Museo d’arte Mendrisio

Museo d’arte Mendrisio
Daten
Ort Piazzetta dei Serviti 1
6850 Mendrisio
Schweiz Schweiz
Art
Kunstmuseum
Gründungsdatum 1978
Eröffnung 11. September 1982
Besucheranzahl (jährlich) 5'510 (2023)[1]
Betreiber
Stadt Mendrisio
Leitung
Barbara Paltenghi Malacrida
Website

Das Museo d’arte Mendrisio (Kunstmuseum Mendrisio) ist ein Kunstmuseum in Mendrisio in der Schweiz. Zu ihm gehören auch das Museo del Trasparente in der Casa Croci und die Casa Pessina im Ortsteil Ligornetto. Es geht auf Teile der Sammlung des Arztes Aldo Grigioni zurück, die der Gemeinde 1978 von dessen Schwester geschenkt, im selben Jahr aber vorübergehend gestohlen wurden. Das 1982 eingeweihte Museum ist ein Kulturgut von regionaler Bedeutung.

Gebäude

Der Hauptsitz des Museums befindet sich im ehemaligen Servitenkonvent (italienisch Convento dei Serviti) an der Piazza S. Giovanni. Er ist ab dem Bahnhof Mendrisio zu Fuss in weniger als einer Viertelstunde oder mit dem Bus (Station «Mendrisio S. Giovanni») erreichbar.

Das Kloster wird im 13. Jahrhundert zum ersten Mal erwähnt und gehörte ursprünglich den Humiliaten. 1447 zogen die Serviten ein.[2] Im 16. und 17. Jahrhundert wurde es erheblich ausgebaut, erlebte zur selben Zeit aber auch seinen Niedergang. Die Rede ist von Diebstahl und Intrigen unter den Mönchen. Als 1641 Pater Alfonso della Torre (Torriani) ermordet wurde, vertrieb der Landvogt Ulrich Bachmann aus Zug die Serviten vorübergehend und überliess das Kloster den Somaskern. Die Serviten kehrten später wieder zurück. 1852 hob die Tessiner Regierung das Kloster auf und nutzte es als Hospiz, Krankenhaus und zuletzt als Gymnasium. Seit 1975 findet die Kunstbiennale darin statt, und 1982 wurde das Kunstmuseum darin eröffnet.[3]

Das Eingangstor befindet sich zur rechten Seite der Hauptfassade. Über einen Vorplatz mit Kopfsteinpflaster gelangt man durch eine prachtvolle Pforte in den zweistöckigen Kreuzgang, dessen Arkaden von Rundsäulen aus Ziegelsteinen mit viereckiger Basis und dorischem Kapitell getragen werden. Hier eröffnet sich der Haupteingang zum im «Piano nobile» untergebrachten Museum mit seinen grossen, hellen Räumen. Darüber erhebt sich der weitherum sichtbare Glockenturm.[3]

Zum Gebäudekomplex gehören auch die barocke Kirche San Giovanni Battista und die ehemalige Kapelle des Hospizes Madonna delle Grazie. Ausserdem beherbergt er ein wertvolles Altarretabel mit Sandsteinreliefs aus der 1722 abgerissenen Klosterkirche. Auf der Mitteltafel des Triptychons ist eine Madonna mit dem Kinde, auf den Flügeln sind die Heilige Katharina und Johannes der Täufer dargestellt.[3]

Geschichte des Museums

Sammlung Grigioni

Den Grundstock des Museums bildete ein Teil der Gemäldesammlung des Arztes Aldo Grigioni (1914–1968),[4] der in Mendrisio als Chirurg und Vizechefarzt am Krankenhaus Beata Vergine tätig war.[5] Am 12. Januar 1968 verunglückte er mit 54 Jahren bei einem Verkehrsunfall auf der Strada Cantonale zwischen Mendrisio und Capolago tödlich. [5][6] Da er weder verheiratet war noch direkte Nachkommen hatte, ging seine Villa an der Via Giuseppe Motta 20 inklusive der Kunstsammlung an seine Schwester, die ebenfalls unverheiratete Aldina Grigioni (1910–1978),[7] die seit ihrem 18. Lebensjahr als Grundschullehrerin in Mendrisio arbeitete. 1971, drei Jahre nach dem Tod ihres Bruders und nach 43 Dienstjahren, ging sie mit 61 Jahren in Rente.[8] Am 27. April 1972, kurz nach Einführung des Frauenstimmrechts, wurde sie für die FDP ins Gemeindeparlament gewählt.[9] Bis 1975 bewohnte sie die Villa an der Via Motta gemeinsam mit ihrem Hausmädchen Giuseppina Giorgi, die seit 1960 für sie arbeitete. Nach deren Verheiratung und Umzug nach Stabio war sie alleine. 1977 kam es zu zwei Einbrüchen, bei denen die angeblich fünf Täter aber jeweils überrascht wurden und überstürzt flüchten mussten.[10]

