Ambrogio-Bertoni-Denkmal
Das Ambrogio-Bertoni-Denkmal ist eine von Luigi Vassalli geschaffene Bronzebüste auf steinernem Sockel in Biasca im Schweizer Kanton Tessin, die dem liberalen Politiker Ambrogio Bertoni (1811–1887) gewidmet ist. Das Denkmal wurde 1899 eingeweiht.
Geschichte
Der aus Mailand stammende Bertoni hatte keinen direkten Bezug zu Biasca. Nachdem er seiner liberalen Ideen wegen vom Priesterseminar in seiner Heimat ausgeschlossen worden war, vollendete er sein Theologiestudium im Tessin, legte jedoch 1840 das Priesteramt nieder und studierte stattdessen Jus. Er liess sich in Lottigna im Bleniotal nieder und eröffnete hier eine Anwaltspraxis. Bertoni war nach der Bundesstaatsgründung eine der wichtigsten Figuren des Tessiner Liberalismus. Er sass zwischen 1848 und 1875 im Grossen Rat (dem Kantonsparlament), zwischenzeitlich auch im Staatsrat (der Kantonsregierung) und im Ständerat. Er starb 1887 in Lottigna.[1]
Die Initiative für ein Denkmal ging vom Verein «Guglielmo Tell» in London aus. 1895 schuf der 27-jährige Luigi Vassalli eine Bronzebüste Bertonis,[2] die er im selben Jahr an der Turnus-Ausstellung des Schweizer Kunstvereins in Lugano zeigte.[3] Als Aufstellungsort wählte man nicht Bertonis Wirkungs- und Sterbeort Lottigna, wohl weil das Dorf damals nur etwas über 100 Einwohner zählte,[4] sondern das 12 Kilometer südlich liegende Biasca, das traditionelle «Tor» zum Bleniotal. Ebenfalls ausschlaggebend könnte gewesen sein, dass im September 1898 bereits das von Antonio Soldini geschaffene Denkmal für Bertonis Parteikollegen Plinio Bolla in Olivone im oberen Bleniotal eingeweiht wurde.[5]
Wie schon andere liberale Denkmäler mit programmatischer Symbolik und Inschrift zuvor, etwa das Pioda-Denkmal in Locarno, kam auch das Bertoni-Denkmal ursprünglich nicht auf öffentlichem Grund zu stehen. Es wurde im Garten des ehemaligen Appellationsrichters Rossetti platziert, wo es direkt an der in die Leventina führenden Kantonsstrasse stand.[6]
Die Einweihung des Denkmals fand am Montag, 22. Mai 1899, im Rahmen des liberalen Schützenfestes statt. Emilio Bossi kündigte den Anlass in einem Artikel in der Gazzetta Ticinese, in dem er auch die Bedeutung Bertonis als Vorbild für künftige Generationen herausstrich, mit folgenden Worten an:
«Das Schützenfest wird gleichsam den einzigen würdigen Rahmen für ein solches Bild bieten; doch es wird eine fromme zivile Zeremonie sein, wie sie die kraftvollen Söhne einer freien Erde zu begehen wissen, zu Ehren und Gedenken eines Modells der republikanischen Tugenden.»
