Der Amokläufer

Der Amokläufer ist eine 1922 erstmals veröffentlichte Novelle des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig.

Editionsgeschichte

Halbleineneinband sowie Titelblatt und Schmutztitel der Erstauflage von Amok im Insel Verlag (1922)

Erstausgabe und Insel-Ausgaben bis 1932

Normalausgabe

Erstmals wurde die Novelle am 4. Juni 1922 in der Wiener Tageszeitung Neue Freie Presse[1] veröffentlicht und erschien wenige Wochen später[2] auch in Buchform in der Novellensammlung Amok. Novellen einer Leidenschaft im Leipziger Insel Verlag in einer Auflage von 10.000 Exemplaren, die, wie auch die Folgeauflagen, im Bibliographischen Institut gedruckt wurden. Die Bände waren in Halbleinen gebunden, kommen aber auch als Broschur vor. Für Bibliophile erschien eine Vorzugsausgabe in Pergament in 25 Exemplaren.
Die Sammlung von fünf Novellen, die im Dezember 1922 in der Neuen Freien Presse von Erwin Rieger, dem ersten Zweig-Biografen, ausführlich besprochen wurde[3], war selbst Teil (Der zweite Ring) des übergreifenden Projekts Die Kette, in dem sich insgesamt drei thematisch geordnete Novellenbände von Stefan Zweig versammeln sollten. Das erste Kettenglied war der bereits 1911 erschienene Band Erstes Erlebnis. Vier Geschichten aus Kinderland (1922: 15., 1930: 46. Tsd.), worunter auch die berühmte Novelle Brennendes Geheimnis war. Als drittes und abschließendes Kettenglied folgte Ende 1926 der Band mit der titelgebenden Novelle Verwirrung der Gefühle und zwei weiteren Novellen. Die nun vollständig vorliegenden 3 Bände erschienen auch in einer Kassette, jeweils im Halbleder- oder Leineneinband.[4]

Bereits 1923 musste das 11. bis 21. Tsd. von Amok nachgedruckt werden, und in fast jedem der Folgejahre erschienen Nachauflagen. Auf sämtlichen Schutzumschlägen ab der 2. Auflage hatte der Verlag die jeweils erreichte Auflagenhöhe angegeben; zusätzlich waren sie vom 51. bis 70. Tsd. mit einem Foto des Autors versehen worden.
Die letzte Normalauflage, das 71. und 72. Tsd. mit der Jahresangabe „1931“ und einem Ladenpreis von 7,- Mark, wurde am 15. November 1930 im Börsenblatt angekündigt.[6] Auflagen der Normalausgabe im 73. bis 75. Tsd. wurden bislang nicht gefunden; es ist davon auszugehen, dass diese nicht gedruckt wurden.[7]

Volksausgabe (2.50-Mark-Bücher)

1931 wurde der Band dann unter Herauslösung aus der übergreifenden Novellensammlung Die Kette in einer von der Offizin Haag-Drugulin gedruckten Volksausgabe, deren erste von 2 Auflagen am 14. März 1931 in die Buchläden kam, in der Reihe der „2.50-Mark-Bücher“ ediert.[9] Sie war auf eine Anregung von Stefan Zweig hin von Anton Kippenberg begonnen worden. Zuvor war Zweig von Adalbert Droemer ein lukratives Angebot für eine Volksausgabe im Th. Knauer Verlag unterbreitet worden, das er jedoch zu Gunsten der daraufhin im Insel Verlag veranstalteten Volksausgabe ablehnte.[10] Dort konnte der Novellenband im selben Jahr mit der zweiten Auflage das 75. Tausend erreichen. Nur das Impressum dieser Auflage zeigte auch die erreichte Auflagenhöhe in der Volksausgabe („51.–75., der Gesamtauflage 150. Tausend“) an; in der ersten Auflage ist nur die Druckerei angegeben. Allerdings dürfte das im Impressum ausgewiesene 150. Tsd. Gesamtauflage von Amok im Insel Verlag Leipzig nicht erreicht worden sein; das oben angeführte Fehlen der Normalausgabe im 73. bis 75. Tsd. spricht dafür, dass es tatsächlich nur 147.000 Exemplare im Buchhandel gab. Bei der Auflagenzählung für 1931 macht Sarkowski in seiner Bibliografie Der Insel-Verlag von 1970 davon abweichende Angaben, die jedoch durch die tatsächlich vorliegenden Ausgaben nicht gestützt werden.[11]

