Sitzende junge Frau (La Pensée)
| Sitzende junge Frau (La Pensée) |
|---|
| Pierre-Auguste Renoir, um 1876/1877 |
| Öl auf Leinwand |
| 66 × 55,5 cm |
| Barber Institute of Fine Arts |
Sitzende junge Frau (La Pensée),[1] (französisch Jeune femme assise (La Pensée),[2] deutsch entsprechend auch Der Gedanke[3]), ist ein um 1876/1877 im Stil des Impressionismus entstandenes Gemälde des französischen Malers Pierre-Auguste Renoir. Das in Öl auf Leinwand gemalte Bild hat eine Höhe von 66 cm und eine Breite von 55,5 cm. Dargestellt ist das auf einem farbig-gemusterten Sessel sitzende Berufsmodell Nini Lopez in einem weißen Musselin-Kleid.[4] Markant sind die zum Kinn geführte rechte Hand und ihr mehrdeutiger Blick. Der für das Bild häufig gebrauchte französische Titel La Pensée stammt aus dem Kunsthandel und wurde von Renoir abgelehnt. Das Gemälde befindet sich in der Sammlung des Barber Institute of Fine Arts in Birmingham.
Beschreibung
Dargestellt ist eine junge Frau als Halbfigur, ein häufiges Motiv im Œuvre des Künstlers.[2] Renoir wählte für dieses Gemälde das Berufsmodell Nini Lopez aus, die in den späten 1870er Jahren wiederholt in seinen Bildern erscheint. Sie sitzt bequem zurückgelehnt in einem farblich reich gemusterten Sessel mit hoher Lehne vor einem dunklen Hintergrund.[5] Bekleidet ist sie mit einem weißen Musselin-Kleid mit kurzen Ärmeln. Ihr langes rotblondes Haar fällt offen bis über die Brust nach vorn.[6] Der Kopf ist leicht zur rechten Seite gedreht, ihr Blick geht „unbestimmt in die Ferne.“[6] Sie hat die rechte Hand zum Gesicht geführt, wobei der abgespreizte Daumen unter dem Kinn liegt und die angewinkelten anderen Finger zu den Lippen reichen. Sie scheint „zugleich kokett, aber auch gelangweilt“ auf dem kleinen Finger ihrer rechten Hand zu kauen.[6] Renoir benannte das Gemälde im Gespräch mit seinem Kunsthändler Ambroise Vollard als Die Frau, die an ihrem Finger nagt.[7] Der Kunstkritiker Philippe Burty sprach 1883 von einer Darstellung, die an einen Panther erinnert, der seine Krallen schärft („une panthère s’aiguisant les griffees“).[8]
Das Gemälde ist mit seinen weichen Farbmodulationen aus Orangetönen, Rottönen sowie grünen und blauen Akzenten typisch für Renoirs impressionistische Malweise.[9] Dabei widmete sich der Maler besonders der unterschiedlichen Materialität, etwa dem luftigen Kleid, der vollen Haarpracht und der blassen, beinahe porzellanartigen Haut des Gesichts und der Arme.[6] Durch die nahezu fehlenden Konturen scheinen - typisch für Renoir - die unterschiedlichen Bereiche ineinanderzufließen.[6] Zwar nutzt der Maler hier einen im Impressionismus üblichen Farbauftrag aus Farbtupfen und dünnen Wirbeln,[5] das Bild weist jedoch im Vergleich zu seinen anderen Werken der Zeit weniger Lichtspiele und eine insgesamt eher zurückhaltende Farbigkeit auf.[10]
Der Kunsthistoriker Richard Verdi sah in dem Gemälde weniger ein traditionelles Porträt, sondern eher eine Genreszene.[5] Für ihn erzeugen die häusliche Umgebung, die gedämpften Farben und die Pose der Dargestellten „ein Gefühl von Weiblichkeit und Sinnlichkeit“.[5] Der Autor Colin B. Bailey sieht im Bild eine intime Atmosphäre und bei der Dargestellten eine fast medidativ-verlorene Haltung.[10] Für die Autorin Nina Zimmer ist der Blick „von Sehnsucht oder Melancholie motiviert.“[6] Der häufig verwandte Bildtitel La Pensée (Der Gedanke) geht nicht auf Renoir zurück,[6] sondern wurde vom Kunsthandel vergeben, worüber er sich geärgert haben soll.[2] Gegenüber dem befreundeten Maler Albert André sagte er: „Meine Modelle haben keine Gedanken.“[5] Das Gemälde ist unten links mit „Renoir“ signiert, aber nicht datiert.[4]
Provenienz
