Tancredi Saletta
Graf Tancredi Edoardo Giovan Battista Saletta (geboren 27. Juni 1840 in Turin; gestorben 21. Januar 1909 in Rom) war ein italienischer General des Königlich-Italienischen Heeres zuletzt im Rang eines Generalleutnants. Er befehligte 1885 das erste italienische Expeditionskorps auf afrikanischem Boden. Von 1896 bis 1908 war er zudem Chef des italienischen Generalstabes. Seit 1900 gehörte er dem Senat des Königreiches an.
Werdegang
Anfangsjahre
Tancredi Saletta wurde im Alter von 16 Jahren in die königliche Militärakademie in Turin aufgenommen. Nach dem erfolgreichen Abschluss und seiner Ernennung zum Unterleutnant des piemontesischen Heeres wurde er 1859 dem königlichen Artilleriekorps unterstellt. Anschließend besuchte er die königliche Akademie für Artillerie, bevor er im November 1859 beim 1. Feldartillerie-Regiment in Venaria Reale seinen Dienst antrat.[1]
Bereits im August 1860 nahm er an seinem ersten Feldzug Teil, als das von Manfredo Fanti befehligte sardisch-piemontesischen Expeditionskorps die Armee des Kirchenstaates in Umbrien und den Marken bekämpfte. Bei der Belagerung von Ancona konnte er sich erstmals auszeichnen. Beim anschließenden Feldzug gegen das Königreich beider Sizilien wurde er bei der Belagerung von Gaeta zum zweiten Mal ausdrücklich belobt. Im März 1861 kehrte er nach Venaria Reale zurück.[1]
Im nun Kõniglich-Italienischen Heer machte Saletta Karriere. Mittlerweile zum Hauptmann befördert wurde er noch 1861 dem 4. Artillerie-Regiment zugewiesen, bevor er im Jahr darauf dem 8. Feldartillerie-Regiment in Neapel unterstellt wurde, bei dem er bis 1872 tätig war. Mit dem Regiment nahm er 1866 am Dritten Italienischen Unabhängigkeitskrieg teil. Nach seiner Beförderung zum Major wechselte er 1872 zum 9. Artillerie-Regiment nach Pavia. 1875 wurde er dem Generalstab der Artillerie zugewiesen, dem er bis Mai 1876 angehörte, bevor er zum Direktor der militärischen Ausbildung an der Militärakademie ernannt wurde, an der er auch unterrichtete.[2]
Bereits ein Jahr später wurde Saletta dem Generalstab unterstellt und dem allgemeinen Generalstabskomitee zugewiesen. Im Juli 1877 wurde er zum Oberstleutnant befördert. Von März bis Juni 1879 sowie von Februar bis November war er Chef des Generalstabes der Territorialdivision Florenz. Nach seiner Beförderung zum Oberst im November 1880 wurde ihm das Kommando des 17. Infanterie-Regiments in Verona anvertraut, das er bis Dezember 1883 innehatte. Anschließend wurde er Generalstabschef beim X. Armeekorps. Bereits einige Monate später übernahm er den Generalstab des neu konstituierten XII. Armeekorps in Palermo.[3]
Kommandeur in Eritrea
Im Januar 1885 wurde ihm vom Kriegsministerium das Kommando über die erste italienische Militärexpedition in das Rote Meer anvertraut.[4] Als das knapp 1000 Mann starke Expeditionskorps unter seinem Kommando nach gerade zehn Tagen Vorbereitung am 17. Januar 1885 von Neapel in See stach, war der Zielhafen noch unbekannt. Mit der Expedition wollte die italienische Regierung unter Ministerpräsident Agostino Depretis ihren kolonialen Bestrebungen Nachdruck verleihen, nachdem sie bereits 1869 den Hafen von Assab in Eritrea zunächst über die Reederei Rubattino und ab 1882 unter ihre direkte Kontrolle gebracht hatte.[5]
