Rabbinisches Judentum
Das rabbinische Judentum (hebräisch יהדות רבנית Yahadut Rabanit) oder auch Rabbinische Zeit[1][2] war eine rabbinische Strömung, die sich nach der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels (70 n. Chr.) zur Hauptströmung des Judentums entwickelte und ab ca. 200 n. Chr. maßgeblich Ritus und Theologie prägte. Kennzeichnend für diese Bewegung ist zum einen die Anerkennung der Autorität weniger Rabbiner als maßgeblich für die Auslegung der heiligen Schriften und zum anderen die nach der Zerstörung des Tempels notwendige neue Kultordnung, die nicht mehr in der Opferung von Tieren, sondern im Feiern von Gebetsgottesdiensten besteht. Mit dem 11. Jahrhundert war die Verständigung über Inhalte und Umfang der Schriftkorpora grundsätzlich abgeschlossen und damit der Grundstein des gelebten Judentums gelegt.
Das rabbinische Judentum legt großen Wert auf die mündliche Tora und deren schriftliche Ausarbeitung im Midrasch, Tosefta und Talmud sowie auf die Interpretationen (Responsen, hebräisch שאלות ותשובות She’elot uTeshuvot, deutsch ‚Fragen und Antworten‘) und Empfehlungen durch die Rabbiner. Bis in das 2. nachchristliche Jahrhundert wurde die Halacha in den Lehrhäusern (hebräisch בתי מדרש Batei Midrasch) der Tempel- und der Jabnezeit nur mündlich an die nächsten Generationen weitervermittelt. Mit Rabbi Akiba ben Josef, der bis 135 n. Chr. wirkte, entstand eine gewisse Ordnungsstruktur innerhalb der Halacha. Unter Rabbi Jehuda ha-Nassi kam er schließlich zu abschließenden Verschriftlichung, durch ihn, als Endredakteur, die Halacha erfuhr ihre Niederschrift.[3] Mit der Verschriftlichung der mündlichen Lehre in der Mischna entwickelte sich die Auseinandersetzung um die halachischen Inhalte diskursiv weiter, so kam es in Zentren in Babylonien und Palästina zu weiteren Entwicklungen. In deren Folge, sich der Talmud, der die Mischna beinhaltet sowie diese kommentiert und weitere Erklärungen der mündlichen Lehre und Gesetzesentscheidungen aufnahm.[4]
Historische Voraussetzungen
Die Tempelopferpraxis, mit den Hohepriester war im antiken Jerusalem ein zentraler Bestandteil des jüdischen religiösen Lebens, insbesondere während der Zeit des Ersten und Zweiten Tempels. Sie drehte sich hauptsächlich um das Darbringen von Opfern als Teil des Gottesdienstes, wobei verschiedene Arten von Opfern zu unterschiedlichen Anlässen und aus verschiedenen Gründen dargebracht wurden. Die Opferpraxis war im Wesentlichen in der Tora (insbesondere im Wajikra (hebräisch וַיִּקְרָא wajjiqrāʾ) „Und er rief“, Dritten Buch Mose oder Levitikus) festgelegt. Das rabbinische Judentum ersetzte das tempelzentrierte Opferjudentum mit dem Zentrum Jerusalem. Die spirituelle Autorität ging von den Kohanim[5] auf die Rabbanim über. Die religiöse Praxis basierte nicht mehr auf das Opfern i. e. S. sondern auf Gebet und Studium der Tora. Während im tempelzentrierten Opferjudentum die zentrale Kultstätte und die Opfer dazu dienten, Gott zu ehren, den Bund zwischen Gott und dem Volk Israel zu stärken und zu erneuern sowie die ‚göttliche Gegenwart‘ (Schechina[6]) im täglichen Leben zu erfahren – und damit die Verbindung zu Gott aufrechtzuerhalten und zu vertiefen –, betonen Strömungen im rabbinischen Judentum die Hoffnung auf einen zukünftigen Messias, der den Tempel wieder aufbauen und das Opferwesen wiederherstellen könnte. In der Zwischenzeit hat sich das Judentum aber ohne Tempel weiterentwickelt.[7] Der Zeitraum von der Zerstörung des Tempels (70 n. Chr.) bis zur Konsolidierung der rabbinischen Literatur und der Kodifizierung des Talmuds im 6. Jahrhundert stellte den Kern dieser Transformation dar.
