Geschichte der Juden in der Spätantike

Die Geschichte der Juden in der Spätantike umfasst die Zeit von der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels (70 n. Chr.) bis zur Eroberung Palästinas durch die islamische Expansion (630–640).

In diese Epoche fällt die Kanonisierung des Tanach, der hebräischen Bibel (um ~100), die Vertreibung der meisten palästinischen Juden aus ihrem Stammland (136) und die Sammlung und Verschriftung der jüdischen Lehrtraditionen in Mischna und Talmud (bis ~500). Damit entstand das Rabbinische Judentum in der Auseinandersetzung mit dem Christentum und unter den Bedingungen der jüdischen Diaspora im Perserreich und im Römischen Reich.

Ausgangslage

Seit dem Ende des Nordreichs Israel (722/720 v. Chr.) und dem babylonischen Exil (586–539 v. Chr.) hatten aus der Region Israel verschleppte, vertriebene oder geflohene Juden Gemeinden in vielen Metropolen des Orients und im Mittelmeerraum gebildet. Sie waren durch Zuzug von Juden und Übertritte von Nichtjuden ins Judentum (Proselyten) gewachsen. Große jüdische Gemeinden im ersten Jahrhundert bestanden in Babylon, Antiochia am Orontes, Alexandria und Rom. Für diese jüdische Diaspora ebenso wie für die Juden in Israel war der zweite Jerusalemer Tempel das gemeinsame religiöse Zentrum. Er war Schauplatz für hohe jüdische Feste, Ziel von Festpilgern und Amtssitz der Hohenpriester als führender Autoritäten des Judentums. Die Tempelzerstörung durch die Römer im Jahr 70 beendete diese Periode, entzog dem Judentum seinen Mittelpunkt und zwang es zu einer nachhaltigen Neuorientierung.

Entstehung des rabbinischen Judentums

Javne

Der Pharisäer Jochanan ben Sakkai hatte die römische Zerstörung Jerusalems überlebt. Die spätere Legende, er habe sich in einem Sarg aus der belagerten Stadt schmuggeln lassen, zeigte eine damalige Überlebensstrategie palästinischer Juden: Sie stellten sich angesichts römischer Übermacht tot und beanspruchten keine politische Macht für das Judentum, sondern versuchten, dessen geistig-theologische Tradition zu bewahren. Joachanan konnte ab 70 in Javne ein Lehrhaus (Beth Hamidrasch) gründen.[1][2]

Jochanan soll nach talmudischen Traditionen als jüngster Schüler Hillels um 40 die Leitung der Tannaiten (der gemäßigten Pharisäer) gewonnen haben. Sie erlaubten ihm, das Lehrhaus in Javne zu gründen. Dort wurde der von den Römer aufgelöste Sanhedrin, der oberste jüdische Gerichtshof, neu gegründet. Damit wurde das Lehrhaus Javne nach dem Machtverlust der Jerusalemer Sadduzäer zum neuen Zentrum des Judentums. So wahrte Jochanan die Kontinuität der gesamtisraelitischen Rechtsprechung. Mit Hilfe der kultkritischen Prophetie des Amos und Hosea versuchte er seine Mitjuden zu überzeugen, dass das Ende des Tempelkults nicht das Ende des Judentums bedeute. Er vereinfachte die Halacha (die geltenden Religionsvorschriften), um sie unter den veränderten Bedingungen erfüllbar zu machen, und führte neue Riten anstelle der nicht mehr praktizierbaren Wallfahrtsfeste ein. Die früher durch Opfer im Zentralheiligtum erwirkte Versöhnung mit Gott wurde durch die Heiligung des Alltagslebens abgelöst. Indem alle Gemeindeglieder etwa das rituelle Händewaschen vor dem Essen übernahmen, konnten Gottesdienste auch ohne Mitwirkung der Priester stattfinden. Sakkai verschärfte deren Zugangsvoraussetzungen, so dass sie ihre herrschende Stellung für den jüdischen Gottesdienst einbüßten. Andererseits durften sie nun auch in den Synagogen dienen, wobei Sakkai ihre Aufgabe auf das Sprechen des Aaronitischen Segens begrenzte. Damit erreichte er die Führung der gemäßigten Pharisäer über die übrigen jüdischen Richtungen.

