Pietro Mola (Politiker)

Pietro Mola (* 1832 in Coldrerio; † 17. Januar 1884 ebenda) war ein Schweizer liberaler Grossrat, Anwalt und Oberstbrigadier aus dem Tessin. Er wurde 1876 in die blutigen «Ereignisse von Stabio» verwickelt und stand deswegen 1880 als Hauptangeklagter vor Gericht. Sein politisch motivierter Prozess galt über die Schweiz hinaus als Justizskandal.

Leben

Karriere

Der 1832 geborene Mola entstammte einer seit 1467 in Coldrerio bezeugten Familie, aus der auch der Barockmaler Pier Francesco Mola hervorgegangen war.[1] Er lebte und wirkte in seinem Geburtshaus in Coldrerio, der Casa Mola an der Via Pier Francesco Mola 24.[2] Ab 1859 sass er fast 25 Jahre lang, bis zu seinem Tod, für die Liberalen im Kantonsparlament, dem Grossen Rat, dem er 1868 und 1874 als Präsident vorstand.[3] 1874 wurde er Chefinstruktor der Tessiner Truppen.[3]

Ereignisse von Stabio 1876

Am 22. Oktober 1876 veranstalteten die Tessiner Liberalen ein Schützenfest in Stabio. Mola erfuhr tags zuvor in Mendrisio davon. Obwohl ihm der Anlass in Anbetracht der angespannten politischen Lage zwischen Liberalen und Konservativen brisant erschien, fuhr er am Morgen des 22. Oktober mit seinem Diener nach Stabio, besuchte den Schützenplatz, ohne selbst zu schiessen, und kehrte gegen Mittag ins Dorf zurück, um etwas zu sich zu nehmen. Danach liess er anspannen und wollte soeben abfahren, als die Kunde von der Ermordung des liberalen Schützen Guglielmo Pedroni die Runde machte.[4] Der konservative Apotheker Luigi Catenazzi hatte ihn beim Stolza-Platz niedergeschossen und sich dann im Gasthof Ginella mit seinen Gesinnungsgenossen verbarrikadiert, woraufhin die zusammenströmenden Schützen das Feuer auf das Haus eröffneten. Im Gefecht fanden zwei weitere Liberale, Giovanni Battista Cattaneo und Giovanni Moresi, den Tod. Auf Seiten der Belagerten starb Andrea Giorgetti.[5] Als Mola am Tatort ankam, war der Kampf bereits in vollem Gange. Als hochrangiger Militär riss er das Kommando an sich und verbot den Schützen «ausdrücklich, energisch und wiederholt» zu schiessen, um ein weiteres Blutbad zu verhindern. Als diese das Haus in Brand stecken wollten, um den darin verborgenen Mörder Catenazzi herauszutreiben und Rache an ihm zu üben, untersagte er auch dies und befahl stattdessen, das Haus zu umstellen, damit niemand entkommen konnte. Die von ihm über die Ereignisse in Kenntnis gesetzte Tessiner Regierung beauftragte ihn mit der Wiederherstellung der Ordnung im Ort. Um die Lage zu entspannen, veranlasste Mola schliesslich, dass alle Schützen Stabio nach Mendrisio hin verliessen. Nach Mitternacht erstattete er Bericht.[6]

Die «Ereignisse von Stabio» (italienisch fatti di Stabio) wurden in der Schweiz mit Bestürzung aufgenommen, und es galt gemeinhin als anerkannt, dass nur dank Molas besonnenem Eingreifen nicht noch mehr Blut geflossen war. Der eidgenössische Kommissar übertrug ihm die Aufgabe, die Ordnung im Kanton aufrechtzuerhalten.[4] 1877 ernannte ihn der Bundesrat zum Oberstbrigadier,[3][7] dem damals höchsten militärischen Rang der Schweizer Armee, den Milizoffiziere erreichen konnten.

Stabio-Prozess 1880

Obwohl seine Unschuld offenkundig war, strebte die konservative Partei des Tessins, die damals die Mehrheit in Parlament und Regierung des Kantons innehatte, unter Führung des nachmaligen Untersuchungsrichters Pietro Boffa einen Prozess gegen Mola an, der ihnen als das «anerkannte und auch gefürchtete Haupt der Liberalen» galt. Aus seinen eigenen Reihen wiederum wurde Mola von einer Minderheit «der Schwäche und der allzugrossen Rücksicht» geziehen.[4]

Der skandalöse «Stabio-Prozess» begann am 26. Februar 1880. Mola wurde als Haupturheber der Ereignisse von Stabio und zusammen mit Tommaso Induni, Aristide Gusberti, Augusto Bernasconi und Luigi Moretti (infolge des Beschusses des Gasthofs «Ginella») des Mordes an Andrea Giorgetti und des versuchten Mordes an den im Haus befindlichen Emilio Ginella und seiner Familie angeklagt. Er sass für die gesamte Prozessdauer von zweieinhalb Monaten im Gefängnis und wurde, nach den Worten von Giovanni Andrea Scartazzini, «noch dazu an den Pranger gestellt, indem er viermal des Tages als ein gemeiner Verbrecher durch die Strassen von Stabio, von Landjägern eskortiert, wandern» musste.[8]