Die als „rabbinische Zeit“ bezeichneten Epochen[8] umfassen die ersten nachchristlichen Jahrhunderte, obgleich das rabbinische Judentum wahrscheinlich erst ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. zur normativen Geltung kam. Unmittelbar nach der Zerstörung Jerusalems verlagerte sich das religiöse Zentrum unter der Führung von Jochanan ben Sakkai nach Jabne. Nach dem gescheiterten Bar-Kochba-Aufstand gegen die römische Besatzung, zwischen 132 bis 135 n. Chr. und dem anschließenden Verbot für Juden, Jerusalem zu betreten, verlagerte sich das „rabbinische Zentrum“ weiter nach Galiläa. Dort wurde um 200 n. Chr. durch Jehuda ha-Nasi mit der Mischna das grundlegende religionsgesetzliche Werk des Judentums redigiert. Auf dieser Grundlage entstanden im 5. Jahrhundert n. Chr. der Jerusalemer Talmud sowie dann etwas später, im Sassanidenreich, der für das Judentum maßgeblichere Babylonische Talmud. Diese Prozesse der Verschriftlichung fallen zeitlich in etwa mit der Kodifikation christlich-römischer Rechtstexte wie dem Codex Theodosianus und dem Codex Iustinianus zusammen, die zugleich antijüdische Gesetzgebungen und Eingriffe in die jüdische Religionspraxis festschrieben.[9]
Religionsgeschichtlich war die rabbinische Epoche durch einen weitgehenden Rückzug aus dem politischen Raum geprägt. Die direkte Kontrolle über Tempel und Opferwesen („Tempelherrschaft“) fiel weg, und die Autorität verlagerte sich zunehmend vom kultischen Opferwesen hin zum Studium von Tora und Halacha. Der Versuch des Kaisers Julius Flavius Claudius Iulianus, besser bekannt als Julian Apostata, zum Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr., den Jerusalemer Tempel wiederaufzubauen, blieb ohne Erfolg.
Die Zeit der Konsolidierung
Die Zerstörung des zweiten Tempels im Jahr 70 war ein tiefgreifender Einschnitt in die jüdische Geschichte,[10] so dass an dieser Stelle, trotz der nicht sofort sichtbaren Änderungen innerhalb des Judentums, die Geschichte des rabbinischen Judentums sowohl in der Selbst- als auch in der Fremddarstellung beginnt. Die Zerstörung bewirkte zwei Dinge, die eine Neuorientierung des Judentums notwendig machten: Zum einen wurde der bis dahin vorhandene Zentralpunkt des Kults zerstört und damit auf der einen Seite die Legitimation bestimmter Gruppen, beispielsweise der bisherigen Priester oder der Sadduzäer, und auf der anderen Seite auch eine Neuordnung des kultischen Lebens notwendig. Bis in das Jahr 70 war der gesamte Kult des Judentums, legitimiert durch die alttestamentliche Theologie, auf den Tempel und auf Jerusalem ausgerichtet. Die zweite maßgebliche Änderung betrifft die politische Ebene: Zwar war schon nach dem Tod des Herodes die Verwaltung von Judäa von Rom aus organisiert worden. Nach der Niederlage wurde jedoch Jerusalem, im Gegensatz zu Caesarea Maritima, nun Haupttruppenstützpunkt der römischen Truppen. Hinzu kam, dass im Krieg etwa ein Drittel aller Juden (ca. 1,1 Millionen) getötet worden waren und darüber hinaus der gesamte Landbesitz der Juden an Rom überging.[11] Die rabbinische Tradition schreibt Jochanan ben Sakkai die Initiierung der nun eintretenden Neuorientierung zu.