Mit Javne behielt das palästinische Judentum nach 70 zunächst seine Führungsrolle. Vor allem Jochanans Nachfolger Gamaliel II. setzte das dortige Lehrhaus als Zentrum des ganzen Judentums durch. Um die Funktionen des Tempelkults zu ersetzen, traf der neue Sanhedrin wichtige Entscheidungen für die Einheit des jüdischen Volkes. Er legte unter anderem fest, den jüdischen Kalender und jüdische Feste nach dem Neumond (hebräisch רֹֹאשׁ חֹדֶשׁ rōʾš ḥōdæš, deutsch Rosch Chodesch) zu datieren, damit alle Juden diese Feste gleichzeitig feiern konnten. Er führte Tagesgebete und Festtagsriten ein, etwa die Pessach-Haggada anstelle des bisherigen Tempelopfers beim Pessach.[3]

Unter Gamaliel hießen die Lehrer von Javne zugleich „Fürsten“ (hebr. nasi) und waren damit Vertreter des ganzen jüdischen Volkes gegenüber den Römern.[4] Die Aufnahme des „Ketzerfluchs“ in das tägliche AchtzehnbittengebetDen Verleumdern sei keine Hoffnung, und alle Böswilligen mögen in einem Moment zugrunde gehen! – richtete sich unter anderem gegen das aufsteigende Christentum. Diese Maßnahme war als Notwehr gegen das von inneren Zerreißproben und äußerer Verfolgung bedrohte Judentum gedacht: Um als Juden zu überleben, wurde eine strenge Ausgrenzung aller Andersgläubigen für notwendig erachtet. Zugleich blieben die Pharisäer jener Zeit offen für die Völkermission.

Gamaliel war seinen Anhängern jedoch zu gemäßigt; er wurde durch einen Nachfahren Esras, den jungen Eleasar ben Asarja, zeitweise verdrängt. Dieser führte priesterliche Traditionen wieder ein und stärkte damit restaurative Tendenzen und erneute Hoffnungen der Juden auf nationale Befreiung von der Fremdherrschaft. In diese Zeit fallen Lehrauseinandersetzungen zwischen den Schulen von Hillel und Schammai, die später in der Mischna gesammelt wurden.

Tanach

Um 100 hatten die nun führenden Pharisäer bereits den Tanach kanonisiert und alle wesentlich davon abweichenden Richtungen aus dem Judentum ausgeschlossen: vor allem Hellenismus, Gnosis und Christentum. Zudem hatten ihre verschiedenen Lehrhäuser seit etwa 100 v. Chr. begonnen, die mündlichen Auslegungen der Tora (Halacha) zu sammeln und schriftlich zu fixieren. Von diesen verschiedenen Kodifizierungen setzte sich bis etwa 300 n. Chr. die Mischna der Tannaiten durch und wurde zur zweiten normativen Heiligen Schrift neben der Tora. Dadurch erreichten die Rabbiner Zusammenhalt und einheitliche Religionsausübung der noch bestehenden Judengemeinden in Palästina und in der Diaspora, aber auch die flexible situationsgerechte Auslegung der Tora. Historiker sehen darin eine entscheidende Bedingung für das Überleben des Judentums in feindlicher Umwelt seit dem Tempel- und Staatsverlust.

Mischna und Talmud

In Javne begann die Sammlung und Verschriftung der verschiedenen mündlichen Tora-Auslegungen, aus der bis 300 die hebräische Mischna entstand. Sie wurde von Jehuda ha-Nasi redigiert und trat neben die schriftliche Tora, die dem Judentum seit der ersten Tempelzerstörung 586 v. Chr. Zusammenhalt und Überleben gesichert hatte.[1]

Bis ~500 entstand die aramäische Gemara in zwei Versionen, einer aus Tiberias in Galiläa, die andere aus babylonischen Diasporagemeinden. Beide gemeinsam werden auch als Talmud bezeichnet. Dieser ist kein Gesetzeskodex mit genauen Regeln, sondern eine Sammlung von Auslegungen verschiedener Toralehrer, die dialogisch als rabbinische Diskussionen gegenübergestellt werden (Responsen). Erst spätere Lehrautoritäten bestimmten, wessen Meinung für gläubige Juden verbindlich sei. Dabei wurde die Minderheitsmeinung ebenfalls bewahrt. Der Talmud bildet nach dem Tanach das wichtigste Schriftdokument des Judentums. Seine dialogische Struktur führte zu einem auf Dialog und Widerspruch beruhenden Lernen im Judentum, das sich über viele Jahrhunderte und Kontinente hinweg verbreitete.[5]

