Regierungsbezirk Marienwerder
Der Regierungsbezirk Marienwerder war ein preußischer Verwaltungsbezirk in der Provinz Westpreußen bzw. in der Provinz Preußen und bestand in seinem ursprünglichen Umfang von 1815 bis 1919. Er wurde danach als Folge des Versailler Vertrags stark verkleinert, der Provinz Ostpreußen angegliedert und 1922 in Regierungsbezirk Westpreußen umbenannt.
Lage und Umfang
Verwaltungssitz war Marienwerder. Im Norden grenzte das Gebiet an den Regierungsbezirk Danzig. Im Osten grenzte der Regierungsbezirk Königsberg der Provinz Ostpreußen an. Ebenfalls östlich lag das Königreich Polen als Teil Russlands. Im Süden lag der Regierungsbezirk Bromberg der Provinz Posen. Im Westen lagen der Regierungsbezirk Frankfurt der Provinz Brandenburg sowie der Regierungsbezirk Köslin der Provinz Pommern. Im Jahr 1821 betrug die Fläche etwa 17.621 km².
Geschichte und Gliederung
Am 26. Dezember 1808 erging in Preußen die „Verordnung wegen verbesserter Einrichtung der Provinzial-, Polizei- und Finanzbehörden“. Aus der seit 1772 bestehenden Westpreußischen Kriegs- und Domänenkammer in Marienwerder wurde damit die „Königlich Westpreußische Regierung zu Marienwerder“, die seit 1816 „Königlich Preußische Regierung zu Marienwerder“ hieß. Mit Wirkung vom 1. April 1818 erhielt der Regierungsbezirk durch die Verordnung der Regierung in Marienwerder vom 21. Februar 1818 eine neue Kreisgliederung:
- Kreis Deutsch Krone
- Kreis Flatow
- Kreis Graudenz
- Kreis Konitz
- Kreis Kulm
- Kreis Löbau
- Kreis Marienwerder
- Kreis Rosenberg
- Kreis Schlochau
- Kreis Schwetz
- Kreis Strasburg
- Kreis Stuhm
- Kreis Thorn
- Kreis Tuchel
Am 1. Oktober 1887 wurde aus Teilen der Kreise Graudenz, Kulm, Strasburg und Thorn zusätzlich der Kreis Briesen gebildet. Die beiden Städte Graudenz und Thorn schieden im Jahre 1900 aus ihren Kreisen aus und wurden zu Stadtkreisen.
Das Deutsche Reich unterzeichnete am 28. Juni 1919 den Versailler Vertrag, der festlegte, dass ein großer Teil des Regierungsbezirks Marienwerder an Polen fiel. Dies betraf insbesondere die Stadt- und Landkreise Graudenz und Thorn sowie die Kreise Briesen, Konitz, Kulm, Löbau, Schwetz, Strasburg und Tuchel. Die im Westen des Regierungsbezirks gelegenen Kreise Deutsch Krone, Flatow und Schlochau verblieben größtenteils im Deutschen Reich und wurden durch eine Verfügung des preußischen Innenministers am 2. August 1919 vorbehaltlich einer späteren gesetzlichen Regelung der Regierungsstelle für den Verwaltungsbezirk Grenzmark Westpreußen-Posen in Schneidemühl unterstellt.[1] Der verbleibende Rest des Regierungsbezirks Marienwerder bestand dadurch zunächst nur noch aus den drei Kreisen Marienwerder, Rosenberg und Stuhm. Am 31. Oktober 1919 wurde durch eine Verfügung des preußischen Innenministers der bis dahin zum Regierungsbezirk Danzig gehörende Kreis Marienburg vorläufig dem Regierungsbezirk Marienwerder zugeteilt, der gleichzeitig vorläufig der Provinz Ostpreußen zugeordnet wurde.[2]
Am 17. Februar 1920 übernahm die „Interalliierte Kommissionen für die Verwaltung und Abstimmung“ die Verwaltungshoheit im Regierungsbezirk Marienwerder, der nunmehr als „Abstimmungsgebiet Marienwerder“ bezeichnet wurde. Bei der Volksabstimmung am 11. Juli 1920 votierten 92,4 % für den Verbleib des Gebiets im Deutschen Reich. Am 16. August 1920 erhielt das Deutsche Reich die volle Souveränität über den Regierungsbezirk Marienwerder zurück.