Jochanan ben Sakkai und das Zentrum Jabne
Im Jahr 70 ließ sich, der Tradition nach, Jochanan ben Sakkai in einem Sarg aus Jerusalem schmuggeln und gründete in Jabne ein jüdisches Lehrhaus,[12] das den Grundstein für die rabbinische Theologie legte. Die überlieferten Schriften lassen aus heutiger Sicht keine scharfe Trennung zwischen Legende und Geschichte mehr zu, allerdings ist es unumstritten, dass ben Sakkai zahlreiche Männer um sich scharte, die aus allen vor der Zerstörung des Tempels wichtigen Gruppen innerhalb des Judentums bestanden: Priester, Schriftgelehrte. Zudem weitere Personen, die sich darum bemühten jüdisches Leben ohne Tempel nun neu zu denken.[13] Der Überlieferung gemäß beschäftigten sich er und die anderen frühen Rabbiner vor allem mit Fragen von Ritus und Liturgie, die nun ohne Tempel neu gestaltet werden mussten. Allerdings kann eine Prägung des zeitgenössischen Judentums nicht nachgewiesen werden. Die eigentliche Bedeutung der Schriften aus dieser Zeit wurde erst in der Rückschau deutlich.[13]
Ab dem Jahr 80 übernahm Gamaliel II. die Führungsrolle in der Jabne-Gruppe, was verschiedene Konsequenzen hatte: Zum einen hatte Gamaliel durch Herkunft eine bessere Stellung innerhalb des Judentums und zum zweiten haftete an ihm nicht der Makel der Flucht aus Jerusalem. Darüber hinaus sind auch ab dieser Zeit verschiedene Versuche nachweisbar, das Verhältnis zwischen den Juden und den Römern zu bessern, beispielsweise durch Besuche in Syrien oder durch eine halbwegs offizielle Gesandtschaft nach Rom.[14]
Der Bar-Kochba-Aufstand
Durch die Niederschlagung des Aufstands im Jahr 135 wurden die Juden ähnlich beeinflusst, wie schon nach dem Ende des ersten jüdisch-römischen Krieges im Jahre 70 n. Chr. Neben den großen Verlusten haben die Römer allerdings dieses Mal den Juden außerdem den Zugang zu Jerusalem verboten und über den Trümmern des zweiten Tempels eine Jupiterstatue errichtet.[15] Als einprägende Neuerung ist dieses Mal festzustellen, dass viele Juden in das benachbarte Syrien in die Diaspora zogen, was zum einen den Effekt hatte, dass die Rabbiner eine ausgeprägte Theologie der Vorzüge Israels entwickelten, und zum anderen, dass die Juden nun in Judäa eine Minderheit waren, so dass sich das Zentrum des jüdischen Lebens nach Galiläa verlagerte, wo sie immer noch in der Mehrheit waren.
Neuanfang in Uscha
Da Jabne als Ort im nun verwaisten Judäa als Zentrum jüdischen Lebens nicht mehr geeignet war, wurde Uscha in Galiläa der neue Ort des rabbinischen Judentums. Die Neuanfänge orientierten sich zunächst an den Arbeiten von Jabne; insbesondere wurde versucht, das Verhältnis zu Rom zu verbessern. Die wichtigste inhaltliche Neuerung aus dieser Frühphase ist die Festlegung der mündlichen Tora (Mischna).
Das Judentum im christlichen Umfeld
Ein weiterer großer Einschnitt für das Judentum war das Aufkommen des Christentums, zunächst in der Jerusalemer Urgemeinde, dann in Ländern des Orients und Ostafrikas, gefolgt vom Römischen Reich und später in ganz Europa und darüber hinaus. Ab dem 4. Jahrhundert erfolgte unter Konstantin eine Wende in der römischen Religionspolitik, die eine Privilegierung des Christentums zur Folge hatte. Neben den allgemeinen Folgen ist hier vor allem erwähnenswert, dass Christen sich in Palästina und besonders in der Küstenregion ausbreiteten. Hinzu kam ein ausgeprägtes christliches Pilgerwesen in die Stätten des Urchristentums.[16] In diesem Zusammenhang wurden Kirchen in Bethlehem (Geburtskirche) und Jerusalem (Grabeskirche) errichtet. Zwar ergab sich dadurch ein wirtschaftlicher Aufschwung, allerdings hatte diese Entwicklung auch zur Folge, dass die Juden mehr und mehr Fremde im eigenen Land wurden.[17][18][19]
Die Entstehung der mündlichen Tora
Bereits seit dem babylonischen Exil wird eine Auslegung der Tora durch Schriftgelehrte angenommen (siehe dazu Esra 7,10 ),[20] die die Theologie des Judentums maßgeblich bestimmte. Nach der Zerstörung des Tempels wurde diese Literaturgattung wichtiger, so dass ab ca. 220 eine anerkannte und verbindliche Form vorlag.
