigerungswellen, monumentalen Chor-Orchester-Klangballungen und stillen, meditativen Abschnitten. Das Werk steht stilistisch zwischen Bruckner und Reger einerseits und den neoklassizistischen Strömungen der Zwischenkriegszeit andererseits.[8]

Aufführungsgeschichte

Die Uraufführung fand am 16. Juni 1930 in Darmstadt unter Karl Böhm anlässlich der 600-Jahr-Feier der Stadt statt. Sie war ein großer Erfolg und wurde von Petersen selbst als „Mittagshöhe des Lebens“ bezeichnet.[9]

Weitere Aufführungen folgten in den 1930er Jahren, darunter 1935 in Dresden (ebenfalls unter Karl Böhm). Eine geplante Aufführung 1937 in Mannheim wurde jedoch von der nationalsozialistischen Kreisleitung untersagt.[10]

Im Zweiten Weltkrieg verbrannte nahezu das gesamte Aufführungsmaterial (Partituren und Stimmen) bei einem Luftangriff auf Leipzig 1943.[11] Petersen versuchte, das Werk später aus erhaltenen Klavierauszügen und Einzelstimmen zu rekonstruieren.

Erst 1965 erfolgte eine Wiederaufführung in Darmstadt unter dem Dirigat von Hans Drewanz. Zum 100-jährigen Geburtstag Petersens fand am 14. Oktober 1990 im Mainzer Dom eine Jubiläumsaufführung unter Mathias Breitschaft statt, deren Mitschnitt veröffentlicht wurde.[12]

Rezeption

Zeitgenössische Presseberichte beschrieben die Uraufführung positiv und sprachen von einem grandiosen Erfolg. Kritiker würdigten die Größe des Werkes, die Verbindung von polyphoner Strenge, sinfonischem Gestus und spiritueller Ausdruckskraft. Die Große Messe op. 27 gilt heute als Schlüsselwerk, in das all seine musikalischen und geistigen Intentionen einflossen. Petersen erhielt für dieses zur 600-Jahr-Feier Darmstadts komponierte Werk die Silberne Medaille für Kunst der Stadt.[13] Auch spätere Aufführungen fanden positive Resonanz. Der Dirigent Bruno Walter äußerte hohe Wertschätzung für das Werk.[14]

Einspielungen

Literatur

  • Wolfgang Mechsner: Wilhelm Petersen. Leben und Werk. Biographie mit thematischem Werkverzeichnis. Frankfurt am Main: Thiasos-Musikverlag 1996, ISBN 978-3-9805244-1-4.
  • Wolfgang Mechsner: Wilhelm Petersen: Große Messe op. 27. Booklettext zur CD Wergo WER 6213-2, 1992.
  • Ludwig Nöll: Wilhelm Petersen 1890–1957. In: Hubert Unverricht, Kurt Oehl (Hrsg.): Musik in Darmstadt zwischen den beiden Weltkriegen. Mainz 1980 (= Beiträge zur mittelrheinischen Musikgeschichte. Band 18), S. 95–153.
  • Wilhelm Petersen: Große Messe op. 27. Partitur. N. Simrock, Berlin/Leipzig 1929.

Einzelnachweise

  1. Wolfgang Mechsner: Wilhelm Petersen. Leben und Werk. Biographie mit thematischem Werkverzeichnis. Frankfurt 1996, ISBN 3-9805244-1-8, S. 80.
  2. Ludwig Nöll: Wilhelm Petersen 1890–1957. Mainz 1980, Musik in Darmstadt zwischen den beiden Weltkriegen, S. 95–153.
  3. Wolfgang Mechsner: Wilhelm Petersen: Große Messe op. 27 (Booklet). Wergo, 1992.
  4. Große Messe op. 27 – Schott Music. Abgerufen am 21. September 2025.
  5. Wolfgang Mechsner: Wilhelm Petersen. Große Messe op. 27 (Booklet). Wergo, 1992.
  6. Mechsner 1996, S. 80.
  7. Mechsner 1996, S. 82.
  8. Ludwig Nöll: Wilhelm Petersen 1890–1957. Mainz 1980, Musik in Darmstadt zwischen den beiden Weltkriegen, S. 95–153.
  9. Mechsner 1996, S. 80.
  10. Mechsner 1996, S. 109 f.
  11. Mechsner 1996, S. 229.
  12. a b Wilhelm Petersen: Große Messe op. 27. Mechthild Bach (Sopran), Ulrike Belician (Alt), Klaus Schneider (Tenor), Friedemann Kunder (Bass); Domkantorei St. Martin, Mainzer Domorchester; Leitung: Mathias Breitschaft; Orgel: Albert Schöneberger. Wergo, WER 6213-2 (CD, 1992). Verfügbar auf Discogs: https://www.discogs.com/release/13533117-Wilhelm-Petersen-Grosse-Messe-Op-27
  13. Mechsner 1996, S. 80.
  14. Biografie – Wilhelm Petersen. wilhelm-petersen.org, abgerufen am 21. September 2025.
  15. Wilhelm Petersen: Große Messe op. 27. Mitsuko Shirai, Hildegard Hartwig, Adalbert Kraus, Thomas Thomaschke; Chor des Musikvereins Darmstadt; Orchester des Staatstheaters Darmstadt; Leitung: Hans Drewanz. Da Camera, DaCa 94 061 (LP, 1994). Verfügbar auf Discogs: https://www.discogs.com/release/13542058-Wilhelm-Petersen-Grosse-Messe-Op-27