Verwirrung der Gefühle

Verwirrung der Gefühle ist eine Novelle des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig, die er im Jahr 1927 veröffentlichte.

Verwirrung der Gefühle erzählt von einem Akademiker, der sich anlässlich seines sechzigsten Geburtstags (der Untertitel lautet „Private Aufzeichnungen des Geheimrates R. v. D.“) an einen Professor erinnert, der ihm in seiner Jugend den Weg zum geistigen und Gefühlsleben eröffnete. Der Text behandelt die Leidenschaft des Studierens, die er kennenlernt, aber auch die Stärke einer Freundschaft zwischen den Generationen. Schließlich thematisiert der Text die Liebe eines alternden Mannes zu einem jungen Mann, die Qual, diese Liebe einzugestehen, und die Gefühlsverwirrung, die sie auslöst, sowie das Unterdrücken und Verbergen der eigenen Homosexualität.

Entstehung

Stefan Zweig verfasste Verwirrung der Gefühle im Jahre 1925. Besonders die Darstellung von Homosexualität repräsentierte für den Autor eine Schwierigkeit. Diese war in der damaligen Gesellschaft nämlich noch ein kontroverses Thema; in Deutschland sollten homosexuelle Handlungen noch für Jahrzehnte strafbar bleiben (vgl. Paragraph 175). Auf Aufforderung seines Verlegers Anton Kippenberg änderte er einige der entsprechenden Stellen ab.

Verwirrung der Gefühle erschien 1927 im Verbund mit den Novellen Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau und Untergang eines Herzens beim Insel-Verlag. Zuvor war ein Auszug unter dem Titel Shakespeare in der Zeitung Die Theaterwelt, der Programmschrift der Vereinigten Städtischen Theater in Düsseldorf, erschienen.[1]

Inhalt

Die Novelle handelt vom angesehenen Anglisten Roland v. D., der sich, veranlasst von einer Festschrift zu seinem 60. Geburtstag, auf sein Studium und besonders auf sein Verhältnis zu einem namenlosen Professor zurückbesinnt. Dieser fand in ihr nämlich keine Erwähnung, obwohl er eine der größten Einflüsse auf sein Wirken war.

Als Sohn eines Gymnasialdirektors einer kleinen norddeutschen Stadt studiert der 19-jährige Roland D. zunächst Englisch in Berlin. Dort führt er mehrere Monate lang ein ausschweifendes Leben unter Vernachlässigung seines Studiums. Als der Vater dies erfährt, schickt er ihn an die Universität einer kleinen mitteldeutschen Stadt. Dort fesselt ihn die Ausstrahlung und Intelligenz eines Professors der Philologie und dessen Leidenschaft für Shakespeare.

Der Lehrer spürt die Zuneigung und bietet ihm an, ein Zimmer seines Hauses zu mieten. Danach entwickelt sich zwischen dem Studenten und seinem Lehrer ein immer engeres Verhältnis. Roland hilft seinem Lehrer, sein Buch über die Literatur der elisabethanischen Epoche zu Papier zu bringen. Trotz seiner Unterstützung verhält sich sein Lehrer widersprüchlich zu ihm: Manchmal sucht er seine Nähe, in anderen Situationen weist er ihn kalt ab. Dieses Verhalten taucht den Studenten in jene tiefe Verwirrung seiner Gefühle. Er sucht die Nähe der Frau des Professors, zumal die Ehepartner kühl miteinander umgehen, und verbringt eine Liebesnacht mit ihr. Danach fühlt er sich genötigt, das Haus für immer zu verlassen. Der Professor nimmt den Abschied zum Anlass eines umfassenden Selbstbekenntnisses. Er gesteht seine Homosexualität und seine Liebe zu Roland ein. Es kommt zu einem Kuss der beiden Männern; zuletzt wird Roland vom emotional aufgewühlten Professor dazu aufgefordert, ihn „um unser beider willen“ zu verlassen.

Die Novelle endet damit, dass Roland über seine Beziehung zu dem in Vergessenheit geratenen Professor nachdenkt: „Keinen habe ich mehr geliebt.“

Rezeption

Verwirrung der Gefühle wurde sowohl vom Publikum als auch von der Kritik wohlwollend aufgenommen. Sie wurde u. a. von Maxim Gorki, Romain Rolland, Franz Werfel und Sigmund Freud gelobt. Freud und Werfel hielten die Darstellung der Homosexualität und der Homophobie für besonders gelungen. Leopold Andrian kritisiert die Novelle dagegen als zu prätentiös und nichtssagend.[2]

