Militär-Lehrschmiede Berlin
Die Königliche Militär-Lehrschmiede war eine 1868 errichtete Ausbildungseinrichtung in Alt-Berlin für Schmiede mit Fertigkeiten für die besonderen Belange des Militärs.
Geschichte der Militär-Lehrschmieden in Deutschland
Grundsätzliches
Pferde wurden bereits vor Jahrhunderten für militärische Zwecke, u. a. zum Wagen oder Kanonen ziehen und als Reittiere, genutzt. Der notwendige Hufbeschlag wurde zivilen Dorfschmieden in den Einsatzorten aufgetragen. Bereits ab 1853 hatte es an der Tierarztschule in Hannover einen Hufbeschlagslehrkurs für Zivilschmiede gegeben, wobei das militärische Pendant erst später entstand.[1] In Deutschland wurde im 19. Jahrhundert der Hufbeschlag in der preußischen Armee mit der Errichtung von Militär-Lehrschmieden, die den Tierärztlichen Hochschulen angeschlossen wurden, maßgebend perfektioniert.
Aufgaben der Militär-Lehrschmieden
Die Militär-Lehrschmieden hatten den Zweck, die Verbreitung und Sicherung eines gleichmäßigen, zweckentsprechenden Hufbeschlags durch weitere Ausbildung von Schmieden aus dem Stande der Gemeinen zu Fahnenschmieden und zu Beschlagschmieden zu bewirken. An der Militär-Lehrschmiede erfolgte bis zur Gründung der Militär-Veterinär-Akademie lediglich die Ausbildung der Veterinäraspiranten.[2]
Entstehung weiterer (Militär-)Lehrschmieden
Nachdem 1868 die Militär-Lehrschmiede in Berlin eröffnet worden war, folgten in Preußen Militär-Lehrschmieden in Königsberg 1874, Breslau 1875 und in Hannover 1885.[3] Als Lehrbuch kam das von Dominik verfasste Buch Der rationelle Hufbeschlag zur Anwendung.[1] 1891 wurde eine Lehrschmiede in Frankfurt am Main eröffnet.[4]
In Baden entstand 1836 die erste Militär-Lehrschmiede in Bruchsal, wobei hier ab 1843 eine Prüfung für die Ausübung des Hufbeschlags erforderlich war.[5] 1847 wurde die Militär-Lehrschmiede aus Bruchsal nach Gottesaue bei Karlsruhe verlegt.[4]
Zwei Jahre später entstand eine Militär-Lehrschmiede in Dresden, wobei in der Lehrschmiede der Tierärztlichen Hochschule die Militär-Lehrschmiede eingerichtet wurde.[4] 1853 wurde eine Lehrschmiede in Hannover und 1857 in Stuttgart eröffnet. Diese waren an den lokalen Tierarzneischulen angegliedert und auch für Zivilschmiede offen.[5] 1874 folgte München mit Militär-Lehrschmieden an jedem Sitz der bayerischen Generalkommandos. Zwei Jahre später folgte die Zusammenführung beider Militär-Lehrschmieden in einer und der Unterstellung unter das Generalkommando des I. Armee-Korps.[6] Auch in Bayern, in München hatte sich 1894 eine Militär-Lehrschmiede gegründet, die bis 1912 bestand.[7]
Weitere Entwicklung
Besonders die Lehrschmiede auf dem Rittergut Milkel konnte um 1860 unter der Leitung von Kurt Heinrich Ernst von Einsiedel besondere Maßstäbe in der Verbesserung des Hufbeschlags setzen. Ab 1. Juli 1883 gab es für Deutschland einen einheitlichen Prüfungszwang für Hufschmiede, wobei die durch Tierärzte geleitete Ausbildung drei bis sechs Monate dauerte.[5] Neben dem technischen Vorstand hatten die Militär-Lehrschmieden auch einen militärischen Vorstand, meist im Dienstgrads eines Hauptmanns.
