Nikaia (Bithynien)

Nikaia (altgriechisch Νίκαια Nikaia; lateinisch Nicaea; deutsch Nicäa, Nikäa oder Nizäa) war eine antike und byzantinische Stadt in Bithynien im westlichen Kleinasien, das heutige İznik in der türkischen Provinz Bursa.

Lage

Die Stadt liegt am Ostufer des İznik-See (griechisch Ασκανία λίμνη Askania limne; türkisch İznik Gölü) in einer fruchtbaren Ebene.

Geschichte

Nach der griechischen Mythologie war Dionysos der Gründer von Nikaia und benannte sie nach der Nymphe Nikaia.[1]

Gegründet wurde die Stadt von dem makedonischen Feldherrn Antigonos I. Monophthalmos an der Stelle einer älteren Siedlung namens Elikore beziehungsweise Akchore unter dem Namen Antigoneia. Nach der Schlacht bei Ipsos, wohl um 301 v. Chr., gründete der Diadoche Lysimachos die Stadt neu und benannte sie nach seiner ersten Frau Nikaia.[2] 282/281 v. Chr. gelangte Nikaia unter König Zipoites an das Königreich Bithynien. 74 v. Chr. kam es nach dem Tod Nikomedes’ IV. testamentarisch an das römische Reich, als das Königreich zur römischen Provinz Bithynia bzw. Bithynia et Pontus wurde. Die Stadt lag in Rivalität zum nicht weit entfernten Nikomedia. Kaiser Augustus erlaubte 29 v. Chr. die Einrichtung eines Heiligtums für Divus Iulius und Roma[3], damit wurde Nikaia zentraler Ort des Kaiserkults in der Provinz. Nach einem Erdbeben wurde Nikaia unter Hadrian 123 wiederaufgebaut, die Stadtmauer erneuert; die Stadt erhielt den Titel Metropolis sowie die Neokorie. Ihr Ehrentitel seit der Zeit des Claudius war „erste Stadt von Bithynia“. 193 stand die Stadt auf der Seite des Gegenkaisers Pescennius Niger, der Ende 193 oder Anfang 194 in ihrer Nähe entscheidend geschlagen wurde; die Stadt wurde daher von Septimius Severus bestraft und verlor ihre Ehrungen, erhielt diese jedoch bald zurück. 258 wurde sie bei einem Einfall der Goten beschädigt, die Stadtmauern wurden unter Claudius Gothicus 269 erneuert.

Für die Kirchengeschichte erlangte Nikaia vor allem durch die beiden dort abgehaltenen ökumenischen Konzile Bedeutung:

Nikaia war Hauptstadt des 680 erstmals erwähnten byzantinischen Themas Opsikion.

Die Stadt wurde 1077 von den Rum-Seldschuken eingenommen, welche hier ihre erste Hauptstadt einrichteten. Allerdings fiel die Stadt im Jahr 1097 nach einer Belagerung durch die Kreuzritter im Ersten Kreuzzug an das Byzantinische Reich zurück, das die seldschukische Besatzung zur Kapitulation bewegen konnte, um auf diese Weise eine Plünderung durch die Kreuzfahrer zu vermeiden. Die Kreuzfahrer empfanden dieses Verhalten als Verrat.

1204, nach der Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer des Vierten Kreuzzugs, wurde Nikaia von den aus Konstantinopel vertriebenen Byzantinern unter Kaiser Theodor I. Laskaris als provisorische Hauptstadt genutzt. Nikaia wurde der Hauptsitz des exilierten orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel. Das Reich von Nikaia setzte die byzantinische Tradition bis zur Rückeroberung Konstantinopels 1261 fort. 1331 fiel die Stadt an das Osmanische Reich und erhielt ihren neuen Namen İznik (osmanisch ازنيق, İznîq). Der türkische Name leitet sich von altgriechisch εἰς Νίκαια eis Níkaia, „nach Nikaia“, ab.[4]

Münzprägung

Die Stadt prägte seit der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. bis zu Macrianus († 261) Münzen.

Archäologie und Bauten

Stadtmauer
römisches Theater[5]
Kirchen

Persönlichkeiten

  • Hipparchos von Nikaia (* um 190 v. Chr. in Nikaia; † um 120 v. Chr.), Astronom. Er gilt als Begründer der wissenschaftlichen Astronomie.
  • Parthenios von Nikaia († nach 73 v. Chr.), Dichter
  • Cassius Dio (* 155 in Nikaia; † nach 229)
  • Sporos von Nikaia (* um 240 wahrscheinlich in Nikaia; † um 300), Mathematiker
  • Eustratios von Nikaia (11./12. Jahrhundert), Philosoph und Theologe