Übersicht und Gegenüberstellung, Zeitleiste
Das „rabbinische Judentum“ stellt keine bloße Fortsetzung des „vor-rabbinischen Judentums“ dar, sondern eine grundlegende Transformation seiner religiösen Praxis, seiner Autoritätsstrukturen und seines narrativen Selbstverständnisses. Religiöse Transformation vollzieht sich wesentlich als narrative Transformation: Die zentralen Ereignisse, Symbole und Texte der Tradition bleiben präsent, werden jedoch in neue Deutungszusammenhänge eingebettet und anders erzählt.[21]
In den entstandenen Jeschiwot wurde der Verlust des Tempels nicht nur kompensiert, sondern in eine neue religiöse Ordnung übersetzt, in der Studium, Auslegung und Lehrtradition zu tragenden Säulen jüdischer Identität wurden. Nach dem Verlust des Tempels entstand ein institutionelles Vakuum. Die Jeschiwa füllte dieses, indem sie, den Tempel als Zentrum religiöser Autorität funktional ersetzte, religiöse Legitimität nicht mehr an Kult oder Abstammung, sondern an Lernpraxis band und eine reproduzierbare Elite schuf, Gelehrte statt Priester.[22]
Diese, auch als „rabbinische Akademien“ bezeichneten Versammlungsorte, lassen sich grundsätzlich mit Jeschiwot gleichsetzen, wobei der Ausdruck „rabbinische Akademie“ vor allem die historisch zentralen Jeschiwot der klassischen rabbinischen Zeit bezeichnen, die eine überregionale Bedeutung und zentrale Rolle für das gesamte Judentum einnahmen. Unter den rabbinischen Akademien wird die zentralen Lehr- und Studienzentren des rabbinischen Judentums verstanden, die nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n. Chr. entstanden. In ihnen studierten Rabbinen die Tora und die mündliche Überlieferung, legten religiöse Texte aus und entwickelten verbindliche religiöse Vorschriften[23] für das jüdische Leben. Während im vor-rabbinischen Judentum verschiedene, oft kultisch gebundene Auslegungstraditionen nebeneinanderstanden, entwickelte das rabbinische Judentum eine systematische, diskursive und schriftlich fixierte Form der Tora-Interpretation. Die Halacha ist der aus der Tora entwickelte jüdische Gesetzeskorpus. Besonders bedeutend waren die Akademien in Palästina sowie später in Babylonien[24] (Exilarch), etwa in Sura und Pumbedita, wo der Babylonische Talmud entstand.[25] Diese Akademien prägten das Judentum über Jahrhunderte hinweg und bildeten bis zu ihrem Niedergang um 1040 die geistigen Zentren des klassischen rabbinischen Judentums.
Klassisches und rabbinisches Judentum
Zur Begriffsbestimmung und Unterscheidung zwischen dem „früheren klassischen Judentum“ und „späteren rabbinische Judentum“, lässt sich definieren: Unter klassischem Judentum versteht man jene früh-rabbinische Epoche, in der sich die normativen Grundlagen des rabbinischen Judentums herausbildeten. Damit ist mit dem „klassischen Judentum“ jener Teil des „rabbinischen Judentums“, englisch Rabbinic Judaism zu verstehen, der sich als dessen formative und normative Grundphase zeigt, auf die sich das spätere rabbinische Judentum in kontinuierlicher Auslegung bezieht. In der englischsprachigen Forschung ist englisch Classical Judaism spätestens seit Jacob Neusner[26] ein gängiger Terminus, den Günter Stemberger[27] übernimmt und präzisiert ihn für den deutschsprachigen Diskurs aufbereitet hat. Stemberger versteht die Entstehung des klassischen Judentums als einen nicht-linearen historischen Prozess, der von konkurrierenden Akteuren und verflochtenen religiösen, sozialen und politischen Faktoren geprägt war und erst durch spätere narrative Verdichtungen als einheitliche Entwicklung erscheint.[28]
Tabellarische Übersicht
Das vor-rabbinische Judentum, in der Forschung meist als englisch Second Temple Judaism bezeichnet, umfasst die religiösen Ausprägungen des Judentums von der Einweihung des Zweiten Tempels (516 v. Chr.) bis zu dessen Zerstörung durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. Diese Epoche war geprägt von der zentralen Bedeutung des Jerusalemer Tempels, vom Opferkult sowie von einem ausgeprägten innerjüdischen Pluralismus in der Auslegung der Tora.[31] Religiöse Autorität lag vor allem bei der priesterlichen Elite, während verschiedene Gruppen wie Pharisäer[32], Sadduzäer und Essener konkurrierende theologische Positionen vertraten.[33][34]
Das rabbinische Judentum, englisch Rabbinic Judaism, entwickelte sich nach 70 n. Chr., insbesondere im 2. und 3. Jahrhundert, aus dem klassischen Judentum englisch Classical Judaism, als Reaktion auf den Verlust des Tempels und die veränderten politischen Bedingungen unter römischer Herrschaft.[35] In dieser Phase kam es zu einer grundlegenden Transformation religiöser Praxis: Der Opferkult wurde durch Gebet, Torastudium und die Befolgung der Gebote ersetzt, und religiöse Autorität verlagerte sich von der priesterlichen Abstammung hin zur gelehrten Auslegung. Mit der Redaktion der Mischna um 200 n. Chr. und der späteren Ausformung des Talmuds erhielt das Judentum eine dauerhafte, textbasierte Struktur, die seine Entwicklung bis in die Gegenwart bestimmt.
