Wachturm Rheinfelden-Pferrichgraben

Wachturm Pferrichgraben
Alternativname Unbekannt
Limes Donau-Iller-Rhein-Limes
Abschnitt Strecke 2
Datierung (Belegung) valentinianisch
369 bis 374 n. Chr.
Typ Turres
Einheit Riparenses
Größe Fläche: 11,5 × 11,5 Meter
Höhe: 7 bis 8 Meter
Bauweise Stein
Erhaltungszustand Quadratische Anlage,
Grundmauern wurden restauriert.
Ort Rheinfelden
Geographische Lage 628378 / 269398 hf
Vorhergehend Wachturm Rheinfelden-Heimenholz (Norden)
Anschließend Wachturm Rheinfelden-Insel Stein (Süden)

Der spätrömische Wachturm Rheinfelden-Pferrichgraben diente zur Überwachung und Sicherung der Rheingrenze (Donau-Iller-Rhein-Limes, abgek. DIRL). Seine Ruine befindet sich nordöstlich der Stadt Rheinfelden am Rheinufer auf dem Staatsgebiet der Schweiz im Kanton Aargau. Er war Teil einer Kette von etwa 50 Wachtürmen und Kastellen zwischen Basel und dem Bodensee. Sie standen in Sichtverbindung zueinander, um im Krisenfall mittels optischen oder akustischen Signalen eine rasche Mobilisierung der Grenztruppen zu ermöglichen. Diese Verteidigungslinie sicherte die Integrität der römischen Provinz Maxima Sequanorum, bis die römischen Truppen sich im frühen 5. Jahrhundert endgültig aus der Rheinregion zurückziehen mussten.

Lage

Zwischen Wallbach und Rheinfelden bildet der Rhein eine größere nach Norden ausschwingende Schleife, entlang deren Ufer neun spätrömische 'Wachtürme errichtet wurden. Wahrscheinlich stand beim sogenannten «Augster Stich», zwischen Rheinfelden und dem Castrum Rauracense, ein weiterer spätantiker burgus. Der natürliche Untergrund im Bereich der Flussschleife bzw. des Wachturms im Pferrichgraben besteht aus einer – von einer mächtigen Lösslehmschicht überlagerten – rund 25 m hohen und steil abfallenden Niederterrasse, die von mehreren tiefen Runsen durchschnitten wird. Namensgebend für die Turmstelle ist einer dieser Runsen – der knapp 100 m rheinaufwärts liegende Pferrichgraben. Der dortige Wachturm stand am Rand einer steilen Böschung zum Rheinufer hin, etwas oberhalb des alten Wasserkraftwerks. Dieser Standort bot einen guten Ausblick auf die Ausläufer des Schwarzwalds, die grosse Ebene am rechtsrheinischen Ufer und auf den südlichen Abhang des Dinkelbergs. Eine direkte Sichtverbindung bestand auch zu den beiden benachbarten Wachtürmen des spätrömischen Grenzsicherungssystems:

  • dem Wachturm Rheinfelden-Heimenholz (1,4 km flussaufwärts) und
  • dem Wachturm Rheinfelden-Insel Stein (rund 3 km flussabwärts).

Vom Wachturm im Pferrichgraben konnte man auch rheinabwärts bis zum rund 3 km entfernten Rheinfelden und der Rheininsel Stein sehen.[1]