Nach Renoir war der erste bekannte Besitzer des Gemäldes Armand Doria, der eine umfangreiche Kunstsammlung besaß, darunter zahlreiche Werke des Impressionismus.[9] Nach seinem Tod wurde die Sammlung am 4. und 5. Mai 1899 in der Galerie Georges Petit versteigert.[9] Bei dieser Gelegenheit erwarb die Kunsthandlung Bernheim-Jeune das Gemälde mit der Los-Nr. 202, dass dort erstmals als La Pensée bezeichnet wurde.[2] 1900 befand es sich im gemeinsamen Eigentum der Galerien Bernheim-Jeune und Durand-Ruel.[9] Nächster Besitzer war der Bankier Jules Strauss, in dessen Sammlung sich mehrere Werke von Renoir befanden.[2] Teile seiner Sammlung ließ er am 3. Mai 1902 im Auktionshaus Hôtel Drouot in Paris versteigern.[9] Für das dort angebotene Bild La Pensée gab er selbst ein Angebot ab, sodass es vorerst in seinem Besitz blieb.[9] Später gelangte das Gemälde in den Besitz der Kunsthandlung Bernheim-Jeune, danach erwarb es die Galerie Paul Rosenberg und schließlich der Pariser Sammler Jacques Zoubaloff.[9] Nächster Besitzer des Gemäldes wurde der Berliner Bankier Jakob Goldschmidt.[9] Er sah sich als Jude in Deutschland erheblichen Anfeindungen ausgesetzt und entschied sich daher im April 1933 zur Emigration. Über die Schweiz gelangte er schließlich in die Vereinigten Staaten und ließ sich in New York nieder. Von seiner umfangreichen Kunstsammlung konnte er nur wenige bedeutende Werke mitnehmen, darunter das Gemälde Sitzende junge Frau (La Pensée). Nach seinem Tod 1955 erbte sein Sohn Erwin Goldschmidt seine Kunstsammlung. Er ließ sieben Werke der Sammlung in einer aufsehenerregenden Versteigerung am 15. Oktober 1958 im Auktionshaus Sotheby’s in London versteigern. Renoirs Bild La Pensée erzielte hierbei 72.000 Pfund.[11] Käufer des Gemäldes war der Immobilienunternehmer Jack Cotton aus Birmingham.[9] Nach seinem Tod 1964 blieb das Bild zunächst in der Familie. Seine Frau Marjorie Rachel Cotton starb 1980. Die Erben einigten sich mit den britischen Steuerbehörden darauf, zum Ausgleich für Erbschaftssteuer Renoirs Gemälde La Pensée an den Staat zu übereignen. Das Gemälde wurde 1984 an den Henry Barber Trust übergeben, der als Träger der Sammlung des Barber Institute of Art in Birmingham fungiert. Dort ist das Bild seither mit der Inventarnummer 84.1 gelistet.[4][2][12]
Ausstellungen
- 1900: A. Renoir, Galerie Bernheim-Jeune, Paris, Nr. 51.[9]
- 1900: Exposition centennale de l’art français de 1800 á 1889 im Rahmen der Pariser Weltausstellung, Nr. 557.[5]
- 1901: Dritte Kunstausstellung der Berliner Secession, Berlin, Nr. 205.[13]
- 1914: L’art décoratif contemporain, 1800-1855, Grosvenor House, London, Nr. 62.[5]
- 1925: Cinquante an de peinture française, Musée des Arts décoratifs, Paris, Nr. 160.[9]
- 1936: Masters of French Nineteenth Century Painting, Burlington Galleries, London, Nr. 72.[9]
- 1937: Renoir, Metropolitan Museum of Art, New York, Nr. 23.[9]
- 1940: Masterworks of Five Centuries während der Golden Gate International Exposition, San Francisco, Nr. 293.[9]
- 1941: Renoir: Centennial Loan Exhibition 1841-1941, Duveen Galleries, New Yorl, Nr. 23.[9]
- 1950: Renoir, Wildenstein Gallery, New York, Nr. 25.[9]
- 1958: Birmingham Museum and Art Gallery, Birmingham.[9]
- 1985: Renoir, Hayward Gallery, London, Nr. 43.[2]
- 1991: French Impressionism: Treasures from the Midlands, Birmingham Museum and Art Gallery, Birmingham.[9]
- 2012: Renoir: Zwischen Bohème und Bourgeoisie, Kunstmuseum Basel, Basel, Nr. 48.[14]
- 2022: Renoir, Rococo Revival, Städel, Frankfurt am Main, Nr. 60.[15]
Literatur
- Berliner Secession (Hrsg.): Katalog der dritten Kunstausstellung der Berliner Secession. Verlag der Ausstellungshaus am Kurfürstendamm GmbH, Bruno und Paul Cassirer, Berlin 1901.
