Crocidura zhadaensis

Crocidura zhadaensis
Systematik
Überordnung: Laurasiatheria
Ordnung: Insektenfresser (Eulipotyphla)
Familie: Spitzmäuse (Soricidae)
Unterfamilie: Crocidurinae
Gattung: Weißzahnspitzmäuse (Crocidura)
Art: Crocidura zhadaensis
Wissenschaftlicher Name
Crocidura zhadaensis
Chen, Wu & Liu, 2024

Crocidura zhadaensis ist eine Art der Spitzmäuse aus der Gattung der Weißzahnspitzmäuse (Crocidura). Ihr Verbreitungsgebiet liegt im Zanda-Becken am südwestlichen Rand des tibetischen Hochlands, wo die Tiere in Höhenlagen von knapp 3000 m Gebüsch- und Steinlandschaften bewohnen. Die weitere Lebensweise ist unbekannt. Es handelt sich um einen großen Angehörigen der Weißzahnspitzmäuse, der durch sein heller gefärbtes Körperfell, seine weißlichen Deckhaare auf den hinteren drei Viertel des Schwanzes und die kleine Quaste an der Schwanzspitze auffällt. Erste Hinweise auf die Art erbrachten genetische Studien aus den 2010er Jahren, bei nachfolgenden Feldforschungen konnten einige Exemplare gesammelt werden. Die wissenschaftliche Benennung erfolgte im Jahr 2024.

Merkmale

Habitus

Crocidura zhadaensis ist ein großer Angehöriger der Weißzahnspitzmäuse. Er erreicht eine Kopf-Rumpf-Länge von 6,9 bis 7,7 cm, die Schwanzlänge beträgt 4,9 bis 5,6 cm. Insgesamt besitzt der Schwanz somit 71 bis 73 % der Länge des restlichen Körpers. Die Ausmaße entsprechen in etwa denen der Taiwan-Weißzahnspitzmaus (Crocidura tanakae) oder der Zarudny-Weißzahnspitzmaus (Crocidura zarudnyi). Im generellen Erscheinungsbild stimmt die Art mit den anderen Vertretern der Gattung überein, was sich durch die spitze Schnauze, den verhältnismäßig langen Schwanz und die schlanken Gliedmaßen ausdrückt. Das Rückenfell ist bei Crocidura zhadaensis braun gefärbt, die Unterseite dagegen hellgrau. An den Seiten geht die Färbung des Rückens allmählich und ohne scharfe Umbrüche in die des Bauchs über. Das Körperfell ist heller als bei der Taiwan-Weißzahnspitzmaus. Auf der Schnauze trägt Crocidura zhadaensis beidseitig etwa 20 Vibrissen von unterschiedlicher Länge, die längsten reichen bis zum Ohrrand. Die Ohren selbst sind äußerlich sichtbar und heben sich durch ovale Muscheln hervor, auf denen ein kurzhaariges Fell wächst. Sowohl die Vibrissen als auch das Ohrfell sind braun getönt. Die Augen fallen durch ihre geringe Größe nur wenig auf. Der Schwanz ist zweifarbig mit einer bräunlichen Ober- und einer blassgelblichen bis weißlichen Unterseite. Er weist ein dichtes kurzes Fell auf, das am Ende eine Quaste bildet. Ab etwa einem Viertel der Schwanzlänge bis zur Schwanzspitze treten locker verteilte, lange und weißliche Deckhaare auf. Vorder- und Hinterfüße haben auf der Unterseite jeweils sechs Ballen, die überwiegend beige, manchmal auch dunkler sind. Die Krallen wirken wiederum durchscheinend. Die Hinterfußlänge variiert von 1,3 bis 1,4 cm.[1]

