Lino Ferriani

Lino Ferriani (* 6. Dezember 1852 in Ferrara; † 3. Juni 1921 in Como) war ein italienischer Jurist und Schriftsteller, der besonders auf das Schicksal von misshandelten Kindern aufmerksam machte.

Leben und Wirken

Lino Ferriani studierte Jura in seiner Heimatstadt Ferrara und wurde Magistrat. Seit 1882 war er Prokurator des Königs von Italien und mit verschiedenen Aufgaben betraut. Später wurde er Staatsanwalt und um 1900 Generalstaatsanwalt in Como.

Lino Ferriani verfasste einige Schriften und Aufsätze, die soziologisch und psychologisch differenziert seine Beobachtungen als Staatsanwalt beschrieben. Dabei widmete er sich besonders dem Schicksal misshandelter und vernachlässigten Kinder und deren Lebensperspektiven. Seine Texte erreichten eine breite Resonanz in verschiedenen europäischen Ländern, besonders in Deutschland.[1] In Frankreich wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt, in Rom wurde später die Piazza Lino Ferriani nach ihm benannt.

Werke (Auswahl)

Monographien

In Deutschland erschienen vier Bücher von Lino Ferriani im Verlag Siegfried Cronbach in Berlin, die von Alfred Ruhemann übersetzt wurden und eine größere Aufmerksamkeit erhielten.

  • La infanticida nel codice penale e nella vita sociale. Considerazioni, Milano 1886
  • Relazione statistica dei lavori compiuti nel circondario, 1888
  • Madri snaturate, 1893 (Entartete Mütter. Eine psychisch-juridische Abhandlung, 1897)
  • Minorenni delinquenti, 1895 (Minderjährige Verbrecher. Versuch einer strafgerichtlichen Psychologie, 1896 Digitalisat[2][3]
  • Delinquenti scaltri e fortunati, 1897 (Schlaue und glückliche Verbrecher. Ein Beitrag zur gerichtlichen und gesellschaftlichen Psychologie, 1899 Digitalisat)
  • Nel mondo dell’infanzia, Milano 1899
  • Delinquenti che scrivono, 1899 (Schreibende Verbrecher. Ein Beitrag zur gerichtlichen Psychologie, 1900)

Zitate

Zitat von Lino Ferriani

Lino Ferriani schrieb 1897

„Ich werde zeigen, was sich von einer barbarisch ausgebeuteten, schlecht genährten, noch schlimmer beherbergten und zur Arbeit der Speisung der Laster andrer verurteilten Jugend erwarten lässt, um schliesslich wieder hartnäckig auf eine meiner Ansichten zurückzukommen, die da lautet: Zu den sozialen Gesetzen von vorbeugendem Charakter soll auch eine Bestimmung gehören, welche das Recht auf die Familie beschränkt. Nebenbei gesagt, besitzt die Vorbeugung einen weit höheren Wert als die Unterdrückung selbst (...)“[4]

Zitat über Lino Ferriani

Die bekannte Reformpädagogin Maria Montessori lobte Lino Ferriani 1899

„Der Name des Autors ist wegen seiner wertvollen und zahlreichen Veröffentlichungen bereits wohl bekannt. In der Tat besitzen die Bücher Ferrianis, auch wenn sie reich an großartiger Gelehrsamkeit und tiefen, originellen Beobachtungen sind, jenen einfachen und starken Stil, der anregend ist, zur Lektüre einlädt und ein Werk bekannt macht.“[5]

Einzelnachweise

  1. Luisa Tasca, The Science of the Child in Liberal Italy, Springer Nature, 2022, S. 162, mit biographischen Angaben und weiteren Hintergründen
  2. Juristische Blätter, Nr. 52, vom 26. Dezember 1897, S. 617, eine lange Rezension
  3. Schriften aus dem Verlag Siegfried Cronbach, [1899], S. 6, (Kurzbeschreibung des Verlages, auch zu Entartete Mütter, im Anhang zu Georg Korn, Volksgesundheitswesen und Irrenpflege im neunzehnten Jahrhundert, 1899))
  4. Schlaue und glückliche Verbrecher Sigmund-Freud-Buchhandlung, 1897 geschrieben, nach der deutschen Übersetzung von 1899 (nicht im Vorwort), er plädierte dafür, gegebenenfalls Kinder und Jugendliche aus ihrem schädlichen familiären Umfeld herauszunehmen
  5. Harald Ludwig (Hrsg.), Maria Montessori. Erziehung und Gesellschaft. Kleine Schriften aus den Jahren 1897 bis 1917, Herder, Freiburg 2011, S. 412, Rezension zum Buch Nel mondo dell’infanzia, Milano 1899 (In der Welt des Kindes, deutsch später übersetzt)