Forschungsgeschichte

Die Reste des Wachturms wurden um 1900 entdeckt und beschrieben. Im diesem Jahr wurde Pfarrer Sebastian Burkart darüber informiert, dass sich südlich der Nekropole Rheinfelden-Heimenholz ein grosser Hügel befände. Nach dem Entfernen der Vegetation zeigte sich, dass es sich dabei nicht – wie ursprünglich vermutet – um einen tumulus handelte, sondern um die unter Steinschutt begrabenen Überreste eines spätrömischen Wachturms. 1902 führte Burkart mit Theophil Burkhardt-Biedermann und Guido Hunziker-Habich erste Ausgrabungen an der Turmstelle durch, daran anschließend folgte 1910 eine weitere Grabungskampagne durch Karl Stehlin. 1938–39 wurde die Turmruine im Auftrag der Fricktalisch-Badischen Vereinigung für Heimatkunde von Anton Senti und Albert Matter vollständig freigelegt, sehr sorgfältig dokumentiert, restauriert und konserviert. Die Mauerkrone wurde dabei mit einer 6 cm dicken Schicht aus Makadam (Asphalt) abgedeckt, um das antike Mauerwerk vor Sickerwasser zu schützen, was sich als sehr vorausschauend erwies. Man entfernte auch das «morsche» Mauerwerk bis auf einen gesunden Kern und verfüllte die Lücken mit «Abbruchmaterial des alten Schlachthauses» wieder bis zur ursprünglichen Höhe. Zudem hielt man sich «an die römische Bauart» und markierte die Trennlinie zwischen antikem und rekonstruiertem Mauerwerk mit Eternit-Platten. Neben den zahlreichen, mehrheitlich im Mauerschutt gefundenen Architekturfragmenten und Dachziegel kamen auch einige wenige Keramikscherben, eine «Soldatenfibel» (d. h. wohl eine Zwiebelknopf- oder Armbrustscharnierfibel) sowie eine Bronzeschale zum Vorschein. Erwähnt wird zudem der Fund von Rinder- und Schweineknochen. Das generell eher bescheidene Fundspektrum in den Wachtürmen am Hochrhein könnte darauf hindeuten, dass diese nicht ständig bemannt waren.

Seit 2014 werden die denkmalgeschützten, spätantiken Wachtürme am Aargauer Hochrhein in Zusammenarbeit mit der jeweiligen Standortgemeinde und der Vindonissa-Professur wieder in Stand gesetzt und gründlich erforscht. Die letzten Dokumentations- und Sanierungsarbeiten an der Turmstelle Pferrichgraben erfolgten zwischen 2016 und 2017 durch Studierende der Universität Basel. An der Restauration des Mauerwerks beteiligten sich auch Rheinfelder Ortsbürger oder sie engagierten sich bei der Umgebungsgestaltung. Im Eingangsbereich wurden von den Archäologen zudem Kernbohrungen am Mauerwerk vorgenommen, deren Proben von der ETH Zürich mittels eines neu entwickelten Verfahrens zur Altersbestimmung analysiert wurden. Damit konnte die Entstehungszeit des Turms ziemlich exakt auf das späte 4. Jahrhundert eingegrenzt werden.[2]

Entwicklung und Funktion

Der Wachturm war Bestandteil eines spätrömischen Grenzüberwachungssystems, das sich einst über 150 Kilometer, von Basel bis an den Bodensee erstreckte. Nach der Aufgabe des Obergermanisch-Raetischen Limes musste die nördliche Reichsgrenze an die strategisch günstiger gelegenen Ufer der Flüsse Rhein, Donau und Iller zurückgenommen werden. Diese Linie bildete ab 260 n. Chr. die neue Grenze zwischen Rom und dem Siedlungsterritorium der freien germanischen Stämme (Alamannen, Juthungen, Franken). Nach einer ersten Ausbauphase im späten 3. und in der 1. Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr. ließ Kaiser Valentinian I. (364–375) am Rhein unter großem Aufwand an Menschen und Material Wachtürme und Kastelle neu errichten oder die schon vorhandenen renovieren bzw. verstärken. Diese Baumaßnahmen dürfte wohl auch der Chronist Ammianus Marcellinus beim Verfassen seiner res gestae vor Augen gehabt haben, in denen er die Befestigung der Rheingrenze in den Jahren zwischen 369 und 375 schildert:

«At Valentinianus magna animo concipiens et utilia, Rhenum omnem a Raetiarum exordio ad usque frétaient Oceanum magnis molibus conmuniebat, castra extollens altius et castella turresque adsiduas per habiles locos et oportunos, qua Galliarum extenditur longitude ...». (Valentinian schmiedete bedeutende und nutzbringende Pläne. Den ganzen Rhein liess er mit großen Dämmen befestigen und auf der Höhe Militärlager und Kastelle, ferner an günstigen und geeigneten Stellen Türme errichten, soweit sich die gallischen Länder erstrecken.)

Ammianus Marcellinus: Res Gestae 28,2,1.