Literatur

Allgemeine Literatur
  • Walther Ruge: Nikaia 7. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XVII,1, Stuttgart 1936, Sp. 226–243 (Digitalisat).
  • Alfons Maria Schneider: Die römischen und byzantinischen Denkmäler von İznik-Nicaea (= Istanbuler Forschungen 16). Berlin 1943.
  • Nicola Bonacasa: Nicaea (Iznik) Bithynia, Turkey. In: Richard Stillwell u. a. (Hrsg.): The Princeton Encyclopedia of Classical Sites. Princeton University Press, Princeton NJ 1976, ISBN 0-691-03542-3 (englisch, perseus.tufts.edu).
  • Marcell Restle: Istanbul, Bursa, Edirne, Iznik. Baudenkmäler und Museen (= Universal-Bibliothek. 10262, Reclams Kunstführer). Reclam, Stuttgart 1976, ISBN 3-15-010262-6, S. 521–547.
  • Louis Robert: La Titulature de Nicée et de Nicomédie: La Gloire et la haine. In: Harvard Studies in Classical Philology 81, 1977, S. 1–39.
  • Reinhold Merkelbach: Nikaia in der römischen Kaiserzeit (= Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften. Geisteswissenschaften. Vorträge, G 289). Opladen 1987, ISBN 3-531-07289-7.
  • Semavi Eyice: Iznik. Tarihçesi ve eski eserleri – The history and the monuments of İznik-Nicaea. Istanbul 1988 (türkisch-englisch).
  • Clive Foss: Nicaea, a byzantine capital and its praises. With the speeches of Theodore Laskaris in praise of the great city of Nicaea and Theodore Metochites Nicene Oration. Brookline, Ma. 1996, ISBN 0-917653-48-3.
  • Bedri Yalman: Nicea. In: Enciclopedia dell’Arte Antica, Classica e Orientale. Secondo Supplemento 1971–94. Band 4, Rom 1996, S. 8–11.
  • Karl Strobel, Albrecht Berger: Nikaia 5. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 8, Metzler, Stuttgart 2000, ISBN 3-476-01478-9, Sp. 895–896.
  • Isıl Akbaygil, Halil İnalcık, Oktay Aslanapa (Hrsg.): İznik throughout history. Istanbul 2003, ISBN 975-458-431-1.
  • Şahin Kılıç, Kutlu Akalın (Hrsg.): UNESCO Dünya mirası olma yolunda İznik/Nicaea : uluslararası sempozyum bildiri kitabı, 2–4 Ekim 2015 = İznik/Nicaea on its way to become Unesco World heritage : internatonal symposium proceedings, 2–4 October 2015. Bursa Kültür AŞ, Bursa 2020, ISBN 978-605-9968-97-3.
Stadtmauer
  • Alfons Maria Schneider, Walter Karnapp: Die Stadtmauer von İznik (Nicaea) (= Istanbuler Forschungen 9). Berlin 1938.
  • Clive Foss, David Winfield: Byzantine fortifications. An introduction. Pretoria 1986, ISBN 0-86981-321-8, S. 79–120.
  • Ayse Dalyanci-Berns: Die Stadtbefestigung von Nikaia (Iznik) Bautechnische Beobachtungen zur Rekonstruktion des Bauablaufs. In: Werkspuren, Materialverarbeitung und handwerkliches Wissen im antiken Bauwesen. Schnell + Steiner, Regensburg 2017, S. 417–426 (Digitalisat).
  • Ayse Dalyanci-Berns: An exceptional city wall? Re-thinking the fortifications of Nicaea in an empire-wide context. In: City Walls in Late Antiquity. An Empire-wide Perspective. Oxbow, Oxford 2020, ISBN 978-1-78925-364-1, S. 77–85 (Digitalisat).
Römisches Theater
  • Aygün Ekin Meriç, Ali Kazım Öz: The Roman theater at Nicaea, An archaeological guide. Homer Kitabevi, Istanbul 2021, ISBN 978-9944-483-88-9.
Hagia Sophia
  • Sabine Möllers: Die Hagia Sophia in İznik, Nikaia. Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften, Alfter 1994, ISBN 3-929742-32-2.
  • Michael Altripp: Überlegungen zum Synthronos der Hagia Sophia in İznik-Nikaia. In: Byzantinische Zeitschrift 92, 1999, S. 448–454.
Koimesiskirche
  • Oskar Wulff: Die Koimesiskirche in Nicäa und ihre Mosaiken. Straßburg 1903 (Digitalisat).
  • Theodor Schmit: Die Koimesis-Kirche von Nikaia. Das Bauwerk und die Mosaiken. Berlin 1927 (Digitalisat).
  • Urs Peschlow: Neue Beobachtungen zur Architektur und Ausstattung der Koimesiskirche in İznik. In: Istanbuler Mitteilungen 22, 1972, S. 145–187.
Inschriften
Commons: Nikaia – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Nonnos von Panopolis, Dionysiaka 15, 170; 16, 403–405; Dion Chrysostomos, Oratio 39, 1. 8.
  2. Strabon, Geographika 12, 4, 7; Stephanos Byzantios, Ethnika s. v. Nikaia; Eustathios von Thessalonike, Commentarii ad Homeri Iliadem 2, 863.
  3. Cassius Dio, Römische Geschichte 51, 20, 6; Sueton, Augustus 52.
  4. Reinhold Merkelbach: Nikaia in der römischen Kaiserzeit (= Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften. Geisteswissenschaften. Vorträge G 289). Opladen 1987, ISBN 3-531-07289-7, S. 7.
  5. Theater von Nikaia bei theatrum.de.

Koordinaten: 40° 26′ N, 29° 43′ O