Schädel- und Gebissmerkmale

Der Schädel wird 20,0 bis 20,7 mm lang, wovon 8,0 bis 8,3 mm auf das Rostrum entfallen. Am Hirnschädel ist er 9,1 bis 9,4 mm breit und 4,9 bis 5,3 mm hoch. Die Breite des Rostrums auf Höhe des zweiten Molaren beträgt 6,0 bis 6,2 mm. Der Bau des Schädels ist massiv, die Stirnlinie verläuft jedoch abgeflacht und weniger aufgewölbt als bei der Taiwan-Weißzahnspitzmaus. Das Hinterhaupt ist jedoch abgerundet. Der Mittelkieferknochen, der Oberkiefer und das Nasenbein haben eine schlanke Gestalt. Am Oberkiefer liegt auf Höhe des ersten Molaren die Öffnung des Tränenlochs. Wie bei vielen Weißzahnspitzmäusen ist der Jochbeinfortsatz des Oberkiefers gut entwickelt, der eigentliche Jochbogen allerdings reduziert. Auf den Scheitelbeinen sitzt ein schwach ausgeprägter Scheitelkamm, der sich dann am Hinterhaupt in zwei massivere Lambdaleisten aufteilt. Auf der Schädelunterseite zeigt sich ein nur flacher Warzenfortsatz. Die Länge des Unterkiefers variiert von 12,6 bis 13,1 mm. Dessen vorderer Abschnitt verläuft gerade. Der Kronenfortsatz ragt steil zur Kauebene auf, der Winkelfortsatz am hinteren Ende ist schlank und leicht schräg nach unten orientiert.[1]

Das Gebiss von Crocidura zhadaensis besteht aus 28 Zähnen, die Zahnformel lautet: . In der oberen Zahnreihe ist der erste Schneidezahn nach unten gerichtet und besitzt einen großen vorderen und einen kleinen hinteren Höcker. Darauf folgen gattungstypisch drei einspitzige Zähne. Hierbei bildet der erste den größten und der zweite den kleinsten Zahn. Im Unterkiefer ragt der einzige Schneidezahn deutlich nach vorn. Ihm schließt sich ein kleiner Eckzahn an. Der oberen Prämolar ist gut entwickelt. Als besonderes Merkmal tritt eine kleine Vertiefung hinter dem Haupthöcker (Protoconus) auf. Die drei Molaren des Oberkiefers nehmen von vorn nach hinten an Größe ab, im Unterkiefer sind die ersten beiden nahezu gleich groß, der hinterste am kleinsten. Auf den Kauflächen der oberen und unteren Mahlzähne erheben sich spitze Höckerchen, die bei jenen der oberen Reihe durch Scherleisten in einer W-förmigen Anordnung verbunden sind. Die obere Zahnreihe misst 9,0 bis 9,3 mm in der Länge, die untere 8,3 bis 8,5 mm.[1]

Verbreitung und Lebensraum

Crocidura zhadaensis kommt in Ostasien vor und ist dort im Zanda-Becken am südwestlichen Rand des tibetischen Hochlands heimisch. Derzeit ist lediglich ein Fundpunkt bekannt, der sich nahe der Ortschaft Diya im Kreis Zanda des Regierungsbezirkes Ngari in Tibet befindet. Die Tiere nutzen Flusstäler in Höhenlagen von knapp 3000 m als Lebensraum. Die bevorzugten Habitate bestehen aus Gebüschlandschaften und Steinhaufen, die sich mitunter auch in bewohntem Gebiet befinden können.[1]

Lebensweise

Weitergehende Informationen zur Lebensweise von Crocidura zhadaensis liegen nicht vor.[1]

Systematik

Innere Systematik der Weißzahnspitzmäuse des östlichen Asiens nach Chen et al. 2024[1]
 Crocidura, „Gruppe 1“  


 Crocidura zarudnyi


   

 Crocidura zhadaensis



   

 Crocidura shantungensis


   


 Crocidura gueldenstaedti


   

 Crocidura aleksandrisi



   

 Crocidura caspica


   

 Crocidura suaveolens


   