Dabei war das hellenistische Judentum[36][37] keine direkte Vorstufe des rabbinischen Judentums[38][39]. Es bildete jedoch einen entscheidenden kulturellen und intellektuellen Bezugsrahmen („Resonanzraum“), an dem sich das rabbinische Judentum bewusst profilierte. In Abgrenzung zu den hellenistischen Tendenzen – wie der allegorischen Bibelauslegung, der Rezeption griechischer Philosophie und dem stärkeren Universalismus – entwickelte das rabbinische Judentum seine eigene Identität: die Betonung der hebräischen Sprache, der konkreten Gebotspraxis und der halachischen Diskussionen.[40]
| Bereich | Vorrabbinisches Judentum, (englisch Second Temple Judaism / Early Judaism) | Rabbinisches Judentum, (englisch Rabbinic Judaism) mit dem klassischen Judentum, (englisch Classical Judaism) vorausgehend |
|---|---|---|
| Zeitraum | ca. 516 v. Chr. bis 70 n. Chr. | ab 70 n. Chr. |
| Religiöses Zentrum | Tempel in Jerusalem und passagere Höhenheiligtümer (bamot) | Tora, Synagoge, Lehrhaus |
| Kult/Praxis | Opferkult, Pilgerfeste | Gebet, Torastudium, Mizwot |
| Primärer Kultort | Tempel in Jerusalem setzt sich als einziges Heiligtum durch, zentral | Beth Midrasch / lokale Synagoge, dezentral |
| Religiöse Autorität, Schriftgelehrte | Priester, Hohepriester, Tempelaristokratie | Rabbiner, Schriftgelehrte |
| Legitimation von Autorität | Priester (Aaroniten, Kohanim), Genealogisch | Rabbiner, Gelehrsamkeit und Auslegung, Meritokratisch (Lernen) |
| Gottesdienst | Opfer (Korbanot), Wallfahrten, kultische Reinheit | Gebet (hebräisch עֲבוֹדָה שֶׁבַּלֵּב Avodah shebalev, deutsch ‚Dienst des Herzens‘), regelmäßige Liturgie, ethisch-rituelle Praxis |
| Kultischer Fokus | Reinheit, Opferdienst | Alltag, Ethik, Praxis |
| Textverständnis | Tora als Gesetzeskorpus, fixierte Praxis | Tora als Auslegungstradition, kontinuierliche Diskussion |
| Schrifttradition | Schriftliche Tora bzw. Torot (Varianten) | Schriftliche (Mischna) und mündliche Tora, Talmud |
| Offenbarungsverständnis | Einmalig (Sinai → Kult) | Fortdauernd (Studium und Auslegung) |
| Hermeneutik | begrenzt, kultisch | Midrasch, PaRDeS |
| Umgang mit Kontroversen | Sektarisch (Sadduzäer, Pharisäer, Essener, Qumran) | Machloket (Elu ve-elu[41]) |
| Kollektive Konfliktbewertung | Bedrohung der Einheit | Methode der Wahrheitsfindung |
| (Halachisches) Rechtssystem | tempelgebunden, Ritual dominiert | Halacha (dynamisch), Alltag und Ethik |
| Rechtsentwicklung | statisch | adaptiv, responsiv |
| Orte religiösen Lebens | zunehmend Zentral (Jerusalem) | Dezentral (Diaspora) |
| Ökonomie | Tempelwirtschaft, Opfer, Zehnten, Weihegaben | Römische Oberaufsicht, Steuereinzug; Mehrbelastung: Tempelabgaben + römische Steuern (Fiscus Judaicus, Capitatio-Iugatio) |
| Zeitverständnis | Zyklisch (Festkalender) | Historisch-interpretativ |
| Lernform | Instruktion | Dialog (Chavruta) |
| Ziel religiöser Praxis | Kultische Ordnung | Heiligung des Alltags |
| Überlebensfähigkeit | an zentralem Tempel gebunden | orts- und zeitunabhängig |
| Historische Zäsur | Zerstörung des Tempels | Kontinuität trotz Bruchs |
Siehe auch
Literatur
- Pnina Navè-Levinson: Einführung in die rabbinische Theologie. WBT, Darmstadt 1993, ISBN 3-534-08558-2.
