Zigeunerlager Wattenscheid
Das Zigeunerlager Wattenscheid war von 1937 bis 1943 ein Zwangslager im „Dritten Reich“ für Sinti in Eppendorf, Wattenscheid, heute Bochum.[1][2][3][4] In Wattenscheid fand eine Verfolgung statt ebenso wie bei der Verfolgung der Sinti und Roma in Bochum.
Geschichte
Das Lager bestand von 1937 bis 1943. Es diente der Isolation, Ausbeutung im Rahmen der Zwangsarbeit und Vernichtung der Sinti im Rahmen der rassistischen Politik des NS-Regimes. Der Begriff „Zigeuner“ ist ein historischer, oft abwertender Ausdruck für Sinti und Roma. Das Lager wurde auf Anordnung der Wattenscheider Stadtverwaltung auf einem ehemaligen Fußballplatz an der Dahlhauser Straße 9 errichtet, an der Grenze zu Dahlhausen. Hintergrund war ein Runderlaß zur Seßhaftmachung.[1]
Die Allgemeine Wattenscheider Zeitung[5] vom 26. November 1937 berichtete:
- „Wattenscheid-Eppendorf. Wir haben in Wattenscheid heimatberechtigte Zigeunerfamilien. Mit dieser Tatsache muß sich die Verwaltung und muß sich die Bürgerschaft abfinden. Die Verwaltung ist gesetzlich verpflichtet, diesen Zigeunern Unterkunft zu verschaffen. Mancher wird sich noch des Zigeuner-Wagenparks entsinnen, doch auch da konnte ihres Bleibens nicht sein. Die Stadtverwaltung hat Verhandlungen mit privaten Grundbesitzern geführt, um einen Platz für die Niederlassung ihrer aufgezwungen Gäste zu finden, aber ohne Erfolg. Es blieb nichts anderes übrig, als stadteigenes Gelände ausfindig zu machen und dort Baracken zu bauen. Die Wahl ist schließlich auf ein Grundstück gefallen, das ganz im äußersten Winkel Wattenscheid-Eppendorfs liegt, an der Grenze zu Dahlhausen. Dort werden die Zigeuner sich in diesen Tagen niederlassen. Das Grundstück wird mit einer dichten Anpflanzung von Gesträuch umgeben, die den Einblick verwehrt.“[1]
Mit Schreiben vom 2. Dezember 1937 „an den Herrn Regierungspräsidenten in Arnsberg“ Ludwig Runte protestierten hiergegen eine Reihe von Bürgern:
- „Beschwerde gegen die Stadt Wattenscheid in Sachen Barackenbau zur Ansiedlung ihrer Zigeunerfamilien in ihrem südlichen Ortsteil Eppendorf. (...) Die Stadt bzw. das Bauamt der Stadt Wattenscheid errichtet an der Ruhr- und Dahlhauserstrasse Baracken für ihre zu unterhaltende Zigeunerfamilien. Der hierzu benutze Platz 500 Quadratruten groß ist teilweise Eigentum der Stadt. Es ist ein früherer Fußballplatz, der jedoch schon drei Jahre zur Erfüllung des Vierjahresplanes uns gutes Brotgetreide geliefert hat. Die Strassenbahn von Witten nach Ober-Dahlhausen fährt diereckt daran vorbei und hat an zwei Stellen des besagten Platzes ihre Haltestellen. Kaum 20 Meter von dieser Stelle ist die Verbandstrasse die zum Enneperuhrkreiss führt. Unser Südpark mit Planschbecken, Erholungsheim, Spielwiesen und Freilichtbühne liegt zehn Minuten Fußweg davon ab. Vielleicht zehn Minuten im Umkreiss sind durch Hühnerfarmen und Halter wohl 2000 Legehühner mit ihrem Geflügelzuchtverein vorhanden. Sofort an das zukünftige Zigeunerlager liegen drei bis vier Bauernhöfe. Auch ist das Gelände zehn Meter westlich des Platzes anerkanntes Grünflächen und Erholungsgebiet. Dass die Gegend nicht zu wenig bebaut ist, geht daraus hervor, dass in einem Umkreiss von zehn Minuten Fußweg 19 Gast- bzw. Schenkwirtschaften und ein Caffee bestehen. Auch sind in einigen Stunden 751 Unterschriften erfolgt, die