1978 eröffnete Aldina Grigioni, der Gemeinde Mendrisio 150[11] der rund 800 in ihrem Besitz befindlichen Gemälde schenken zu wollen, um daraus ein öffentliches Kunstmuseum zu schaffen. Eine Expertenkommission sollte die Werke auswählen und begann bereits mit den Vorbereitungen dazu,[10] als Grigioni am 8. Oktober 1978 unerwartet starb.[7] Haupterbin war das ehemalige Dienstmädchen Giorgi.[10]

Kunstraub

Da die Schenkung zum Todeszeitpunkt am 8. Oktober noch nicht abgeschlossen und die Gemeinde somit de jure noch nicht im Besitz der Gemälde war, mussten die Behörden erst die Testamentsvollstreckung abwarten, ehe sie Massnahmen zum Schutz der Kunstwerke ergreifen durften.[11] Diese verblieben somit mit dem übrigen Hausrat in der unbewachten Villa, die in der Folge geplündert wurde. Das Verbrechen fiel erst am 7. Dezember auf, als die Erbin Giorgi und ihr Mann in Begleitung des Friedensrichters die Heizung anstellen und Vorkehrungen zur Testamentsvollstreckung treffen wollten. Weil kein Inventar vorlag, war es vorerst nicht möglich, die genaue Anzahl der gestohlenen Werke zu bestimmen.[10]

Die Tessiner Polizei konnte den Fall in Zusammenarbeit mit den italienischen Carabinieri binnen zweier Wochen weitgehend lösen und drei Täter, allesamt Italiener, identifizieren. Folgender Tathergang ergab sich: Organisiert wurde der Coup von Franco Benocci, einem 36-jährigen, in Monteriggioni in der Provinz Siena wohnhaften Maler und Kunsthändler, der Aldina Grigioni wiederholt Kunstfälschungen verkauft und im Zuge dessen ihr Anwesen besucht hatte. Dadurch kannte er das Haus und die darin befindlichen Objekte bestens. Ausgeführt wurde der Diebstahl vom 25-jährigen Giovanni Petrocelli aus Varese, einer Kleinstadt nahe der Schweizer Grenze. In insgesamt fünfzehn Nächten im November, jeweils zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens, griff er so viele Gegenstände ab, wie in den Kofferraum seines Autos passten, und schmuggelte sie dann über den Grenzübergang von Stabio-Gaggiolo nach Italien. Der 41-jährige Carlo Pelozzi, ein ebenfalls aus Varese stammender Kunstliebhaber und -kenner, sollte die Ware schliesslich als Hehler verkaufen. Pelozzi sagte später aus, er sei eng mit Aldina Grigioni befreundet gewesen und selbst von Benocci mit Kunstfälschungen betrogen worden.

In der Nacht vom 20. auf den 21. Dezember fanden zeitgleich Hausdurchsuchungen beim Organisatoren Benocci und beim Hehler Pelozzi statt, wobei bei letzterem acht Gemälde und weitere Kunstgegenstände aus Grigionis Besitz sichergestellt werden konnten. Am Abend des 21. Dezembers wurde Pelozzi verhaftet und verhört und verriet den ausführenden Täter Petrocelli und den Lagerort der gestohlenen Güter. Am 22. Dezember führte die Polizei Hausdurchsuchungen in Petrocellis Wohnhaus in San Fermo, einem Quartier von Varese, und bei Verwandten von ihm in Arcisate durch und fand den Rest der Gemälde in einem Keller und einem Heizungsraum. Sie waren transportfertig verpackt.