Der Wachturm im Pferrichgraben gehörte zum sogenannten Hochrhein-Limes, einer aus rund fünfzig Wehrtürmen bestehenden Befestigungskette. Sie stand in diesem Abschnitt unter dem Befehl des Dux provinciae Sequanicae. Die Wachtürme und Kastelle mussten zwecks der Signalübermittlung in Sichtverbindung zueinander angelegt werden. Im Falle eines Angriffs der Germanen konnten die Garnisonen in Kaiseraugst (Castrum Rauracense) und Bad Zurzach (Tenedone) durch über die Wachtürme weitergegebenen mit Flaggen, Lichtzeichen oder Hornsignale alarmiert und an die jeweiligen Brennpunkte geleitet werden.[3] Bei zwanzig von ihnen sind bis heute noch Mauerstrukturen erhalten geblieben, sieben davon befinden sich im Kanton Aargau. Die Wachtürme konzentrierten sich offenbar in Abschnitten, wo die «nasse Grenze» zwar mehr oder weniger lückenlos überwacht und kontrolliert werden sollte, aber aus militärischer Sicht nicht akut gefährdet waren. Für diese Annahme spricht auch, dass auf dem rechtsrheinischen Ufer für diese Zeit keine nennenswerten «germanischen» Siedlungsaktivitäten nachgewiesen werden konnten. Wahrscheinlich sollten solche Türme primär nur die römische Präsenz anzeigen, als Befestigungsanlagen, die Eindringlingen die Überquerung des Rheins verwehren sollten, waren sie nicht geeignet.[4]

Laut Peter-Andrew Schwarz, Universität Basel, dürfte der Wachturm im Pferrichgraben zwischen 369 und 374 n. Chr. entstanden sein, seine Besatzung umfasste zwischen sechs bis acht Soldaten die wohl von der Garnison des Castrum Rauracense gestellt wurden. Die Darstellung von Wachtürmen am unteren Donaulimes auf der Trajansäule lässt vermuten, dass auch die am DIRL stationierten Soldaten zum Fällen von Bau- und Brennholz eingesetzt wurden. Analogien mit anderen Darstellungen legen nahe, dass es sich dabei nicht um einen Stoss Brennmaterial für Lichtsignale gehandelt hat, sondern um Bauholz, das von den Turmbesatzungen grob zugerichtet und für den Abtransport auf dem Wasserweg aufgestapelt worden war. Im Winter 401/402 n. Chr. musste vom Heermeister Stilicho ein Großteil der Soldaten von der Rheingrenze abgezogen werden, um Alarichs im Kernland Westroms, Italien, eingefallene Armee aus Visigoten abzuwehren. Die Wachtürme wurden aufgegeben, bzw. zerstört oder verfielen.[5] Wie der heutige Flurname annehmen lässt, wurde die Umgebung des Wachturms anscheinend in späteren Zeiten als Viehweide genutzt.

Wachturm

Eines der Reliefs an der Trajansäule (entstanden 113 n. Chr.) stellt Wachtürme (turres) an der unteren Donau dar, daneben Heu- oder Strohschober und aufgestapeltes Holz. An jedem Turm ist ausserdem eine Fackel angebracht, die ziemlich sicher zur Nachrichtenübertragung diente. So ähnlich könnten auch die spätantiken Türme (oder burgi) am Rhein ausgesehen haben.

