Luigi Vassalli (Bildhauer)
Luigi Vassalli (* 11. September 1867 in Lugano; † 5. Mai 1933 ebenda) war ein Schweizer Bildhauer. Sein Frühwerk stand dem italienischen Verismus nahe, später wandte er sich dem Symbolismus und dem Jugendstil zu. Zu seinen Schülern gehörten José Belloni und Giuseppe Foglia.
Leben
Luigi Vassalli wurde 1867 in Lugano als Abkömmling einer Patrizierfamilie aus Riva San Vitale geboren. Ab 1883 studierte er Bildhauerei an der Accademia di Brera in Mailand. Zu seinen Lehrern gehörten Lorenzo Vela (der Bruder von Vincenzo Vela[1]), Ambrogio Borghi und Francesco Barzaghi. Er galt als einer der besten Studenten seiner Generation und gewann 1886 eine Goldmedaille. Nach dem Studium kehrte er nach Lugano zurück und eröffnete hier ein Atelier.
1887 debütierte Vassalli mit dem Grabmal der Familie Brocca auf dem Friedhof Lugano und etablierte sich rasch als Tessiner Koryphäe auf dem Gebiet der Grabbildhauerei.
1892 nahm er am Wettbewerb für das Telldenkmal in Altdorf teil. Sein Entwurf wurde angeblich wegen der zu hohen Kosten abgelehnt, fand aber allgemein grosse Anerkennung. Im selben Jahr schuf er die Figur Die Betrübte (La dolente), die er 1896 an der Schweizerischen Landesausstellung in Genf präsentierte.[2] Ab 1893 unterrichtete er als Nachfolger von Raimondo Pereda an der Zeichenschule in Lugano (ab 1914 Scuola d’arti e mestieri). 1896 heiratete er Helena Vassalli.
1895 schuf Vassalli eine Bronzebüste des liberalen Politikers Ambrogio Bertoni,[3] die er im selben Jahr an der Turnus-Ausstellung des Schweizer Kunstvereins in Lugano zeigte.[4] 1899 wurde sie für das Ambrogio-Bertoni-Denkmal in Biasca verwendet.[5] 1897 nahm er am Wettbewerb für das Pestalozzi-Denkmal in Zürich teil. Wie schon beim Telldenkmal konnte er zwar abermals nicht gewinnen, immerhin wurde ihm aber für seinen Entwurf «Alles für andere, für sich nichts» der dritte Platz mit einem Preisgeld von 1000 Franken zugesprochen. Vor ihm standen die Projekte von Giuseppe Chiattone und Hugo Siegwart.[6] Zur selben Zeit gestaltete er das bronzene Basrelief Der Aufstand im Februar 1798 für das 1898 eingeweihte Unabhängigkeitsdenkmal in Lugano.[7] 1899 gewann er den Wettbewerb zur Dekoration der Segmentgiebel über den zwei Treppenaufgängen im Bundeshaus Bern, die er 1900 ausführte.[8] 1900 nahm er mit Das Gebet der Engel (La Preghiera degli Angeli)[2] an der Weltausstellung in Paris teil und erhielt eine Bronzemedaille (der Hauptpreis ging an Antonio Chiattone).[9] Das Werk wurde später in das Grabmal für die Familie Torricelli auf dem Friedhof Lugano integriert.[2]
1901 beteiligte sich Vassalli am Wettbewerb für ein Denkmal für die Neuenburger Revolution in La Chaux-de-Fonds. Er kam zusammen mit Giuseppe Chiattone, Natale Albisetti und Charles L’Eplattenier in die engere Auswahl und erhielt 2000 Franken,[10] letzten Endes wurde aber dem Entwurf des lokalen L’Eplattenier der Vorzug gegeben. Auch für seinen Entwurf für das Grabmal für Johann Caspar Horber auf dem Wolfgottesacker in Basel wurde er zwar prämiert, der Auftrag ging aber schliesslich an Jakob August Heer. Für ein Denkmal des Generals Hans Herzog in Aarau kam er 1903 zusammen mit den Zürchern Richard Kissling und Adolf Meyer in die engere Auswahl.[11] Das Denkmal wurde aber nie realisiert.