Die Novelle wurde in der Forschung mehrfach analysiert, vor allem in Hinblick auf Zweigs Darstellung der Homosexualität. Zu den Einflüssen auf die Novelle gehören Shakespeare und das Elisabethanische Theater, die romantische Novelle, die Psychoanalyse und die sexualwissenschaftliche Forschung Magnus Hirschfelds. Alfred Pfoser (1981) urteilt, dass Zweig durch seine Darstellung der Homosexualität die bürgerliche Behaglichkeit in Frage stellt, die gleichgeschlechtliche Liebe allerdings weiterhin als ein Mysterium darstellt, das mit „Seitenblick[en] und Tuscheleien“ bedacht wird. Yuan Kexiu (2015) sieht das Ziel Zweigs darin, „beim Leser Verständnis für Homosexualität und Mitleid mit Homosexuellen“ zu erzeugen. Dazu betone er die Macht der Homosexualität über den Homosexuellen und die für ihn daraus folgende soziale Isolation. Das Verhältnis zwischen einem jungen Schüler und einem älteren, intellektuell reiferen Lehrer versteht er als eine Anspielung auf die antike Knabenliebe. Per Esben Myren-Svelstad (2017) fügt hinzu, dass Mitleid auch durch die „Unmöglichkeit homosexueller Erfüllung in einer homophoben Gesellschaft“ (englisch impossibility of homosexual fulfillment in a homophobic society) erregt werde. Diese Unmöglichkeit werde unter anderem durch eine Tantalos-Metaphorik zum Ausdruck gebracht.[3] Lorna Martens (1987) beschäftigt sich mit Zweigs „expressiv[er] Sprache“, die in diesem Werk als für „das Gewissen, das Über-Ich und die Gesellschaft akzeptab[ler]“ Ersatz für die Befriedigung des homosexuellen Verlangens diene. Dabei gelinge es den Figuren jedoch nicht, ihr Verlangen durch die Sprache zu vertreiben. Die erfolgreiche Verbalisierung der Gefühle steht im Gegensatz zu der Sprachskepsis, die bei Zeitgenossen Zweigs wie Hugo von Hofmannsthal (vgl. Chandos-Brief) weit verbreitet war. Auch wurde in der Forschung in Anbetracht von Zweigs Beziehungen zu Personen wie Erich Ebermayer, Erwin Rieger, Émile Verhaeren und Romain Rolland über mögliche autobiografische Bezüge diskutiert.[4]

Zweig beeinflusste mit Verwirrung der Gefühle die weitere Darstellung der Homosexualität in der Literatur. Ein Beispiel hierfür ist Borghild Krane, deren 1937 erschienener Roman Følelsers forvirring den gleichen Titel wie Zweigs Novelle hat und als der erste norwegische Roman über Lesbische Liebe gilt.[5]

Bekannte Zitate

„Auch die Pause gehört zur Musik“

Stefan Zweig: Verwirrung der Gefühle[6]

Literatur

Ausgaben
  • Verwirrung der Gefühle. Drei Novellen. Insel-Verlag, Leipzig 1927.
  • Knut Beck (Herausgeber): Verwirrung der Gefühle. Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 182–279.
  • Elisabeth Erdem, Klemens Renoldner (Herausgeber): Verwirrung der Gefühle. Reclam, Stuttgart 2017.
Sekundärliteratur
  • Marlen Mairhofer: Verwirrung der Gefühle. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. De Gruyter, Berlin 2018, S. 207–217
  • Rolf Füllmann: Stefan Zweigs ,Verwirrung der Gefühle` und die Entwirrung konstruierter Geschlechterverhältnisse. In: Rolf Füllmann (Hrsg.): Der Mensch als Konstrukt. Festschrift für Rudolf Drux zum 60. Geburtstag. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2008, ISBN 978-3-89528-709-1, S. 181–195.
  • Volltext der Novelle. In: Projekt Gutenberg-DE. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 18. Juli 2016;.

Einzelnachweise

  1. Marlen Mairhofer: Verwirrung der Gefühle. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch., S. 207–217, hier: S. 207–209
  2. Marlen Mairhofer: Verwirrung der Gefühle. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch., S. 207–217, hier: S. 207, 212
  3. Per Esben Myren-Svelstad: Tantalizing Idylls: Nature and Unattainable Pleasures in Gay and Lesbian Literature In: Scandinavian Studies, Band 89 (2017), S. 326–350, hier: S. 334
  4. Marlen Mairhofer: Verwirrung der Gefühle. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch., S. 207–217, hier: S. 213–214
    Janin Afken: Geschlechterbilder/Sexualität. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. S. 773–781, hier: S. 774
  5. Per Esben Myren-Svelstad: Tantalizing Idylls: Nature and Unattainable Pleasures in Gay and Lesbian Literature In: Scandinavian Studies, Band 89 (2017), S. 326–350, hier: S. 335
    Per Esben Myren-Svelstad: The Textuality of Sexuality: Interpreting Homosexuality in Two European Inter-War Narratives In: Comparative Literature Studies, Band 58 (2021), S. 722–743
  6. In den milden Worten des Lehrers, bevor er dem Studenten nach versäumtem ersten Semester ein Zimmer im Haus vermittelt. Das so durch Zweig bekannt gewordene Zitat findet sich auch schon bei Alexandre Weill: Die Musik. In: Staatsentwürfe über Preussen und Deutschland. Leske, Darmstadt 1845, S. 257–270 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).