sich gegen den Plan der Stadt erklärt haben. Sämmtliche Menschen die nach Dahlhausen, Linden, Hattingen oder westlich nach Horst, Steele oder Essen wollen, müssen den Zigeunerplatz passieren, Jahraus, jahrein wandern tausende von Volksgenossen zur Ruhr, zu ihren Bergen, Waldungen und Badeanstalt, sie alle sind gezwungen, diesen zukünftigen Rummelplatz mit ihren Augen zu beschauen. Eine mündliche sowie schriftliche Beschwerde an den Ruhrsiedlungsverband ist aus Gründen der anerkannten Siedlungen und Grünflächen bereits erfolgt. Wir bitten nun aus Sicherheitspolizeilichen Gründen, dass die Regierung der Stadt Wattenscheid das Ansiedeln der Zigeuner in dem südlichen Stadtteil verbietet, zumal genug eigens von der Stadt hergerichtete Plätze mit fünf Meter hohen Erdwällen und Baumanpflanzungen vorhanden sind wo die betreffenden Zigeuner bezw. asozialen Menschen der Stadt Wattenscheid jetzt angesiedelt sind. Mit deutschem Gruß Edgar Hahne, Landwirt. Heinrich Bruse, Kaufmann. August Hasse sen., Hausbesitzer u. Pensionär. Hugo Wevelsiep, Neuhausbesitzer“[1]
Der Wattenscheider Oberbürgermeister Hans Petri, Mitglied der NSDAP seit 1932, nahm hierzu Stellung: „Gemäß Runderlaß… sind die inländischen Zigeuner seßhaft zu machen“. Er habe „nach reiflicher Überlegung das strittige stadteigene Grundstück, einen ehemaligen Fußballplatz, im Süden der Stadt, an der Dahlhauser Straße zur Verfügung gestellt.“ Er beschreibt auch das Lager selbst:
- „Für die Unterbringung von 6 Familien ist ein transportables Holzhaus in Flachbauweise errichtet. Der etwa 6 a große Bauplatz ist ringsum mit Pappeln und Sträuchern so dicht bepflanzt, daß er in kurzer Zeit vollständig im Grünen liegt und von der Straße aus nicht mehr sichtbar ist (...) Ich bitte daher um Zurückweisung der Beschwerde, die in Wahrheit höchst eigennützigen, und nicht den vorgetragenen gemeinnützigen Beweggründen entsprungen ist.“
Er benannte die untergebrachten Personen: Die Eheleute Heinrich und Dora Steinbach mit ihren vier Kindern, Heinrichs Bruder Karl Steinbach mit Frau Charlotte und fünf Kindern, Rosette Steinbach und ihre sechs Kinder, August und Sofie Weiss mit vier Söhnen und einer Tochter, Paula Meyer und ihre vier Kinder und Josef Reinhardt. Es handelte sich also um insgesamt dreiunddreißig Personen, die in sechs Räumen mit 15,5 m² Fläche untergebracht wurden.[1]
Die Wattenscheider Zeitung agitierte am 29. Dezember 1938:
- „Zigeuner sind arbeitsscheues Gesindel (...) Sie leben meist vom Diebstahl, vom Bettel und Betrug. Uns diese Gesellschaft in wirksamster Form vom Leibe zu halten, sie so zu isolieren, daß sie mit unserer deutschblütigen Volksgemeinschaft in keinerlei Berührung mehr kommen, ist Pflicht. Und zwar kann hieran jeder mithelfen, der irgendwie Kenntnis von Vorgängen bekommt, die den Verdacht rechtfertigen, daß das Zigeunergesindel sich in die direkte Verbindung zur Einwohnerschaft einschleichen will, wie das früher jahrzehntelang möglich war.“[1]
Josef Reinhardt wurde im Alter von zweiundzwanzig Jahren im Rahmen der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ Zwangsarbeiter für die Kriegsvorbereitung. Am 22. Juni 1938 kam Reinhardt als „Asozialer“ in das Konzentrationslager Sachsenhausen. 1940 kam er in das Konzentrationslager Mauthausen. Dann verliert sich seine Spur.[1] Karl Steinbach und August Weiss arbeiteten bei der Müller AG als Hilfsarbeiter auf dem Bau.[1] 1939 und 1942 wurden in den Familien die Kinder Marie und Josef Steinbach geboren.[1] Franz Weiss kam am 22. Mai 1942 in das Konzentrationslager Dachau, zwei Jahre später in das Konzentrationslager Neuengamme.[1]