- Markus Sasse: Geschichte Israels in der Zeit des zweiten Tempels. Neukirchen 2004.
- Günter Stemberger: Das klassische Judentum – Kultur und Geschichte der rabbinischen Zeit. Erstdruck München 1979, 1. vollständig bearbeitete und aktualisierte Auflage, Auflage 2009, ISBN 978-3-406-58403-9.
- Heft Rabbinisches Judentum (3/2023) der Zeitschrift Welt und Umwelt der Bibel.
- Lawrence H. Schiffman: Understanding Second Temple and Rabbinic Judaism. KTAV Publishing House, 2003
- Lester L. Grabbe: An Introduction to Second Temple Judaism: History and Religion of the Jews in the Time of Nehemiah, the Maccabees, Hillel, and Jesus. A&C Black, 2010
- Jacob Neusner: The Four Stages of Rabbinic Judaism. Taylor & Francis, 2002
- Jacob Neusner: Rabbinic Judaism. The Theological System. Brill, 2003, ISBN 978-0-391-04179-0
- Friedrich Avemarie: Neues Testament und frührabbinisches Judentum. Gesammelte Aufsätze, herausgegeben von Jörg Frey und Angela Standhartinger. (= Band 316, Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament, WUNT I), Mohr Siebeck, Tübingen 2013, ISBN 978-3-16-152600-8
- Meir Bar-Ilan, Günter Stemberger, Andreas Lehnardt, Ronen Reichman, Vladislav Mitushenkov, Shlomo Pick, Dagmar Börner-Klein, Diana Sprick, Carsten Wilke, Doron Rabinovici: Zur rabbinischen Literatur. Historische und sozialgeschichtliche Studien. (= Band 151, Trumah), Auflage, 2006; Zeitschrift der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg.
Weblinks
- Feminist Sexual Ethics Project Introduction – Rabbinic Judaism. Terminology for Rabbinic Literature; Glossar (brandeis.edu PDF)
- Rabbinic Jewish Period of Talmud Development (70-500 CE) – (jewishvirtuallibrary.org)
Einzelnachweise und Anmerkungen
- ↑ Rabbinische Zeit. In: Glossar: Grundbegriffe im Judentum http://israel-information.net/glossar/. Abgerufen am 30. Juli 2018.
- ↑ René Bloch: Antikes Judentum. (PDF) In: swissjews.ch. SIG Factsheet, 1. September 2009, abgerufen am 30. April 2018.
- ↑ Shmuel Safrai: Das Zeitalter der Mischna und des Talmuds (70-640). In: Haim Hillel Ben-Sasson (Hrsg.): Geschichte des jüdischen Volkes. 3 Bände, C.H. Beck, München 1995, S. 417
- ↑ Leo Trepp: Die Juden – Volk, Geschichte, Religion. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1992, S. 34 f
- ↑ Martin Goodman: Die Geschichte des Judentums. Glaube, Kult, Gesellschaft. Klett-Cotta, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-96469-1, S. 93 f.
- ↑ Kaufmann Kohler, Ludwig Blau: Shekinah (; lit. "the dwelling"). Jewish Encyclopedia (jewishencyclopedia.com).