An den Lehrschmieden wurden anfangs mit halbjährigen Kursus ausgebildet, wobei gelernte Schmiede, die Lesen und Schreiben konnten, zum Besuch berechtigt waren. Zusätzlich mussten sie eine einjährige Dienstzeit in der Kavallerie oder Artillerie vorweisen. Nachdem sie das Examen bestanden hatten, konnten sie als Fahnenschmiede in der Armee angestellt werden.[8]
Militär-Lehrschmiede in Berlin
Am 1. April 1868 wurde die Militair-Lehrschmiede zusätzlich zu der im Jahr 1866[9] gegründeten Militair-Roßarzt-Schule in Berlin eröffnet.[10] Vorher war lediglich an der Tierarzneischule Berlin eine Lehrschmiede angebunden, welche aber nur den Hufbeschlag ausbildete. Dies bedeutete, dass die einzelnen Truppenteile bisher selbstständig Schmiedearbeiten organisieren mussten.[2] Als erster technischer Direktor der Lehrschmiede wurde der Corps-Roßarzt Friedrich Dominik (1829–1891) berufen,[2] der den Hufbeschlag auf neue Grundlagen stellte und nachhaltig beeinflusste. Zusätzlich hatte der Vorsteher Dominik zwei Assistenten zugeteilt. Die Militär-Lehrschmiede hatte 16 Schmiedefeuer mit geschlossenem Beschlagraum nach englischem Vorbild. Zusätzlich war die Einrichtung mit Oberlichtern und Gasleitungen ausgestattet.[10] Der Gebäudekomplex für die Militär-Lehrschmiede entstand auf einem Teil des Grundstücks des Tierarzneischulgartens an der Karlstraße (genaue Adresse Karlstraße 23 a; die Karlstraße erhielt 1947 den Namen Reinhardtstraße). Im Jahr nach der Eröffnung erhielt die Lehrschmiede eine Kaserne. 1870 wurde diese von 156 Eleven der Militär-Roßarzt-Schule inkl. dem neuen Direktor bezogen.[11]
Mit der Einrichtung der Militär-Lehrschmiede ging die Ausbildung der Hufschmiede von der Schmiede der Tierarzneischule auf die neue Einrichtung über. Bevor das dreijährige Studium an der Tierarzneischule begonnen werden durfte, musste ein sechsmonatiger Kurs an der Militär-Lehrschmiede absolviert werden. Danach konnte die vorgeschriebene Schmiedeprüfung abgelegt werden, welche zur Aufnahme an die Militär-Roßarztschule erforderlich war.[10]
Im Jahr 1900 war die Militär-Lehrschmiede in Berlin (mit acht Mitarbeitern) dem Preußischen Kriegsministerium zugeteilt. Gemeinsam mit der Militair-Roßarzt-Schule war die Akademie der Inspektion des Militair-Veterinärwesens unterstellt.[12]
Die technischen Vorstände der Militär-Lehrschmiede waren zugleich wissenschaftliche Berater an der 1903 gegründeten Militär-Veterinär-Akademie. Mit der Gründung der Akademie wurde in der Ausbildung der militärischen Veterinäre zweimal eine 6-monatige Kommandierung an die Militär-Lehrschmiede vorgesehen. Im Jahr 1911 hatte die Militär-Lehrschmiede zwei Vorstände: Vorstand Otto von Niesewand, Major im Dragoner-Regiment Nr. 14[13], ehemaliger Vorstand der Militär-Lehrschmiede Hannover, und mit Korpsstabsveterinär Professor Hubert Kösters einen technischen Vorstand. Zusätzlich standen sechs Assistenten zur Verfügung.[14] 1912 verließ von Niesewand die Militär-Lehrschmiede und wurde zur Disposition gesetzt. Major von Lieres und Wilkau, ehemals vom Ulanen-Regiment Nr. 12 und vorher Vorstand der Militär-Lehrschmiede Breslau, übernahm den Vorstandsposten.[15]
Unter den Militär-Lehrschmieden war die Berliner die größte. Nach dem Ersten Weltkrieg bestand die Militär-Lehrschmiede in Berlin an gleicher Stelle weiter. In der Reichswehr gab es nur noch einen Vorstand, welcher Veterinär war.