Von 1907 bis 1915 stand er der Gesellschaft Schweizerischer Maler und Bildhauer als Präsident vor. Ab 1912 bis zu seinem Tod war er stellvertretender Direktor des Städtischen Kunstmuseums («Museo Caccia») in Lugano. 1920 wurde sein bekanntestes Werk, das Denkmal für Carlo Battaglini, in Lugano eingeweiht.[12]
Vassallis letztes Werk ist das Grabmal für Carlo Hoffmann auf dem Friedhof Lugano, für das er kurz vor seinem Tod noch Modelle in Ton und Gips fertigte. Es wurde von Mario Bernasconi ausgeführt.[13] Nach langer Krankheit starb Vassalli am 5. Mai 1933 in Lugano. Die Beisetzung fand am 6. Mai auf dem Friedhof Lugano statt. Der schlichte Grabstein ist mit seiner Skulptur Toter Christus geschmückt.
Einordnung
Vassallis Skulpturen und Plastiken sind handwerklich meisterhaft. Seine Bekanntheit ist weitgehend auf das Tessin und insbesondere seine Heimatstadt Lugano beschränkt, in der sich der Grossteil seiner Werke befindet. In der Deutschschweiz und der Romandie wurden ihm in prestigeträchtigen öffentlichen Ausschreibungen fast immer konservativere Bildhauer mit strengerer, noch am Klassizismus orientierter Formgebung vorgezogen, so zum Beispiel die ebenfalls aus Lugano stammenden Gebrüder Antonio und Giuseppe Chiattone oder der Luzerner Hugo Siegwart und der Basler Jakob August Heer.
Seine frühen Werke aus den 1890er Jahren stehen noch ganz unter dem Einfluss des italienischen Verismus. Ab 1900 wandte er sich zunehmend dem Symbolismus und dem Jugendstil zu.
Sein Schüler José Belloni schrieb 1930, kurz vor Vassallis Tod, eine kurze Würdigung, in der er seine Kunst als «aufrichtig, klar, ehrlich» (arte schietta, limpida, onesta) bezeichnete. Ferner schrieb er:
«Luigi Vassalli è stato ed è un maestro. [...] Oltre alle succitate opere, non improvvisate, nè facili, chè Luigi Vassalli, artista coscienzoso, fà e rifà più volte un lavoro, fin che gli riesca di suo pieno gradimento, dobbiamo accennare ai meriti del Vassalli quale pubblico docente: meriti grandi.»
«Luigi Vassalli war und ist ein Meister. [...] Ausser den genannten Werken, die weder spontan noch simpel sind, zumal Luigi Vassali als gewissenhafter Künstler ein Werk mehrmals macht und noch einmal macht, bis es sein volles Wohlwollen findet, müssen wir auch Vassallis Verdienste als Lehrer erwähnen: grosse Verdienste.»
Vassalli war auch ein hervorragender Medailleur.