- ↑ Armin Sacher: Der Fall des zweiten Tempels. Die Auswirkungen der Tempelzerstörung auf das palästinensische Judentum. aventinus varia Nr. 14 (Sommer 2008) aventinus-online.de
- ↑ Die rabbinischen Epochen des Judentums erstreckten sich über mehrere Jahrhunderte. Sie lassen sich in unterschiedliche Generationen und Autoritätsschichten unterteilen. Die Tannaiten (ca. 10–200 n. Chr.) gelten als Verfasser der Mischna und prägen die frühe rabbinische Halacha. Auf sie folgen die Amoraim (ca. 200–500 n. Chr.), die die Mischna in der Gemara kommentieren und so die Grundlage des Talmuds legen. Anschließend stehen die Savoraim (ca. 500–600 n. Chr.), die den Talmud redigieren und fertigstellen. In der mittelalterlichen Phase treten die Geonim (ca. 600–1050 n. Chr.) als Leiter der babylonischen Akademien hervor, die über die rabbinische Gesetzesinterpretation wachen. Auf diese Zeit folgen die Rischonim (ca. 1050–1500), mittelalterliche Gelehrte und Kommentatoren, die unter anderem die Entwicklung der Kabbala in Spanien begleiten. Gemeinsam bilden diese Gruppen die rabbinische Literaturtradition, die zentrale Texte, Lehren und Autoritäten des Judentums über viele Jahrhunderte hinweg bewahrt und weiterentwickelt hat.
- ↑ René Bloch: Antikes Judentum. Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund SIG, 2009, auf swissjews.ch [1] Abschnitt: „Rabbinische Zeit“
- ↑ Günter Stemberger: Das klassische Judentum: Kultur und Geschichte der rabbinischen Zeit, Verlag C.H.Beck 2009, S. 16
- ↑ Günter Stemberger: Das klassische Judentum, S. 16
- ↑ Klagelieder Rabba zu Klgl 1,5; Babylonischer Talmud Gittin 56ab; Avot de-Rabbi Nathan A 4; Avot de-Rabbi Nathan B 6.
- ↑ a b Günter Stemberger: Das klassische Judentum, S. 18
- ↑ Günter Stemberger: Das klassische Judentum, S. 19
- ↑ Günter Stemberger: Das klassische Judentum., S. 22
- ↑ Günter Stemberger, Das klassische Judentum, S. 29
- ↑ Günter Stemberger, Das klassische Judentum, S. 29f.
- ↑ Karl Löning: Das Frühjudentum als religionsgeschichtlicher Kontext des Neuen Testaments. In: Hubert Frankemölle (Hrsg.): Lebendige Welt Jesu und des Neuen Testaments. Eine Entdeckungsreise. Herder, Freiburg im Breisgau 2000, ISBN 3-451-26898-1, S. 48–68 (uni-tuebingen.de).
- ↑ Wolfgang Grünstäudl, Matthew Thiessen, Michal Bar-Asher Siegal (Hrsg.): Perceiving the Other in Ancient Judaism and Early Christianity. (= Band 394, Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament (WUNT I), Mohr Siebeck, Tübingen 2017, ISBN 978-3-16-155510-7.
- ↑ Pnina Navè-Levinson, rabbinische Theologie, S. 1.
- ↑ René Bloch: Antikes Judentum. Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund SIG, 2009, auf swissjews.ch [2] Abschnitt: „Rabbinische Zeit“
- ↑ Martin Goodman: Die Geschichte des Judentums. Glaube, Kult, Gesellschaft. Klett-Cotta, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-96469-1, S. 93–102.
- ↑ Paul Weinheimer: „Rechtsspruch statt Rechtsbruch“ – Die Geschichte des jüdischen Rechts anhand ihrer Epochen und Quellen. Institut für Israelogie, 26. Februar 2021 (israelogie.de).
- ↑ in der Spätantike dann gefolgt durch die Kalifate, dem Umayyaden-Kalifat und dem Abbasiden-Kalifat; aus jüdischer Sicht ist es die Epoche der Geonim
- ↑ Annette Boeckler: 26 Jahrhunderte jüdisches Leben zwischen Euphrat und Tigris. Das Judentum entsteht im Babylonischen Exil. Welt und Umwelt der Bibel, 3/2005, S. 48–53 (weltundumweltderbibel.de PDF).
