Kino der moralischen Unruhe
Kino der moralischen Unruhe (polnisch Kino moralnego niepokoju) ist eine Bezeichnung für eine Filmrichtung in Polen zwischen 1976 und 1981. Zu den wichtigsten Vertretern gehörten Krzysztof Kieslowski, Krzysztof Zanussi, Andrzej Wajda und Agnieszka Holland.
Geschichte
Die wichtigsten Voraussetzungen für die Entwicklung dieser Richtung waren das unabhängige Filmstudio X von Andrzej Wajda und weiteren Filmemachern, das seit 1970 bestand, seine Lehrtätigkeit an der Filmhochschule Łódź, sowie mehrere dokumentarisch ausgerichtete Spielfilme von Krzysztof Kieslowski.[1] Auch die Streiks und Proteste von 1976 machten eine zunehmende gesellschaftliche Unzufriedenheit im Land sichtbar.
Als erste Filme dieser neuen Richtung gelten Der Mann aus Marmor (1976) von Andrzej Wajda und Camouflage (1976) von Krzysztof Kieslowski, die bei ihrem Erscheinen viel Aufmerksamkeit erhielten. Prägend wurde auch eine Reihe im polnischen Fernsehen, die es jungen Regisseuren ermöglichte, eigene Filme zu zeigen. Der Begriff Kino der moralischen Unruhe wurde 1979 von Krzysztof Zanussi geprägt und setzte sich als Bezeichnung für diese Richtung durch. Daneben gab es auch noch einige ähnliche Begriffsbildungen.
Diese Filme verstärkten auch die gesellschaftliche Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die zur Gründung der Gewerkschaft Solidarność 1980 führte. Das Ende des Kinos der moralischen Unruhe war die Ausrufung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981, nach dem auch Restriktionen für Filme galten, laufende Produktionen durften nicht fertiggestellt werden, abgeschlossene wurden nicht gezeigt.
Inhalte
Die Filme des Kinos der moralischen Unruhe beschrieben die Probleme im Alltagsleben der realsozialistischen polnischen Gesellschaft, meist in Kleinstädten und ländlichen Regionen. Ein wesentliches Thema war die Unvereinbarkeit von moralischen Grundsätzen mit den Anforderungen an Verantwortliche in Gesellschaft und Wirtschaft, die zu Konformismus, Korruption und Machtmissbrauch führten.[2][3] Weitere Themen waren individuelle Konflikte, wobei auch der Verfall zwischenmenschlicher Beziehungen und traditioneller Werte beschrieben wurden.
Die Filme waren oft dokumentarisch ausgerichtet, um das triste Alltagsleben zu zeigen. Sie verzichteten aber auf eine offene politische Gesellschaftskritik, der Fokus lag auf regionalen Problemen und Strukturen.[4] Auch wurden die besonderen Perspektiven von Frauen nur selten berücksichtigt.[5]
Literatur
- Dina Iordanova: Cinema of the Other Europe. Industry and Artristry of East Central European Film. Wallflower, London/New York 2003, pp. 108–116.
- Margarete Wach: Krzysztof Kieslowski. Kino der moralischen Unruhe. Edition film-dienst/arte-Edition, KIM, Köln, Schüren, Marburg 2001.
Einzelnachweise
- ↑ Jan Ulrich Hasecke, Die Wahrheit des Sehens. Der Dekalog von Krzysztof Kieslowski, Solingen, 2013, S. 65–68, mit einigen Angaben zur Entstehung dieser Filmrichtung
- ↑ Kino moralnego niepokoju Audycje kulturalne (übersetzt)
- ↑ Iordanova, 2003, pp. 108–109
- ↑ Iordanova, 2003, p. 108
- ↑ Maria Kornatorska, Amatorzy i wodzireje, 1990, zitiert in Tatiana Czerska, Lekcje inności i konfiskowanie pamięci. O powieści Britty Wuttke „Homunculus z tryptyku”, in Proza polska XX wieku. Przeglądy i interpretacje, 2014, 3 , s. 159–175, hier s. 166, bescheinigte den meisten Filmen eine Misogynie (Frauenfeindlichkeit), in denen die Ehefrauen hinter den Ehemännern zurückstehend dargestellt wurden