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Ost-Berlin eine Lehrschmiede, die nun zur Veterinärmedizinischen Fakultät der Humboldt-Universität gehörte. Sie befand sich in der Hannoverschen Straße 27–29 im Bezirk Mitte.[16]
Anstelle der Gebäude der ersten Berliner Lehranstalt, die im Zweiten Weltkrieg zerstört worden sind, entstand später ein Hotel.
Vorstand (Auswahl)
- Rittmeister/Major Otto von Niesewand: ab ca. 1908 bis 1912
- Major von Lieres und Wilkau: ab 1912
- Generaloberveterinär Wilhelm Pätz: um 1923
- Generaloberveterinär Otto Wilke: von 1924 bis 1928
- Generaloberveterinär Otto Bauer: 1928
- Generalveterinär/Generaloberveterinär Ernst Emshoff: von 1929 bis 1931
- Generaloberveterinär Walter Semmler: ab 1931
Technische Vorstände der Militär-Lehrschmiede in Berlin (Auswahl)
- Ober-Marstall-Roßarzt/Corps-Roßarzt Friedrich Dominik: von der Einrichtung 1868 bis 1891 (†)
- Korpsstabsveterinär Hubert Kösters: von 1891 bis 1912
- Korpsstabsveterinär Heinrich Schlake: von 1912 bis 1914, anschließend Direktor der Militär-Veterinär-Akademie
- Korpsveterinär Ernst Krüger: von 1914 bis 1919
Siehe auch
Einzelnachweise
- ↑ a b Encyklopädie der gesammten Thierheilkunde und Thierzucht. Band 4. Perles, 1887, S. 582.
- ↑ a b c Paul Goldbeck: Das Militär-Veterinärwesen und die Krankheitsstatistik der Armeepferde aller Kulturstaaten. E.S. Mittler und Sohn, 1908, S. 20.
- ↑ Szenen aus dem Dienstalltag der Alten Armee – Kavallerie – Hufbeschlag. Abgerufen am 13. Oktober 2025 (Zahlreiche historische Fotos von deutschen Lherschmieden).
- ↑ a b c Sonja Steiner-Welz: Lehrbuch der Hufschmiedearbeiten – Reiterei 1760. Reinhard Welz Vermittler Verlag e.K., 2006, ISBN 978-3-86656-476-3, S. 21.
- ↑ a b c Herrmann Julius Meyer: Meyers Großes Konversations-Lexikon. Bibliographisches institut, 1909, S. 600.
- ↑ Militär-Handbuch des Königreiches Bayern: 1876. 1876, S. 179.
- ↑ Militär-Lehrschmiede. Etats-Kassen- und Rechnungswesen. Wirtschaftsbetrieb, Bund II. www.deutsche-digitale-bibliothek.de, abgerufen am 13. Oktober 2025.
- ↑ Meyers Konversations-Lexikon. 1888, S. 643.
- ↑ Erfurt (Regierungsbezirk): Amtsblatt der Preußischen Regierung zu Erfurt: 1866. Band 44. Regierungspräsident in Erfurt, Amtsblattstelle, 1866, S. 253.
- ↑ a b c Militär-Wochenblatt. Band 53, Nr. 25. E. S. Mittler, 1868, S. 205.
- ↑ Rudolf Wernicke: Das anatomische Theater der Tierheilkunde: ein Langhansbau im Wandel der Zeit und seine Nutzer. Interessengemeinschaft Medizin und Gesellschaft, 2006, ISBN 978-3-89626-790-0, S. 49.
- ↑ Kriegsministerium > Inspektion des Militair-Veterinärwesens. In: Adreßbuch für Berlin und seine Vororte, 1900, Teil II, S. 49.
- ↑ von Niesewand, Otto;. In: Berliner Adreßbuch, 1912, Teil I, S. 2150.
- ↑ Rangliste der Königlich Preussischen Armee und des XIII. (Königlich Württembergischen) Armeekorps. E.S. Mittler, 1911, S. 535.
- ↑ Deutsche Rangliste umfassend das gesamte aktive Offizierkorps. Gerhard Stalling., 1913, S. 401.
- ↑ Humboldt Universität > ... Lehrschmiede. In: Berliner Adreßbuch, 1955, S. 84.
Koordinaten: 52° 31′ 23,1″ N, 13° 23′ 0″ O