Die Amoräer hatten die mündliche Kommentierung der Tora und deren Sammlung fortgesetzt. Aus ihrer Tätigkeit entstanden gleichzeitig in Galiläa und Babylon der palästinische und babylonische Talmud. In ihm wurden bis 500 die Mischna mit der Gemara vereint. Zudem kamen weitere Midraschim (freie Torapredigten) und Jahresfeste (Megillot) hinzu. In Babylon vertrat der Exilarch seit dem 2. Jahrhundert die autonomen Diasporagemeinden. Hinzu kamen die Schulhäupter der Lehrhäuser, die Gaonen: Diese schufen vor allem eine umfangreiche Responsenliteratur über Fragen der Toraauslegung und alltäglichen Religionsausübung. Auch diese wurde bis etwa 1050 kodifiziert (Halachot gedolot).

Diaspora in Babylon

Babylon wurde seit den letzten jüdischen Aufständen in Judäa (132–136) wieder Zuflucht vieler verfolgter Juden. Dort vertrat ein Exilarch die autonome jüdische Kolonie gegenüber den Herrschern der Parther und dem ab 224 nachfolgenden neupersischen Sassanidenreich, Roms Erzfeinden im Osten. Die Juden waren dabei bisweilen Verfolgungen ausgesetzt: Teils aus religiösen Gründen (besonders in der Frühzeit des Sassanidenreichs, als zoroastrische Priester Einfluss auf den Großkönig ausüben konnten), später aber vor allem aus politischen Gründen, da es teilweise zu Übergriffen von Juden auf zoroastrische Priester kam oder sie in den Thronkämpfen auf der unterliegenden Seite standen.[6] Dennoch hielten die Juden während der römisch-persischen Kriege weiter zu den Persern; die jüdischen Gemeinden in Persien (vor allem in Mesopotamien) blühten denn auch auf. Die Juden in Persien beteiligten sich aber auch teils an christenfeindlichen Maßnahmen der Großkönige, die aus der Entwicklung des Christentums im Römischen Reich resultierten, wo das Christentum seit dem 4. Jahrhundert gefördert wurde und schließlich zur Staatsreligion erhoben wurde (siehe unten).

Religionspolitik römischer Kaiser

Der römische Kaiser Antoninus Pius hob im 2. Jahrhundert die meisten Religionsverbote seines Vorgängers Hadrian gegen die Juden wieder auf und erlaubte Beschneidung, Schabbatruhe, Lehr- und Gebetshäuser und Ordination von Schriftgelehrten. Kaiser Caracalla gewährte den Bewohnern der Provinzen 212 das römische Bürgerrecht; damit durften auch Juden Verwaltungsposten bekleiden, mussten aber auch am Militärdienst teilnehmen.

Unter Konstantin I. begann ihre Degradierung durch den Einfluss der nun als Staatsreligion privilegierten christlichen Kirche. Zwar blieb das Judentum erlaubt (religio licita), wurde aber vom Wohlwollen und christlicher Herrscher abhängig und ihren Gesetzen unterworfen. Schon seit 160 schoben Christen die Schuld am Tod Jesu allein den Juden und nicht mehr den Römern zu.[7] Theodosius II. erließ 417 und 423 Mischehen- und Missionsverbote und andere Beschränkungen für Juden. Justinian I. verfolgte christliche Minderheiten als Ketzer, ebenso Samaritaner (die sich 529 erhoben hatten, siehe Julian ben Sabar) und Juden. Er verbot die Matzen zum Pessach, hebräische Bibellesungen und den Mischnaunterricht. Sein Corpus iuris civilis wurde für das folgende Kirchen- und Staatsrecht des Mittelalters maßgebend.