Am 5. Februar 1885 legte er mit dem von Konteradmiral Pietro Caimi befehligten Begleitschiff in Massaua an, um dort einen Stützpunkt einzurichten. Eine Reihe von Problemen erschwerten seine Aufgabe, die auf die kurzfristige und mangelhafte Vorbereitung des Unternehmens, aber auch auf die schwierigen Rahmenbedingungen vor Ort zurückzuführen waren. So musste er mit den ägyptischen Truppen auskommen, die Massaua besetzt hielten, zugleich befürchtete er eine Reaktion der Abessinier durch Ras Alula Engida und die Bedrohung durch arabische Stämme sowie durch den Mahdi-Aufstand im nördlich angrenzenden Sudan.[5]
Trotz der widrigen Umstände, gelang es Saletta erste logistische Strukturen aufzubauen und mehrere aufgegebene ägyptische Forts instandzusetzen.[6] Auch konnte er mit den Başı Bozuk erste irreguläre Truppen anwerben. Im Sommer 1885 ließ er den etwa 28 km vor Massaua entfernte ägyptischen Stützpunkt Saati mit irregulären Truppen besetzen, was Irritationen in Abessinien auslöste.[5] Im November 1885 wurde Saletta auf eigenen Wunsch von Generalmajor Carlo Gené abgelöst, nachdem er sich mit dem neuen Oberbefehlshaber der Seestreitkräfte im Roten Meer, Admiral Raffaele Noce, zerstritt.[7]
Anfang Dezember 1885 wurde ihm das Kommando der Brigade „Basilicata“ anvertraut, das er aber erst im März 1886 antrat, da er zunächst als Manöverbeobachter an den englisch-indischen Manövern in Indien teilnahm. Aber bereits ein Jahr später löste er, mittlerweile zum Generalmajor befördert, Gené im März 1887 nach der Niederlage in der Schlacht bei Dogali als Oberbefehlshaber ab.[5] Saletta sollte die Lage in der Kolonie wieder stabilisieren und den Offensivbestrebungen der Abessinier Einhalt gebieten. Gleich nach seiner Ankunft in Massaua rief er das Kriegsrecht aus und ordnete eine Schiffsblockade an, mit der der abessinischen Nachschub an Waffen und Munition unterbunden werden sollte.[8] Resolut ging er gegen vermeintliche abessinische Kollaborateure vor und ordnete standrechtliche Hinrichtungen und Deportationen an oder ließ Verdächtige ohne Gerichtsurteil einsperren.[9] Saletta war es auch, der auf der vor Assab gelegenen Insel Nocra den Standort eines Gefängnisses ausmachte, das später als Konzentrationslager Nocra eine berüchtigte Bekanntheit erlangen sollte.[10] Des Weiteren begann er die Truppen neu zu organisieren, aus denen sich mit dem Corpo Speciale d’Africa die italienischen Kolonialtruppen in Eritrea konstituieren sollten. Alles zielte darauf ab, sich für die erlittene Niederlage bei Dogali zu revanchieren. Im November 1887 wurden die Truppen um etwa 20.000 Mann verstärkt. Mit diesem Truppenkontingent kam auch Generalleutnant Alessandro Asinari di San Marzano an, der ihn als Oberbefehlshaber ablöste.[5]
Chef des Generalstabes
Auch nach seiner Ablösung verblieb er zunächst in Massaua in beratender Funktion seines Nachfolgers. Dem ihm angebotenen Posten des Chefs des Generalstabes der italienischen Kolonialtruppen in Eritrea lehnte er ab. Im Mai 1888 übernahm er wieder das Kommando über die Infanterie-Brigade „Basilicata“. 1891 wurde ihm das Kommando über die Artillerie- und Genietruppen-Schule in Turin anvertraut und im Dezember 1892 wurde er zum Generalleutnant befördert. Im Frühjahr 1894 wurde er zunächst zum Kommandeur der Territorialdivision Florenz ernannt. Im Herbst des gleichen Jahres wechselte er zur Territorialdivision Genua, bevor er wenige Monate später im Januar 1895 zum stellvertretenden Chef des Generalstabes ernannt wurde. Nach der vernichtenden Niederlage in der Schlacht von Adua am 1. März 1896 übernahm Saletta ad interim den Posten des Chefs des Generalstabs von Domenico Primerano. Am 16. September 1896 wurde er offiziell zum Chef des Generalstabes des Heeres ernannt.[11]