Insgesamt waren 287 Gemälde, unter anderem von Picasso, Chagall und Klee, gestohlen worden, ferner weitere Kunstgegenstände, antike Möbel, Goldschmuck und andere Preziosen. Der Gesamtwert wurde auf rund 800'000 Franken geschätzt. Die Gemälde wurden sogleich, in der Nacht auf den 23. Dezember, erstmals inventarisiert.[12][13][14][15]

Carlo Pelozzi wurde am 15. März 1979 der Hehlerei für schuldig befunden, aber lediglich zu drei Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt, weil er Reue zeigte und massgeblich zur Aufklärung des Verbrechens beigetragen hatte. Von einer Ausweisung aus der Schweiz sah man ab. Pelozzi sagte im Prozess aus, Grigionis Sammlung sei weitgehend wertlos. Unter den Gemälden befänden sich zahlreiche Fälschungen, die chinesischen Vasen und das Porzellan seien nur «Souvenirs» und die Bronzeplastik Ziege von Remo Rossi sei vermutlich ebenfalls gefälscht.[15] Ende März wurden die anderen beiden Täter, Benocci und Petrocelli, verhaftet, vorläufig aber wieder freigelassen.[14]

Projektierung und Einweihung

Die zurückgebliebenen 505 Werke wurden sogleich nach Entdeckung des Diebstahls in die Kellergewölbe der Schweizerischen Volksbank in Mendrisio verbracht und dort gelagert. Am 25. Juni 1979 kamen 287 der 288 gestohlenen Gemälde nach Mendrisio zurück.[16] In fünf Sitzungen im Keller der Bank wählte die fünfköpfige Expertenkommission nun die 150 der Gemeinde zustehenden Werke aus. Bereits bei der ersten Inspektion 1978 hatte deren Leiter Mario Medici gesagt:[10]

«Non erano dei capolavori, questo no, però erano delle buone opere. [...] Hanno un valore che ritengo senz'altro più importante: quello d'essere una testimonianza della sensibilità artistica ticinese nei secoli passati e di quello presente. Accanto a pezzi veramente rari e pregevoli [...] si travavano numerose opere di artisti ticinesi del nostro secolo [...].»

„Es waren keine Meisterwerke, das nicht, aber gleichwohl gute Werke. [...] Sie haben einen Wert, den ich zweifellos für wichtiger halte: jenen, Zeugnis der Tessiner künstlerischen Sensibilität der vergangenen Jahrhunderte und der Gegenwart abzulegen. Neben wirklich seltenen und wertvollen Stücken [...] finden sich auch zahlreiche Werke von Tessiner Künstlern unseres Jahrhunderts.“

Dementsprechend legte die Kommission vor allem Wert darauf, ein Panorama der Entwicklung der Tessiner Kunst zu bieten. Im November legte sie ihren Abschlussbericht vor, in dem sie auch festhielt, dass nur einige Dutzend Fälschungen in der Sammlung seien. Die Auswahl erfolgte in fünf Kategorien:

  1. etwa 70 Werke von modernen und zeitgenössischen Malern aus dem Tessin (u. a. Edmondo Dobrzanski, Giuseppe Bolzani, Aldo Patocchi, Felice Filippini, Jean Corty, Adolfo Feragutti Visconti, Filippo Franzoni, Spartaco Vela, Luigi Rossi),
  2. etwa 30 Werke von modernen und zeitgenössischen Malern aus der Lombardei (u. a. Filippo De Pisis, Telemaco Signorini, Ennio Morlotti, Gianni Dova, Mario Sironi),
  3. etwa 15 Werke von Deutschschweizer Malern mit engem Bezug zum Tessin (u. a. Ugo Cleis, Ernst Musfeld, Ernst Arnold Frey, Samuel Wülser, Theo Modespacher),
  4. 7 Werke von abstrakten Malern aus dem Ausland, die im Tessin gelebt hatten (u. a. Gino Severini, Franco Grignani, Hans Arp, Alberto Magnelli, Hans Richter), und
  5. 15 Werke von Tessiner Malern des 18. und 19. Jahrhunderts (sieben von Giovanni Battista Bagutti, fünf von Antonio Rinaldi, ferner Giovanni Antonio Vanoni, Giuseppe Monti, Abbondio Bagutti).