- ↑ Jacob Neusner: Classical Judaism: Torah, Learning, Virtue. An Anthology of the Mishnah, Talmud, and Midrash. Band 1. Torah, Peter Lang, Frankfurt am Main 1993, ISBN 978-3-631-45061-1
- ↑ Günter Stemberger: Das klassische Judentum. Kultur und Geschichte der rabbinischen Zeit. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58403-9, S. 11 f.
- ↑ Günter Stemberger: Das klassische Judentum. Kultur und Geschichte der rabbinischen Zeit. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58403-9, S. 12
- ↑ Die Einteilung der Ären geht auf Abraham ibn Daud zurück. Er benannte, in seinem um 1160 bis 1161 verfassten Werk Sefer ha-Qabbalah (hebräisch ספר הקבלה ‚Buch der Tradition‘, frühere Generationen von Rabbinern und setzt sie in eine chronologische Folge, aber er legt keine explizit definierte, systematische Einteilung in tannaitische oder amoraische Perioden wie spätere Geschichtsschreiber oder Gelehrte an. Sein Werk bleibt ein vor-wissenschaftliches, narrativ-polemisches Historiogramm mit teilweise legendären Elementen.
- ↑ Günter Stemberger: Das klassische Judentum. Kultur und Geschichte der rabbinischen Zeit. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58403-9, S. 13.
- ↑ Martin Goodman: Die Geschichte des Judentums. Glaube, Kult, Gesellschaft. Klett-Cotta, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-96469-1, S. 77–102.
- ↑ Jonathan Junge: Kurz erklärt: Wer waren die Pharisäer? Institut für Israelogie, 7. März 2023 (israelogie.de).
- ↑ Eliezer Diamond: A Brief History of Torah Study. The Rabbinical Assembly, rabbinicalassembly.org Abschnitt: „Torah Study Through the Ages“
- ↑ Ariel Feldman, Timothy J. Sandoval (Hrsg.): Torah in Early Jewish Imaginations. (= Band 171, Forschungen Zum Alten Testament), Mohr Siebeck, Tübingen 2023, ISBN 978-3-16-162664-7.
- ↑ Josef Kastein: Rom und Jerusalem: Macht gegen Gerechtigkeit. Aus dem III. Teil „Das bewegliche Zentrum“, von Josef Kasteins (Julius Katzenstein): Eine Geschichte der Juden. Löwit, Wien / Jerusalem 1938, Jüdisches Leben in Deutschland, Textauszug auf judentum.hagalil.com [3]
- ↑ Stefan Krauter: Hellenistisches Judentum. Korrespondenzblatt Nr. 6 Juni 2019, S. 140, auf ub01.uni-tuebingen.de S. 142
- ↑ siehe hierzu Sadduzäer
- ↑ siehe hierzu Pharisäer
- ↑ Bastiaan D. van der Velden: Sadduzäer, Pharisäer und das Gesetz. Der Streit zwischen schriftlicher und mündlicher Tradition. Pázmány Law Review V. 2017, S. 67–74, auf publikacio.ppke.hu publikacio.ppke.hu S. 71
- ↑ Martin Ebner: Wo findet die Weisheit ihren Ort? Weisheitskonzepte in Konkurrenz. In: Martin Fassnacht, Andreas Leinhäupl-Wilke, Stefan Lücking (Hrsg.): Die Weisheit - Ursprünge und Rezeption (FS K. Löning). (= Neutestamentliche Abhandlungen. Neue Folge 44), Aschendorff, Münster 2003, ISBN 978-3-402-04792-7, S. 79–103, hier S. 81 f. (d-nb.info).
- ↑ „Elu ve-elu“ (hebräisch אלו ואלו) ist ein hebräischer Ausdruck aus dem Talmud (Eruvin 13b), der bedeutet: „Diese und jene sind die Worte des lebendigen Gottes (…)“ und das Prinzip anerkennt, dass widersprüchliche rabbinische Meinungen (Machloket) beide gültig sein können, was Vielfalt und Kreativität im Judentum fördert.
- ↑ Karl Erich Grözinger: Jüdisches Denken. Theologie, Philosophie, Mystik. Vom Gott Abrahams zum Gott des Aristoteles. Band 1, Campus, Frankfurt am Main / New York, ISBN 978-3-593-37512-0.
- ↑ Günter Stemberger: Das klassische Judentum: Kultur und Geschichte der rabbinischen Zeit. (Beck'sche Reihe), H. C. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58403-9.