Das 2,10 Meter starke Mauerwerk des quadratischen, ursprünglich wohl sechs – sieben Meter hohen Wehrbaues besteht zum großen Teil aus grob zugerichteten Kalkbruchsteinen. Das mit einer Fläche von rund 11,5 × 11,5 Meter vergleichsweise grosse Gebäude besitzt einen leicht rhombischen Grundriss (Winkel 93° und 87°). Die unterste Lage des Fundaments bestand aus lose verlegten Kieselwacken, auf denen dann die unterste Lage des opus caementitium aufgesetzt wurde. Das Aufgehende sitzt nicht exakt auf dem Fundament auf, sondern ist leicht verschoben. Diese auch an anderen Wachtürmen des DIRL feststellbare Anomalie ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass die Fundamentgräben nur grob abgesteckt worden sind (oder mit Ziegeln ausgelegt) bzw. dass die genauen Dimensionen des Grundrisses bzw. die Fluchten der inneren und äußeren Mauerschalen erst vor dem Hochziehen des Mauerwerks festgelegt wurden. Seine Schalen bestehen aus unterschiedlich grossen Kalkbruchsteinlagen. Der Kern besteht ebenfalls aus einem mit grobem Kies durchsetzten opus caementitium, das aufgrund seiner leicht beigen Farbe und der Härte sehr gut von den Mörtelmischungen, die bei den Konservierungsarbeiten verwendet wurden, unterschieden werden kann. Für den oberen Bereich des Mauerwerks wurden ca. 30 × 15 × 11 bzw. 30 × 20 × 15 cm große Quader aus Quelltuff verwendet. Letzterer lässt sich leicht zurichten und ist wegen seines geringen Gewichts auch einfacher zu transportieren und zu verbauen. Seine Porosität beschleunigt zudem das Austrocknen bzw. das Abbinden des opus caementitium. Es ist davon auszugehen, dass am nahegelegenen Nettenberg von den Römern Buntsandstein abgebaut worden ist. Für diese Annahme sprechen einerseits die im rechtsrheinischen quadriburgium in Kleinbasel verbauten Sandsteine, andererseits aber auch zwei Architekturfragmente aus grobem, hellrotem Quarzsandstein, die im Mauerwerk des Wachturm im Pferrichgraben gefunden wurden. Letztere stammen nachweislich aus der bei Degerfelden/Warmbach (D) bzw. am Nettenberg anstehenden mittleren Buntsandstein-Formation. In beiden Fällen kann allerdings auch nicht ausgeschlossen werden, dass es sich bei ihnen um kaiserzeitliche Spolien handelt. Des Weiteren fanden sich im Mauerwerk auch Hinweise auf den Bauablauf. Auf der Oberkante der schräg verlegten Kalksteinplatten zeichnete sich nämlich eine durchgehende, mehr oder weniger glatt abgestrichene Mörtelschicht. Dies dürfte auf einen Unterbruch während des Turmbaus zurückzuführen zu sein, wahrscheinlich während einer «Winterpause» – Weisskalkmörtel kann bei sehr kalten Temperaturen nicht verarbeitet werden – oder man musste eine für das Aushärten des opus caementitium notwendige Trocknungsphase einhalten. Angesichts dieser Befunde erscheint es zweifelhaft, dass die Wachtürme und burgi am DIRL – wie dies die Bauinschrift des pannonischen Burgus Crumerum suggeriert – innerhalb von nur 48 Tagen, errichtet worden sind.[6]

Bei der Grabung von 1938 wurden im Fundamentbereich runde Hohlräume beobachtet, sie stammen von längst vergangenen Rundhölzern, die dort ursprünglich eingebaut worden waren. Die äussersten Hölzer waren direkt an der Maueraussenkante platziert worden und bildeten deshalb keinen Hohlraum, sondern – wie dies z. B. auch beim Wachturm Möhlin-Fahrgraben beobachtet wurde – eine ausgeprägte Kehlung. Laut Karl Stehlin wurden die Balken in das noch nicht ausgehärtete opus caementicium verlegt und an den Schnittstellen mittels einer Kämmung verbunden. Sebastian Burkart ging davon aus, dass die Hölzer nach dem Aushärten des Mörtels wieder entfernt wurden und die Hohlräume zur besseren Belüftung des noch feuchten Mauerwerks dienten. Man hätte mit den Balken aber auch die Widerstandskraft des Mauerwerks gegen physische Gewalteinwirkung steigern können, wie dies etwa bei – den ohne Verwendung eines Bindungsmittels hochgezogenen – murus Gallicus der Fall war. Im Unterschied zu diesen wird die Stabilität des römischen Gussmauerwerks durch das Verrotten des Holzes jedoch nicht gefährdet. Dagegen spricht, dass die Balkenarmierungen – soweit feststellbar – ausschliesslich im ohnehin nicht gefährdeten Fundamentbereich eingefügt wurden. Die Balkenarmierung war bei Anlage des Fundaments wohl auch ein gutes Hilfsmittel bzw. eine Orientierungshilfe für das gleichmässige Einbringen des sicher lageweise eingebrachten opus caementitium und stellte sicher, dass dieses rasch austrocknete bzw. ohne Bildung von Trocknungs- oder Setzungsrissen aushärten konnte. Für die Herstellung der rund 4 m³ Branntkalk, die im rund 20 m³ opus caementitium umfassenden Fundament des Wachturms verbaut worden sind, wurden zwischen 6 und 12 m³ Holz benötigt – idealerweise Eichen- und/oder Buchenholz.