Werke
Werke im Museo d’arte della Svizzera italiana
Das Museo d’arte della Svizzera italiana in Lugano bewahrt sieben eigenständige Werke Vassallis auf:
- 1897: Studie für das Pestalozzi-Denkmal in Zürich, Bronzeplastik
- ca. 1900[14]: Porträt von Carlo Battaglini, Marmorbüste
- 1905: Porträt von Clelia Cometti-Bottani, Marmorskulptur
- 1905: Porträt von Vincenzo Vela, Marmorbüste
- 1905–10: Porträt von Gerolamo Vegezzi, Marmorbüste
- 1910: «Qual» (Spasimo), Plastik aus vergoldeter Bronze
- 1913: «Toter Christus» (Cristo morto), Marmorskulptur
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Entwurf für das Pestalozzi-Denkmal in Zürich (1897)
Grabmäler auf dem Friedhof Lugano
- 1888: Familie Brocca (45-7)
- 1888–89: Büste für das Grabmal der Familie Battaglini (44-5)
- 1889: Familie Rigamonti (33-6)
- ca. 1896: Tondo für das Grabmal der Familie Conti (71-29)
- 1899: Gerolamo Vegezzi (41-1), Tempel von Otto Maraini 1905–06 gebaut[15]
- 1900–02: Familie Fraschiroli (Nord 4)
- 1903: Gaudenzio Somazzi (Nord 20), nach dem Gemälde «Die Vestalinnen verlassen den Tempel» von Pietro Anastasio[16]
- 1904: Merope Rutishauser (9-5)
- 1905: Familie Scala-Solari (Nord 28)
- 1908: Familie Greco-Gayetta (37-2)
- 1910: Tondo des Grabmals A. Wismer (10-3)
- 1911: Grabmal für Emilio Bossi (2-4), der Bronzekopf stammt von Paul Burkhard
- 1911: Relief «Das Gebet der Engel» für das Grabmal der Familie Torricelli (Nord 9)[17]
- 1911: Skulptur «Kontinuität des Lebens» für das Grabmal der Familie Castagnola (45-10)[18]
- 1927: Skulptur «Weinender Jüngling» für das Grabmal von Giovanni Widmer (58-5)[19]
- 1933: Entwurf für das Grabmal von Carlo Hoffmann (4-12), ausgeführt von Mario Bernasconi[13]
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Grabmal für die Familie Somazzi (1903)
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Grabmal für die Familie Scala-Solari (1905)
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«Das Gebet der Engel», Grabmal für die Familie Torricelli (1911)
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«Weinender Jüngling», Grabmal für Giovanni Widmer (1927)
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Grabmal für Carlo Hoffmann (1933)
Weitere Grabmäler
- Familie Bottani, Agra
- 1916: «Trauernder Merkur» (Familie Oppliger), Langenthal
- 1924: «Betende Frau» (Familie Scholl-Furer), Diesbach
Weitere Werke (Auswahl)
- 1892: «Die Betrübte»
- 1892: Studie für das Telldenkmal in Altdorf
- 1895: Plastiken für den Bossibrunnen in Lugano
- 1895: Büste von Ambrogio Bertoni (1899 für das Ambrogio-Bertoni-Denkmal in Biasca verwendet)
- 1898: Basrelief «Die Unruhen im Februar 1798» auf dem Unabhängigkeitsdenkmal in Lugano
- 1900: «Das Gebet der Engel»
- 1900: Dekoration des Bundeshauses in Bern
- 1901: «Der Alarm»
- 1920: Denkmal für Carlo Battaglini, Lugano
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Relief auf dem Unabhängigkeitsdenkmal (1898), Lugano
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Ambrogio-Bertoni-Denkmal (1899), Via Generale Guisan, Biasca
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Denkmal für Carlo Battaglini (1920), Piazza Carlo Battaglini, Lugano
Literatur
- Società Ticinese per le Belle Arti: Luigi Vassalli. Orell Füssli, Zürich 1932 (PDF; 6,9 MB). (Darin ein von José Belloni geschriebener Lebenslauf und ein kleiner Katalog)
- Giulio Foletti: Arte nell’Ottocento. La pittura e la scultura del cantone Ticino (1870–1920). Armando Dadò Editore, Locarno 2001, S. 473–483.
- Rudy Chiappini (Hrsg.): L’affermazione di un’identità, 1870–1914. Museo delle Belle Arti, Città di Lugano, 8 novembre 2002 – 27 aprile 2003. Catalogo. Salvioni, Bellinzona 2002.
- Gianna Mina: Luigi Vassalli. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 3. August 2011.
- Simona Martinoli, Lucia Pedrini-Stanga: Arte fra le tombe. La scultura funeraria in Ticino tra Otto e Novecento. In: Kunst + Architektur in der Schweiz. Band 61, Nr. 3, 2010, S. 30–40, doi:10.5169/seals-394474.
