Agnieszka Holland

Agnieszka Holland (* 28. November 1948 in Warschau) ist eine polnische Filmregisseurin und Drehbuchautorin. Sie erhielt für ihre Arbeiten, darunter Hitlerjunge Salomon (1990) und Green Border (2023), zahlreiche Auszeichnungen und war ab Dezember 2020 Vorsitzende der Europäischen Filmakademie. Ihre Filme zeichnen sich durch die Fokussierung auf individuelle Erfahrungen vor dem Hintergrund politischer Ereignisse aus und kritisieren oft sowohl nazistische als auch kommunistische Verbrechen.

Leben und Werk

Agnieszka Holland wurde am 28. November 1948 in Warschau geboren. Ihr Vater, Henryk Holland, war Journalist und Soziologe jüdischer Herkunft und ein hochrangiger Funktionär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR), ihre Mutter war ebenfalls Journalistin und Parteimitglied. Ihre Schwester ist die Regisseurin Magdalena Łazarkiewicz.[1]

Nach der Scheidung ihrer Eltern im Jahr 1959 blieb Holland bei ihrer Mutter. Ihr Vater beging 1961 unter unklaren Umständen Selbstmord, was für Holland ein Schock war und sie nach eigenen Aussagen der Filmkunst nahebrachte.[1] Nach dem Abitur bewarb sie sich erfolglos um einen Platz an der Filmhochschule in Łódź, weshalb sie an die Prager Filmfakultät ging, wo sie zwischen 1966 und 1971 Filmregie studierte.

Ihre Karriere begann sie als Regieassistentin von Krzysztof Zanussi und Andrzej Wajda. Für Wajda schrieb sie einige Drehbücher, unter anderem nach der gleichnamigen Novelle von Rolf Hochhuth für Eine Liebe in Deutschland, und arbeitete mit Jean-Claude Carrière an Wajdas Film Danton. Mit ihren frühen Filmen wird sie dem Kino der moralischen Unruhe zugeordnet.

Mit ihrer Regiearbeit Fieber (Gorączka) gewann sie 1981 den Hauptpreis beim Polnischen Filmfestival und war sie im Wettbewerb der Berlinale 1981 vertreten. Ihre Hauptdarstellerin Barbara Grabowska gewann den Silbernen Bären als beste Darstellerin. Kurz vor der Verhängung des Kriegsrechts in Polen 1981 emigrierte Agnieszka Holland nach Paris, wo sie bis heute lebt. Ihre erste Regiearbeit nach der Emigration, die deutsche Produktion Bittere Ernte mit Armin Mueller-Stahl in der Hauptrolle, war 1986 als bester fremdsprachiger Film für einen Oscar nominiert. Ihr in Deutschland wohl bekanntester Film ist Hitlerjunge Salomon, der ihr einen Golden Globe als bester fremdsprachiger Film sowie eine Oscar-Nominierung für das beste Drehbuch einbrachte. Als die Jury, die die deutschen Nominierungen für den Oscar vornimmt, sich weigerte, den Film zu nominieren, löste dies in Deutschland eine Kontroverse aus; sie wurde vom Produzenten Artur Brauner sogar des Antisemitismus bezichtigt.

1993 gelang Holland der Sprung in die USA, als Francis Ford Coppola ihren Film Der geheime Garten nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Frances Hodgson Burnett produzierte. Seitdem dreht sie dort mit amerikanischen Schauspielern, aber wie bei The Healer mit europäischem Produktionskapital.

2014 inszenierte sie mit Rosemary’s Baby eine Fernsehneuverfilmung des Filmklassikers Rosemaries Baby.

Für den Spielfilm Die Spur, eine Verfilmung des Romans Der Gesang der Fledermäuse von Olga Tokarczuk, erhielt Holland 2017 eine Einladung in den Wettbewerb der 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Der Film stellt eine frühere Ingenieurin und passionierte Astrologin (dargestellt von Agnieszka Mandat) in den Mittelpunkt, die in ihrem Dorf in den Sudeten eigenständig Nachforschungen zu einer Mordserie an lokalen Jägern anstellt.[2] Holland erhielt dafür auf der Berlinale den Alfred-Bauer-Preis zuerkannt.

Ihr 2023 veröffentlichter Film Green Border, der das verhärtete polnische Grenzregime gegenüber Migranten darstellt, führte in Polen zu einer politischen Kampagne gegen Film und Regisseurin, bis hin zu Hass, der ihr vor allem im Internet begegnete. Ihr wird eine antipolnische Position unterstellt, Hollands Film sei Propaganda im Stile des Nationalsozialismus. Diese Reaktionen sind auch vor dem Hintergrund der Wahlen in Polen im Oktober 2023 zu sehen.[3] Zu den Kritikern gehörten führende Politiker der nationalpopulistischen Regierungspartei PiS, darunter Staatspräsident Andrzej Duda, Vizepremier Jarosław Kaczyński und Verteidigungsminister Mariusz Błaszczak, auch Justizminister Zbigniew Ziobro attackierte Holland.[4] Holland warf daraufhin dem Staatspräsidenten Duda vor, mit seinen abwertenden Kommentaren über einen Film, den er nicht gesehen habe, zur Atmosphäre des Hasses in der polnischen Gesellschaft beizutragen.[5]

Zu ihrer Nachfolgerin als Präsidentin der Europäischen Filmakademie ab dem 1. Mai 2024 wurde Juliette Binoche bestellt.[6] Im selben Jahr wurde Holland in die Wettbewerbsjury der 81. Filmfestspiele von Venedig berufen.[7]

2025 legte sie mit Franz K. einen Film über Franz Kafka vor.

