Umkehrregel
Die Umkehrregel ist eine Formel, die einen Zusammenhang zwischen der Ableitung einer Funktion und der Ableitung ihrer Umkehrfunktion herstellt. Genauer besagt sie: Ist eine stetige und streng monotone Funktion auf einem Intervall an der Stelle differenzierbar und ist , dann gilt mit :
- .
Die Umkehrregel ist eine Teilaussage des Satzes von der Umkehrfunktion, der in verschiedenen Ausführungen existiert und jeweils die Differenzierbarkeit der Umkehrfunktion zeigt. Er lässt sich unter anderem für komplexe Funktionen und mehrdimensionale Funktionen formulieren.
Beispiele
Ableitung des Logarithmus
Die Umkehrfunktion der Exponentialfunktion ist der natürliche Logarithmus . Wegen gilt nach der Umkehrregel
- .[1]
Ableitung der n-ten Wurzel
Die Funktion ist die Umkehrfunktion der Potenzfunktion . Es ist für . Mit der Umkehrregel erhält man für alle die Ableitung von als
- .
Ersetzt man noch , so erhält man die Ableitung ausgedrückt bzgl. :
Im Punkt ist die Funktion nicht differenzierbar, da der Ausdruck gegen unendlich strebt, wenn von links gegen null strebt. Geometrisch hat die Funktion im Nullpunkt eine vertikale Tangente.[4]
Ableitung des Arkussinus
Der Arkussinus ist die Umkehrfunktion von . Arkussinus ist differenzierbar für . Mit erhält man nach der Umkehrregel
- .
Der Nenner lässt sich noch vereinfachen: Aus dem trigonometrischen Pythagoras folgt
Wegen erhält man damit
Auf analoge Weise leitet man die Ableitungen von Arkuskosinus und Arkustangens aus den Ableitungen von Kosinus bzw. Tangens her.
Herleitungen
Durch Achsenspiegelung
Diese Herleitung basiert auf der Eigenschaft, dass der Graph der Umkehrfunktion aus dem Graphen von durch Spiegelung an der Winkelhalbierenden des 1. und 3. Quadranten hervorgeht. Es wird ein Punkt auf dem Graphen von mit einem zugehörigen Steigungsdreieck betrachtet. Bezeichnet man dessen Katheten mit und , so ist . Durch Spiegelung dieser Konfiguration an der Winkelhalbierenden erhält man den Punkt auf dem Graphen von mit einem zugehörigen Steigungsdreieck. Aus dem -Zuwachs wird der -Zuwachs und umgekehrt, d. h. . Die Steigung des Graphen von im Punkt ist also gleich dem Kehrwert der Steigung des Graphen von im Punkt , d. h.
- .[7]
Durch Vertauschen der Koordinatenachsen
Zur geometrischen Herleitung der Umkehrregel ist eine Spiegelung des Graphen gar nicht nötig, da die Bildung der Umkehrfunktion einfach einer Vertauschung der Variablen und und damit der Koordinatenachsen entspricht. Der Graph von ist somit zugleich der Graph von , je nachdem ob man oder als unabhängige Variable auffasst. Für die Tangente an einer Kurve hat es jedoch keine Bedeutung, ob oder die unabhängige Variable ist. Es muss also die Bildung der Ableitung der Umkehrfunktion auf die gleiche Gerade als Tangente führen. Wird als unabhängige Variable gesehen, so hat diese Geraden die Steigung , und ist gleich ; wird als unabhängige Variable gesehen, so hat sie die Steigung , welche zugleich ist. Also ist
- .[8]
Mithilfe von Differentialen
Die Umkehrregel lässt sich durch das formale Rechnen mit Differentialen herleiten: Ist eine Funktion mit Ableitung (Leibniz-Notation) und ihre Umkehrabbildung mit der Ableitung , so erhält man die Umkehrregel durch „Kehrwertbildung“:
Mithilfe der Kettenregel
Aus der Identität folgt durch Ableiten auf beiden Seiten
- .
Mittels Division durch erhält man hieraus die Umkehrregel.