Anfang März 1943 wurden in ganz Deutschland etwa die Hälfte aller Sinti verhaftet und verschleppt. Die Gestapo-Männer Meier und Stemmann aus Bochum nahmen in Eppendorf alle Bewohner fest. Sie wurden auf LKWs verladen und zum Bochumer Nordbahnhof verbracht. Am 15. März 1943 wurden sie im Einwohneramt der Stadt Wattenscheid abgemeldet und als angeblicher Verbleib wurde Aussig in Böhmen eingetragen. Das Lager wurde aufgelöst. Die Baracke wurde zwischen 1945 und 1952 abgerissen. Die Baugenossenschaft Bochum baute hier 1950 sechs Wohnhäuser.[1]
Tatsächlich kamen die Bewohner des Lagers in das Zigeunerfamilienlager im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. In Auschwitz wurden in der Zeit von Mai 1943 bis Januar 1944 umgebracht: Josef Steinbach, Karl Steinbach, Heinrich Steinbach, Katharina Steinbach, Wilhelm Steinbach, Karl Steinbach, August Weiss, Heinrich Weiss, Sofie Weiss, Rosa Steinbach. Der 1920 geborene Wilhelm Weiss und Charlotte Weiss überlebten. Das Mädchen Hilde Weiss überlebte vermutlich nicht.[1]
Die drei Bände des Hauptbuchs des Zigeunerlagers im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau über die Häftlinge des Zigeunerfamilienlagers waren einer Schreibkraft und zwei Häftlingen neben der dortigen Baracke 32 vergraben, um sie der Vernichtung durch die SS-Angehörigen zu entziehen. Sie enthalten die Einträge über die Todesdaten:[1]
- Josef Steinbach 24. 5. 1943
- Sofie Weiss 2. 6. 1943
- Karl Steinbach 22. 6. 1943
- Heinrich Steinbach 28. 6. 1943
- Katharina Steinbach 11. 7. 1943
- Wilhelm Steinbach 21. ?. 1943
- Karl Steinbach 21. ?. 1943
- August Weiss 10. 8. 1943
- Heinrich Weiss ?. 11. 1943
- Rosa Steinbach 19. 1. 1944
Der Schriftsteller Werner Schmitz, der in diesem Ortsteil aufgewachsen ist, recherchierte in Archiven die Geschichte des Lagers und publizierte seine Ergebnisse. Er warnte vor dem auch heute noch anhaltendem Antiziganismus. Im Frühjahr 2022 wurde ein Gedenkschild an der Dahlhauser Straße aufgestellt, initiiert von der Bezirksvertretung Wattenscheid in Kooperation mit der Arbeiterwohlfahrt Ruhr-Mitte und der Baugenossenschaft Bochum, als Mahnung gegen Vergessen und rechten Terror.[6]
Siehe auch
- Liste der Ghettos und Lager für Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus
- Völkermord an den Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus
- Jüdisches Leben in Wattenscheid
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g h i j k l m Werner Schmitz: Plötzlich waren alle weg.
- ↑ Akte K 101/Regierung Arnsberg, Nr. 14547, 1936-1939, „Bekämpfung der Zigeunerplage“, Landesarchiv in Münster
- ↑ „Zeichnung zum Bau einer Baracke an der Dahlhauserstraße Nr. 9“, Stadtarchiv Bochum
- ↑ Haftstättenverzeichnis der Stiftung „Erinnerung Verantwortung Zukunft“. Datenbank. In: bundesarchiv.de. Bundesarchiv, 2002, abgerufen am 28. November 2025.
- ↑ ZDB-Katalog: Allgemeine Wattenscheider Zeitung. (Bestand 1929-1942 im Stadtarchiv Bochum)
- ↑ AWO Ruhr-Mitte: Neuer Erinnerungsort in Bochum eröffnet.
Koordinaten: 51° 26′ 35,8″ N, 7° 9′ 37,2″ O