Am 28. November 1920 wurden auch die Stadt Elbing und der Landkreis Elbing, die bis 1919 zum Regierungsbezirk Danzig und dann vorübergehend zum Regierungsbezirk Königsberg gehört hatten, dem Regierungsbezirk Marienwerder unterstellt.[3] Dieser hatte nun den folgenden Umfang:[4]
Durch das Ostmark-Gesetz vom 21. Juli 1922 wurden alle seit 1919 angeordneten Gebietszuordnungen in eine endgültige Gesetzesform gebracht. Gleichzeitig wurde der Regierungsbezirk Marienwerder rückwirkend zum 1. Juli 1922 in Regierungsbezirk Westpreußen umbenannt.[5] Dieser ging 1939 nach dem Überfall auf Polen in einem neuen Regierungsbezirk Marienwerder im Reichsgau Danzig-Westpreußen auf. 1945 fiel das gesamte Gebiet an Polen.
Einwohnerentwicklung
| Jahr | Einwohner | Quelle |
|---|---|---|
| 1818 | 333.476 | [6] |
| 1820 | 379.062 | [7] |
| 1831 | 455.807 | [7] |
| 1837 | 499.001 | [7] |
| 1848 | 613.300 | [7] |
| 1871 | 789.599 | [8] |
| 1880 | 837.062 | [9] |
| 1890 | 844.530 | [10] |
| 1900 | 897.684 | [11] |
| 1910 | 960.855 | [12] |
Wirtschaft
Der Regierungsbezirk war landwirtschaftlich geprägt. Auch die Forstwirtschaft spielte eine Rolle. In nur geringem Umfang wurde Bergbau auf Braunkohle betrieben. Die Industrie konzentrierte sich auf die Verarbeitung von land- und forstwirtschaftlichen Produkten sowie die dazu notwendige Herstellung von Maschinen. Die Herstellung von Leinen wurde meist im Nebenerwerb betrieben. Vom Handel geprägt waren Thorn und Graudenz. Seit 1852 wurde das Gebiet von der preußischen Ostbahn erschlossen. Es folgten weitere Eisenbahnverbindungen. Die Weichsel diente als Wasserstraße.
Politik
Politisch waren Nationalliberale (26,3 %) und Konservativen (22,9 %) zu Beginn des Deutschen Kaiserreichs (1871) etwa gleich stark vertreten. Die stärkste politische Kraft waren indes die Polen, die im Reichstag und im preußischen Abgeordnetenhaus von der polnischen Fraktion vertreten wurden, mit 45,3 %. Als agrarischer Bezirk spielten die Sozialdemokraten keine Rolle. Daran hat sich bis 1912 kaum etwas geändert. Die Nationalliberalen konnten ihre Position weitgehend behaupten und kamen auf 20,7 %. Die Konservativen fielen ab auf unter 7 %, stattdessen kam die Freikonservative Partei auf 20,8 %. Noch immer machten die Polen mit 39,7 % die stärkste Kraft aus.
Regierungspräsidenten
- 1814–1823Theodor Gottlieb von Hippel der Jüngere (1775–1843)
- 1823–1825Johann Carl Rothe (1771–1853)
- 1825–1830Eduard von Flottwell (1786–1865)
- 1830–1850Jakob von Nordenflycht (1785–1854)
- 1850–1875Botho Heinrich zu Eulenburg (1804–1879)
- 1875–1881Adalbert von Flottwell (1829–1909)
- 1881–1891Christian Julius von Massenbach (1832–1904)
- 1891–1901Karl von Horn (1833–1911)
- 1901–1905Ernst von Jagow (1853–1930)
- 1905–1920Karl Schilling (1858–1931)
- 1920–1922Theodor von Baudissin (1874–1950)
Literatur
- Michael Rademacher: Provinz Westpreußen. Online-Material zur Dissertation, Osnabrück 2006. In: eirenicon.com.
- E. Jacobson: Topographisch-statistisches Handbuch für den Regierungsbezirk Marienwerder. Kasemann, Danzig 1868 (Digitalisat).