Beim Bau wurde ein weisser bis hellbeiger, bindemittelreicher Kalkmörtel, der auch heute noch sehr hart ist und immer noch eine gute Haftkraft aufweist, verwendet. Der Mörtelzuschlag wurde aus den lokal vorkommenden Schotter der Niederterrasse entnommen und dürfte – wie seine Körnung nahelegt – vorher durchgesiebt worden sein. Im Mörtel wurden zudem Kalkspatzen, d. h. Branntkalk-Reste, beobachtet. In weiterer Folge konnten auch kleine Ziegelbruchstücke und zahlreiche Negative von Holzspänen beobachtet werden. Diese organischen Materialien sind keine Verunreinigungen, sondern wurden bewusst beigemengt; sie bildeten – wie auch das andernorts beobachtete Stroh – kleine Feuchtigkeitsspeicher, die ein zu rasches Austrocknen des Mörtels und damit die Rissbildung verhindern sollten. Im Wachturm dürften rund 79 und 105 m³ Branntkalk verbaut worden sein, für dessen Herstellung zwischen 119 und 317 m³ Holz benötigt wurden. Nahe der Turmstelle konnte 1910 auch ein spätantiker Kalkbrennofen sowie eine Kies- bzw. Sandgrube nachgewiesen werden, die wohl nach Abschluss der Bauarbeiten mit Werkabfällen bzw. dem bei der Entnahme des Branntkalks angefallenen Ausschuss zugeschüttet worden ist. An einigen Stellen waren auch noch Reste des antiken Verputzes erhalten. Es scheint sich dabei – soweit dies noch feststellbar war – um die Überreste eines Pietra-Rasa-Verputzes gehandelt zu haben. Offen bleiben muss aber die Frage, ob der Turm flächendeckend verputzt war.

Im Grabungsbericht von 1938 wurde die Vermutung geäussert, dass der Wachturm nicht ebenerdig betreten werden konnte, sondern nur, wie dies bei den Türmen am Obergermanisch-Rätischen Limes fast durchwegs der Fall ist, über einen höher gelegten Eingang. Anlass für diese Vermutung war, dass sich die als Türschwelle vermutete Öffnung nicht mittig in der Ostmauer, sondern etwas nach Süden versetzt ist. Eine Türe an der Ostmauer ist ungewöhnlich; bei den meisten Wachtürmen am DIRL befand sich der Eingang im Westen, d. h. auf der dem Rhein zugewandten Seite. Da Karl Stehlin aber seinerzeit dort noch Reste eines «zersplitterten Sandsteinquaders» – wohl die Überreste einer Türschwelle – vorfand, kann davon ausgegangen werden, dass sich der Eingang in diesem Fall auf der vom Rhein abgewandten Seite befand. Wahrscheinlich bestand auch das in der Türlaibung und in den Lichtscharten verbaute Steinmaterial aus Tuff. Die im Mauerschutt gefundenen Architekturteile lassen den Schluss zu, dass der Turm im Erdgeschoss mit Lichtscharten, im Obergeschoss hingegen mit Fenstern ausgestattet war. Karl Stehlin barg Tuffsteinfragmente aus dem Mauerschutt, die einen «keilförmigen Zuschnitt» aufwiesen, die «...wenn man sie misst, Radien von einem halben bis zu einem ganzen Meter...» ergeben, daher von «Fenstern oder Fensternischen» stammen könnten. Eine aus einem Stück Sandstein gehauene Lichtscharte wurde während der Ausgrabung des Burgus Wallbach-Stelli entdeckt. In der Südwest-Ecke konnten eine Feuerstelle und eine rund quadratmetergrosse, 10 cm dicke Brandschicht freigelegt werden. An der Südmauer stieß man anschließend noch auf einen grösseren Sandsteinquader. Gesichert ist auch, dass der Wachturm im Pferrichgraben von keinem Annäherungshindernis umgeben war.[7]