Nur 11 von insgesamt 282 vernommenen Zeugen sagten gegen Mola aus, 42 entlasteten ihn.[9] Zwei Jugendliche aus Stabio, der 15-jährige Antonio Caccivio[10] und die 14-jährige Eva Pellegrini,[11] behaupteten gehört zu haben, wie Mola wiederholt befohlen habe, auf den Gasthof zu schiessen, waren aber nachweislich zu diesem Zeugnis gedrängt worden und verwickelten sich bei der Befragung in Widersprüche. Maria Perucchi, eine weitere Zeugin, die gegen Mola aussagte, befand sich zum Tatzeitpunkt fernab des Geschehens in ihrem Haus.[11] Obgleich sie ein Schiessbefehl Molas entlastet hätte, sagten fast alle liberalen Schützen aus, er habe ihnen ausdrücklich verboten zu schiessen.[12] Nur Antonio Perucchi behauptete das Gegenteil. Er hatte früher darüber geschimpft, dass Mola sie davon abgehalten habe, sich an den Mördern ihrer Freunde zu rächen, und die Anklage erst hervorgebracht, nachdem er wegen anderer Vergehen verhaftet worden war.[13] Am schwersten wog die Aussage der Augenzeugin Anna Perucchi, die selbst Konservative war und trotzdem dezidiert verneinte, dass Mola einen Schiessbefehl gegeben hatte.[14]

Am 14. Mai 1880 sprachen die Geschworenen Mola und die anderen Angeklagten frei.

Tod

Die Demütigungen des Prozesses setzten Mola sehr zu, und er erkrankte schwer. Am 17. Januar 1884, nur dreieinhalb Jahre nach seinem Freispruch, starb er in Coldrerio und wurde am 20. Januar auf dem hiesigen Friedhof beigesetzt.[7] Sein Nachfolger im Grossen Rat war Antonio Torriani aus Mendrisio.[15]

Gedenken

In der Friedhofskapelle Sant’Apollonia in Coldrerio wurde für Mola ein Grabdenkmal errichtet, dessen marmornes Porträtrelief ein Werk von Vincenzo Vela ist.[16] Am 2. Mai 1909 wurde in Coldrerio das Pietro-Mola-Denkmal eingeweiht. Gleichzeitig wurde eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus angebracht.[17]

Literatur

Einzelnachweise

  1. Katja Bigger: Mola. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 4. Dezember 2008, abgerufen am 13. November 2025.
  2. Giuseppe und Gabriella Solcà: Casa Mola. In: Edifici civili. Comune di Coldrerio. S. 3 (PDF; 37 kB).
  3. a b c Celestino Trezzini: Pietro Mola. In: Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz. Band 5: Maillard – Saint-Didier. Paul Attinger, Neuenburg 1929, S. 129 (Digitalisat; PDF; 29,3 MB).
  4. a b c Giovanni Andrea Scartazzini: Der Stabio-Prozess. Zürich 1880, S. 31.
  5. Marino Viganò: Nota storica. In: Marino Viganò (Hrsg.): I «fatti di Stabio». Stucchi, Mendrisio 2016 (PDF; 4,3 MB), S. 11–18.
  6. Giovanni Andrea Scartazzini: Der Stabio-Prozess. Zürich 1880, S. 31–33.
  7. a b Funerali del col. Pietro Mola. In: Gazzetta Ticinese. 21. Januar 1884, S. 3 (online).
  8. Giovanni Andrea Scartazzini: Der Stabio-Prozess. Zürich 1880, S. 71.
  9. Giovanni Andrea Scartazzini: Der Stabio-Prozess. Zürich 1880, S. 43.
  10. Giovanni Andrea Scartazzini: Der Stabio-Prozess. Zürich 1880, S. 38.
  11. a b Giovanni Andrea Scartazzini: Der Stabio-Prozess. Zürich 1880, S. 39.
  12. Giovanni Andrea Scartazzini: Der Stabio-Prozess. Zürich 1880, S. 36.
  13. Giovanni Andrea Scartazzini: Der Stabio-Prozess. Zürich 1880, S. 40.
  14. Giovanni Andrea Scartazzini: Der Stabio-Prozess. Zürich 1880, S. 42 f.
  15. Nomina al Gran Consiglio. In: Gazzetta Ticinese 12. Februar 1884, S. 3 (online).
  16. Oratorio di S. Apollonia. In: Ticino.ch. Abgerufen am 13. November 2025.
  17. L’inaugurazione del monumento al colonnello Mola a Coldrerio. In: L’Azione. Giornale delle idee radicali-democratiche. 3. Mai 1909, S. 1 (online).