Um 9:30 Uhr wurden die Gäste aus dem Südtessin am Bahnhof Biasca willkommen geheissen. Die gesamte Parteispitze war vertreten, darunter auch der 78-jährige Veteran Costantino Bernasconi, Staatsrat Luigi Colombi und Ständerat Antonio Battaglini. Auch der Sohn des Geehrten, der Appellationsrichter Brenno Bertoni, und der Künstler Luigi Vassalli waren anwesend. In einem grossen Umzug begab sich die Festgemeinde zum verhüllten Denkmal, wo Nationalrat Cesare Bolla eine erste Ansprache hielt. Sodann enthüllte Vassalli sein Werk, ein Brief des Initiativvereins «Guglielmo Tell» wurde verlesen, und Nationalrat Romeo Manzoni hielt die Festrede. Zum Schluss bedankte sich Brenno Bertoni im Namen der Familie und Rossetti nahm das Denkmal «im Namen der Behörden und Bürger von Biasca» in seine Obhut. Die Menge zerstreute sich, und das Schiessen wurde fortgesetzt.[6]
Beschreibung
Das Denkmal steht an der in die Leventina führenden Kantonsstrasse, deren hiesiger Abschnitt später Via Generale Guisan getauft wurde.[6]
Vassallis Bronzebüste steht auf einer mit Jugendstil-Ornamenten ausgearbeiteten Säule mit rechteckigem Grundriss, deren abstrahiertes ionisches Kapitell mit einem Feston geschmückt ist. Drei Seiten des kurzen Schaftes sind mit aussergewöhnlich langen Inschriften in gespreizter Sprache versehen. Auf der Frontseite werden der Geehrte (ohne Angabe der Lebensdaten oder des Berufs), die Initianten und die Denkmalintention genannt:
«Perchè / di una sua gloria / non paresse dimentico / il Ticino liberale / questo marmo / che ricorda le sembianze / di / Ambrogio Bertoni / i concittadini, gli amici / auspice / la società Guglielmo Tell / riverenti, riconoscenti / innalzarono»
«Damit es nicht scheine, das liberale Tessin habe eine seiner Glorien vergessen, haben die Mitbürger und Freunde unter den Auspizien des Vereins Guglielmo Tell, ehrerbietig und dankbar, diesen Marmor errichtet, der Ambrogio Bertonis Züge festhält.»
Auf der linken Seite wird die Bedeutung des Denkmals für die Zukunft deutlich gemacht:
«Da questo marmo / trarranno gli auspici / quanti al trionfo / della fede / anteporranno la vittoria / della ragione / della libertà / della civiltà»
«Diesem Marmor werden jene die Auspizien entnehmen, die den Sieg der Vernunft, der Freiheit und der Zivilisation dem Triumph des Glaubens überordnen.»
Die rechte Seite enthält einen Appell:
«Onorate il forte / spirito eletto / che rinunziati / i facili agi / di una casta privileggiata / lottò l’intiera vita / per il trionfo / della verità e del diritto»
«Ehret den starken, auserwählten Geist, der den einfachen Annehmlichkeiten einer privilegierten Kaste entsagte und sein ganzes Leben lang für den Triumph der Wahrheit und des Rechts kämpfte.»
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Büste
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Signatur
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Inschrift links
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Inschrift rechts
Siehe auch
Literatur
- Milesbo: Per il Tiro liberale di Biasca. In: Gazzetta Ticinese. 18. Mai 1899, S. 1 (online).
- Biasca, 22. In: La Tribune de Genève. 4me édition. 22. Mai 1899, S. 4 (online).
- Il Tiro liberale di Biasca e l’inaugurazione del busto di Ambrogio Bertoni. In: Gazzetta Ticinese. 23. Mai 1899, S. 2 (online).
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Andrea Ghiringhelli: Ambrogio Bertoni. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 3. Dezember 1999.
- ↑ Vgl. die Signatur «LVassalli 1895».
- ↑ Tristano: Rubrica Azzurra. In: Gazzetta Ticinese. 21. August 1895, S. 2 (online).
- ↑ Sonia Fiorini: Lottigna. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 4. März 2021.
- ↑ Tessin. In: Der Bund. Erstes Blatt. Band 49, Nr. 249, 8. September 1898, S. 2 (online).
- ↑ a b c Il Tiro liberale di Biasca e l’inaugurazione del busto di Ambrogio Bertoni. In: Gazzetta Ticinese. 23. Mai 1899, S. 2 (online).
- ↑ Milesbo: Per il Tiro liberale di Biasca. In: Gazzetta Ticinese. 18. Mai 1899, S. 1 (online).
Koordinaten: 46° 21′ 33″ N, 8° 58′ 9,4″ O; CH1903: 717797 / 135347