Bücherverbrennung und die Ausgabe bei Herbert Reichner

Da Stefan Zweig auf die Liste der zu verbrennenden Bücher gesetzt worden war, wurden nicht wenige Exemplare von Amok bei Bücherverbrennungen 1933 vernichtet. Nach der durch die politischen Verhältnisse in Nazideutschland erzwungenen Trennung Stefan Zweigs vom Insel Verlag im Jahr 1934 war Amok erst wieder in der 1936 im Herbert Reichner Verlag Wien erschienenen Sammlung von zehn Novellen, nun unter dem Titel „Die Kette“ und in graues Leinen gebunden, verfügbar. Sie war bei Rudolf M. Rohrer in Baden bei Wien ohne Auflagenangabe gedruckt worden.

Ausgaben nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg legte zunächst der in Stockholm ansässige Bermann-Fischer Verlag 1946 (1.–5. Tsd.) und dann der Frankfurter S. Fischer Verlag 1950 (1.–20. Tsd.) die Novelle jeweils in Novellensammlungen vor. Es folgten beim S. Fischer Verlag bis heute immer wieder Neuauflagen, auch in Taschenbuchform. Die Novellen wurden auch in vielen fremdsprachigen Lizenzausgaben veröffentlicht.

Entstehungshintergrund

Wie mehrere andere Werke Zweigs, der seinerzeit vom Wirken Sigmund Freuds fasziniert war, hat auch Der Amokläufer einen starken psychologischen Hintergrund: Die Geschichte handelt von einer extremen Besessenheit, die den Helden dazu bringt, sein Berufs- und Privatleben dieser Leidenschaft zu opfern, und die ihn schließlich in den Freitod treibt.

Namensgebend für die Novelle ist der – damals noch wenig bekannte – Begriff Amok, der ursprünglich aus der indonesischen Kultur stammt und einen Rauschzustand beschreibt, in dem die betroffene Person in vermeintlich blinder Wut den Feind angreift und wahllos, ohne jede Rücksicht auf Gefahren, versucht, ihn sowie alle im Weg stehenden Personen zu töten. Der Begriff Amok hat mittlerweile weitere Forschung und einen Bedeutungswandel erfahren.

Handlung

In der Rahmenhandlung reist der namenlose Ich-Erzähler im Jahre 1912 mit dem Überseedampfer Oceania von Indonesien nach Europa. Bei einem nächtlichen Spaziergang auf dem Deck begegnet er einem Mann, der sichtlich verwirrt und ängstlich wirkt und jede Gesellschaft auf dem Schiff meidet. Eine Nacht darauf trifft der Ich-Erzähler diesen Mann erneut auf dem Deck an. Anfangs verlegen, vertraut dieser sich ihm an und erzählt seine Geschichte – die eigentliche Handlung der Novelle:

Er, ein Leipziger Arzt, hatte für eine Frau im Krankenhaus Geld unterschlagen und musste sich daher eine neue Betätigung fern der Heimat suchen. Er wurde von der holländischen Kolonialverwaltung nach Indonesien geschickt, um dort in einem kleinen und abgelegenen Ort als Arzt zu arbeiten. Die Einöde bedrückt ihn nach gewisser Zeit immer stärker, er fühlt sich dort „wie die Spinne im Netz regungslos seit Monaten schon“. Eines Tages erscheint bei ihm unerwartet eine weiße Frau – „die erste weiße Frau seit Jahren“ – die ihn fortan mit ihrer hochmütigen, kühlen Art fasziniert – etwas, was er bei den ehrfürchtigen und demütigen einheimischen Frauen nie erleben konnte. Im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, dass die Frau – eine Engländerin und Ehefrau eines holländischen Großkaufmanns – von ihm einen diskreten Schwangerschaftsabbruch wünscht. Sie ist bereit, dafür eine sehr hohe Geldsumme zu zahlen, wenn er danach Indonesien verlässt. Doch der Arzt, unerwartet gefesselt von einer plötzlichen Leidenschaft, verlangt von der Frau statt des Geldes eine gemeinsame Liebesnacht, woraufhin diese entrüstet das Haus verlässt.

