Hauptbuch des Zigeunerlagers im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau

Das Hauptbuch des Zigeunerlagers im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ist ein wichtiges Dokument, das die Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus dokumentiert.

Die Sinti und Roma wurden ab dem 26. März 1943 aus dem Deutschen Reich und besetzten Gebieten in das Zigeunerlager Auschwitz (Lagerabschnitt BIIe) des KL Auschwitz-Birkenau transportiert. Sie wurden nicht in die Lagerevidenz eingetragen. Stattdessen wurden sie in einem separaten Verzeichnis erfasst.[1]

Walter „Stanoski“ Winter (1919–2012) kam am 14. März 1943 in Auschwitz an. Er berichtete:

„Wir mussten alle in einen Block gehen und uns da wieder in Zweierreihen aufstellen. Auf der einen Seite saß einer an einem Tisch und füllte Listen aus. Einzeln mussten wir vortreten. ‚Name?‘, ‚Geburtsdatum?‘, ‚Wo geboren?‘. Alles wurde eingetragen. Dann musste man auf die andere Seite treten und bekam eine Nummer. Den linken Arm musste man freimachen. Auf den Unterarm wurde die Nummer eintätowiert. Das ließ die SS von Häftlingen machen. In Minutenschnelle wurde man zur Nummer degradiert. Schmerzen auf der Haut verursachte die Tätowierung kaum, aber Schmerzen auf der Seele blieben von dem Moment an ein Leben lang.“[1]

Die Sintiza Elisabeth Guttenberger (1926–2024) berichtete:

„Ich kam nach ungefähr einem halben Jahr Haft in die Häftlingsschreibstube. Dort musste ich das Hauptbuch für die Männer in unserem Lager führen. Täglich musste ich in dieses Buch die Sterbemeldungen eintragen, die vom Krankenbau zur Schreibstube kamen. Es waren Tausende, die ich auf Grund solcher Meldungen in das Buch eingetragen habe.“

Die Nummernserie der männlichen Häftlinge reicht von 1 bis 10.094.[2] Die Nummernserien der weiblichen Häftlinge erstreckt sich von 1 bis 10.849; 10 Nummern blieben unbesetzt.[3] Das Verzeichnis für die Frauen umfasste zwei Bände mit insgesamt 702 Seiten.[1]

Weiterhin fehlen im Hauptbuch unter anderen etwa 1.700 Männer, Frauen und Kinder, die am 23. März 1943 eingeliefert wurden und in den Gaskammern wegen Verdachts auf Typhus getötet wurden.[4] Nach Franciszek Piper wurden insgesamt 2000 als „Zigeuner“ eingelieferte Häftlinge nicht registriert.[5]

Die Hauptbücher über die Toten des Zigeunerfamilienlagers wurden von dem polnischen Schreiber Tadeusz Joachimowski (1908–1979) und den beiden Häftlingen Ireneusz Pietrzyk und Henryk Porębski, die von der bevorstehenden Ermordung aller verbliebenen Insassen erfahren hatten, etwa am 21. Juli 1944 in einen Zinkeimer gelegt und neben der dortigen Baracke 32 vergraben, um sie der Vernichtung durch die SS-Angehörigen zu entziehen. Am 2. August 1944 wurden bei der Auflösung des Lagers die verbliebenen 3.000 Insassen getötet. In Anwesenheit von Joachimowski wurde der Zinkeimer am 13. Januar 1949 wieder ausgegraben. Die Bücher wiesen allerdings Feuchtigkeitsschäden auf.[1]

Die Bücher sind im Besitz des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau. Sie wurden transkribiert und als Gedenkbücher 1993 veröffentlicht.[6]

Der Sinto Heinz Lehmann-Lamary stellte 1958 eine Frage beim Magistrat der Stadt Frankfurt, die zu Sammelverfahren gegen Angehörige der Rassenhygienischen Forschungsstelle RHF und des Reichskriminalpolizeiamts (RKPA) führte. Er wurde vom Sprachwissenschaftler Siegmund A. Wolf unterstützt, der im Dezember 1958 Eva Justin mit ausführlicher Begründung anzeigte.[7][8] Im Verfahren sagten unter anderem Tadeusz Joachimowski und Elisabeth Guttenberger aus.

Einzelnachweise

  1. a b c d Karola Fings: Auschwitz-Birkenau (Hauptbuch des Zigeunerlagers).
  2. Hauptbücher des Zigeunerlagers des KL Auschwitz-Birkenau 1943 - 1944: a) männliche Häftlinge.
  3. Hauptbücher des Zigeunerlagers des KL Auschwitz-Birkenau 1943 - 1944: b) weibliche Häftlinge.
  4. Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. In: Hefte von Auschwitz. 4 (1961), S. 85, Gedenkbuch S. 1554.
  5. Franciszek Piper: Die Zahl der Opfer von Auschwitz. Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau 1993, S. 151.
  6. Hauptbuch des Zigeunerlagers im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Band 1 (Frauen) und Band 2 (Männer), Gedenkbuch. Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Herausgegeben vom Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg, München, London, New York, Paris, 1993.
  7. Zum Umgang der deutschen Justiz mit an der Roma-Minderheit begangenen NS-Verbrechen nach 1945.
  8. Das Sammelverfahren zum „Zigeunerkomplex“ (1958–1970).