Weblinks
- Giulio Foletti: Luigi Vassalli. In: Sikart (Stand: 2006)
- Werke im Katalog des MASILugano
Einzelnachweise
- ↑ In Nachrufen setzte sich die Falschinformation durch, der bedeutendere Vincezo Vela sei Vassallis Lehrer gewesen.
- ↑ a b c d José Belloni: Luigi Vassalli. Sull’Atlantico, settembre 1930. In: Società ticinese per le belle-arti (Hrsg.): Luigi Vassalli. Orell Füssli, Zürich 1932.
- ↑ Vgl. die Signatur «LVassalli 1895».
- ↑ Tristano: Rubrica Azzurra. In: Gazzetta Ticinese. 21. August 1895, S. 2 (online).
- ↑ Il Tiro liberale di Biasca e l’inaugurazione del busto di Ambrogio Bertoni. In: Gazzetta Ticinese. 23. Mai 1899, S. 2 (online).
- ↑ Lokales. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 321, 19. November 1897, S. 2 (e-newspaperarchives.ch).
- ↑ Unabhängigkeitsdenkmal. In: lugano.ch. Abgerufen am 29. März 2025.
- ↑ Monica Bilfinger: Das Bundeshaus in Bern (= Schweizerische Kunstführer. Band 108). Bundesamt für Bauten und Logistik, Bern 2009, S. 38.
- ↑ Nos exposants à Paris. In: L’Impartial. 19. August 1900, S. 3 (e-newspaperarchives.ch).
- ↑ Neuenburg. In: Der Bund. Band 52, Nr. 19, 20. Januar 1991, S. 3 (e-newspaperarchives.ch).
- ↑ Die Entwürfe zum General Herzog-Denkmal in Aarau. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 310, 1903, S. 5 (e-newspaperarchives.ch).
- ↑ Lugano. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 354, 2. März 1920, S. 1 (e-newspaperarchives.ch).
- ↑ a b Paola Capozza: Tomba Carlo Hoffmann. In: Cristina Brazzola, Giovanna Ginex, Paola Capozza: Il cimitero monumentale di Lugano. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2016 (= Schweizerische Kunstführer, Band 986–987), ISBN 9783037972748, S. 58.
- ↑ Giulio Foletti: Arte nell’Ottocento. La pittura e la scultura del cantone Ticino (1870–1920). Armando Dadò Editore, Locarno 2001, S. 477.
- ↑ Cristina Brazzola: Tomba Gerolamo Vegezzi. In: Cristina Brazzola, Giovanna Ginex, Paola Capozza: Il cimitero monumentale di Lugano. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2016 (= Schweizerische Kunstführer, Band 986–987), ISBN 9783037972748, S. 43 f.
- ↑ Cristina Brazzola: Nicchia famiglia Gaudenzio Somazzi. In: Cristina Brazzola, Giovanna Ginex, Paola Capozza: Il cimitero monumentale di Lugano. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2016 (= Schweizerische Kunstführer, Band 986–987), ISBN 9783037972748, S. 40.
- ↑ Cristina Brazzola: Nicchia famiglia Torricelli. In: Cristina Brazzola, Giovanna Ginex, Paola Capozza: Il cimitero monumentale di Lugano. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2016 (= Schweizerische Kunstführer, Band 986–987), ISBN 9783037972748, S. 47 f.
- ↑ Paola Capozza: Tomba famiglia Castagnola. In: Cristina Brazzola, Giovanna Ginex, Paola Capozza: Il cimitero monumentale di Lugano. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2016 (= Schweizerische Kunstführer, Band 986–987), ISBN 9783037972748, S. 48 f.
- ↑ Paola Capozza: Tomba Giovanni Widmer. In: Cristina Brazzola, Giovanna Ginex, Paola Capozza: Il cimitero monumentale di Lugano. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2016 (= Schweizerische Kunstführer, Band 986–987), ISBN 9783037972748, S. 51 f.