Doch den Arzt überfällt seine Besessenheit noch stärker: Einem unzurechnungsfähigen Amokläufer ähnlich, verlässt er den Ort, reist zur nächsten Stadt und verfolgt die Frau bis an ihr Haus. Er sieht sie bei einem Ball wieder, kommt ihr aber nicht näher. Er steigert sich immer mehr in einen Rauschzustand hinein, im Zuge dessen schreibt er der Frau einen 20 Seiten langen, wirren Brief, der mit einer Selbstmorddrohung schließt. Er wird nur beantwortet mit einem abgerissenen Papierstreifen auf dem steht: „Zu spät“ und einer Zeile, der Arzt möge warten, ob man ihn brauche, was den Arzt in höchste Panik versetzt. Erst als er später gerufen wird, wird dem Arzt der Hintergrund klar:

Da sie auf keinen Fall wollte, dass ihre Schwangerschaft publik wird, vertraute sie sich einer einheimischen Engelmacherin an. Der Eingriff misslingt, und die Frau stirbt qualvoll. In ihrem Todeskampf nimmt sie dem Arzt den Schwur ab, alles zu tun, damit weder ihr Ehemann noch sonst jemand von der wahren Todesursache erfährt. Dieser ist nunmehr davon besessen, den letzten Wunsch der Frau zu erfüllen: Er überredet den zuständigen Amtsarzt gegen ein Versprechen, Indonesien umgehend und dauerhaft zu verlassen, einen falschen Totenschein auszustellen. Als der Ehemann der Toten diese mit der Oceania nach Europa überführen will, verlässt auch der Arzt – seine Karriere und Pension opfernd – mit dem gleichen Schiff Indonesien in Richtung Europa. Er will um jeden Preis verhindern, dass weitere Nachforschungen über die Todesursache der Frau angestellt werden. An Bord des Schiffs versteckt er sich vor allen anderen Passagieren, um dem Witwer nicht zu begegnen, und geht daher nur nachts aus seiner Kabine. Als der Ich-Erzähler dem Arzt seine Hilfe anbietet, lehnt dieser das Angebot strikt ab, verschwindet und lässt sich seitdem nicht mehr blicken. Erst bei der Ankunft in Neapel erfährt der Erzähler aus den lokalen Zeitungen von einem „merkwürdigen Unfall“, der sich beim nächtlichen Entladen des Schiffs ereignet hat: Beim Heraustragen des Bleisargs mit den Überresten der Toten stürzte sich der Arzt vom hohen Bord auf den an einer Strickleiter befestigten Sarg und riss diesen mit in die Tiefe. Es konnte weder der „Amokläufer“ gerettet noch der Sarg geborgen werden.

Ausgaben (Auswahl)

  • Amok. Novellen einer Leidenschaft. Insel Verlag, Leipzig 1922 (1.–10. Tausend).
  • Amok. Novellen einer Leidenschaft. Insel Verlag, Leipzig 1931 (Neuausgabe in der Reihe der 2,50-M-Bücher).
  • Amok in „Die Kette“. Herbert Reichner, Wien-Leipzig-Zürich 1936
  • Ausgewählte Novellen. Bermann Fischer Verlag, Stockholm 1946
  • Amok. Novellen einer Leidenschaft. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1950
  • Der Amokläufer. Erzählungen. Gesammelte Werke in Einzelbänden. Hrsg. von Knut Beck. Fischer Taschenbücher, Frankfurt a. M. 1989