- Colin B. Bailey: Renoir's portraits: impressions of an age. Ausstellungskatalog National Gallery of Canada in Ottawa, Art Institute of Chicago und Kimbell Art Museum, Fort Worth, Yale University Press, New Haven 1997, ISBN 0-88884-668-1.
- Michael Raeburn (Hrsg.): Renoir. Ausstellungskatalog Hayward Gallery London, Galeries nationales du Grand Palais Paris und Museum of Fine Arts Boston, Harry N. Abrams, New York 1985, ISBN 0-8109-1575-8.
- Alexander Eiling (Hrsg.): Renoir, Rococo Revival. Ausstellungskatalog Städel Museum Frankfurt am Main, Hatje-Cantz-Verlag, Berlin 2022, ISBN 978-3-7757-5133-9.
- Michael Jurk: Kunstsammler zwischen Geschäft und Leidenschaft. Der Bankier Jakob Goldschmidt; in: Anna-Dorothea Ludewig, Julius H. Schoeps, Ines Sonder (Hrsg.): Aufbruch in die Moderne: Sammler, Mäzene und Kunsthändler in Berlin 1880–1933. DuMont, Köln 2012, S. 196–1209, ISBN 978-3-8321-9428-4.
- Paul Spencer-Longhurst: The Barber Institute of Fine Arts. Handbook. University of Birmingham, Birmingham 1999, ISBN 0-7044-2093-7.
- Richard Verdi: The Barber Institute of Fine Arts. Scala, London 2017, ISBN 978-1-78551-040-3.
- Ambroise Vollard: Auguste Renoir, Gespräche und Erinnerungen. Die Arche, Zürich 1961.
- Nina Zimmer (Hrsg.): Renoir, zwischen Bohème und Bourgeoisie, die frühen Jahre. Hatje Cantz, Ostfildern 2012, ISBN 978-3-7757-3240-6.
Weblinks
- Eintrag zum Gemälde Young Woman Seated auf der Website des Barber Institute of Fine Arts.
- Eintrag zum Gemälde Young Woman Seated auf der Website der University for the Creative Arts.
Einzelnachweise
- ↑ Der deutsche Titel ist entnommen dem Ausstellungskatalog Alexander Eiling: Renoir, Rococo Revival, 2022, S. 227. Als La Pensée, Sitzende junge Frau wurde das Bild zur Ausstellung 2012 in Basel bezeichnet, siehe Nina Zimmer: Renoir, zwischen Bohème und Bourgeoisie, die frühen Jahre. 2012, S. 101.
- ↑ a b c d e f g Anne Distel: Young woman seated (known as La Pensée)/Jeune femme assise (dit La Pensée). In: Michael Raeburn: Renoir., 1985, S. 213.
- ↑ Mit dem Titel Der Gedanke ausgestellt in der Berliner Secession 1901. Siehe Katalog der dritten Kunstausstellung der Berliner Secession, S. 34, Nr. 205.
- ↑ a b c Paul Spencer-Longhurst: The Barber Institute of Fine Arts. Handbook 1999, S. 46.
- ↑ a b c d e f g Richard Verdi: The Barber Institute of Fine Arts, 2017, S. 99.
- ↑ a b c d e f g Nina Zimmer: Renoir, zwischen Bohème und Bourgeoisie, die frühen Jahre. 2012, S. 101.
- ↑ Ambroise Vollard: Auguste Renoir, Gespräche und Erinnerungen, 1961, S. 44.
- ↑ Philippe Burty: Les Peintures de M. P. Renoir. In La République Française vom 15. April 1883, S. 3.
- ↑ a b c d e f g h i j k l m n o p q r Eintrag des Gemäldes auf der Website der University for the Creative Arts.
- ↑ a b Colin B. Bailey: Renoir's portraits: impressions of an age, 1997, S. 1997, S. 13.
- ↑ Michael Jurk: Kunstsammler zwischen Geschäft und Leidenschaft. Der Bankier Jakob Goldschmidt, 2012, S. 206.
- ↑ Eintrag zum Gemälde Young Woman Seated auf der Website des Barber Institute of Fine Arts.
- ↑ Berliner Secession: Katalog der dritten Kunstausstellung der Berliner Secession, 1901, S. 34, Nr. 205.
- ↑ Nina Zimmer: Renoir, zwischen Bohème und Bourgeoisie, die frühen Jahre. 2012, S. 101.
- ↑ Alexander Eiling: Renoir, Rococo Revival, 2022, S. 227.