Verlauf des Donau-Iller-Rhein-Limes in Rheinfelden

Abbildung ON/Name Beschreibung/Zustand
Wachturm Rheinfelden-Heimenholz 628876 / 270760 Die erste Erwähnung der Fundstelle Rheinfelden-Heimenholz findet sich bei Ferdinand Keller, der 1871 schrieb, dass «der grösste Theil des 2,5 Fuss hohen Gemäuers in den Rhein gestürzt» ist und dass «der noch stehende unterhöhlt» sei. Auf der um 1865 entstandenen Dufourkarte, die in etwa noch die antike Topografie wiedergibt, ist an dieser Stelle eine Fähranlegestelle eingezeichnet. 1894 wurden ziemlich genau auf halber Strecke zwischen den beiden Wachtürmen Rheinfelden-Pferrichgraben und Rheinfelden-Heimenholz (oberhalb der «Beuggenbodenhalde») ein frühmittelalterliches Gräberfeld entdeckt. Als die Turmstelle 1911 von Karl Stehlin näher in Augenschein genommen wurde, war der letzte Rest des Mauerwerks schon in den Rhein abgerutscht. Der Wachturm stand am Scheitelpunkt einer 293 m hohen, nach Norden vorspringenden Landzunge, auf halber Strecke zwischen dem Wachturm Rheinfelden-Pferrichgraben und dem Wachturm Bürkli. Der Standort überragte den damaligen Wasserspiegel des Rheins und lag auch deutlich höher als das Terrain auf dem gegenüberliegenden Rheinufer. Aufgrund der topografischen Gegebenheiten bestand zwischen den Wachtürmen Rheinfelden-Pferrichgraben und Möhlin-Bürkli eine direkte Sichtverbindung. Dies bedeutet, dass im Heimenholz ein Wachturm nicht unbedingt notwendig gewesen wäre. Vermutlich war die Markierung der «nassen Grenze», d.h. die Sichtbarkeit der römischen Präsenz ein ebenso wichtiges Kriterium für die Standortwahl. Das Fundspektrum (1911–2015) umfasste Kalk- und Tuffsteine, Leistenziegelfragmente, Mörtelbrocken ein kleiner Sandsteinquader, Schuhnägel und zwei Pfeilspitzen. 2017 wurden unterhalb der Turmstelle kleinere Wirbel auf der Wasseroberfläche beobachtet. Dies könnte darauf hindeuten, dass dort – wie z. B. auch im Fall des Wachturm Möhlin-Untere Wehren noch grössere Mauerkonglomerate im Rheinbett liegen.[8]
Wachturm Rheinfelden-Insel Stein 626417 / 267163 Direkt vor Rheinfelden-Altstadt ragen zwei Muschelkalkfelsen aus dem Rhein. Auf einem der Felsrücken, dem sog. «Inseli», stand bis 1843 die Burg «Stein zu Rheinfelden». In einer Urkunde aus dem Jahr 1358 wird ein «heydeschen Gemúr in dem Rin» erwähnt. Weiters sollen dort Ziegel und ein aureus des Maximinus Thrax (235–238) gefunden worden seien. Diese Funde sowie die orografischen Gegebenheiten könnten für die Existenz einer römischen Brücke sprechen. Möglich wäre - aufgrund der günstigen Lage - auch, dass auf der Insel oder im Stadtgebiet ein spätantiker Wachturm (turris), ein burgus (speculatoris) ein Kleinkastell (castellum) oder ein Kohortenkastell (castrum) stand. Das spornartig nach Norden vorspringende Altstadtplateau, das im Norden von einem steil gegen den Rhein abfallenden Abhang und im Westen vom «Heimendeckenloch» begrenzt wird, weist damit jene topografische Merkmale auf, die für die Standorte von spätantiken Wachtürmen charakteristisch sind. Das Areal um die Kirche St. Martin samt der 1306 erstmals erwähnten «Altenburg» bildete die Keimzelle von Rheinfelden. Das im Merowingerreich sehr beliebte Patrozinium des Martin von Tours war in der Rheinregion sehr häufig vergeben worden, besonders dort, wo die Franken auf spätantike Militär- und Verwaltungs(infra)strukturen zurückgreifen konnten. Doch trotz systematischer archäologischer Untersuchungen sind bislang keine in die Spätantike oder ins Frühmittelalter datierbaren Baustrukturen zum Vorschein gekommen.[9]

Denkmalschutz und Hinweise

Das Areal des Wachturms ist frei zugänglich und steht unter kantonalem Denkmalschutz; Bodeneingriffe sind ohne Einwilligung der Kantonsarchäologie Aargau verboten. Die Turmstelle befindet sich heute im Besitz der Ortsbürgergemeinde Rheinfelden, das Besteigen der Ruine, das Entfachen von Feuer, das Beschädigen des Mauerwerks sowie Bodeneingriffe sind untersagt. Bei Unfällen wird jede Haftung abgelehnt. Eine Sitzbank ermöglicht den Blick auf die Altstadt von Rheinfelden. Daneben wurde eine Informationstafel aufgestellt die in Kurzform die Historie des Wachturms erläutert.

