Die gleich-ungleichen Schwestern
Die gleich-ungleichen Schwestern ist eine 1927 erschienene Erzählung des österreichischen Autors Stefan Zweig.
Die Erzählung wurde am 17. April 1927 unter dem Titel Kleine Legende von den gleich-ungleichen Schwestern in der Wiener Zeitung Neue Freie Presse erstmals veröffentlicht. In Buchform erschien sie zehn Jahre später in revidierter Fassung und mit dem Untertitel Eine ‚conte drôlatique‘ (zu Deutsch etwa: Tolldreiste Geschichte) als Teil des Kaleidoskops, einer Sammlung des erzählerischen Werks Stefan Zweigs. Inspirationsquellen für die Erzählung sind unter anderem Boccaccios Decameron sowie die Werke von Anatole France und Honoré de Balzac, auf dessen Tolldreiste Geschichten der Untertitel anspielt.[1]
Die Handlung der Erzählung Die gleich-ungleichen Schwestern spielt im frühmittelalterlichen Aquitanien. Hauptpersonen sind die Zwillinge Helena und Sophia, Töchter des langobardischen Feldherrn Herilunt. Dieser stirbt bei einem misslungenen Aufstand gegen den König und kann seinen Töchtern, deren Geburt er nicht mehr miterlebt, nur seinen Ehrgeiz vererben. Die äußerlich kaum unterscheidbaren Geschwister schlagen zunächst radikal andersartige Lebenswege ein: Helena flieht aus dem Elternhaus, wird trotz der Proteste ihrer Mutter eine erfolgreiche Hetäre und lässt sich von einem Liebhaber den Palast ihres Vaters zurückkaufen. Sophia wird hingegen eine Nonne, um für die Sünden ihrer Schwester zu büßen, und erregt durch ihren frommen Lebenswandel die Aufmerksamkeit ihrer Mitbürger. Die Rivalität der Zwillinge führt schließlich dazu, dass Helena ihre Schwester von einer Probe ihrer Tugendhaftigkeit überzeugt. Sophias Versuch, den Verführungskünsten des schönen Jünglings Sylvander zu widerstehen, scheitert jedoch – auch wegen des Eingreifens von Helena. Wieder versöhnt leben die Schwestern fortan gemeinsam als Hetären im Palast des Vaters. Mit dem Verlust ihrer Schönheit und Jugend und damit ihres beruflichen Erfolgs „zieht [...] die Weisheit [bei den Schwestern] ein“. Sie sterben nach einigen Jahren in einem Frauenkloster und stiften dem Siechenhaus, das Sophia verlassen hatte, zwei Türme, die im Volksmund bis heute als „Die Schwestern“ bekannt sind.[2]
Das zentrale Thema der Erzählung ist das Verhältnis der „gleich-ungleichen“ Zwillinge. Bereits ihre Namen weisen auf ihre unterschiedlichen Charakterzüge hin: Helena wie die gleichnamige Figur der griechischen Mythologie, deren sagenumwobene Schönheit zum Trojanischen Krieg führt; Sophia wie das griechische Wort für die Weisheit. Der von den Zwillingen symbolisierte Gegensatz zwischen Geist und Fleisch endet zunächst in der Niederlage des Geistes; später stellt die Spende an das Siechenhaus die Stellung des Geistes wieder her. Weitere von der Forschung hervorgehobenen Aspekte sind die Pseudohistorizität und historisierende Sprache sowie das „dämonisierte[] Frauenbild“ der Erzählung.[3]
Literatur
- Ausgaben
- Knut Beck (Herausgeber): Verwirrung der Gefühle. Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 116–144.
- Sekundärliteratur
- Lina Maria Zangerl: Die gleich-ungleichen Schwestern. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch. De Gruyter, Berlin 2018, S. 315–318
Einzelnachweise
- ↑ Lina Maria Zangerl: Die gleich-ungleichen Schwestern. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch., S. 315–318, hier: S. 315–316
- ↑ Lina Maria Zangerl: Die gleich-ungleichen Schwestern. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch., S. 315–318, hier: S. 316
- ↑ Lina Maria Zangerl: Die gleich-ungleichen Schwestern. In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch., S. 315–318, hier: S. 316–318