Kriegsminister Luigi Pelloux hatte sich für ihn entschieden, da er in Saletta eine eher farblose, wenig autoritäre Person sah, die ihm nicht in die Quere kommen sollte. Auf Saletta wartete eine schwierige Aufgabe. Das Ansehen des Heeres war in der öffentlichen Meinung nach dem Debakel in Adua auf einem Tiefstand angelangt und die Generalität wurde beschuldigt inkompetent zu sein. Zugleich herrschte Unzufriedenheit im Offizierskorps über die schlechten Aufstiegsmöglichkeiten im Heer. Zum schlechten Ansehen der Militärs in der Presse und in weiten Teilen der italienischen Bevölkerung trug auch die gewaltsame Unterdrückung mehrerer Volksaufstände und Tumulte in einer zunehmend politisch und sozial aufgeheizten Stimmung bei.[12]
Im Zuge dieser antimilitaristischen Stimmung schränkte die Regierung die Kompetenzen des Generalstabes weitgehend ein und reduzierte außerdem die unter Waffen stehenden Truppen. Saletta gelang es trotz dieser Widrigkeiten, einen allgemeinen Gesinnungswandel einzuleiten und dem Heer wieder Ansehen zu verleihen. Als überzeugter Unterstützer des 1882 abgeschlossenen Dreibundes pflegte er gute Beziehungen zu seinem deutschen Gegenüber, Alfred von Schlieffen. Auf sein Betreiben hin, wurden die Einsatzpläne der 3ª Armata so ausgearbeitet, dass die Armee im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Frankreich zur Unterstützung des deutschen Bündnispartners an den Rhein verlegt werde, auch unter Verletzung der Schweizer Neutralität. Im Gegensatz dazu hegte er gegenüber Österreich-Ungarn zunehmend Misstrauen und ließ deshalb für die Nordostgrenze neue Verteidigungspläne ausarbeiten. Aber auch für die Befestigung der Italienisch-Schweizer Grenze entwarf er Pläne. Als eigentlichen Gegner betrachtete er stets Frankreich. Die Verbesserung der diplomatischen Beziehungen zwischen Italien und Frankreich brachten ihn deshalb in Verlegenheit, insbesondere mit den deutschen Verbündeten.[13]
Nachdem er im Laufe seiner Amtszeit beim Kriegsministerium bereits mehrfach um eine Ausweitung seiner Kompetenzen und Befugnisse angefragt hatte, machte ihm Kriegsminister Coriolano Ponza di San Martino im August 1900 erste Zugeständnisse. Mit Hilfe des Königs, der seinen Einfluss auf den Generalstab ausweiten wollte, gelang es Saletta in der Folge den Chef des Generalstabes in seinen Entscheidungen noch unabhängiger von der Regierung zu machen, was im März 1906 durch in entsprechendes Königliches Dekret sanktioniert wurde. Zu seinen weiteren Verdiensten gehörte der Ausbau des militärischen Nachrichtendienstes, insbesondere gegenüber Österreich-Ungarn. Nach über 12 Jahren als Chef des Generalstabes wurde Saletta am 27. Juni 1908 aus Altersgründen aus dem aktiven Dienst entlassen.[14] Er war damit der am längsten dienende Generalstabschef des Königlichen Italienischen Heeres. Für seine Verdienste wurde ihm von König Viktor Emanuel III. der Titel eines Grafen verliehen.[5]
Nach seiner aktiven Dienstzeit war er noch im Senat tätig, dem er seit November 1900 angehörte. Tancredi Saletta starb am 21. Januar 1909 an den Folgen einer Angina pectoris.[15] Er war Zeit seines Lebens unverheiratet geblieben.[5]
Auszeichnungen
- Roter Adlerorden, I. Klasse (1897)
- Großkreuz des Ordens der Krone von Italien (1898)
- Großoffizier der Ehrenlegion (1900)
- Großkreuz des Ordens der Heiligen Mauritius und Lazarus (1901)
- Großkreuz des ö.-k. Leopoldordens (1906)
- Osmanié-Orden, I. Klasse (1907)
Literatur
- Angelo Del Boca: Gli Italiani in Africa Orientale: Dall’unità alla marcia su Roma. Bari, Laterza 1976.