Verfilmungen

Hörspiel

Literatur

  • Anton Kippenberg, Stefan Zweig: Briefwechsel 1905–1937. Insel Verlag, Berlin 2022, ISBN 978-3-458-17551-3
  • Heinz Sarkowski: Der Insel Verlag. Eine Bibliographie 1899–1969. Insel, Frankfurt am Main 1970 (2. Auflage, Frankfurt am Main und Leipzig 1999, ISBN 3-458-15611-9).
  • Heinz Sarkowski: Der Insel-Verlag 1899–1999. Die Geschichte des Verlags. (Chronik 1965–1999 von Wolfgang Jeske. Eingeleitet von Siegfried Unseld). Insel, Frankfurt am Main/Leipzig 1999, ISBN 3-458-16985-7.
  • Christian Wegner (Bearb.): Verzeichnis aller Veröffentlichungen des Insel Verlages 1899–1924. Etwa 1500 Einträge. Leipzig 1924.
Commons: Der Amokläufer – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Neue Freie Presse vom 4. Juni 1922, S. 31 ff. (Anno Digitalisat).
  2. Ankündigung im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel vom 28. Juni 1922, Nr. 148, S. 7276 (Digitalisat der SLUB).
  3. Neue Freie Presse vom 3. Dezember 1922, S. 31 ff. (Anno Digitalisat).
  4. Ankündigung im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel vom 15.10.1926 (Nr. 241), S. 9521, 9543 (Digitalisat der SLUB Dresden).
  5. Möglicherweise trug schon die Erstauflage von 1922 einen gleichgestalteten Schutzumschlag, wobei der Nachweis noch fehlt. Lediglich die Auflagenhöhe dürfte dann bei der Erstauflage entsprechend den Üblichkeiten beim Verlag nicht mit angegeben worden sein.
  6. Ankündigung im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel vom 15. November 1930, Nr. 266, S. 9146 (Digitalisat der SLUB).
  7. Das seltene Vorkommen des 71.–72. Tsd. spricht auch dagegen, dass von dieser letzten Normalausgabe das 71.–75. Tsd. anstelle des im Impressum genannten 71.–72. Tsd. gedruckt wurde.
  8. Wie bei den anderen Reihentiteln kam auch hier noch eine 2. Umschlagvariante mit modernerer Gestaltung von Typografie und Verlagslogo zum Einsatz.
  9. Das Inselschiff. Weihnachten 1931. In: Zeitschrift für die Freunde des Insel Verlags. Band 13, Nr. 1. Insel-Verlag, Leipzig 1931, S. 21.
  10. Heinz Sarkowski in: Der Insel Verlag 1899–1999, Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1990, S. 237.
  11. In der Bibliografie Der Insel-Verlag ist auf Seite 404 als erste von drei (sic!) Auflagen für die Volksausgabe („2.50-Mark-Bücher“) das [71.-] 75. Tsd. für 1931 angegeben, was nicht stimmen kann. Zunächst: Es liegt noch die erwähnte kleine Auflage in der alten Ausstattung im 71.–72. Tsd. vor. Im mit zeitlichem Vorlauf gedruckten Weihnachtsprospekt von 1930 (Neue Bücher aus dem Insel-Verlag. Weihnachten 1930, S. 8) ist noch das 70. Tsd. als lieferbar aufgeführt. Die kleine Folgeauflage von 2 Tsd. war Ende 1930 noch gedruckt worden sein, um Nachfrage nach der Normalausgabe zu befriedigen.
    Die übrigen vier Bände der „2.50-Mark-Bücher“ hatten auch Startauflagen von mindestens 20.000 Exemplaren; nur über die hohen Auflagen konnte ein Gewinn trotz niedrigeren Preises erzielt werden. Gerade von seinem Erfolgsautor Stefan Zweig hätte Anton Kippenberg hier nicht nur zaghafte 5.000 Exemplare aufgelegt. Es gab aber nur 2 Auflagen der Ausgabe bei der Reihe der 2.50-Mark-Bücher: Tatsächlich zeigt das Impressum der ersten Volksausgabe keine Auflagenhöhe an, da Kippenberg sie als Erstauflage einer separaten Ausgabe des Amok betrachtete, bei der eine Auflagenhöhe sehr oft nicht ausgewiesen wird. Erst die Folgeauflage weist das 51. bis 75. Tsd. aus. Und schließlich: Nach der Rechnung von Sarkowski unter Einbeziehung einer weiteren Auflage von 5.000 Bänden (71.–75. Tsd.) müssten insgesamt 80 Tsd. Exemplare in der Volksausgabe gedruckt worden sein. Ausweislich des Impressums der 2. und letzten Auflage („51.–75., der Gesamtauflage 150. Tausend“) liegen aber nur 75.000 Exemplare in der Volksausgabe vor.
  12. Hörspiel „Der Amokläufer“ im Archiv von Deutschlandfunk Kultur vom 22. Mai 2023