 Crocidura sibirica







Vorlage:Klade/Wartung/Style

Crocidura zhadaensis ist eine Art aus der Gattung der Weißzahnspitzmäuse (Crocidura) innerhalb der Familie der Spitzmäuse (Soricidae). Die mehr als 220 Arten umfassende Gattung bildet die vielfältigste und formenreichste innerhalb der Spitzmäuse. Molekulargenetische Untersuchungen weisen allerdings darauf hin, dass sie möglicherweise paraphyletisch ist. Begründet ist dies durch die tiefe Einbettung einiger Formen wie der Gescheckten Wüstenspitzmaus (Diplomesodon) oder der Kongo-Wimperspitzmäuse (Paracrocidura) in Crocidura. Innerhalb der Gattung bestehen mehrere Kladen, so eine asiatische, eine afrotropische, eine west-paläarktische und eine altweltliche mit verschiedenen eurasischen und afrikanischen Vertretern.[2][3][4] Es wird angenommen, dass die Weißzahnspitzmäuse den jüngsten Zweig innerhalb der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Spitzmäuse repräsentieren. Der Großteil der Angehörigen zeigt eine afrikanische Verbreitung, ein weiterer, nicht unerheblicher Anteil ist in Asien anzutreffen. Ihren Ursprung haben die Weißzahnspitzmäuse aber vermutlich in Eurasien, wo sie sich vor rund 8 bis 6,8 Millionen Jahren von den übrigen Linien abtrennten und von hier aus wohl die anderen heutigen Verbreitungsgebiete besiedelten.[5][3] Innerhalb des ostasiatischen Lebensraums der Weißzahnspitzmäuse können genetisch zwei größere Verwandtschaftsgruppen unterschieden werden, die eher entfernt miteinander in Beziehung stehen. Hierbei stellt Crocidura zhadaensis die Schwesterart der Zarudny-Weißzahnspitzmaus (Crocidura zarudnyi) dar. Darüber hinaus bestehen engere Bindungen zur Asiatischen Gartenspitzmaus (Crocidura shantungensis), Güldenstädt-Weißzahnspitzmaus (Crocidura gueldenstaedti), Cyrenaika-Weißzahnspitzmaus (Crocidura aleksandrisi) sowie zur Kaspien-Weißzahnspitzmaus (Crocidura caspica).[1]

Die wissenschaftliche Erstbeschreibung von Crocidura medogensis wurde im Jahr 2024 durch ein Wissenschaftlerteam um Chen Shunde veröffentlicht. Sie basiert auf einer genetischen Studie Ende der 2010er Jahre, bei der insgesamt 117 Individuen von Weißzahnspitzmäusen aus einem größeren Teil Chinas berücksichtigt wurden. Dabei ließen sich drei bisher unbekannte Arten identifizieren. Die Publikation der Ergebnisse fand im Jahr 2020 statt,[6] bereits im vorangegangenen Jahr erhielt mit der Dongjiangyuan-Weißzahnspitzmaus (Crocidura dongyangjiangensis) aus der ostchinesischen Provinz Zhejiang eine der drei Arten ihren wissenschaftlichen Namen.[7] Die beiden anderen neuen Linien, einerseits eine aus dem Zanda-Becken im südwestlichen Tibet, andererseits aus dem Kreis Mêdog im südöstlichen Teil des Autonomen Gebietes, gründeten zu diesem Zeitpunkt auf zu geringem Probenmaterial. Daher wurden in den Jahren 2019 und 2020 Feldstudien vor Ort durchgeführt. Im Ergebnis fingen die beteiligten Forscher vier Exemplare an Weißzahnspitzmäusen im Zanda-Becken und knapp ein Dutzend in Mêdog. Nachfolgende genetische Analysen untermauerten dann, dass es sich jeweils um eigenständige Arten handelt. In der Veröffentlichung des Jahres 2024 verliehen die Wissenschaftler der Population aus Mêdog die wissenschaftliche Bezeichnung Crocidura medogensis, jene aus dem Zanda-Becken wurde mit Crocidura zhadaensis benannt. Der Holotyp für letztere besteht aus einem weiblichen Individuum. Es stammt aus der Umgebung der Ortschaft Diya, welche im Kreis Zanda im Regierungsbezirk Ngari von Tibet liegt. Das Gebiet gilt als Typuslokalität der Art, die Fundregion befindet sich in rund 2980 m Höhenlage. Das Artepitheton zhadaensis bezieht sich auf das Zanda-Becken. Diese ist nicht nur eine bedeutende Fossillagerstätte, sondern auch für seine Biodiversität bekannt. Seit den 1990er Jahren wurden dort häufiger neue Arten entdeckt, darunter die Agame Laudakia papenfussi und die Kröte Bufo zandaensis.[1]