- Königlich Preußisches Statistisches Landesamt: Gemeindelexikon der Regierungsbezirke Allenstein, Danzig, Marienwerder, Posen, Bromberg und Oppeln. Auf Grund der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und anderer amtlicher Quellen. Berlin 1912, Heft III: Regierungsbezirk Marienwerder.
- Georg v. Hirschfeld: Die altgermanischen Bewohner des Regierungs-Bezirks Marienwerder seit 320 v. Chr., altgermanischer Kulturzustand, Agrar-Verfassung, fortificatorische Landesvertheidigung (befestigte Zufluchtstätten für Kriegsfälle), Wohnplätze, Wohnungs-Verhältnisse und Landwirthschaft der alten Germanen. Ein Beitrag zur altgermanischen Länder- und Kultur-Geschichte. In: Zeitschrift des Historischen Vereins für den Regierungsbezirk Marienwerder, Band 1, Marienwerder 1876, S. 10–46.
- Gustav Neumann: Geographie des Preußischen Staats. 2. Auflage, Band 2, Berlin 1874, Kap. I, 4. Abschn.: Der Regierungs-Bezirk Marienwerder, S. 46–58.
- Königliches Statistisches Bureau: Die Gemeinden und Gutsbezirke der Provinz Preussen und ihre Bevölkerung. Nach den Urmaterialien der allgemeinen Volkszählung vom 1. December 1871 bearbeitet und zusammengestellt. Berlin 1874, S. 398–505.
- Wilhelm Ernst August von Schlieben: Neuestes Gemälde der Preußischen Monarchie. Rudolph Sammer, Wien 1834, S. 277–288.
- Uebersicht der Bestandtheile und Verzeichniß aller Ortschaften des Marienwerderschen Regierungs-Bezirks. Königl. Westpr. Kantersche Hofbuchdruckerei, Marienwerder 1820 (Google Books).
Weblinks
- Eintrag auf hgisg-ekompendium (PDF; 24 kB)
- Wahlergebnisse für den Regierungsbezirk
- Regierungsbezirk Marienwerder Verwaltungsgeschichte und Liste der Regierungspräsidenten auf territorial.de (Rolf Jehke), Stand 22. Juli 2013.
Einzelnachweise
- ↑ Ministerial-Blatt für die preußische innere Verwaltung, 80. Jahrgang, Nr. 9, S. 354, Verfügung vom 2. August 1919, betr. Verwaltungsorganisation für die bei Deutschland verbleibenden Teile Posens und Westpreußens
- ↑ Ministerial-Blatt für die preußische innere Verwaltung, 80. Jahrgang, S. 463, Verfügung vom 31. Oktober 1919, betr. Verwaltung des westpreußischen Abstimmungsgebiets
- ↑ Ministerial-Blatt für die preußische innere Verwaltung, 81. Jahrgang 1920, Abschnitt 216: Verfügung vom 28. November 1920, betr. Verwaltungsorganisation für die bei Preußen verbleibenden Teile Westpreußens
- ↑ Handbuch für das Deutsche Reich 1922, S. 219
- ↑ Gesetz über die Neuordnung der kommunalen Verfassung und Verwaltung in der Ostmark vom 21. Juli 1922 (Preußische Gesetzsammlung, Nr. 28, S. 171–177 Digitalisat)
- ↑ Christian Gottfried Daniel Stein: Handbuch der Geographie und Statistik des preußischen Staats, Der Regierungsbezirk Königsberg, Vossische Buchhandlung, Berlin 1819, S. 306.
- ↑ a b c d Mittheilungen des Statistischen Bureau's in Berlin, Zweiter Jahrgang, (Einwohnerzahlen der Kreise), Hrsg. Carl Friedrich Dieterici, E. S. Mittler und Sohn, Berlin 1849, S. 296 ff.
- ↑ Die Gemeinden und Gutsbezirke der Provinz Preußen und ihre Bevölkerung 1871, Berlin 1874.
- ↑ Volkszählung 1880
- ↑ Volkszählung 1890
- ↑ Volkszählung 1900
- ↑ Volkszählung 1910