Crocidura medogensis

Crocidura medogensis
Systematik
Überordnung: Laurasiatheria
Ordnung: Insektenfresser (Eulipotyphla)
Familie: Spitzmäuse (Soricidae)
Unterfamilie: Crocidurinae
Gattung: Weißzahnspitzmäuse (Crocidura)
Art: Crocidura medogensis
Wissenschaftlicher Name
Crocidura medogensis
Chen, Wu & Liu, 2024

Crocidura medogensis ist eine Art der Spitzmäuse aus der Gattung der Weißzahnspitzmäuse (Crocidura). Sie kommt am südöstlichen Rand des tibetischen Hochlands vor und bewohnt dort Wald- und Gebüschlandschaften in mittleren Höhenlagen. Die Tiere repräsentieren große Vertreter der Gattung. Besondere Kennzeichen bilden der lange Schwanz, der fast so lang ist wie der restliche Körper, und das dunkelbraune Rückenfell. Zur Lebensweise liegen keine Informationen vor. Die Art wurde durch genetische Studien in den 2010er Jahren erstmals als solche identifiziert. Bei Feldforschungen in den Jahren 2019 und 2020 im Kreis Mêdog in Tibet wurden weitere Exemplare gesammelt, was dann vier Jahre später zur wissenschaftlichen Beschreibung führte.

Merkmale

Habitus

Crocidura medogensis ist ein großer Vertreter der Weißzahnspitzmäuse. Die Kopf-Rumpf-Länge beträgt 6,7 bis 7,6 cm, der Schwanz wird 6,2 bis 6,5 cm lang. In der Regel erreicht der Schwanz damit rund 85 bis 96 % der Länge des restlichen Körpers. Die Körpergröße ist vergleichsweise etwas geringer als bei der Südostasiatischen Spitzmaus (Crocidura fuliginosa), der Großen Weißzahnspitzmaus (Crocidura dracula) und der Ussuri-Weißzahnspitzmaus (Crocidura lasiura). Im gesamten Erscheinungsbild ähnelt die Art mit ihrer spitzen Schnauze, dem verhältnismäßig langen Schwanz und den schlanken Gliedmaßen den anderen Angehörigen der Gattung. Das Rückenfell von Crocidura medogensis weist einen dunklen, schwarzbraunen Farbton auf. Das Bauchfell ist hingegen schwarzgrau. An den Seiten geht das Rückenfell kontinuierlich in den Farbton der Unterseite über, ohne dass sich eine deutliche Farbtrennung abzeichnet. Insgesamt teilt die Art eine ähnliche Felltönung mit der Ussuri-Weißzahnspitzmaus, sie setzt sich jedoch von der markant helleren Großen Weißzahnspitzmaus ab. Den Schwanz bedecken bei Crocidura medogensis kurze Haare, die Ober- und Unterseite zeigen die gleiche einfarbige, schwarzbraune Tönung. Ab etwa ein Drittel der Schwanzlänge unterbrechen weißliche Deckhaare die Farbgebung. Im Vergleich zur Ussuri-Weißzahnspitzmaus ist der Schwanz einerseits relativ länger, andererseits deutlich spärlicher behaart. Der spitzen und langgestreckten Schnauze entwachsen bei Crocidura medogensis beidseitig jeweils rund 20 Vibrissen unterschiedlicher Länge, die längsten reichen bis zum Ohrrand. Sie sind ähnlich gefärbt wie das Rückenfell. Die Augen sind klein, die Ohren äußerlich sichtbar. Die Ohrmuscheln besitzen eine ovale Form und tragen kurze Haare, die ebenfalls ähnlich dem Rückenfell koloriert sind. Die Vorder- und Hinterfüße zeigen sich hingegen heller schwarzgrau gefärbt, die jeweiligen Unterseiten sind mit sechs Polstern ausgestattet. Die Krallen haben einen durchscheinenden Farbton. Der Hinterfuß wird 1,4 bis 1,5 cm lang.[1]