Dennoch variierte die Politik der Kaiser: Konstantin I. etwa bestätigte die Rechte der jüdischen Gemeinden und erlaubte nun auch die Wahl von Juden in die Gemeinderäte. Gleichzeitig wurde Juden untersagt, zum Christentum konvertierte Juden anzugreifen. Einige eventuell nachträglich ergänzte Texte in der Vita Konstantins des Eusebius von Caesarea sagen dem Kaiser eine scharfe antijüdische Sichtweise nach.[8] Theodosius I., der das Christentum zur Staatsreligion erhob (391), verbot einerseits nachdrücklich die Heirat zwischen Christen und Juden, versuchte aber andererseits bei der christlichen Brandstiftung der Synagoge von Callinicum die betroffenen Juden zu schützen. Der Bischof Ambrosius von Mailand hinderte ihn erfolgreich daran.[9] Faktisch ohne Folgen blieb der Versuch des Kaisers Julian, das Judentum zu stärken und so das Christentum zu schwächen.[10]

Im 5. Jahrhundert verschlechterte sich die Lage für die Juden im Römischen Reich, wenngleich immer noch Schutzgesetze für sie erlassen wurden.[11] Für den Westen liegen nach der Zeit Valentinians III. kaum noch zuverlässige Quellen vor, anders als für den weitgehend griechischsprachigen Osten des Imperiums.

Unter Justinian I. wurden die gesetzlichen Bestimmungen für Juden verschärft. Darauf reagierten manche jüdischen Gruppen mit Aufständen, so die Samaritaner. Dennoch blühten auch in dieser Zeit mehrere jüdische Gemeinden.[12]

Bei der Eroberung von Jerusalem (614) halfen Juden den Persern und führten Pogrome gegen Christen durch (zum historischen Kontext siehe Römisch-Persische Kriege).[13] Nach dem Sieg Ostroms ordnete Kaiser Herakleios teilweise Zwangstaufen von Juden an. Fast zeitgleich erfolgten ähnliche Maßnahmen im Merowingerreich.[14]

Dennoch war das Leben von Juden und Christen im christianisierten Imperium Romanum nicht nur von einem permanenten Gegeneinander bestimmt. Wohl wurde es aber erschwert durch die vielen judenfeindlichen Adversus-Judaeos-Schriften christlicher Theologen, die Juden als Gottesmörder diffamierten und ein nachhaltiges Feindbild schufen. Auch manche nichtchristlichen Texte pflegten eine Judenfeindlichkeit.[15] Demgegenüber bewahrten die meisten Juden ihre religiöse und kulturelle Identität, manchmal auch mit Gegegengewalt.[16]

Im 6. Jahrhundert erließ der burgundische König Gundobad das Liber Constitutionum, welches das Rechtsverhältnis von Burgundern, Römern und Juden ordnete.[17]

Islamische Expansion

Der Islam wurde im frühen 7. Jahrhundert durch Mohammed auf der arabischen Halbinsel gegründet. Schon Jahrhunderte zuvor waren zahlreiche jüdische Gemeinden über Arabien verstreut, so dass schon zu dieser Zeit verschiedene Ausformungen des Judentums der sesshaften Bevölkerung und auch den beduinischen Stämmen bekannt waren. Besonders verbreitet war das Judentum in Südarabien, wo jüdische Gruppen und Proselyten häufig anzutreffen waren. Altsüdarabische Inschriften, die zum Teil erst in den 1950er Jahren entdeckt wurden, bezeugen die Berichte von vorislamischen christlichen Schriftstellern über jüdische missionarische Aktivitäten und Christenverfolgungen, besonders in Nadschran unter Yusuf Dhu Nuwas, den (konvertierten) jüdischen König von Himyar. Der Gottesname Rahman („Barmherziger“), ohne zusätzliches Attribut, taucht in diesen Inschriften mehrmals auf und deutet auf jüdische Herkunft hin.

In den Jahren, die Mohammed in Yathrib, dem späteren Medina, verbrachte, kam er mit den jüdischen Stämmen, die in den Oasen dieser Gegend lebten, auf zahlreiche positive und negative Weisen in Kontakt, was zweifellos die von ihm verkündete strikte Form des Monotheismus und die Ablehnung des christlichen Glaubensgrundsatzes von Jesus als Sohn Gottes gefördert hat. In der Oasensiedlung gab es Streit zwischen jüdischen und nichtjüdischen Gruppen, der Prophet wurde als Schlichter angerufen und erließ die Gemeindeordnung von Medina, ein Vorläufer der umma. Auch die Juden waren Teil dieser neuen Gemeinde.[18] 628 tötete oder vertrieb Mohammed die Juden aus Medina. Der babylonische Exilarch wurde nun zum Vertreter des Judentums auch gegenüber dem islamischen Kalifat.