Damit man die linke Seite der Identität mit der Kettenregel ableiten darf, muss differenzierbar an der Stelle mit sein und differenzierbar an der Stelle sein.[11][12][13]
Satz von der Umkehrfunktion
Beim Satz von der Umkehrfunktion werden Bedingungen für die Funktion formuliert, welche die Existenz der Ableitung der Umkehrfunktion sicherstellen. Statt im folgenden Satz strenge Monotonie vorauszusetzen, ist es auf Intervallen äquivalent, die Injektivität von zu verlangen.[12] Ohne Beschränkung der Allgemeinheit kann für den Zielbereich das Intervall genutzt werden, wodurch die Bijektivität von und damit die Existenz der Umkehrfunktion gesichert ist. Wird zudem die Differenzierbarkeit statt an nur einer Stelle, auf dem gesamten Intervall gefordert (eine stärkere Bedingung), so kann auf die Annahme der Stetigkeit verzichtet werden.
Satz von der Umkehrfunktion auf einem Intervall
Sei ein nicht-triviales Intervall, eine stetige, streng monotone Funktion und ihre Umkehrfunktion. Ist in differenzierbar und , dann ist an der Stelle differenzierbar und es gilt
- .[14]
Beweis
Eine Möglichkeit, die Aussage zu zeigen, ist über den Differenzenquotienten von Folgen.
Sei eine beliebige Folge mit und sei . Aus den Voraussetzungen kann man folgern, dass bijektiv und stetig ist[15], daher gilt und für alle . Es gilt
- .[14]
Satz von der Umkehrfunktion für komplexe Zahlen
Sei offen, holomorph in , und . Dann existiert eine offene Umgebung von und von , sodass bijektiv und holomorph in ist mit
- , für alle .[16]
Satz von der Umkehrfunktion für -Funktionen
Fordert man die Stetigkeit der ersten Ableitung von , so genügt bereits die Voraussetzung , da daraus direkt auf einem kleinen Bereich um und daraus wiederum die Existenz der Umkehrfunktion von auf diesem kleinen Bereich folgt. Von dieser Grundidee geht man bei der mehrdimensionalen Verallgemeinerung der Umkehrregel, dem Satz von der Umkehrabbildung, aus:
Sei offen, eine stetig differenzierbare Funktion, sodass die Jacobi-Matrix invertierbar ist. Dann ist ein lokaler Homöomorphismus; d. h. es gibt für jedes eine offene Umgebung und eine offene Umgebung von , sodass ein Homöomorphismus von nach ist. Es gilt:
- .[17]
Der Beweis ist ein Korollar des Satzes von der impliziten Funktion.
Globale Version
Der Satz von der Umkehrabbildung ist ein lokales Ergebnis, d. h. er gilt für jeden Punkt. A priori zeigt der Satz also nur, dass die Funktion lokal bijektiv ist. Mit dem folgenden Lemma aus der Topologie kann die lokale Injektivität auf eine globale Injektivität erweitert werden.
Wenn eine abgeschlossene Teilmenge einer (zweitabzählbaren) topologischen Mannigfaltigkeit (oder allgemeiner ein topologischer Raum, der eine kompakte Ausschöpfung zulässt), ein topologischer Raum, ein auf injektiver lokaler Homöomorphismus ist, dann ist injektiv auf einer Umgebung von .
Das Lemma impliziert die folgende (in gewisser Weise) globale Version des Satzes von der Umkehrfunktion:
Sei eine Abbildung zwischen offenen Teilmengen von oder allgemeiner von Mannigfaltigkeiten. Angenommen, ist stetig differenzierbar (d. h. ). Wenn auf einer abgeschlossenen Teilmenge injektiv ist und die Jacobi-Matrix von in jedem Punkt von invertierbar ist, dann ist auf einer Umgebung von injektiv und ist stetig differenzierbar.[18]
Wenn ein Punkt ist, dann entspricht dieser Satz dem üblichen Satz von der Umkehrabbildung.
Siehe auch
Literatur
- Steffen Goebbels, Stefan Ritter: Mathematik verstehen und anwenden: Differenzial- und Integralrechnung, Lineare Algebra. 4. Auflage. Springer Spektrum, 2023, ISBN 978-3-662-68366-8, S. 344–347.