Schädel- und Gebissmerkmale

Die Schädellänge variiert zwischen 20,3 und 22,2 mm, wovon das Rostrum 9,5 bis 10,1 mm einnimmt. Am Hirnschädel beträgt die größte Breite 9,2 bis 9,7 mm, die Höhe 5,9 bis 6,1 mm. Das Rostrum wird am zweiten Molar 6,0 bis 6,6 mm breit. Insgesamt ist der Schädel massiv gebaut und im Profil am Hirnschädel abgerundet. Sowohl der Mittelkieferknochen als auch der Oberkiefer und die Nasenbeine haben eine schlanke Gestalt. Am Oberkiefer öffnet sich das Tränenloch auf Höhe des zweiten Molaren. An diesem Knochen setzt auch ein gut entwickelter Jochbeinfortsatz an, der Jochbogen ist aber typischerweise reduziert. Am Hinterhaupt bestehen auffällige Lambdaleisten, die sich in einem stumpfen Winkel zu einem Scheitelkamm treffen. Auf der Schädelunterseite befindet sich ein robuster Warzenfortsatz. Der Unterkiefer ist 13,0 bis 13,7 mm lang. Der vordere Abschnitt verläuft relativ gerade. Der Kronenfortsatz ist kräftig und ragt nahezu senkrecht zur Kauebene auf. Der Winkelfortsatz wirkt schlank und orientiert sich leicht nach unten.[1]

Wie alle Weißzahnspitzmäuse besitzt Crocidura medogensis insgesamt 28 Zähne mit folgender Zahnformel: . Der obere innere Schneidezahn ist vergrößert und steht senkrecht. Er verfügt über zwei Höcker. Auf ihn folgen gattungstypisch drei einspitzige Zähne. Der vorderste von diesen ist am größten und überragt die beiden hinteren um das Doppelte an Höhe. Im Unterkiefer richtet sich der erste Schneidezahn deutlich nach vorn. Daran schließt sich ein kleiner Eckzahn an. Sowohl der obere als auch der untere Prämolar sind prominent ausgebildet. Der obere hat einen dreieckigen Umriss in Seitenansicht. Die jeweils drei Molaren nehmen in der oberen und unteren Gebissreihe von vorn nach hinten an Größe ab. Sie tragen charakteristische spitze Höckerchen. Auf den oberen Mahlzähnen formen die zwischen ihnen ausgebildeten Scherleisten ein W-förmiges Muster. Die bei der Südostasiatischen Spitzmaus gegabelte Mesostyl-Scherleiste am zweiten oberen Molaren tritt bei Crocidura medogensis nicht auf. Die obere Zahnreihe erstreckt sich über eine Länge von 9,4 bis 9,9 mm, die untere beansprucht 8,7 bis 9,2 mm.[1]

Verbreitung und Lebensraum

Das Verbreitungsgebiet von Crocidura medogensis liegt in Ostasien. Das einzige bekannte Vorkommen befindet sich im Kreis Mêdog im Stadtgebiet von Nyingchi im Südosten von Tibet. Dort sind mit den Regionen um die Ortschaften Mêdog und Baibung bisher zwei Fundpunkte bekannt. Die Tiere bewohnen feuchte Laubwälder, Gebüschlandschaften und Felsspalten am Wegesrand. Die Höhenverbreitung reicht von 660 bis 1520 m über dem Meeresspiegel.[1]

Lebensweise

Zur Lebensweise von Crocidura medogensis sind keine weiterführenden Informationen bekannt.[1]

Systematik

Innere Systematik der Weißzahnspitzmäuse des östlichen Asiens nach Chen et al. 2024[1]
 Crocidura („Gruppe 2“)  


 Crocidura trichura


   

 Crocidura tanakae



   



 Crocidura monticola


   

 Crocidura neglecta



   


 Crocidura watasei


   

 Crocidura phuquocensis



   

 Crocidura dracula


   

 Crocidura medogensis


   

 Crocidura fuliginosa






   


 Crocidura kegoensis


   