Der Gemeinderat von Mendrisio gewährte 285'000 Franken zur Restaurierung des Servitenkonvents. Die Arbeiten begannen 1980.[17]

Das Museum wurde am 11. September 1982 anlässlich der IV. Kunstbiennale eingeweiht. Die Zeremonie fand unter der Leitung des Gemeindepräsidenten Pierluigi Rossi im Kreuzgang statt. Der Chor «Benedetto Marcello» untermalte den Anlass musikalisch. Nebst Rossi sprachen auch die Mitglieder der Expertenkommission Gino Macconi und Elio Gobbi.[18]

Permanente Sammlung

Das Museum erhielt weitere bedeutende Schenkungen von Dante Rocchetti (u. a. Guido Gonzato, Mario Sironi) und Gino und Gianna Macconi (u. a. Carlo Bossoli, Camille Corot, Giuseppe Foglia, George Grosz, Walter Kurt Wiemken, Giovanni Genucchi), in jüngerer Vergangenheit von Luigi Meroni (mit lombardischen und Tessiner Künstlern des 20. Jahrhunderts) und Nene und Luciano Bolzani (mit Werken der italienischen Nachkriegszeit). Ausserdem verwaltet es den Nachlass von Pietro Chiesa mit über 500 Werken des Künstlers.[19]

Die Sektion mit Kunst vor 1800 konnte ebenfalls erweitert werden, unter anderem mit Werken von Francesco Torriani, Carlo Carlone, Giuseppe Antonio Petrini, Domenico Pozzi und Giovanni Battista Innocenzo Colombo. Aus der Kirche San Giovanni gelangten zwei anonyme Gemälde mit der Heiligen Lucia und der Heiligen Apollonia aus den 1630er Jahren ins Museum.

Zu den noch nicht genannten inzwischen vertretenen Künstlern gehören Bernardino Pasta, Edoardo Berta, Anita Spinelli, Apollonio Pessina, Anita Nespoli und Marianne von Werefkin.

Werke der Sammlung (Auswahl)

Commons: Kunstmuseum Mendrisio – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Rapporto statistico sul settore culturale nel Cantone Ticino. Quaderno 24/2024, S. 32 (PDF; 1,15 KB).
  2. Siro Borrani: Il Ticino Sacro. Memorie religiose della Svizzera Italiana. Giovanni Grassi, Lugano 1896, S. 360–363.
  3. a b c Mendrisio und Riva San Vitale. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 58, 10. März 1988, S. 72 (online).
  4. Aldo Grigioni. In: Giornale del Popolo. 13. Januar 1968, S. 19 (online).
  5. a b Morto in un incidente stradale il dottor Aldo Grigioni di 54 anni. In: Giornale del Popolo. 13. Januar 1968, S. 5 (online).
  6. Folla numerosa e commossa ai funerali del dott. Grigioni tragicamente perito nell’incidente stradale di Segometta. In: Giornale del Popolo. 15. Januar 1968, S. 3 (online).
  7. a b Aldina Grigioni. In: Gazzetta Ticinese. 9. Oktober 1978, S. 6 (online).
  8. Estremo commiato a Mendrisio dalla maestra Aldina Grigioni. In: Gazzetta Ticinese. 10. Oktober 1978, S. 7 (online).
  9. I risultati per i Consigli comunali scrutinati nella giornata di ieri. In: Giornale del Popolo. 28. April 1972, S. 4 (online).
  10. a b c d e Senza volto (per il momento) gli autori del furto nella villa del dr. Grigioni. In: Giornale del Popolo. 11. Dezember 1978, S. 9 (online).
  11. a b Furto di quadri e responsabilità. In: Gazzetta Ticinese. 13. Dezember 1978, S. 7 (online).
  12. Recuperati nel Varesotto i quadri trafugati dalla «villa Grigioni». In: Gazzetta Ticinese. 27. Dezember 1978, S. 7 (online).
  13. Recuperati in una cantina di Varese i 287 quadri rubati in casa Grigioni. In: Giornale del Popolo. 27. Dezember 1978, S. 6 (online).
  14. a b Conclusa a Varese l’istruttoria sui furti d’arte fra le tele Grigioni anche Picasso Chagall e Ernst. In: Gazzetta Ticinese. 23. Oktober 1980, S. 9 (online).
  15. a b Collezione Grigioni: una condanna al ricettatore… ma con un grazie. In: Gazzetta Ticinese. 16. März 1979, S. 7 (online).
  16. Rientrati ieri dall’Italia i quadri trafugati dalla villa di A. Grigioni. In: Gazzetta Ticinese. 26. Juni 1979, S. 6 (online).
  17. Una completa panoramica sulla pittura in Ticino nei quadri che formeranno la pinacoteca Grigioni. In: Giornale del Popolo. 25. November 1979, S. 6 (online).
  18. Il convento dei Serviti tornato all’antico splendore ospita da sabato le opere della collezione Grigioni. In: Giornale del Popolo. 13. September 1982, S. 5 (online).
  19. Le Collezioni. In: Museo d'arte Mendrisio. Abgerufen am 15. Oktober 2025.