Rosine Tuchschmid-Baumgartner
Rosine Tuchschmid-Baumgartner (* 1861 im Glarnerland; † 20. Juni 1912) war eine Schweizer Primarlehrerin und Unternehmerin. Nach dem Tod ihres Mannes Jakob Tuchschmid-Baumgartner (1858–1909) führte sie von 1909 bis 1912 die Frauenfelder Schlosserei und Eisenkonstruktionswerkstätte «J. Tuchschmids Witwe». Damit zählt sie zu den frühen Unternehmerinnen in der Ostschweiz.
Leben
Rosine Baumgartner stammte aus dem Glarnerland und war ausgebildete Primarlehrerin. 1886 heiratete sie den Schlossermeister Jakob Tuchschmid-Baumgartner (1858–1909). Das Ehepaar hatte fünf Kinder: Rosa (1890–1957), die Zwillinge Walter (1893–1963) und Karl (1893–1981), Margrit (1896–1982) sowie Jakob (1897–1982).
Schon zu seinen Lebzeiten unterstützte Rosine Tuchschmid-Baumgartner ihren Mann im Betrieb. Sie führte die Kopierbücher, in denen die Geschäftskorrespondenz festgehalten wurde, und sorgte dafür, dass Lehrlinge in die Familiengemeinschaft einbezogen wurden – sie assen mit am Mittagstisch, was organisatorisch und finanziell von ihr getragen wurde.
Unternehmensführung
Nach dem Tod ihres Mannes im Januar 1909 übernahm Rosine Tuchschmid-Baumgartner die Leitung des Unternehmens, das fortan unter dem Namen «J. Tuchschmids Witwe» firmierte. Ihre Kinder waren zu diesem Zeitpunkt noch minderjährig. Tochter Rosa musste ihre Ausbildung im Welschland abbrechen, um der Mutter in der Buchhaltung zu helfen.
Die Witwe führte die gesamte Büroarbeit, war für die Auftragsbeschaffung zuständig und hatte zudem innerbetriebliche Konflikte zu schlichten – insbesondere zwischen dem jungen, ehrgeizigen Werkmeister Jakob Kubli und dem altgedienten Walter Hasenfratz.
Die wirtschaftliche Lage war angespannt. Rosine Tuchschmid-Baumgartner musste Waldstücke in Thundorf verkaufen, um den Betrieb zu finanzieren. 1910 beschwerte sie sich bei den Behörden über zu hohe Stromkosten für den neuen Elektromotor und drohte, den alten Benzinmotor wieder in Betrieb zu nehmen. In einem anderen Fall wollte sie aus Protest aus der Schlosserinnung (Berufsverband der Schlosser) austreten, stellte aber trocken fest, dass dies gar nicht nötig sei, da eine Frau ohnehin kein Mitglied sein könne.
Familie und soziales Engagement
Neben den unternehmerischen Aufgaben kümmerte sich Rosine Tuchschmid-Baumgartner intensiv um die Ausbildung ihrer Kinder. Tochter Margrit sollte Krankenschwester werden, Karl bereitete sich auf ein Studium vor, während Walter im Betrieb eine Schlosserlehre begann. Sie bestand darauf, dass er auch während der Lehre entlöhnt wurde.
Rosine Tuchschmid-Baumgartner war Mitglied der Frauenkommission der Arbeits- und Töchterbildungsschule in Frauenfeld, legte dieses Amt aber 1909 aus gesundheitlichen Gründen nieder. Sie zeigte auch soziales Engagement: Für die Kirche ihrer Heimatgemeinde Thundorf stiftete sie einen Kronleuchter im Gedenken an ihren Mann.
Letzte Jahre und Tod
Trotz gesundheitlicher Probleme blieb sie bis zuletzt in der Firma aktiv. Im Januar 1912 übernahm sie noch einen Auftrag für Perrondächer der Bahnhöfe Uttwil, Güttingen und Altnau. Im April desselben Jahres übergab sie die Geschäftsführung an ihre Tochter Rosa. Am 20. Juni 1912 starb Rosine Tuchschmid-Baumgartner im Alter von fünfzig Jahren.
Bedeutung
Rosine Tuchschmid-Baumgartner gelang es, den Betrieb ihres Mannes über mehrere Jahre hinweg zu erhalten und damit die Grundlage für das Fortbestehen des Unternehmens in den Händen der Familie zu sichern. Sie gilt als Beispiel für die Rolle von Unternehmerwitwen im frühen 20. Jahrhundert, die in einer von Männern dominierten Wirtschaft selbständig Verantwortung und Doppelbelastung für Betrieb und Familie übernahmen.
Literatur
- Heinz Ruprecht: Vom Holzkochherd zu Stahl-Glas-Konstruktionen. In: Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik. Band 78. Verein für wirtschaftshistorische Studien, Zürich 2004, ISBN 3-909059-30-9.
Weblinks
- Rosine Tuchschmid-Baumgartner im Katalog Schweizer Pioniere