 Crocidura indochinensis


   

 Crocidura wuchihensis



   

 Crocidura maxi




   

 Crocidura dongyangjiangensis


   


 Crocidura dsinezumi


   

 Crocidura rapax kurodai


   

 Crocidura lasiura




   

 Crocidura vorax


   

 Crocidura attenuata


   

 Crocidura rapax


   

 Crocidura anhuiensis










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Crocidura medogensis ist eine Art aus der Gattung der Weißzahnspitzmäuse (Crocidura) innerhalb der Familie der Spitzmäuse (Soricidae). Die formenreiche Gattung umfasst mehr als 220 Arten und bildet damit die vielfältigste innerhalb der Spitzmäuse. Allerdings verweisen molekulargenetische Untersuchungen darauf, dass sie möglicherweise paraphyletisch ist, da einige Formen wie die Gescheckte Wüstenspitzmaus (Diplomesodon) und die Kongo-Wimperspitzmäuse (Paracrocidura) tief in Crocidura eingebettet sind. Die Gattung setzt sich aus verschiedenen Kladen zusammen, so eine asiatische, eine afrotropische, eine west-paläarktische und eine altweltliche mit verschiedenen eurasischen und afrikanischen Arten.[2][3][4] Vermutlich repräsentieren die Weißzahnspitzmäuse den jüngsten Zweig innerhalb der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Spitzmäuse. Der Großteil der Vertreter ist heute über Afrika verteilt, ein weiterer, nicht unerheblicher Anteil bewohnt Asien. Der Ursprung der Weißzahnspitzmäuse liegt aber wahrscheinlich in Eurasien, wo sie sich vor rund 8 bis 6,8 Millionen Jahren von den übrigen Linien abtrennten und von hier aus wohl die anderen heutigen Verbreitungsgebiete besiedelten.[5][3] Innerhalb des ostasiatischen Lebensraums der Weißzahnspitzmäuse können genetisch zwei größere Verwandtschaftsgruppen nachgewiesen werden, die nicht näher in Beziehung zueinander stehen. Hierbei zeichnen sich für Crocidura medogensis engere Bindungen zur Südostasiatischen Spitzmaus (Crocidura fuliginosa), zur Großen Weißzahnspitzmaus (Crocidura dracula) sowie zur Phu-Quoc-Weißzahnspitzmaus (Crocidura phuquocensis) und zur Kleinen Ryukyu-Weißzahnspitzmaus (Crocidura watasei) ab.[1]

Die wissenschaftliche Erstbeschreibung von Crocidura medogensis erfolgte im Jahr 2024 durch ein Wissenschaftlerteam um Chen Shunde. Die Arbeit resultiert aus einer genetischen Studie, die Ende der 2010er Jahre an insgesamt 117 Individuen von Weißzahnspitzmäusen aus einem größeren Teil Chinas durchgeführt wurde und bei der sich drei bisher unbekannte Arten identifizieren ließen. Die Publikation der Ergebnisse erschien im Jahr 2020,[6] bereits im Jahr zuvor konnte mit der Dongjiangyuan-Weißzahnspitzmaus (Crocidura dongyangjiangensis) aus der ostchinesischen Provinz Zhejiang eine der drei Arten wissenschaftlich benannt werden.[7] Für die beiden anderen neuen Linien, einerseits eine aus dem Zanda-Becken im südwestlichen Tibet, andererseits aus dem Kreis Mêdog im südöstlichen Teil dem Autonomen Gebiet, war das Probenmaterial zu spärlich für eine genaue Bestimmung. Daher fanden in den Jahren 2019 und 2020 Feldstudien vor Ort statt, in deren Zuge vier Exemplare an Weißzahnspitzmäusen aus dem Zanda-Becken und knapp ein Dutzend aus Mêdog gefangen wurden. Nachfolgende genetische Analysen bestätigten dann, dass es sich jeweils um eigenständige Arten handelt. In der Veröffentlichung des Jahres 2024 erhielt die Population aus dem Zanda-Becken die wissenschaftliche Bezeichnung Crocidura zhadaensis, jener aus Mêdog wurde mit Corcidura medogensis benannt. Als Holotyp für letztere wählten die Forscher ein männliches Individuum aus der Umgebung der Ortschaft Baibung. Das Gebiet gilt als Typuslokalität der Art und befindet sich in rund 660 m Höhenlage. Das Artepitheton medogensis bezieht sich auf die Region des Erstnachweises. Insgesamt ist die Mêdog-Region ein bedeutendes Biodiversitätsgebiet, in dem seit der Mitte der 2010er Jahre häufiger neue Arten entdeckt werden, darunter die Spitzmäuse Soriculus beibengensis, Soriculus dexingensis, Soriculus medogensis und Soriculus nivatus, aber auch der Medog-Maulwurf, das Nagetier Neodon medogensis und der Weißwangenmakak.[1]