- Otto Forster, Florian Lindemann: Analysis 1. 13. Auflage. Springer, Wiesbaden 2023, ISBN 978-3-658-40129-0, S. 237–239.
- Konrad Königsberger: Analysis 1. 6. Auflage. Springer, Berlin u. a. 2004, ISBN 3-540-40371-X, S. 143.
- Richard Courant: Vorlesungen über Differential- und Integralrechnung 1. Springer, Berlin / Heidelberg / New York 1971, 3-540-05466-9, S. 128–134.
- Karl Strubecker: Einführung in die Höhere Mathematik. Band II: Differentialrechnung einer reellen Veränderlichen. Oldenbourg, München / Wien 1967, S. 153–156.
- Georg Prange, Werner von Koppenfels: Vorlesungen über Integral- und Differentialrechnung. Erster Band: Funktionen einer reellen Veränderlichen. Springer, Berlin / Heidelberg 1943, ISBN 978-3-540-01337-2, S. 210–211 und S. 266–267.
- Greefrath et al: Didaktik der Analysis. Springer Spektrum, Berlin / Heidelberg 2016, ISBN 978-3-662-48876-8, S. 177–179.
- Andreas Büchter, Hans-Wolfgang Henn: Elementare Analysis. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2010, ISBN 978-3-8274-2091-6, S. 304–305.
- Tilo Arens et al.: Mathematik. 5. Auflage. Springer Spektrum, Berlin 2023, ISBN 978-3-662-64388-4, S. 329–330.
- Edmund Weitz: Konkrete Mathematik (nicht nur) für Informatiker. 2. Auflage. Springer Spektrum, Berlin 2021, ISBN 978-3-662-62617-7, S. 573–574.
Einzelnachweise
- ↑ Forster, Lindemann: Analysis 1. 2023, S. 238.
- ↑ a b Otto Toeplitz: Die Entwicklung der Infinitesimalrechnung (= Die Grundlehren der Mathematischen Wissenschaften. Band 56). Springer, Berlin / Heidelberg 1949, ISBN 3-642-49496-X, S. 102.
- ↑ Goebbels, Richter: Mathematik verstehen und anwenden. 2023, S. 345.
- ↑ Courant: Vorlesungen über Differential- und Integralrechnung 1. 1971, S. 131.
- ↑ Forster, Lindemann: Analysis 1. 2023, S. 239.
- ↑ Courant: Vorlesungen über Differential- und Integralrechnung 1. 1971, S. 132.
- ↑ Greefrath et al.: Didaktik der Analysis. 2016, S. 178.
- ↑ Prange, von Koppenfels: Vorlesungen über Integral- und Differentialrechnung. 1943, S. 210.
- ↑ Prange, von Koppenfels: Vorlesungen über Integral- und Differentialrechnung. 1943, S. 266–267.
- ↑ Dietmar Herrmann: Mathematik der Neuzeit. Springer Spektrum, Berlin 2022, ISBN 978-3-662-65416-3, Kapitel 13.15 Der Calculus von Leibniz, S. 436.
- ↑ Königsberger: Analysis 1. 2004, S. 143.
- ↑ a b Goebbels, Ritter: Mathematik verstehen und anwenden. Differenzial- und Integralrechnung, Lineare Algebra. 2023, S. 344.
- ↑ Arens et al.: Mathematik. 2023, S. 329.
- ↑ a b Otto Forster: Analysis 1. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-11544-9, S. 172, doi:10.1007/978-3-658-11545-6.
- ↑ Forster, Lindemann: Analysis 1. 2023, S. 173.
- ↑ Wolf-Patrick Düll: Höhere Analysis. S. 3.
- ↑ The inverse function theorem for everywhere differentiable maps. In: What's new. 13. September 2011, abgerufen am 2. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Ch. I., § 3, Exercise 10. and § 8, Exercise 14. in V. Guillemin, A. Pollack. "Differential Topology". Prentice-Hall Inc., 1974. ISBN 0-13-212605-2.