Ein großer Teil des Korans beruht auf biblischen Erzählungen. Auch die rechtlich bindende Form des Islam (Sharia) stützt sich auf Vorschriften der Tora und des Talmud. Gleichwohl hat der Koran genuin arabischen Charakter, da der Islam durch Mohammed begründet und verbreitet wurde. Viele eschatologische Überlieferungen und Vorstellungen über den Jüngsten Tag wurden von christlichen Mönchen übernommen und stammen ebenfalls aus der gemeinsamen jüdisch-christlichen Überlieferung. In einem Hadith soll Mohammeds Frau Aischa bint Abi Bakr die Überlieferung von der Bestrafung im Grab von zwei alten Frauen in Medina gehört haben. Nachdem Jerusalem als der Ort des Jüngsten Gerichts akzeptiert wurde, wurden diesen Glaubensvorstellungen weitere jüdische Elemente hinzugefügt.

Viele Erzählungen aus den Qisas al-anbiyāʾ, den „Prophetenlegenden“, gehen zurück auf Kaʿb al-Ahbār, einen Islamkonvertiten jüdischer Herkunft, der den Kalifen Omar auf seiner Reise nach Jerusalem begleitete, oder auch auf Wahb ibn Munabbih, ebenfalls einen Konvertiten oder Sohn eines jüdischen Konvertiten. Die Hadith-Literatur, einschließlich der Legenden, zeigt eine erstaunliche Kenntnis von Halacha und Aggada, wie sie in Talmud und Midraschim niedergelegt sind. Wie im Judentum gab es zunächst auch im Islam Widerstand gegen die Niederschrift der Aussagen und Lehrsprüche, die durch die Überlieferungskette Isnād übermittelt wurden. Der Kalif Omar missbilligte die schriftliche Fixierung der Sunna mit den Worten: Wollt ihr eine (schriftliche) „mathnat“ wie die „mathnat“ (aram. für Mischna) der Juden?

Nicht in allen Fällen kann eine klare Abhängigkeit der islamischen Lehren und Methoden vom Judentum postuliert werden. Die fundamentale Ähnlichkeit von Judentum und Islam, die beide auf religiösen Gesetzen beruhen, die sich in Prinzipien, Methoden und der jeweiligen Rechtsauffassung niedergeschlagen haben, führte in späteren Jahrhunderten zu parallelen Entwicklungen. Die Geonim, die Leiter der zwei berühmten talmudischen Akademien von Sura und Pumbedita, erhielten unzählige Fragen über das Verhalten in rechtlichen und sozialen Angelegenheiten; Zehntausende ihrer Responsen sind erhalten geblieben. Dieselbe Praxis herrschte bei den muslimischen Muftis, einer Kategorie von Juristen, bei denen jeder Muslim eine Fatwa, ein rechtliches Urteil basierend auf dem religiösen Gesetz, erbitten konnte. Sowohl Fatwa als auch Responsen besaßen rechtlich bindende Kraft. Es ist schwierig zu entscheiden, ob die Entwicklung dieser Rechtsliteratur in beiden Religionen unabhängig oder infolge gegenseitiger Beeinflussung erfolgte.

Die islamische Kultur, die das Erbe der alten Griechen und des Hellenismus aufgenommen hatte, beeinflusste einige Aspekte der jüdischen Gedankenwelt und Wissenschaft nachhaltig. Nachdem die griechische und jüdische Kultur jahrhundertelang getrennt voneinander existiert hatten, kehrten die Werke der antiken Philosophen und Naturwissenschaftler in den Gesichtskreis jüdischer Denker und Gelehrten durch arabische Übersetzungen (zum Teil aus früheren Übersetzungen in syrischer Sprache) zurück. Auf diese Weise lernten Saadia Gaon, Solomon ibn Gabirol und Maimonides die Werke von Aristoteles, Platon und des Neuplatonismus kennen.[19]

Karäer und Masoreten

Die Karäer vertraten seit 750 die Alleingeltung der Tora gegen das am Talmud orientierte Judentum. Daraufhin begannen die Rabbiner erneut das Hebräische zu studieren und die jüdischen Lehren zu systematisieren. Saadia Gaon (882–942), der Gaon von Sura, schrieb dazu die erste jüdische Religionsphilosophie: Glaubenslehren und Erkenntnisgründe.