Literatur

  • Chen Shunde, Yang Siyu, Qing Jiao, Fan Ronghui, Tang Keyi, Liao Rui, Guo Keji, Zhang Mengfei, Wu Nanfei und Liu Shaoying: Two new species of genus Crocidura(Eulipotyphla: Soricidae) from Xizang, China. Acta Theriologica Sinica 44 (5), 2024, S. 529–550, doi:10.16829/j.slxb.150612

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h Chen Shunde, Yang Siyu, Qing Jiao, Fan Ronghui, Tang Keyi, Liao Rui, Guo Keji, Zhang Mengfei, Wu Nanfei und Liu Shaoying: Two new species of genus Crocidura(Eulipotyphla: Soricidae) from Xizang, China. Acta Theriologica Sinica 44 (5), 2024, S. 529–550, doi:10.16829/j.slxb.150612
  2. Sophie Quérouil, Rainer Hutterer, Patrick Barrière, Marc Colyn, Julian C. Kerbis Peterhans und Erik Verheyen: Phylogeny and Evolution of African Shrews (Mammalia: Soricidae) Inferred from 16s rRNA Sequences. Molecular Phylogenetics and Evolution 20 (2), 2001, S. 185–195
  3. a b Sylvain Dubey, Nicolas Salamin, Manuel Ruedi, Patrick Barrière, Marc Colynv und Peter Vogel: Biogeographic origin and radiation of the Old World crocidurine shrews (Mammalia: Soricidae) inferred from mitochondrial and nuclear genes. Molecular Phylogenetics and Evolution 48, 2008, S. 953–963
  4. C. J. Burgin und K. He: Family Soricidae (shrews). In: Don E. Wilson und Russell A. Mittermeier (Hrsg.): Handbook of the Mammals of the World. Volume 8: Insectivores, Sloths and Colugos. Lynx Edicions, Barcelona 2018, S. 332–551, ISBN 978-84-16728-08-4
  5. Sylvain Dubey, Nicolas Salamin, Satoshi D. Ohdachi, Patrick Barrière und Peter Vogel: Molecular phylogenetics of shrews (Mammalia: Soricidae) reveal timing of transcontinental colonizations. Molecular Phylogenetics and Evolution 44, 2007, S. 126–137
  6. Shunde Chen, Jiao Qing, Zhu Liu, Yang Liu, Mingkun Tang, Robert W. Murphy, Yingting Pu, Xuming Wang, Keyi Tang, Keji Guo, Xuelong Jiang und Shaoying Liu: Multilocus phylogeny and cryptic diversity of white-toothed shrews (Mammalia, Eulipotyphla, Crocidura) in China. BMC Evolutionary Biology 20, 2020, S. 29, doi:10.1186/s12862-020-1588-8
  7. Liu Yang, Chen Shunde, Liu Baoquan, Liao Rui, Liu Yingzun und Liu Shaoying: A new species of the genus Crocidura (Eulipotyphla: Soricidae) from Zhejiang Pvovince, eastern China. Acta Theriologica Sinica 40 (1), 2019, S. 3–14, doi:10.16829/j.slxb.150340