Sie ist verheiratet mit dem slowakischen Film- und Theaterregisseur Laco Adamík. Ihre gemeinsame Tochter Katarzyna Adamik (* 1972) ist ebenfalls Filmregisseurin.

Stil

Holland gehört zu den Vertretern des Kinos der moralischen Unruhe. Als ihre wichtigste Inspirationsquelle bezeichnete sie das Schaffen der tschechoslowakischen Neuen Welle.[8] In ihren Filmen konzentriert sie sich auf die Erfahrungen einzelner Menschen vor dem Hintergrund großer politischer Ereignisse. Während sich ihre Kinofilme auf die Kritik des nationalsozialistischen Regimes konzentrieren, haben ihre in den Vereinigten Staaten gedrehten Fernsehfilme das Ziel, den „moralischen Niedergang Amerikas“ zu zeigen.[9]

Ein häufiges Motiv in Hollands Werk ist die Reihe von Haltungen einzelner Personen gegenüber den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs. Filme wie Hitlerjunge Salomon, Korczak und Bitter Harvest „dienen einem notwendigen, wichtigen Zweck: Sie sollen junge Menschen, ob jüdisch oder nichtjüdisch, über die Ausbeutung und Vernichtung einer einzelnen Rasse aufklären“.[10] Ein weiteres charakteristisches Motiv in Hollands Werk ist der plötzliche Verlust der Unschuld von Kindern infolge unerwarteter Ereignisse (Olivier, Der geheime Garten).[10]

Politische Aussagen

Holland äußert sich häufig zu politischen Ereignissen und gilt deshalb als einflussreiche Persönlichkeit in der politischen Debatte in Polen.[11]

Sie positionierte sich als scharfe Gegnerin der Regierung der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) und kritisierte vor allem deren Geschichtspolitik, die sie als revisionistisch bezeichnet. Sie kritisierte auch den Umgang der Regierung mit Künstlern.[12]

Holland engagiert sich für den Feminismus und Tierrechte. In einem Interview im Jahr 2019 forderte sie eine Abschaffung des Wahlrechts für Männer, da „junge, konservative Männer eine Gefahr für die Demokratie darstellen.“[12]

Filmografie

B = Drehbuch, R = Regie, D = Darsteller

Auszeichnungen (Auswahl)

Literatur

  • Karolina Pasternak: Holland. Biografia od nowa. Znak, Krakau 2023.
Commons: Agnieszka Holland – Sammlung von Bildern und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b Vogue Polska: Holland: Mama została komunistką pod wpływem ojca. 1. April 2019, abgerufen am 12. Oktober 2025 (polnisch).
  2. Filmbeschreibung bei filmweb.pl (polnisch; abgerufen am 16. Dezember 2016).
  3. Gerhard Gnauck: Überlebenskämpfe in Europas Urwäldern. In: faz.net. 26. September 2023, abgerufen am 2. Oktober 2023.
  4. "Tylko świnie siedzą w kinie". Czy prezydent Duda wie, co powiedział? newsweek.pl, 28. September 2023.
  5. Agnieszka Holland zaczęła mówić o Andrzeju Dudzie. Tak zareagowali prowadzący onet.pl, 4. November 2024.
  6. Juliette Binoche wird neue Präsidentin der Europäischen Filmakademie. In: DerStandard.at. 14. März 2024, abgerufen am 15. März 2024.
  7. Finalised the International Jury for the Venezia 81 Competition. In: labiennale.org, 10. Juli 2024 (abgerufen am 10. Juli 2024)
  8. Witkowska A.: The BFI companion to Eastern European and Russian cinema. BFI Publishing, London 2000, S. 99.
  9. Stevens I.: Staying Power. Sight & Sound, 2016, S. 34.
  10. a b Edelman R.: The St. James women filmmakers encyclopedia. Visible Ink Press, 1999, S. 195–196.
  11. Rebecca Barden Responds: After the flood: BFI Publishing beyond the BFI. In: Cinema Journal. Band 47, Nr. 4, Juni 2008, ISSN 1527-2087, S. 133–135, doi:10.1353/cj.0.0037.
  12. a b Wywiad z Agnieszką Holland. In: Kultura Liberalna. 12. September 2016, abgerufen am 12. Oktober 2025 (polnisch).
  13. Andrzej Wajda odznaczony Orderem Orła Białego.@1@2Vorlage:Toter Link/wiadomosci.gazeta.pl (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im März 2018. Suche in Webarchiven) Gazeta.pl, 21. März 2011.
  14. Berlinale Archiv 2017. Abgerufen am 17. Januar 2020.