- Alessandro Bianchini: Tancredi Saletta: Cenni biografici. In: Stato Maggiore dell’Esercito – Ufficio Storico (Hrsg.): Tancredi Saletta a Massaua (Memoria, relazione, documenti). Ufficio Storico SME, Rom 1987, S. 11–43.
- Maurizio Ulturale: Saletta, Tancredi. In: Raffaele Romanelli (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 89: Rovereto–Salvemini. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2017.
- Angelo Del Boca: Italiani, brava gente? Un mito duro a morire. 10. Auflage, Neri Pozza, Vicenza 2020, ISBN 978-88-6559-178-9.
- Filippo Cappellano: Storia dello Stato Maggiore dell’Esercito: Volume I – Dalle origini al 1914. Stato Maggiore dell’Esercito – Ufficio Storico, Rom 2022, ISBN 978-88-96260-96-8, S. 193–269.
Weblinks
- Saletta Tancredi auf Patrimonio dell‘Archivio Storico – Senato della Repubblica (italienisch)
- Salétta, Tancredi. In: Enciclopedia on line. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom.
Einzelnachweise
- ↑ a b Alessandro Bianchini: Tancredi Saletta: Cenni biografici. S. 13.
- ↑ Alessandro Bianchini: Tancredi Saletta: Cenni biografici. S. 13–14.
- ↑ Alessandro Bianchini: Tancredi Saletta: Cenni biografici. S. 14.
- ↑ Alessandro Bianchini: Tancredi Saletta: Cenni biografici. S. 15.
- ↑ a b c d e f g Maurizio Ulturale: Tancredi Saletta. In: Dizionario Biografico degli Italiani (DBI).
- ↑ Alessandro Bianchini: Tancredi Saletta: Cenni biografici. S. 16.
- ↑ Alessandro Bianchini: Tancredi Saletta: Cenni biografici. S. 17.
- ↑ Alessandro Bianchini: Tancredi Saletta: Cenni biografici. S. 18.
- ↑ Angelo Del Boca: Gli Italiani in Africa Orientale: Dall’unità alla marcia su Roma. S. 264.
- ↑ Angelo Del Boca: Italiani, brava gente? Un mito duro a morire. S. 80.
- ↑ Alessandro Bianchini: Tancredi Saletta: Cenni biografici. S. 18–19.
- ↑ Filippo Cappellano: Storia dello Stato Maggiore dell’Esercito: Volume I – Dalle origini al 1914. S. 193–194, 200–202.
- ↑ Alessandro Bianchini: Tancredi Saletta: Cenni biografici. S. 22–28.
- ↑ Alessandro Bianchini: Tancredi Saletta: Cenni biografici. S. 29–32.
- ↑ Alessandro Bianchini: Tancredi Saletta: Cenni biografici. S. 34.
- ↑ Alessandro Bianchini: Tancredi Saletta: Cenni biografici. S. 32–33.
- ↑ Saletta Tancredi | Onorificenze. In: patrimonio.archivio.senato.it. Abgerufen am 5. Oktober 2025 (italienisch).