Literatur

  • Walter Drack: Die spätrömische Grenzwehr am Hochrhein (= Archäologische Führer der Schweiz 13). Zweite überarbeitete Auflage, Basel 1993 (mit Verweis auf ältere Literatur).
  • Raphael Berger, Peter-A. Schwarz: Neue Forschungen zum spätantiken Hochrhein-Limes im Kanton Aargau III. Der Wachturm Rheinfelden-Pferrichgraben und andere spätantike Wehranlagen auf dem Gemeindegebiet von Rheinfelden. In: Gesellschaft Pro Vindonissa. Jahresbericht 2018. Vindonissa Museum, Brugg 2019, S. 63–94 (Digitalisat).
  • Herbert Dannheimer (Hrsg.), Rainer Braun, Thomas Fischer, Jochen Garbsch: Der römische Limes in Bayern – 100 Jahre Limesforschung. Ausstellungskataloge der Prähistorischen Staatssammlung, Band 22, München 1992.
  • Wolfgang Leiner: Die Signaltechnik der Antike. Verlag Leiner, Stuttgart 1982, ISBN 978-3-923674-00-8.

Siehe auch

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. Raphael Berger, Peter-A. Schwarz: Neue Forschungen zum spätantiken Hochrhein-Limes im Kanton Aargau III. Der Wachturm Rheinfelden-Pferrichgraben und andere spätantike Wehranlagen auf dem Gemeindegebiet von Rheinfelden. In: Gesellschaft Pro Vindonissa. Jahresbericht 2018. Vindonissa Museum, Brugg 2019, S. 63–66.
  2. Raphael Berger, Peter-A. Schwarz: Neue Forschungen zum spätantiken Hochrhein-Limes im Kanton Aargau III. Der Wachturm Rheinfelden-Pferrichgraben und andere spätantike Wehranlagen auf dem Gemeindegebiet von Rheinfelden. In: Gesellschaft Pro Vindonissa. Jahresbericht 2018. Vindonissa Museum, Brugg 2019, S. 63–95.
  3. Wolfgang Leiner: Die Signaltechnik der Antike, Leiner, Stuttgart 1982 und H. Dannheimer (Hrsg.), Der römische Limes in Bayern – 100 Jahre Limesforschung. Ausstellungskatalog der Prähistorischen Staatssammlung, München 1992, S. 33.
  4. Argauer Zeitung Römischer Wachturm ist restauriert, Moos und Gestrüpp sind weg. Am Pferrichgraben steht ein herausgeputzter römischer Wachturm mit Mauern aus dem vierten Jahrhundert. Artikel vom September 2017 (abgerufen am 3. Dezember 2025).
  5. Raphael Berger, Peter-A. Schwarz: Neue Forschungen zum spätantiken Hochrhein-Limes im Kanton Aargau III. Der Wachturm Rheinfelden-Pferrichgraben und andere spätantike Wehranlagen auf dem Gemeindegebiet von Rheinfelden. In: Gesellschaft Pro Vindonissa. Jahresbericht 2018. Vindonissa Museum, Brugg 2019, S. 63–95.
  6. CIL III, 3653, aus Esztergom (Ungarn).
  7. Gesellschaft Pro Vindonissa, Jahresbericht 2018: Raphael Berger, Peter-A. Schwarz: Neue Forschungen zum spätantiken Hochrhein-Limes im Kanton Aargau III. Der Wachturm Rheinfelden-Pferrichgraben und andere spätantike Wehranlagen auf dem Gemeindegebiet von Rheinfelden. Brugg, Vindonissa Museum 2019, S. 63–95.
  8. Raphael Berger, Peter-A. Schwarz: Neue Forschungen zum spätantiken Hochrhein-Limes im Kanton Aargau III. Der Wachturm Rheinfelden-Pferrichgraben und andere spätantike Wehranlagen auf dem Gemeindegebiet von Rheinfelden. In: Gesellschaft Pro Vindonissa. Jahresbericht 2018. Vindonissa Museum, Brugg 2019, S. 68
  9. Raphael Berger, Peter-A. Schwarz: Neue Forschungen zum spätantiken Hochrhein-Limes im Kanton Aargau III. Der Wachturm Rheinfelden-Pferrichgraben und andere spätantike Wehranlagen auf dem Gemeindegebiet von Rheinfelden. In: Gesellschaft Pro Vindonissa. Jahresbericht 2018. Vindonissa Museum, Brugg 2019, S. 88–89.
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