Um den Text des Tanach vor Fehldeutungen und Willkür zu schützen, fixierten die Masoreten nach dem Konsonantentext bis etwa 1050 auch die Vokalisierung des Tanach im masoretischen Text. Zudem vertiefte sich mit spekulativer Literatur über Gott und die Engel die Hinwendung zur jüdischen Mystik. Das von Stammvater Abraham hergeleitete apokryphe Sefer Jetzira, ein erster Entwurf einer Buchstabenmystik, diente als Grundlage der Kabbala.

Siehe auch

Literatur

Quellentexte

  • Julius Höxter: Quellentexte zur jüdischen Geschichte und Literatur. Marix, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-86539-198-8

Epoche

  • Peter Schäfer: Geschichte der Juden in der Antike. Die Juden Palästinas von Alexander dem Großen bis zur arabischen Eroberung. 2., durchgesehene Auflage, Mohr Siebeck, Tübingen 2010, ISBN 978-3-8252-3366-2
  • Klaus Bringmann: Geschichte der Juden im Altertum. Vom babylonischen Exil bis zur arabischen Eroberung. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-94138-X
  • Shmuel Safrai: Das Zeitalter der Mischna und des Talmuds. In: Haim Hillel Ben-Sasson (Hrsg.): Geschichte des jüdischen Volkes: Von den Anfängen bis zur Gegenwart. (1969) Beck, München 1992, ISBN 3-406-366260

Teilaspekte

  • Richard L. Kalmin: Jewish Babylonia between Persia and Roman Palestine. Oxford University Press, Oxford 2006, ISBN 0-19-530619-8
  • Karl Leo Noethlichs: Die Juden im christlichen Imperium Romanum (4.–6. Jahrhundert). Akademie Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-05-003431-9

Einzelnachweise

  1. a b Michael Brenner: Kleine jüdische Geschichte, München 2022, S. 59f.
  2. siehe hierzu Rabbinisches Judentum
  3. Michael Brenner: Kleine jüdische Geschichte, München 2022, S. 64f.
  4. Monika Grübel: Judentum. DuMont, Köln 1997, S. 42
  5. Michael Brenner: Kleine jüdische Geschichte, München 2022, S. 60–62
  6. Josef Wiesehöfer: Das antike Persien. Aktualisierte Auflage, Düsseldorf 2005, S. 287ff.
  7. André Marc Haarscher, Malou Schneider: Une brève histoire des Juifs d’Alsace. In: Musée alsacien (Hrsg.): Mémoires du judaïsme en Alsace. Les collections du Musée alsacien, Strasbourg 2013, ISBN 978-2-351-25106-5, S. 29
  8. Karl Leo Noethlichs: Die Stellung der Juden in der konstantinischen Gesellschaft. In: Alexander Demandt, Josef Engemann (Hrsg.): Konstantin der Große. Mainz 2007, S. 228ff.
  9. Hartmut Leppin: Theodosius der Große. Darmstadt 2003, S. 121f. und 139ff.
  10. Klaus Rosen: Julian. Kaiser, Gott und Christenhasser. Stuttgart 2006, S. 316ff. und 328ff.
  11. Karl Leo Noethlichs: Die Juden im christlichen Imperium Romanum. Berlin 2001
  12. de Lange: Jews in the Age of Justinian. S. 420f.
  13. Elliot Horowitz: „The Vengeance of the Jews Was Stronger Than Their Avarice“: Modern Historians and the Persian Conquest of Jerusalem in 614. In: Jewish Social Studies, New Series, Band 4, Nr. 2, Winter 1998; Volltext online (Archivlink)
  14. Walter E. Kaegi: Heraclius. Cambridge 2003, S. 216ff.
  15. Z. Yavetz: Judenfeindschaft in der Antike. München 1997
  16. Elliot Horowitz: Reckless Rites: Purim and the Legacy of Jewish Violence. Princeton 2006, S. 228ff.
  17. Micha Meier: Geschichte der Völkerwanderung. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-73959-0, S. 633
  18. Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung, München 2021, S. 1056f.
  19. Encyclopedia Judaica, Bd. 9, S. 102–105.