Literatur

  • Chen Shunde, Yang Siyu, Qing Jiao, Fan Ronghui, Tang Keyi, Liao Rui, Guo Keji, Zhang Mengfei, Wu Nanfei und Liu Shaoying: Two new species of genus Crocidura(Eulipotyphla: Soricidae) from Xizang, China. Acta Theriologica Sinica 44 (5), 2024, S. 529–550, doi:10.16829/j.slxb.150612

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h Chen Shunde, Yang Siyu, Qing Jiao, Fan Ronghui, Tang Keyi, Liao Rui, Guo Keji, Zhang Mengfei, Wu Nanfei und Liu Shaoying: Two new species of genus Crocidura(Eulipotyphla: Soricidae) from Xizang, China. Acta Theriologica Sinica 44 (5), 2024, S. 529–550, doi:10.16829/j.slxb.150612
  2. Sophie Quérouil, Rainer Hutterer, Patrick Barrière, Marc Colyn, Julian C. Kerbis Peterhans und Erik Verheyen: Phylogeny and Evolution of African Shrews (Mammalia: Soricidae) Inferred from 16s rRNA Sequences. Molecular Phylogenetics and Evolution 20 (2), 2001, S. 185–195
  3. a b Sylvain Dubey, Nicolas Salamin, Manuel Ruedi, Patrick Barrière, Marc Colynv und Peter Vogel: Biogeographic origin and radiation of the Old World crocidurine shrews (Mammalia: Soricidae) inferred from mitochondrial and nuclear genes. Molecular Phylogenetics and Evolution 48, 2008, S. 953–963
  4. C. J. Burgin und K. He: Family Soricidae (shrews). In: Don E. Wilson und Russell A. Mittermeier (Hrsg.): Handbook of the Mammals of the World. Volume 8: Insectivores, Sloths and Colugos. Lynx Edicions, Barcelona 2018, S. 332–551, ISBN 978-84-16728-08-4
  5. Sylvain Dubey, Nicolas Salamin, Satoshi D. Ohdachi, Patrick Barrière und Peter Vogel: Molecular phylogenetics of shrews (Mammalia: Soricidae) reveal timing of transcontinental colonizations. Molecular Phylogenetics and Evolution 44, 2007, S. 126–137
  6. Shunde Chen, Jiao Qing, Zhu Liu, Yang Liu, Mingkun Tang, Robert W. Murphy, Yingting Pu, Xuming Wang, Keyi Tang, Keji Guo, Xuelong Jiang und Shaoying Liu: Multilocus phylogeny and cryptic diversity of white-toothed shrews (Mammalia, Eulipotyphla, Crocidura) in China. BMC Evolutionary Biology 20, 2020, S. 29, doi:10.1186/s12862-020-1588-8
  7. Liu Yang, Chen Shunde, Liu Baoquan, Liao Rui, Liu Yingzun und Liu Shaoying: A new species of the genus Crocidura (Eulipotyphla: Soricidae) from Zhejiang Pvovince, eastern China. Acta Theriologica Sinica 40 (1), 2019, S. 3–14, doi:10.16829/j.slxb.150340